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ToggleNichts ist mächtiger als eine Idee,
deren Zeit gekommen ist
Victor Hugo
Wovon reden wir?
New Work ist die Bezeichnung für einen alten Traum des österreichischen Sozialphilosophen und Anthropologen Frithjof Bergmann (1930–2021), geträumt in Ann Arbor, USA. Bergmann entwickelte das Konzept bereits Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre. Sein Ansatz war eine radikale Antwort auf das herkömmliche Lohnarbeitssystem, das er als veraltet und entfremdend empfand. Im Zentrum von Bergmanns Vision steht nicht etwa das Homeoffice oder der Obstkorb im Büro, sondern eine existenzielle Frage: „Was will ich wirklich, wirklich tun?“
Bergmann vertrat die Ansicht, dass Arbeit den Menschen nicht erschöpfen, sondern ihn stärken und ihm Sinn verleihen sollte. Er unterteilte sein Modell ursprünglich in drei Säulen:
- Lohnarbeit: Klassische Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts (durch Automatisierung stark reduziert).
- Selbstversorgung/High-Tech-Eigenproduktion: Nutzung moderner Technologien (z. B. 3D-Drucker), um Dinge selbst herzustellen und unabhängiger vom Markt zu werden.
- Arbeit, die man wirklich wil: Tätigkeiten, die der persönlichen Entfaltung und der Gemeinschaft dienen.
In der modernen Arbeitswelt assoziieren wir New Work meist mit:
- Flexibilität: Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten.
- Agilität: Flache Hierarchien und eigenverantwortliche Teams.
- Digitalisierung: Einsatz moderner Tools zur Zusammenarbeit.
- Purpose: Die Suche nach Sinnhaftigkeit im Job.
Kurz gesagt: In einem klassischen Büro geht es meist nur darum, den Raum hell genug zu bekommen (die typischen 500 Lux). Bei New Work ändern sich aber die Tätigkeiten – wir arbeiten nicht mehr acht Stunden starr am selben Platz. Es wird kollaboriert, entspannt, konzentriert, fokussiert und agil präsentiert.
Die beste Reflexion der Idee des New Work ist Activity Based Working (ABW). Statt einen Büroraum für Heerscharen von Menschen mit gleichartigen Tätigkeiten zu gestalten, richtet man zonenweise unterschiedliche Bereiche ein, in denen sich Akustik, Klima, Licht nach der jeweiligen Tätigkeit richten.
Bezug zu Licht
Wenn man sich die Beschreibung des Organisationskonzepts anschaut, wird man nicht umhin kommen, dass sich Anhänger des New Work kaum mit Lichtkonzepten zufriedengeben können, die eher ein lästiges Erbe der 1930er Jahre darstellen, so etwa die Allgemeinbeleuchtung. Wenn man sich in Zeitschriften vertieft, die Büroplaner oder Innenarchitekten lesen, wird man keine Deckenleuchten in Zweierformation sehen. Wer eigenverantwortlich arbeitet, wird sich ungern seine Umgebung von Leuten gestalten lassen, über die ein berühmter Architekt einst schrieb: Für sie [Licht-Ingenieure, zumeist Elektrotechniker] gab und gibt es überwiegend nur zwei Kriterien: Die Ausbeute der Lichtmenge gemessen in Lichtstärke und den Aufwand im Verbrauch gemessen in elektrischer Energie. Wir hatten sehr schnell gelernt, dass die Beschränkung auf diese beiden Parameter für die Gestaltung der Architektur und die Erzeugung von Raumstimmung die kurzsichtigsten, um nicht zu sagen unsinnigsten Messgrößen darstellen.“ (Meinhard von Gerkan: „Die Gestaltkraft des Lichts in der Architektur“, in: Flagge, I. (Hrsg.): Jahrbuch Licht und Architektur 2000, Müller, Köln, 2000)
Die Aufgabe für den Lichtplaner wird somit anspruchsvoller. Hat man die Decken der Büroräume jahrzehntelang immer mit zwei Reihen Leuchten parallel zum Fenster gepflastert, bei denen nur die Entfernung der ersten Reihe zum Fenster etwas variierte, muss sich der Lichtplaner bei New Work richtig ins Zeug legen.
Um solche Umgebungen davor zu bewahren, nach der Maxime „hübsch aber funktionell katastrophal“ in Schönheit zu sterben, habe ich in meinem internationalen Normenausschuss eine Normung eingeleitet, die geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. Daran arbeiten japanische Wissenschaftler mit einer niederländischen Firma für Büroorganisation und britischen Möbelleuten zusammen.
Raumdesignkonzepte
Moderne Bürokonzepte zielen nicht alle in die gleiche Richtung. Hier die wichtigsten:
Hotelification ist ein Konzept, das Anleihen bei Profis macht, die von Hospitality leben. Eine gelungene Realisierung erlebt man bereits beim Empfang. Kein Stammheim-light, sondern eine einladende Lobby mit Kunstinstallationen, Kaffee-Bars und einem Concierge-ähnlichen Service. Man holt nicht mehr seinen Caddy und lässt sich irgendwo im Großraum an einem der grauen Tische nieder. Die Räume bilden soziale Hubs und Gemeinschaftsflächen. Diese multifunktionalen Zonen fördern spontane Interaktionen, informelle Meetings oder auch Entspannung.
Resimercial Design will die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen lassen. Dies führt dazu, dass Büros Merkmale des privaten Wohnraums übernehmen. Die Büros werden bewusst weniger steril und korporativ gestaltet. Man findet weiche Teppiche, bequeme Sofas und Sessel, dekorative Kissen, Bücherregale, und "heimelige" Beleuchtung (Stehleuchten, Tischlampen statt Deckenlicht). Ähnlich wie die verschiedenen Bereiche für unterschiedliche Aktivitäten zu Hause, bieten Büros nun "stille” Räume, Bibliotheken oder Meditationsbereiche an, die eine Flucht aus dem Trubel des Arbeitsalltags ermöglichen.
Collegiate Design oder Learning-Inspired Office Design nimmt Inspiration von der Flexibilität und Vielseitigkeit von Universitäts- und Schulcampus-Umgebungen. Ziel ist es, Arbeitsbereiche zu schaffen, die eine breite Palette an Aktivitäten unterstützen – von konzentrierter Einzelarbeit über kollaborative Teamarbeit bis hin zu informellem Lernen und sozialen Interaktionen. Hier findet man Fokusbereiche, ruhige Orte für konzentriertes Arbeiten, Kollaborationszonen, Bereiche mit flexiblen Möbeln, Whiteboards und Technologie für Teamarbeit und Brainstorming, und soziale und informelle Bereiche, Lounges, Cafés und Pausenräume, die zum Austausch und zur Entspannung einladen.
Was soll anders werden für New Work?
Hierzu kann ich Beispiele angeben, weil die Gesamtheit aller Gestaltungsmerkmale derzeit über 20 Seiten Text in Telegram-Stil füllt.
Flexibilität für agile Setups
Wenn Möbel rollbar sind und Wände verschoben werden, darf das Licht nicht festgeschraubt sein. Beispiele sind:
- Stehleuchten statt Deckenraster: Moderne LED-Stehleuchten mit Präsenz- und Tageslichtsensoren sind ideal, weil sie mit dem Arbeitsplatz „mitwandern“ können.
- Schienensysteme (Track Lighting): Ermöglichen sie, Strahler je nach Bedarf neu zu positionieren?
- Zonale Beleuchtung: Wenn Möbel und Wände verschiebbar sind, müssen nicht unbedingt die Leuchten mitwandern, es geht auch, wenn sich die Charakteristik der Beleuchtung lokal verändern lässt. Dies hat die LED-Technik sehr erleichtert.
- Mobile Akkuleuchten:Diese können frei im Raum platziert werden, wenn Teams Tische für ein Projekt zusammenschieben.
Die „Video-Call“-Tauglichkeit
In Zeiten von Hybrid Work finden ständig Videokonferenzen statt, die meist unplanbar sind und so bleiben sollen. Viele Teilnehmer wirken bei solchen Anlässen wie Silhouetten im Zeugenschutzprogramm. Die Kamera verrät, warum die übliche Bürobeleuchtung eine lausige Qualität hat. Statt Führungslichts von etwa vorn („key-light“) bekommt man welches von oben. Das Aufhelllicht, ein weicheres Licht, das die Schatten verringert, die das Führungslicht erzeugt, fehlt meist ganz. Und das Spitzlicht, das einen vor dem Hintergrund hervorhebt, muss man lange suchen.
- Das Problem: Harte Schatten von oben (Deckenleuchten) lassen Gesichter müde oder finster wirken. Wenn man die Gesichter fotografiert, erkennt man die dunklen Augenringe, die nicht von der letzten Nacht stammen.
- Die Lösung: Indirektes Licht oder vertikale Beleuchtung (Licht auf die Wände), die die Gesichter weich ausleuchtet.
- Das “Fernsehstudio”: Zu den Video-Calls am Arbeitsplatz können z.B. Beratungs- oder Verkaufsgespräche kommen, die besondere Anforderungen an die Beleuchtung stellen. Dafür müssen bestimmte Bereiche anders beleuchtet werden.
Unsere Videobilder gleichen in der Qualität den ehemals benutzten Passfotos, die man besser niemandem zeigte. Aber die Neuen gehen manchmal um die Welt.
Zonierung statt Einheitsbrei (gleiches Licht für alle Volksgenossen)
New-Work-Flächen sind oft offen gestaltet (Open Spaces). Eine gleichmäßige „Flutlicht-Beleuchtung“ killt die Atmosphäre und die Konzentration. Ein Lichtteppich gilt als ein Hinweis auf eine Beleuchtung von gestern.
- Fokus-Zonen: Brauchen gerichtetes, blendfreies Licht für tiefe Konzentration.
- Social Areas / Lounges: Hier darf es gemütlicher sein, mit warmem Licht und dekorativen Leuchten, die eine „Wohnzimmer-Atmosphäre“ schaffen.
- Meeting-Points: Dynamisches Licht, das Interaktion fördert.
- Empfangszone: Kein Eingang Stammheim-Light, sondern die Beleuchtung einer einladenden Lobby mit Kunstinstallationen, Kaffee-Bars und einem Concierge-ähnlichen Service
Wie realistisch sind die Vorstellungen zur Beleuchtung von New Work
Es ist zwar nicht lange her, dass sich die lichttechnische Industrie über meine Vorstellungen von einer flexiblen Beleuchtung aufregte, die sowohl dem allgemeinen Befinden als auch dem Sehkomfort dienen sollte. Damals stand in einer Broschüre des ZVEI : „Das [gemeint sind Maßnahmen, die den Sehkomfort erhöhen und die Akzeptanz verbessern würden] kann ohne Frage Komfort und Akzeptanz der Beleuchtung erhöhen – ebenso wie dies eine Couch im Büro oder eine besonders komfortable Sitzgruppe tun würden.“ (aus der Broschüre Lichtforum 28 der Fördergemeinschaft Gutes Licht, Vorgänger von licht.de). Aber die Zeiten haben sich geändert. Gutes Lichtdesign gilt nicht mehr als „Couch im Büro“, sondern als Teil einer ansprechenden Architektur.
Die Denke wurde kräftig gefördert durch eine Krankheit, die die Welt lahm legte und die Menschen zwang, lange zu Hause zu arbeiten. Dabei haben diese zum einen gelernt, dass niemand zwei Reihen Leuchten über dem Kopf mit 500 lx auf dem Tisch braucht. Zum anderen haben die Betreiber oder Vermieter der Büros gelernt, dass die Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden davon „überzeugen“ müssen, auch mal im Büro zu erscheinen. Daher stehen die Zeichen auf Akzeptanz. Denn die Couch und die komfortable Sitzgruppe stehen schon längst da.
Zu guter Letzt soll noch erwähnt werden, dass die einstige strenge Trennung von Wohnraumbeleuchtung (Leuchten eher als Möbel oder Dekoration) und Arbeitsbeleuchtung (Sehobjekte mühelos erkennen lassen) schon länger nicht mehr gilt.
Kann man die Unterschiede zwischen der üblichen Beleuchtung und dem Licht für New Work bildhaft darstellen?
Eigentlich nicht. Man kann zwar schlechte Architektur und schlechtes Licht immer recht erfolgreich verbal erläutern. Aber das Gute lässt sich viel schlechter darstellen. Licht schafft den Raum und lässt sich nur in diesem selbst real erleben. Bilder geben eine Idee, was sein soll. Eine textliche Beschreibung sollte man besser sein lassen.
Spaßeshalber habe ich KI gefragt, was sie unter einer Bürobeleuchtung vorstellt, die man gerade modernisiert hat. Das Ergebnis könnte man in der Praxis durchaus vorfinden.

Was denkt sich die KI aus, wenn ich sie bitte, sie möge mir ein helles Büro zeichnen? Das Ergebnis zeigt ein Büro, das der Arbeitsschutz sofort wegen Gefahr in Verzug schließen. Reale Büros, die meinen Vorstellungen entsprechen, werden sich irgendwo zwischen den gezeigten Extremen finden.



Eine Antwort auf „Licht für New Work“