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ToggleDer eine wartet,
dass die Zeit sich wandelt,
der andere packt sie an und handelt.
Dante Alighieri
Zur Bedeutung
Die Kosten für das Licht in Arbeitsstätten lassen sich kaum spezifizieren, weil ein erheblicher Teil der Kosten für die Versorgung mit Tageslicht entsteht, die seit dem Beginn des Bauens von Gebäuden selbstverständlich dazu gehört. Tageslicht steht nicht etwa kostenlos zur Verfügung, wie manche Naturfanatiker oder gar Techniker gerne behaupten.
Welche Kosten für die künstliche Beleuchtung entstehen, kann man ebenso schwer abschätzen, weil die verfügbaren Daten einen eher verwirren. So behauptete ich einst, 40% des Stroms in Bürohäusern würde für die Beleuchtung benutzt. Mehrere Fachleute sprachen dagegen und wollten andere Zahlen liefern. Beim Wollen ist es geblieben.
Nach aktuellen Schätzungen und Daten der Internationalen Energieagentur (IEA) sowie von Organisationen wie den Vereinten Nationen (UNEP) zufolge liegt der Anteil des Energieverbrauchs bei etwa 15 % bis 19 % des weltweiten elektrischen Energieverbrauchs. Für Gewerbe und Dienstleistung wird er bis zu 50% geschätzt.
Für Deutschland (und ähnlich hochindustrialisierte Länder) liegt die Schätzung bei etwa 10%. Das entspricht einer jährlichen Strommenge von rund 40 bis 45 Terawattstunden (TWh).
Welche Bedeutung das Licht selber für die Gesundheit der Menschen besitzt, werden “Fachleute“ je nach Fach unterschiedlich einschätzen. Bis zum Verbot der EU, Arbeitsschutzbelange in privaten Normen zu regeln, konnte man in den Normen der Lichttechnik lesen, dass alles genormte Licht gesund sei. Bei unserer Studie Licht und Gesundheit haben wir 1990 festgestellt, dass 57 % der Betroffenen die Beleuchtung ihrer Büros für eine Gefahr für ihre Gesundheit erachteten. Im Jahr 2021 veröffentlichten 18 führende Chronobiologen, dass vorhandene Beleuchtungssysteme die circadianen Rhythmen des Körpers störten.
Am radikalsten war das Urteil deutscher Führungskräfte, die gefragt wurden, welche Eigenschaft ihnen an ihrem Arbeitsplatz am wichtigsten scheint. Die meistgenannte Eigenschaft war “frei von künstlichen Lichtquellen” (37%). Die Bedeutung kann man abschätzen anhand der Bewertung der größten Pest im Büro, des Lärms, der in allen ergonomischen Studien den ersten Rang behauptet. Ihn würden nur 21 % nennen.
Gründe für meinen Optimismus
Ein erheblicher Teil des Buches Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne handelt von dem Versagen der Bemühungen der Lichtingenieure, die gebaute Umwelt mit Licht zu gesunden. Heute erleben wir den Beginn des zweiten Jahrhunderts nach der Erscheinung von Luckiesh’ Buch Light and Health, des Mannes, der die gesunde Strahlung der Sonne in die Wohnstuben bringen wollte. Nur noch Milch, verstärkt mit Vitamin D, erinnert noch an die Episode.
Meine Interpretation der Gründe des Versagens sagt mir, dass der Fehler in der mangelnden Einbindung derjenigen Persona liegt, die über die Jahrtausende für die gebaute Umwelt gesorgt hatte und für das Licht darin. Das ist der Architekt. Dementsprechend hoffe ich, dass bestimmte Bewegungen, die die Architektur als Ziel haben, in Sachen gesundes Lichts erfolgreicher sein werden. Eine davon habe ich neulich ausführlich kommentiert (DGNB) (Visueller Komfort) Der Titel des damaligen Beitrags verrät auch den Grund für meinen Optimismus – eine ganzheitliche Betrachtung eines Sachverhalts statt die Behandlung von Teilen aus der Sicht des am meisten spezialisierten Gewerks.
Dieser Optimismus kommt nicht irgendwoher. Er gründet sich auf den Erfahrungen mit den aus meiner Sicht erfolgreichsten Lichttechnikern, Prof. Jürgen Krochmann und Dr. Georg Roessler. Diese haben in einer Zeit, in der sowohl Architekten als auch Lichttechniker von fensterlosen Räumen träumten und diese für die Zukunft hielten, eine gesetzliche Vorschrift erarbeitet, die den Bau von Arbeitsstätten in Deutschland beherrscht. Selbst die Arbeitsmedizin hielt Räume ohne Tageslicht damals für hygienisch unbedenklich. (hier). Die Vorschrift fand sich in der ersten Arbeitsstättenverordnung von 1975 (§ 7.1 Sichtverbindung nach außen) entgegen der vorherrschenden Meinung der Wissenschaft. Sie wurde durch verschiedene Urteile von Sozialgerichten und Verwaltungsgerichten bestätigt. Und überlebte auch den Minister Clement, der kein Arbeitsminister sein wollte, aber dessen Aufgaben hatte. Dieser schaffte, dem Wunsch der Wirtschaft folgend, die Sichtverbindung als Vorschrift ab. Der Druck von allen Seiten sorgte dafür, dass sie wieder eingeführt wurde.
Das Besondere an der Leistung zweier Lichttechniker? Die Vorschrift (und ihre Auslegung in der ASR 7.1) enthält keine lichttechnische, sondern eine psychologische Anforderung. So hat z.B. 1997 das Bundesverwaltungsgericht (BverwG) geurteilt: Das Gericht stellte fest, dass die Sichtverbindung ins Freie notwendig ist, um psychische Belastungen wie den sogenannten „Klausureffekt“ (Gefühl des Eingeschlossenseins) zu vermeiden. Der visuelle Kontakt zur Umwelt und zum Tagesverlauf ist für die Gesundheit der Beschäftigten essenziell.
Wie unten dargestellt, teilen alle architektonischen Gebäudebewertungen die Ansicht des Gerichts und somit die besondere Leistung der beiden Lichttechniker.
Zu den Protagonisten
Die Organisationen, die ich anführen will, beschäftigen sich mit der Nachhaltigkeit von Gebäuden in der Erstellung und im Betrieb. Das ist eine klare Abkehr von der einstigen Denke, wonach man wertvolle Bausubstanz abriss, weil das Neubauen billiger schien als der Erhalt. In der Nachkriegszeit soll diese Denke in Deutschland mehr Schaden verursacht haben als der Krieg selbst. Heute weiß man zudem, dass die Herstellung von Zement eine der größten Erzeuger von CO2 ist. Und dass man Sand in die arabische Wüste karren muss, weil Sand knapp geworden ist.
Aber auch die später entwickelte ökologische Denkweise, die sich auf Einzelaspekte konzentrierte, z.B. auf den Energieverbrauch, war nicht umfassend genug, um ganzheitlich den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes oder eines Quartiers zu betrachten bzw. diesen Lebenszyklus zu verlängern.
Ich will nicht all deren Wirken und Methoden kommentieren, sondern mich auf Sachverhalte beschränken, die Licht und Gesundheit betreffen. Die gemeinten Organisationen sind:
DGNB - Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen
LEED - Leadership in Energy and Environmental Design, USA
BREEAM - Building Research Establishment Environmental Assessment Method, UK
WELL – WELL Building Institute (IWBI) (mit Gesundheit und Wohlbefinden im Mittelpunkt)
Living Future Institute - Living Building Challenge
Das ist eine Auswahl von Organisationen, die nachhaltiges Bauen definiert und mess- und prüfbar gemacht haben. Ihr Ziel ist zum einen die Bewertung von Gebäuden und zum anderen das Bewirken einer Bauweise in ihrem Sinne.
Zu Leed
In der LEED-Zertifizierung spielt das Thema Licht eine entscheidende Rolle, da es zwei Hauptziele verbindet: die Energieeffizienz (weniger Stromverbrauch) und die Gesundheit der Nutzer (Wohlbefinden durch natürliches Licht). Während das erste Hauptziel zwar für die USA relativ ungewöhnlich scheint, bedeutet “Wohlbefinden durch natürliches Licht” eine Rückkehr zu den Zeiten, als die Progressiven in den USA gegen die Krankheiten der Finsternis kämpften (Krankheiten der Finsternis).
Licht wird bei LEED vor allem in folgenden Kategorien bewertet:
- 1. Tageslicht (Daylight): LEED belohnt Gebäude, die so entworfen sind, dass elektrisches Licht tagsüber kaum nötig ist. Es gibt Punkte, wenn ein bestimmter Prozentsatz der regelmäßig genutzten Flächen (Büros, Klassenzimmer) ausreichend mit Tageslicht versorgt wird.
- 2. Sichtverbindung nach außen: Ein Gebäude bekommt zusätzliche Punkte, wenn die Nutzer von fast jedem Platz aus einen unverstellten Blick ins Freie haben. Das reduziert Stress und steigert die Produktivität.
- 3. Innenraumbeleuchtung (Interior Lighting): Hier geht es um die Qualität des künstlichen Lichts. LEED gibt vor, dass Licht nicht nur "hell" sein darf, sondern gesundheitlich unbedenklich sein muss, z.B. Kontrolle der Nutzer über Licht: Nutzer sollten ihr Licht selbst kontrollieren können (z. B. Dimmen oder einzelne Schalter für kleine Zonen), anstatt dass eine riesige Etage nur einen "Ein/Aus"-Schalter hat. Blendfreiheit: Leuchten müssen so verbaut sein, dass sie nicht blenden (z. B. durch Raster oder indirekte Abstrahlung).
- 4. Lichtverschmutzung (Light Pollution Reduction): z.B.: Außenleuchten dürfen kein Licht direkt in den Nachthimmel strahlen (insbesondere Schutz von Insekten und Erhalt des Sternenhimmels). Lichtimmissionsschutz: Das Licht darf nicht über die Grundstücksgrenze hinaus in die Fenster der Nachbarn scheinen.
Gutes Lichtdesign in LEED-Gebäuden soll dazu führen, dass Menschen weniger Kopfschmerzen haben, konzentrierter arbeiten und dass Gebäude gleichzeitig deutlich weniger Strom verbrauchen.
Mehr Info findet sich in den offiziellen Publikationen des Systemgebers USGBC (U.S. Green Building Council) (z.B. LEED v4/v5 Reference Guides) bzw. des deutschen Partners GGBA German Green Building Association.
Zu BREEAM
BREEAM (Building Research Establishment Environmental Assessment Method) ist das älteste und eines der weltweit am häufigsten verwendeten Zertifizierungssysteme für nachhaltiges Bauen. BREEAM bewertet Gebäude anhand eines Punktesystems in verschiedenen Kategorien. Die Punkte werden in 9 Hauptkategorien vergeben:
- 1. Management: Nachhaltige Planung, Baustellenmanagement und Gebäudebetrieb.
- 2. Gesundheit und Wohlbefinden: Fokus auf Tageslicht, Luftqualität und thermischen Komfort für die Nutzer.
- 3. Energie: Effizienz der technischen Anlagen und CO2-Ausstoß.
- 4. Verschmutzung: Vermeidung von Lichtverschmutzung, Lärm und Kältemittelemissionen.
- 5. ….
BREEAM unterteilt die Anforderungen an Licht hauptsächlich in die Kategorien "Health and Wellbeing" (Gesundheit) und "Pollution" (Emissionen).
- Visueller Komfort (Health and Wellbeing - Hea 01): Dies ist der wichtigste Bereich für die Nutzer im Gebäude. BREEAM vergibt hier Punkte für:
- Tageslichtnutzung: Es wird genau berechnet, wie viel natürliches Licht in die Räume fällt (der sogenannte Daylight Factor).
- Ausblick (View Out): Nutzer müssen von ihren Arbeitsplätzen oder Wohnbereichen einen qualitativen Blick nach draußen haben (Verbindung zur Außenwelt).
- Blendfreiheit (Glare Control): BREEAM fordert Systeme, die Blendung durch die Sonne verhindern
- Beleuchtungsqualität: z.B. Flimmerfreies Licht: Einsatz von Hochfrequenz-Vorschaltgeräten oder flimmerfreien LEDs (wichtig für die Konzentration). Zonierung: Das Licht muss in kleinen Gruppen oder individuell schaltbar sein, damit nicht ein ganzes Großraumbüro beleuchtet wird, wenn nur eine Person dort arbeitet. - Reduzierung der Lichtverschmutzung (Pollution - Pol 06): z.B.
- Up-Light-Kontrolle: Außenleuchten (z. B. auf Parkplätzen oder an Fassaden) dürfen kein Licht direkt nach oben strahlen.
- Lichtimmission: Es muss nachgewiesen werden, dass das Licht des Gebäudes nachts keine Anwohner stört und die natürliche Dunkelheit für Tiere (Insekten, Vögel) weitgehend erhalten bleibt.
Kurz gefasst:
Nutzer: Viel Tageslicht, gute Sicht nach draußen, individuelle Steuerung.
Technik: Hocheffiziente LEDs, flimmerfreie Treiber, Sensortechnik.
Umwelt: Keine Abstrahlung in den Himmel, Abschaltung bei Nacht.
Mehr Info findet sich zu BREEAM z.B. hier https://breeam.com/
Zu WELL
Während die DGNB, LEED und BREEAM das „Gebäude“ als Ganzes (Technik, Ökologie, Kosten) bewerten, macht WELL (der WELL Building Standard) etwas völlig anderes: Er stellt den Menschen und seine Gesundheit radikal ins Zentrum. WELL deklariert 10 Konzepte in der Version V2:
- Luft: Extrem strenge Grenzwerte für Schadstoffe (VOCs), Feinstaub und CO2. Es wird oft mit Sensoren live gemessen.
- Wasser: Filterung und regelmäßige Tests der Trinkwasserqualität direkt am Wasserhahn.
- Ernährung: Förderung gesunder Ernährung (z. B. durch Obstkörbe, weniger Zucker in Automaten und klare Kennzeichnung von Allergenen in der Kantine).
- Licht: Fokus auf das zirkadiane Licht (biologisch wirksames Licht), das den Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützt.
- Bewegung: Anreize für körperliche Aktivität, z. B. durch attraktive Treppenhäuser (statt versteckter Brandschutztüren) und Stehschreibtische.
- Thermischer Komfort: Individuelle Steuerbarkeit der Temperatur für die Nutzer.
- Schall: Optimale Akustik zur Reduzierung von Stress und Ablenkung.
- Materialien: Verbot von giftigen Inhaltsstoffen in Möbeln, Teppichen und Wandfarben.
- Geist (Mind): Unterstützung der mentalen Gesundheit durch Rückzugsräume, Pflanzen (Biophilie) und Stressmanagement-Angebote.
- Gemeinschaft: Förderung von Inklusion, Barrierefreiheit und sozialem Miteinander im Gebäude.
In der WELL-Zertifizierung ist Licht eines der technisch anspruchsvollsten Konzepte, weil es weit über die bloße Helligkeit hinausgeht. Hier steht die biologische Wirkung des Lichts auf den Körper im Vordergrund.
Das zentrale Stichwort bei WELL ist das circadiane Licht – also Licht, das unseren inneren Biorhythmus (Schlaf-Wach-Zyklus) unterstützt. Es gehört zu den drei Säulen für Licht:
- Circadianes Lichtdesign (Circadian Lighting): Licht wird nicht nur in Lux (Helligkeit) gemessen, sondern in EML (Equivalent Melanopic Lux). Tagsüber benötigen Mitarbeiter "biologisch wirksames" Licht (hoher Blauanteil), um wach und konzentriert zu bleiben. Abends hingegen sollte das Licht wärmer werden und einen niedrigen EML-Wert haben, damit der Körper zur Ruhe kommen kann.
- Visuelle Lichtqualität (Visual Quality):
- Farbwiedergabe (CRI): WELL fordert eine sehr hohe Farbtreue (oft CRI ≥ 90), damit Farben natürlich wirken und die Augen nicht ermüden.
- Blendung (Glare Control): Die Leuchten müssen so gestaltet sein, dass sie nicht blenden.
- Flimmerfreies Licht: Ein strenges Augenmerk liegt auf dem "Flicker". Billige LEDs flimmern oft unmerklich, was bei Menschen Kopfschmerzen auslösen kann – WELL verbietet solche Leuchtmittel. - Zugang zu Tageslicht (Daylight Access): Naturlicht ist die beste Lichtquelle für den Menschen. Fensternähe: WELL belohnt Gebäude, in denen fast alle Arbeitsplätze (meist 70% oder mehr) in unmittelbarer Nähe (ca. 7,5 Meter) zu einem Fenster liegen. Sichtverbindung: Es wird bewertet, wie gut der Blick ins Grüne oder nach draußen ist, um die psychische Belastung zu senken.
WELL hebt wesentlich deutlicher auf das sog. circadiane Licht ab. In deren Konzepten wie HCL ist eine Personalisierung des Lichts mitenthalten. Zugang zum Tageslicht und Sichtverbindung werden belohnt.
Zu Living Future Institute
Das International Living Future Institute (ILFI) ist eine globale Non-Profit-Organisation, deren Ziel es ist, den Wandel hin zu einer Gesellschaft zu leiten, die sozial gerecht, kulturell reich und ökologisch regenerativ ist. Während andere Systeme Licht oft als technische Notwendigkeit oder Energiesparpotenzial betrachten, sieht das ILFI Licht als fundamentales Menschenrecht und Heilmittel.
Living Building Challenge (LBC), das Flaggschiff-Programm, besagt: Ein Gebäude gilt erst dann als „Living“, wenn es nachweislich (nach einem Jahr Betrieb) mehr Energie erzeugt als verbraucht, alles Wasser vor Ort gewinnt und reinigt sowie keine Schadstoffe der „Red List“ enthält.
Anstatt nur technische Checklisten abzuarbeiten, nutzt das Institut die Metapher einer Blume, die aus Blütenblättern besteht. Diese werden Petals genannt Ein Gebäude sollte wie eine Blume funktionieren:
- Energie ausschließlich aus der Sonne ziehen.
- Wasser aus dem Boden und dem Regen sammeln.
- Sich perfekt in das lokale Ökosystem einfügen und gleichzeitig schön sein.
Das Thema Licht ist primär im Health + Happiness Petal (Gesundheit & Glück) verankert:
- Radikaler Fokus auf Tageslicht (Natural Daylight): Das Ziel ist einfach, aber extrem anspruchsvoll: Wenn die Sonne scheint, darf im Gebäude kein künstliches Licht benötigt werden.
- 75 % Regel: Mindestens 75 % aller regelmäßig genutzten Flächen müssen vollständig natürlich belichtet sein.
- Sichtverbindung: 95 % der genutzten Räume müssen eine direkte Sichtverbindung nach draußen und Zugang zu Tageslicht haben.
- Sonnentubes & Oberlichter: Um diese strengen Quoten zu erreichen, werden oft innovative Lösungen wie Lichtkamine (Solar Tubes) oder großflächige Skylights eingesetzt - Individuelle Kontrolle (Individual Control)
- Licht wird nicht "von oben herab" gesteuert. Die Nutzer müssen die Macht über ihre Umgebung haben:
• Jeder Nutzer muss die Möglichkeit haben, die Beleuchtungsstärke an seinem Platz individuell anzupassen.
• Dies gilt oft in Kombination mit manuell bedienbarem Blend- und Sonnenschutz. - Net-Zero Energy (Die Kehrseite)
Da das Gebäude im Rahmen der Living Building Challenge eine positive Energiebilanz (Net Positive Energy) über 12 Monate nachweisen muss, darf Kunstlicht kaum Energie verbrauchen:
• Effizienz: Jedes Watt für künstliches Licht muss durch eigene Photovoltaik-Anlagen am Gebäude wieder "reingespielt" werden.
• Vermeidung: Wenn künstliches Licht während der Tageslichtstunden brennt (z. B. durch falsches Nutzerverhalten), gefährdet dies direkt die Zertifizierung. - Die "Red List" bei Leuchten (Materials Petal): Ein oft unterschätzter Punkt: Die Inhaltsstoffe der Lampen.
• Das ILFI verbietet eine lange Liste von Schadstoffen (Red List), die in vielen Standard-Elektronikbauteilen vorkommen (z. B. Quecksilber in alten Röhren oder bestimmte Flammschutzmittel in Kabeln).
• Hersteller müssen über das Declare-Label offenlegen, woraus ihre Leuchten bestehen.
Während die DGNB oder LEED die Qualität von Kunstlicht (Farbwiedergabe, Blendung) detailliert bewerten, zielt das Living Future Institute systematisch darauf, künstliches Licht überflüssig zu machen.
Zu DGNB
Die DGNB (Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen) ist die zentrale Institution in Deutschland, wenn es um zukunftsorientiertes Bauen und den Betrieb von Immobilien geht. Sie versteht Nachhaltigkeit nicht nur als Umweltschutz, sondern als ganzheitliche Qualität, die auch wirtschaftlich und sozial sein muss.
Zu dem System des DGNB gehören sechs gleichwertig betrachtete Themenfelder:
- Ökologische Qualität: Umweltschutz, CO2-Bilanz und Ressourcenschonung.
- Ökonomische Qualität: Lebenszykluskosten (was kostet das Haus über 50 Jahre?) und Wertstabilität.
- Soziokulturelle & Funktionale Qualität: Gesundheit, Komfort (z. B. Raumluft), Barrierefreiheit und Sicherheit.
- Technische Qualität: Brandschutz, Schallschutz und wie einfach man das Gebäude später wieder zurückbauen kann (Kreislaufwirtschaft).
- Prozessqualität: Wie gut wurde geplant und gebaut?
- Standortqualität: Anbindung an Verkehrsmittel und das Umfeld.
Licht gehört zu Themenfeld 3 “Soziokulturelle & Funktionale Qualität”. In der DGNB-Zertifizierung wird das Thema Licht primär im Kriterium SOC 1.4 „Visueller Komfort“ bewertet. Ziel ist es, eine „ausreichende und störungsfreie Versorgung mit Tages- und Kunstlicht“ sicherzustellen.
Das DGNB-System vergibt Punkte in sieben spezifischen Bereichen, um die Lichtqualität eines Gebäudes zu bewerten:
- Tageslichtverfügbarkeit im Gesamtgebäude: Es wird gemessen, wie viel Prozent der Nutzfläche einen ausreichenden Tageslichtquotienten (TQ) erreichen (z. B. TQ ≥ 2% für eine gute Bewertung).
- Tageslichtverfügbarkeit an dauerhaften Arbeitsplätzen: Hier geht es um die Qualität des Lichts dort, wo Menschen tatsächlich arbeiten
- Sichtverbindung nach außen: Ein Gebäude punktet, wenn ein hoher Anteil der Arbeitsplätze einen direkten, unverstellten Blick ins Freie bietet.
- Blendfreiheit bei Tageslicht: Belohnt werden Systeme, die helles Sonnenlicht abschirmen, ohne den Raum komplett zu verdunkeln (z. B. lichtlenkende Jalousien).
- Kunstlicht-Qualität:
o Farbwiedergabe: Ein Index von Ra ≥ 90 bringt Zusatzpunkte (Der Standard ist meist Ra ≥ 80).
o Beleuchtungsstärke: Höhere Werte auf Wänden und Decken zur Steigerung der Raumhelligkeit. - Sonnendauer (Besonnung): Wie viele Stunden am Tag fällt direktes Sonnenlicht in die Räume? (Wichtig für das psychische Wohlbefinden)
- Farbechtheit des Tageslichts: Bewertung der Verglasung, damit das natürliche Licht durch die Fensterscheiben farblich nicht verfälscht wird.
Der DGNB-Katalog enthält noch einen wichtigen Aspekt: Lichtverschmutzung (TEC 1.7). Dieser Faktor ist nicht nur für die Umwelt bedeutsam, sondern auch für den Menschen (mehr hier)
Zu BauNetz – Wissen
Detailliertes Wissen zu allen vorhandenen Bewertungssystemen, deren Nachweisen und Zertifikaten kann man in BauNetz Wissen abrufen. Diese füge ich der Einfachheit halber hier ein. Liste alphabetisch sortiert:
- BNB: Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude
- BNK/BNG Zertifizierung
- REEAM: Internationales Nachhaltigkeitszertifikat
- CASBEE: Asiatisches Nachhaltigkeitszertifikat
- DGNB: Deutsches Nachhaltigkeitszertifikat
- eco-Institut-Label
- Green Star: Australisches Nachhaltigkeitszertifikat
- HQE: Französisches Nachhaltigkeitszertifikat
- LEED: Amerikanisches und kanadisches Nachhaltigkeitszertifikat
- LENOZ: Luxemburgisches Nachhaltigkeitszertifikat
- Nachhaltigkeitszertifizierung des Concrete Sustainability Councils
- Nachweis der Energieeffizienz: Wohngebäude Nach EnEV
- NaWoh: Qualitätssiegel Nachhaltiger Wohnungsbau
- Nordic Swan Ecolabel
Zur Rolle der Industrie und Wissenschaft
Wie in den Erläuterungen der einzelne Organisationen bzw. Methoden dargestellt, kommt der Sichtverbindung nach außen eine weltweit anerkannte Rolle zu. Die Grundlagen dazu wurden ab 1968 in einem lichttechnischen Projekt erarbeitet, die von der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) gefördert wurde. Das Projekt trug einen Namen, der die heute vorherrschende Art der Beleuchtung charakterisiert: Tageslichtergänzungsbeleuchtung.
Das Projekt wurde auf Wunsch der lichttechnischen Industrie eingestellt. So wäre es ohne das persönliche Engagement der beiden Protagonisten, Jürgen Krochmann und Georg Roessler, ohne Ergebnis geblieben. Zu der Einstellung des Projekts muss aber etwas hinzugefügt werden: DFG Projekte können nicht von der Industrie eingestellt werden. Ergo haben zwei (oder mehr?) Wissenschaftler das Projekt abgelehnt. Ein Grund mehr, dem Stand der Wissenschaft zu misstrauen.


Eine Antwort auf „Wer sorgt für ein gesundes Licht im Büro?“