Was wir im Überfluss haben,
wissen wir selten zu schätzen..
Lilli U. Kreßner
In dem Beitrag Glanzleiche - Oder vom Elend des Physikers beim Umgang mit Empfindungen wird der Glanz als eine janusköpfige Erscheinung dargestellt, sehr positiv hier, sehr negativ dort. Nicht immer kann man handeln wie Fotografen oder Innenarchitekten, die Glanzlichter setzen, um Gesichter oder Räume schöner scheinen zu lassen. Es gibt einen Glanz, den nie jemand haben wollte, den Glanz der Bildschirme. Diesen gab es bereits beim ersten Monitor, der freilich noch nicht so hieß. Ihn gibt es in vielen Variationen jetzt milliardenfach.
Meine erste Bekanntschaft mit dem Glanz von Bildschirmen machte ich 1970 als Mitarbeiter von Siemens. Die Kollegen aus dem Bereich IT – damals noch respektlos EDV genannt – fragten bei mir nach, wie man einen Bildschirm entspiegeln könne. Die Methoden waren in der Physik bestens bekannt, in der Optik noch besser. Aber deren Linsen waren klein und im Objektivgehäuse gut geschützt. Ein Bildschirm im Büro war was anderes. Siemens wollte Bildschirme ohne Probleme bieten.
Die Macher der EDV, die amerikanischen Firmen, wollten das Problem nicht kennen. Die Haltung fiel ihnen leicht, weil etwa 60% amerikanischer Büros keine Fenster haben. Ihnen kamen 1974 schwedische Forscher entgegen, die für eine Verdunkelung der Büros empfahlen (Hultgren, V. , Knave, B. : Disc. glare and disturbance from lightning reflections. Applied Ergonomics, 1974, S. 1-8). Ab 1975 war ich offiziell mit dem Problem befasst als Auftragnehmer des Arbeitsministeriums. Das Ergebnis wurde sehr bekannt (Anpassung von Bildschirmarbeitsplätzen an die physische und psychische Funktionsweise des Menschen, Çakir, u.a. 1978, BMAS) und wurde in acht DIN-Normen zur Bildschirmarbeit verarbeitet. Später folgten rund 80 weitere rund um die Bildschirmarbeit. (mehr hier)
Kurz gesagt, habe ich empfohlen, den Bildschirmen die optischen Eigenschaften von Papier zu geben, angefangen bei dem hellen Hintergrund. Ihre Oberflächen sollten ebenso mattiert werden. So sollten sie unabhängig von der Umgebung werden. Allerdings waren gute optische Behandlungen schon immer sehr teuer. So bezahlte die Industrie nur Peanuts, weil sie ganze Bildschirmröhren für 10 DM kaufte. Also war die Entspiegelung die zweitrangige Maßnahme, aber ebenso unerlässlich. Niemand wollte in die Qualität der Bildschirme investieren.Kurz gesagt, habe ich empfohlen, den Bildschirmen die optischen Eigenschaften von Papier zu geben, angefangen bei dem hellen Hintergrund. Ihre Oberflächen sollten ebenso mattiert werden. So sollten sie unabhängig von der Umgebung werden. Allerdings waren gute optische Behandlungen schon immer sehr teuer. So bezahlte die Industrie nur Peanuts, weil sie ganze Bildschirmröhren für 10 DM kaufte. Also war die Entspiegelung die zweitrangige Maßnahme, aber ebenso unerlässlich. Niemand wollte in die Qualität der Bildschirme investieren.
Was an den Bildschirmen sonst ändern sollte, war ihre Handhabung. Diese sollte ebenso wie die eines Blattes Papier sein, leicht beweglich, überall lesbar. Allerdings schien dies damals angesichts des Gewichts der Bildschirme (bis zu 40 kg) eher unwahrscheinlich. So konnte man die gewünschten Eigenschaften nur nach einem langen Plan entwickeln. Daher enthielten die ersten Vorschriften (Sicherheitsregeln für Bildschirm-Arbeitsplätze im Bürobereich, VBG 1980), an denen ich maßgeblich mitwirkte, eine großzügige Übergangsperiode von fünf Jahren.
Die fünf Jahre waren 1985 um, heute sind wir 40 Jahre weiter. Bildschirme kann man mittlerweile tatsächlich so dünn wie Papier bauen (OLED-Technologie), sie sind alle hell im Hintergrund und manche so klein, dass man sie in die Hand nehmen kann. Gerade diese haben allen anderen den Rang abgelaufen. Es gibt mehr Mobilfunkanschlüsse als Menschen, und alle diese werden über einen Monitor bedient, der jetzt allgemein Display heißt. Andere Bildschirme sind groß wie einst Leinwände. In Las Vegas hat man sogar eine ganze Straße überdacht, um sie als Monitor zu benutzen. In Autos werden Monitore ins Cockpit eingebaut, die die Größe von Fernsehern von einst haben.
Wie sieht es mit ihrem Glanz aus? Sind sie unabhängig von der Umgebung geworden? Und so leicht handhabbar wie Papier? Jeder, der in einem Straßencafé versucht, einen Stadtplan auf seinem Smartphone zu lesen, wird traurig den Kopf schütteln. Menschen im Büro werden die Frage bejahen, aber nur, wenn sie senkrecht auf ihren Monitor gucken können. Ein Monitor, den man seitlich betrachten muss, hat entweder kein Bild oder er spiegelt wie seine 50 Jahre älteren Vorgänger. Am schlimmsten ergeht es Menschen, die qualitativ hochwertige Bilder (HDR) bearbeiten. Ihre Bildschirme geben den Dynamikumfang nur in der Dunkelheit voll wieder.
(Anm.: Dynamik beschreibt den Umfang der Wiedergabe, beispielsweise den Lautstärkebereich eines Schallereignisses oder Audiosignals. Bei Bildern ist sie as Verhältnis zwischen dem hellsten und dem dunkelsten darstellbaren Tonwert (Helligkeitswert) in einer Szene oder in einem erfassten Bild. Ist eine Umgebung laut, so kann ein Gerät nur das hörbar machen, was lauter ist. Bei Monitoren ist sie das Verhältnis zwischen dem hellsten und dem dunkelsten darstellbaren Tonwert (Helligkeitswert) in einer Szene oder in einem erfassten Bild.)

Man beachte bei diesem Foto die Erscheinung des Displays, das für den Benutzer davor nahezu glanzfrei ist, und des Papiers.
Wer im Alltag in allen Lebenslagen mit Monitoren umgehen muss, erleidet – meist völlig unbemerkt – diverse Unbill. Das Wichtigste davon ist die eingeschränkte Körperhaltung. Diese hatte ich bereits 1975 festgestellt und die Folgen mit Feldstudien ermittelt: Je nach Intensität der Arbeit am Bildschirm hatten die Benutzer bis zu 85 % Rückenbeschwerden, und je nach Alter besuchten sie bis zu 50% einen Orthopäden auf. Bezeichnend für die Probleme war dieses Bild, das 1976 entstand.

Die beiden Personen sind in der Größe fast einen halben Meter unterschiedlich, sie halten aber etwa den gleichen Abstand zu ihrem Monitor. Was das Bild nicht zeigt, ist das Verhalten der Menschen im Falle einer Störung des Sehens. Dieses konnte ich mit Videoaufnahmen erfassen. Sie versuchen, die bestmögliche Situation einzunehmen, in der der Glanz am wenigsten stört.
Dieses Verhalten kann man mittlerweile jeden Tag in öffentlichem Raum beobachten. Für die unten gezeigte Haltung sind drei Ursachen maßgeblich:
- Die Schrift ist zu klein (daher die kurze Sehentfernung).
- Das Display muss senkrecht betrachtet werden, weil es sonst spiegelt.
- Das Display muss senkrecht betrachtet werden, weil das Bild stark an Kontrast verliert.

Medizinische Studien zeigen, dass in bestimmten Ländern praktisch der gesamte Nachwuchs in der Gefahr ist, kurzsichtig zu werden. Dies habe ich in einem gesonderten Beitrag thematisiert (Zurück in die Höhle Dank iPhone reloaded)
Während man ein kleines Display noch in der Hand unterschiedlich halten kann, ist man beim Büro nicht so frei. Daher kommt es auf die möglichst günstige Aufstellung des Monitors an. Die richtige Aufstellung wurde in der Norm DIN EN ISO 9241-5 bereits im letzten Jahrhundert beschrieben. Diese sieht so aus:

Leider verfolgt uns das Erbe der Vergangenheit fast über 50 Jahre. Damals wollten wir hoch aufgestellte Bildschirme vermeiden und deswegen vorgegeben, dass die oberste Kante des Bildschirms unter Augenhöhe sein muss. Das Bild, das diese Vorstellung illustrieren sollte, erschien ohne den Erklärungstext, dass dies die maximal zulässige Höhe sei. Die Erklärung war paar Seiten untergebracht:
Obgleich zur Erzielung einer entspannten Kopfhaltung die Blicklinie um etwa 35° aus der Waagerechten abgesenkt werden sollte und eine zu dieser Blickrichtung annähernd senkrechte Bildschirmneigung anzustreben wäre, ist eine derartige Anordnung der bislang überwiegend verwendeten Bildschirme bei gleichzeitiger Vermeidung von störenden Reflexionen und Spiegelungen nicht immer möglich. Bei diesen Gegebenheiten kann eine optimale Reflexionsminderung vielfach nur durch eine lotrechte oder hierzu leicht geneigte Bildschirmanordnung erzielt werden. Die oberste verwendbare Zeile auf dem Bildschirm soll jedoch nicht oberhalb der waagerechten Blicklinie liegen.

Die richtige, später in DIN EN ISO 9241-5 genormte, Haltung wurde in diesem Dokument ohne Bildschirm dargestellt, weil dies die damaligen Bildschirme wegen ihrer Größe nicht zuließen. Diese Haltung sah so aus:

So entstand ein weltweit verbreiteter Irrtum, der Bildschirm müsse mit der obersten Zeile in Augenhöhe stehen. Diesen kann man selbst in Wikipedia finden. Dieses Bild aus dem Jahr 1976 wird in 2025 von der Betriebsärztin der HU Berlin als Beispiel eines ergonomisch gestalteten Bildschirm-Arbeitsplatzes empfohlen. Wikipedia hat vor einem Jahr ein etwa 30 Jahre altes Bild eines Bildschirmarbeitsplatzes neu zeichnen lassen. Jetzt sieht es so aus

Unter diesem Bild steht als Erstes: Die Bildschirmoberkante befindet sich auf Augenhöhe und hat mindestens 50 cm Abstand.
Ende gut, alles gut? Trotz eines unerwartet hohen Fortschritts in der Technik sind die Bildschirme (Displays oder Monitore) nicht dem Papier ähnlich geworden. Maßnahmen, die einst gedacht waren, um dem Glanz auszuweichen, haben fast 50 Jahre überlebt, obwohl sie nicht einmal mehr Sinn machen. Da wir heute nicht nur beruflich mit ihnen umgehen, sondern in allen Lebenslagen rund um die Uhr, verursachen sie enorme gesundheitliche Probleme.
