Aus der Traum, Leuchtmittel in Heilmittel umzudeuten

Ein Raum ist erst dann heilend,
wenn die Seele vergisst,
dass sie in einem Gebäude ist.
Anonymus

 

Im Jahr 2013 erschien ein neuer Star am Beleuchtungshimmel: HCL. Das ist nicht die chemische Formel für die Salzsäure, sondern Human Centric Lighting. Man wollte damit die sperrige Bezeichnung „biologisch wirksame Beleuchtung“ loswerden. Die war leider zweideutig: Biologisch wirksam ist die Beleuchtung mit UVC-Leuchten. Meist tödlich obendrein.

Der Auftragnehmer, die Beratungsfirma  A.T. Kearney, seit 2020 nur noch Kearney, erfand eine Marketingstrategie für diesbezügliche Produkte. Diese wurde HCL getauft, denn als biologisch wirksam ist Licht seit über einem Jahrhundert bekannt. Kearney ist vermutlich nicht aufgefallen, dass ihre Argumente verdammt prima zu einem der größten Desaster der Wissenschaftsgeschichte passten, den Hawthorne-Experimenten der 1920er Jahre. Diese waren zu guter Letzt auch noch von der lichttechnischen Industrie in Auftrag gegeben worden. So hatte die Katastrophe die Lichttechnik besonders hart getroffen. Bis heute …

Wegen der besonderen Bedeutung habe ich das Thema in einem Kapitel in Genesis 2.0 – Die Schöpfung der elektrischen Sonne behandelt (hier). In healthylight.de durfte das Thema auch nicht fehlen (z.B. hier und da und dort).

Das Konzept wurde von dem Arbeitsschutz heftig kritisiert, weil die Wirkung auf der Beeinflussung von Hormonen der Beschäftigten erfolgen sollte. Die KAN, Kommission Arbeitsschutz und Normung, führte mehrere Symposien durch, um die Belange zu diskutieren. Mir klingt noch in den Ohren, wie vor 10 Jahren ein Arbeitsschützer den Kollegen aus der Lichttechnik öffentlich empfahl, das ganze Ding aufzugeben. (Mehr zu KAN-Stellungnahmen zu dem Thema hier und dort)

Arbeitsschutz ist nicht alles. Und nicht selten entscheiden Menschen oder Betriebe für Dinge, von denen der Arbeitsschutz abrät. Manchmal müssen die Arbeitsschutzbehörden sogar regelrecht  gegen unsinnige, gar gefährliche Praktiken kämpfen. Menschen oder Betriebe müssen nur genug Vorteile entdecken, um selbst von ihnen als sinnvoll erkannte Regeln zu ignorieren. Bei HCl kann man ruhig von einem Scheitern reden, das durch den Unterschied zwischen theoretischem Marketing und praktischer Marktrealität eingetreten ist. Während die Wissenschaft noch über  HCL (Human Centric Lighting) diskutiert, ist es als Massenprodukt für die Elektroindustrie tatsächlich eine Art "stilles Scheitern" geworden.

Es gibt auch gegenteilige Meinungen, die behaupten, HCL sei so erfolgreich, dass es ein HCL 2.0 gibt. Dagegen spricht meine Erfahrung, dass licht.de, die Website des ZVEI, das Thema HCL fast versteckt. Dies bestätigt meine Kenntnisse über die Interna, die nicht in die Allgemeinheit gehören. Nicht zu den Interna gehören die Fakten, dass die Industrie lieber über „Value of Light“ sprechen möchte oder lieber von „integrative lighting“ spricht.

Die Industrie redet nicht mehr gerne darüber, weil das Konzept HCL an vier harten Realitäten zerschellt ist:

Das „Service-Albtraum“-Problem (Komplexität)

HCL ist kein Produkt, sondern ein System. Es ist nicht gelungen, diese Nachricht zu kommunizieren, obwohl licht.de und der Vorgänger, die Fördergemeinschaft Gutes Licht (FGL), eine sehr erfolgreiche Praxis betreiben (s. licht.wissen und FGL-Hefte)

  • Das Problem: Ein Elektriker baut eine Lampe ein, schließt sie an und geht. HCL erfordert aber eine aufwendige Programmierung der Lichtkurven über den gesamten Tag.
  • Die Realität: Oft war die Steuerung nach einem Stromausfall oder einem Software-Update verstellt. Die Nutzer saßen plötzlich mittags im Schummerlicht oder abends im Blaulicht. Die Folge waren endlose Reklamationen, auf die weder der Handwerker noch die Hersteller Lust hatten.

 

Die „Einfach-zu-teuer“-Wand

HCL benötigt teure Treiber, Dual-Color-LEDs (Warmweiß/Kaltweiß) und eine intelligente Steuerung.

  • In Ausschreibungen für Großprojekte war HCL oft das Erste, was dem Rotstiftzum Opfer fiel ("Value Engineering"). Man stellte fest, dass die Mieter zwar "gutes Licht" wollen, aber nicht bereit sind, den massiven Aufpreis für die biologische Wirkung zu zahlen.
  • Neue Gebäude werden spekulativ errichtet, d.h. der spätere Betreiber des Hauses wird erst später bestimmt oder er beteiligt sich nicht an den Kosten der Erstellung. Er zahlt später die Miete. Die Kosten der „gesunden“ Beleuchtung trägt daher der Bauherr. Den Nutzen erntet der Mieter, so er überhaupt entsteht. Die Beleuchtung gilt als Bauprodukt und muss zu einem bestimmten Zeitpunkt während des Baus realisiert werden.

 

Fehlende Normung und Nachweisbarkeit

Die Elektroindustrie liebt Normen mit „knackigen Zahlen“ wie in DIN EN 12464-1. Die lichttechnische Normung der Beleuchtung von Arbeitsstätten gehört seit jeher zum Marketing.

  • Bei HCL ist die Wirkung schwer messbar. Wie beweist man einem Kunden, dass seine Mitarbeiter durch das Licht 5 % weniger krank sind? Da der Effekt erst über Wochen und Monate eintreten kann und von vielen Faktoren abhängt, fehlte der Industrie das schlagkräftige Verkaufsargument ("Return on Investment").
  • Als HCL als Konzept erstellt wurde, gab es für die LED selbst kaum Normen. Man konnte sich nicht einmal darauf verlassen, dass ein Leuchtmittel mit einer bestimmten Bezeichnung nachgekauft werden konnte.

 

Das "Smarte" Missverständnis

Viele Kunden dachten, "Smart Lighting" (per App steuerbar) sei das Gleiche wie HCL.

  • Die „Industrie“ hat den Markt mit billigen, bunt leuchtenden Smart-Home-Lampen geflutet. Das hat das biologisch wirksame HCL-Konzept entwertet. Es wurde zum Spielzeug degradiert, statt als gesundheitsrelevante Infrastruktur wahrgenommen zu werden.
  • Die Industrie ist nämlich nicht dieselbe wie vor der Ära LED. Das gilt auch für den Anwender, der nicht immer den Unterschied zwischen Billigprodukten und Qualitätsware feststellen oder schätzen kann.

 

Die physiologische Enttäuschung

Die Forschung hat gezeigt, dass man für eine echte Melatonin-Beeinflussung am Tag sehr hohe Beleuchtungsstärken (über 1000 Lux am Auge = bis zum Dreifachen horizontal) braucht. Zudem wurde die Beleuchtung am Abend und in der Nacht zu einer Gefahr erklärt. Dazu gehören nicht nur die Beleuchtung, sondern auch das Licht der Bildschirme.

  • Hohe Beleuchtungsstärken am Tage sind energetisch ineffizient und widersprechen den strengen EU-Vorgaben zum Energiesparen. Man kann nicht gleichzeitig massiv Strom sparen und die Büros so hell fluten, dass sie die Mittagssonne simulieren.
  • Wenn man Licht am Abend und in der Nacht zur Gefahr erklärt, muss man eine Lösung für Leute haben, die gerade dann arbeiten wollen bzw. müssen. Etwa 15 % aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten regelmäßig am Abend. Das entspricht bei rund 46 Millionen Erwerbstätigen etwa 6,9 Millionen Menschen. Regelmäßige Nachtarbeit ist seltener, betrifft aber immer noch rund 4,6 % der Erwerbstätigen. Das sind etwa 2,1 Millionen Menschen, die arbeiten, während der Rest des Landes schläft. Ein Konzept, das die Interessen von rund 20% der Erwerbstätigen nicht berücksichtigt, aber diesen und ihren Arbeitgebern erklärt, die gängige Praxis gefährde die Gesundheit, ist schwer durchsetzbar.

Fazit: Die Industrie hat HCL still "beerdigt", weil es sich nicht als wartungsfreies Standardprodukt skalieren ließ. Es ist heute ein Nischenprodukt für spezialisierte Kliniken oder Luxusbüros geblieben. Für den Rest der Welt ist es zum "Voodoo" der Lichtbranche geworden – man weiß, dass es irgendwie wirkt, aber keiner will die Verantwortung für die komplexe Technik übernehmen.

Man muss hinzufügen, dass es auch ernsthafte rechtliche Probleme gibt. So muss ein Lichtplaner laut BGB dem Kunden gegenüber die angepeilte Wirkung gewährleisten. Selbst wenn diese Wirkung tatsächlich realisierbar wäre, ist eine Mitwirkung des Betreibers und seiner Mitarbeitenden für den Erfolg entscheidend. Kein Planer wird in dieser Situation die Verantwortung übernehmen können bzw. dürfen.

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