HCL – Traum und Realität

Nichts ist mächtiger als eine Idee,
deren Zeit gekommen ist
Victor Hugo

HC wie human centric

Im Jahr 2012 präsentierte die Unternehmensberatung A.T. Kearney ein Marketingskonzept für “biologisch wirksame Beleuchtung”, das mit dieser Bezeichnung wenig marktwirksam eingeschätzt wurde. Es musste was Schlagkräftiges her. Andere Industrien preisen “menschennahe“ Produkte wie Autos mit einem Konzept an, dessen Name mit „HC“ beginnt – human centric. „Human-Centric“ (menschenzentriert) im Autobau bedeutet kurz gesagt: Das Auto wird um den Menschen herum gebaut, nicht die Technik. Es geht darum, wie sich das Fahrzeug anfühlt, wie es interagiert und wie es das Leben der Insassen verbessert.

Hier einige Aspekte, die zum Erfolg des Konzepts führten:

  1. Intuitive Bedienung (UX/UI - User Experience)

Ein Auto gilt als „human-centric“, wenn man kein Handbuch mehr braucht, um die Klimaanlage zu finden.

  • Minimalismus: Reduzierung von Knöpfen, aber Beibehaltung haptischer Elemente dort, wo sie Sinn ergeben.
  • Sprachsteuerung: Natürliche Dialoge statt starrer Befehle.
  • Adaptive Systeme: Das Auto lernt deine Gewohnheiten (z. B. die Pendelstrecke oder die bevorzugte Sitzheizung bei 5°C).
  1. Wohlbefinden im Innenraum (Cocooning)

Der Innenraum wird zum „Third Living Space“ (neben Zuhause und dem Büro).

  • Biophilic Design: Verwendung natürlicher Materialien (Holz, Wolle, vegane Lederalternativen).
  • Licht & Akustik: Aktive Geräuschunterdrückung und Ambientebeleuchtung, die den Biorhythmus unterstützt.
  • Ergonomie: Sitze, die Verspannungen aktiv vorbeugen und sich perfekt an die Anatomie anpassen.
  1. Sicherheit durch Assistenz

Anstatt den Fahrer zu bevormunden, soll die Technik ihn wie ein „Schutzengel“ begleiten.

  • Vorausschauendes Handeln: Das Auto erkennt Müdigkeit oder medizinische Notfälle durch Sensoren im Innenraum.
  • Stressreduktion: Autonome Fahrfunktionen übernehmen in monotonen Situationen (Stau), damit der Mensch entspannt ankommt.
  1. Inklusivität

Ein menschenzentriertes Design berücksichtigt, dass nicht jeder Nutzer 1,80 m groß und topfit ist.

  • Barrierefreiheit: Einfacher Einstieg für ältere Menschen.
  • Personalisierung: Das Auto erkennt per Gesichtsscan, wer einsteigt, und passt alles (Spiegel, Sitz, Musik, Fahrprofil) sofort an.

Fazit: Beim Autobau geht es weg vom reinen „Transportmittel“ hin zum „Begleiter“. Der Fokus liegt auf der emotionalen Bindung und der Entlastung des Nutzers.

Anwendung des Konzepts auf die Beleuchtung – HCL

HCL = Human Centric Lighting fing schon bei der Namensgebung wenig glücklich an. Das Kürzel ist eine sehr bekannte chemische Formel für eine Säure. Das allein wäre aber kein Grund dagegen gewesen, um ein schlagkräftiges Konzept durchzusetzen.

A.T. Kearneys erstes Argument, das zugleich das Wichtigste sein sollte, war die Arbeitsleistung. Bei jeder Empfehlung für amerikanische Betriebe wird kräftig herausgestellt, dass sich eine wirtschaftliche Verbesserung ergibt. Ansonsten braucht man an amerikanische Unternehmen nicht erst heranzutreten.

Im Falle HCL formulierte man das entsprechende Argument so:
HCL besteht hier also aus 2000 lx in der Arbeitsumgebung. Das ist der Wert aus der Studie in einem Volkswagenwerk, über das die Verantowrtlichen heute lieber nicht mehr reden wollen. (mehr dazu hier Leistung, Leistung über Alles! Eine kleine Geschichte aus Hawthorne Works )

Für ein Konzept, das einen deutschen Arbeitgeber überzeugen sollte, sah die obige Rechnung etwas merkwürdig aus:

Musterbetrieb: Fabrik mit 750 Mitarbeitern, die hoch-repetitive Aufgaben wie das Montieren von elektronischen Produkten erledigen. Solche Betriebe sind in Deutschland mit Sicherheit nicht unter den Innovativen zu finden. Wenn man das Wort „elektronisch“ durch „elektrisch“ ersetzt, findet man schon was Passendes: Genau ein solches Werk wurde in den 1920ern in Hawthorne Works untersucht.

Arbeitskosten: Arbeitskosten im Monat von 2685 Euro werden bei jedem Kaufmann lautes Gelächter hervorrufen. Im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland liegen die Arbeitskosten pro geleistete Stunde derzeit bei etwa 48,30 €. Also müssten die Arbeitenden rund 56 Stunden im Monat tätig sein. Real sind es 160 bis 184 Stunden.

Allerdings rechnet man für die Kosten nicht nur mit dieser Zahl, die nur die Personalkosten beinhaltet. In der Industrie rechnet man oft mit einem Gemeinkostenzuschlag, der dazu führt, dass eine interne Verrechnungsstunde (inkl. Maschinenanteil) schnell zwischen 80 € und 150 € liegen kann. Bei einer 40-Stunden-Woche (8 Std./Tag) beträgt die Arbeitszeit von 160 bis 184 Stunden. Nehmen wir bei beiden die unteren Werte (80 € und 160 h/M), betragen die Arbeitskosten 12.800 €. Nimmt man die Höchstwerte, sind es 27.600 €. Also das Zehnfache dessen, was A.T. Kearney angesetzt hat. Wie ernst nimmt man einen Berater, der mit solchen Annahmen operiert?

Die wichtigsten Annahmen ergeben also Werte, die ein Kaufmann in einem Betrieb  kaum ernst nehmen kann. Wenn man wirtschaftliche Vorteile geltend machen will, muss man sich aber an kaufmännisch denkende Leute wenden.

Ein anderes Argument richtet sich an die Berater von Schulen. Es basiert auf der Vorstellung, dass man mit HCL Schüler ruhig stellen kann. Also wird gezeigt, wie sich eine HCL-Beleuchtung rechnet:

Arbeitskosten: Pro Lehrenden 2780 € im Monat
Kosteneinsparungen:
- 11,7 Tage Krankschreibung; davon 25% wegen mentaler Belastungen = 2,92 Arbeitstage
- 318.000 € für 53 Kinder mit ADHS im Monat

Das mittlere Bruttogehalt (Median) für vollzeitbeschäftigte Lehrkräfte liegt in Deutschland bei ca. 5.500 € bis 5.600 €. Die Arbeitskosten pro Lehrenden werden aber nicht so gerechnet. Für eine vollzeitbeschäftigte Lehrkraft (Besoldungsgruppe A 13, mittleres Dienstalter) kalkulieren die Finanzministerien der Länder mit Gesamtkosten von etwa 85.000 € bis 105.000 € pro Jahr.

Auch diese Berechnung fällt nicht gerade überzeugend aus. Zudem fehlt die Anwendung. Wie soll ADHS bei Kindern mit der Schulbeleuchtung gemindert werden? Etwa die Lehrerschaft zu Lichttherapeuten schulen?

Wer lange sucht, der findet … nichts. Kearney hat nur Schätzungen für bestimmte Anwendungsfälle skizziert, und versucht, die Vorteile herauszustellen. Wie man aber oben sieht, war die Überzeugungskraft gering. Mehr hat Kearney wohl auch nicht gewollt. Denn die Firma schreibt in ihrem Resümee: „Human Centric Lighting ist die Berücksichtigung visueller und nicht-visueller (biologischer) Bedürfnisse des Menschen bei der Gestaltung von Beleuchtungsanwendungen. …  und erfordert weitere Studien, um mehrere geschätzte Vorteile in wissenschaftlich bestätigte Vorteile umzuwandeln.“ (AT Kearney, 2012, in Quantified benefits of Human Centric Lighting, Final Results, April 2015)

Wie aufwendig wäre es, visuelle und nicht-visuelle (biologische) Bedürfnisse des Menschen bei der Gestaltung von Beleuchtungsanwendungen so zu berücksichtigen, dass man wissenschaftlich bestätigte Vorteile nachweist und diese quantifiziert? Ein Blick in die Beschreibung der Hawthorne-Experimente in Genesis 2.0 genügt, damit man sich lieber mit jedem anderen wissenschaftlichen Problem beschäftigt, nur nicht mit diesem. Denn es war nicht einmal möglich, eine Beziehung zwischen der Beleuchtungsstärke (physikalisch messbar) und Arbeitsleistung in einem trivialen Fall (Fertigung von Elektroteilen) nachzuweisen. Wer beschreibt biologische Bedürfnisse des Menschen und wie man sie berücksichtigt, um wissenschaftlich nachgewiesene Wirkungen zu erzielen? (mehr z.B. unter Warum es derzeit nicht möglich ist, Gesetze und Normen mit Bestimmungen zu Licht zu revidieren)

Zudem hat Kearney deutlich herausgestellt, auf welchen Gebieten man die Vorteile von HCL quantifizieren kann:

  • Die bedeutendsten quantifizierten Vorteile werden in industriellen Segmenten erzielt, da dort Produktivitätssteigerungen einen dominierenden Einfluss haben.
  • Die Bereiche Medizin und Altenpflege weisen weniger attraktive quantifizierte Vorteile auf, da die meisten Einsparungen nicht vom Investor, sondern von anderen Interessengruppen, z. B. Versicherungsgesellschaften, realisiert werden können.

Die Ernte

A.T. Kearney schätzte 2012, dass HCL im Jahre 2020 etwa 0,87 Milliarden € bei einer realistischen Schätzung erzielen könnte und 12,8 Milliarden Euro für den Fall einer Penetration des Gesamtmarkts. Der globale HCL-Markt wird für das Jahr 2025 auf etwa 3,9 bis 4,5 Milliarden USD geschätzt. Rechnet man den europäischen Anteil ein, ergibt sich ein regionales Marktvolumen von ca. 1,4 bis 1,7 Milliarden USD. Der gesamte Beleuchtungsmarkt in Europa wird für 2025 auf ca. 41,7 Milliarden USD (etwa 38,5 Mrd. EUR) geschätzt.

Somit hätte  HCL zwischen 2012 und 2025 ca. 3,6 % des Beleuchtungsmarktes erobert.

Das wäre ein überzeugender Beweis dafür, dass die Wirtschaft nicht die geringste Ahnung von Wirtschaft hat. Denn das White Paper „Gesundes Gebäude“ des  Verbands der Elektro- und Digitalindustrie kommt zu dem Schluss, dass HCL nicht nur zu einem ordentlichen Wachstum im BIP führe, sondern „dass sich die Aufwände für Anschaffung und Betrieb von HCL-Beleuchtungsanlagen durch den auf Seiten der Arbeitskräfte entstehenden Nutzen in relativ kurzer Zeit - meist innerhalb eines Jahres - amortisieren. (White Paper - Gesundes Gebäude: Förderung der physischen, psychischen und sozialen Gesundheit sowie des Wohlbefindens von Menschen durch gebäudetechnische Systeme, ZVEI, 28.05.2024).  Return on investment in weniger als einem Jahr müsste alle anlocken wie Honig die Bären.

Wer dieses optimistische Bild sieht, wird von Beiträgen wie dieser sehr ernüchtert sein: Aus der Traum, Leuchtmittel in Heilmittel umzudeuten. Wer Erfolg ernten will, muss mehr tun als ein Marketingkonzept erstellen zu lassen (s. Autoindustrie). Wer glaubt, die Welt des Lichts so schnell ändern zu können, sollte zuerst in der Bibel lesen (s. Im Anfang waren Götter und Titanen).

Disclaimer: Die in diesem Beitrag benutzten Schätzungen stammen aus unterschiedlichen Quellen. Nur die Zahlen, die in Bezug auf A.T. Kearney genannt werden, stammen aus einem von ZVEI veröffentlichten Dokument.

 

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