Inhalt
ToggleTheorie geht nicht, Praxis weiß nicht
Forschung kann beides.
Anonymus
Zu den Lichttagen
Am 26. und 27. September 2022 fanden die WEIMARER LICHTTAGE statt. Der Veranstaltung war eine lange Liste mit steilen Thesen vorausgeschickt worden. Diese hatte ich vor der Veranstaltung kommentiert. Heute habe ich mir die Liste wieder vorgenommen und meine Kommentare von damals überprüft. Nachfolgend die aktualisierten Kommentare zu den Thesen unter Berücksichtigung des Geschehens in den drei Jahren bis heute.
Die aktuelle Meinungsbildung zum Licht spiegelt nicht den Stand der Wissenschaft wider.
Eigentlich hat die Meinungsbildung zum Licht nie den Stand der Wissenschaft widergespiegelt. Dazu gibt es zu viele Wissenschaften, die sich mit Licht beschäftigen. Der Lauteste gewinnt. Das ist derzeit die Lichttechnik. Sie hat Licht 1924 definiert (!) und behauptet seitdem, die Physik liege falsch mit ihrer Vorstellung vom Licht. Geht’s eine Nummer kleiner? Übrigens, die Bibel kam ohne eine Definition aus.
Vor rund 120 Jahren bildeten Licht und Lichtforschung einen erheblichen Bereich der Physik. Tatsächlich zieht sich die Erforschung des Lichts wie ein goldener Faden durch die Geschichte des Nobelpreises für Physik. Wenn man alle Preise, die etwas mit Licht zu tun hatten, zusammenzählt, kommen etwa 35 bis 45 Nobelpreise zusammen. Übrigens, Albert Einstein bekam seinen Nobelpreis ironischerweise nicht für seine berühmte Relativitätstheorie, sondern für seine Arbeit über das Licht (den photoelektrischen Effekt).
Licht hat auch fundamentale Auswirkungen auf lebende Organismen, was ebenfalls mehrfach gewürdigt wurde.
Lichttherapie (1903 - Niels Ryberg Finsen): Finsen erhielt den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für die Heilwirkung bei Lupus vulgaris.
Die Innere Uhr (2017 - Hall, Rosbash, Young): Dieser Preis wurde für die Entdeckung der molekularen Mechanismen vergeben, die unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuern. Licht ist hier das entscheidende Signal (Zeitgeber), das die Wirkung auf unsere Zellen und Hormone (wie Melatonin) entfaltet.
Vitamin D (1928 - Adolf Windaus): Windaus erhielt den Chemie-Nobelpreis für die Erforschung von Sterinen und deren Zusammenhang mit Vitaminen. Dabei wurde klar, dass ultraviolettes Licht notwendig ist, um die Vorstufe von Vitamin D im Körper in das aktive Vitamin umzuwandeln.
Was die Lichttechnik zum Stand der Wissenschaft beigetragen hat, behandele ich in Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne. Der Name ist eben Programm. Auf der einen Seite steht die Entwicklung von Leuchtmitteln, die kaum ein Fachmann richtig umreißen kann. Daher meine Meinung: Künstliches Licht wäre einer der wichtigsten Autoren der Industriegeschichte. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass sich Ingenieure mit Narrativen hervorgetan haben, die ich unter xxx anführe.
Die These gilt zwar so nicht. Aber nur weil Licht und Lichtforschung enorm wichtig sind.
Tageslicht ist das bessere Licht.
Wofür? Zwar versucht die Lichttechnik seit 100 Jahren den mittleren Sommertag im Haus zu erzeugen und die Nacht zum Tage zu machen. Damit hat sie aber nur wenig Glück gehabt. Für Arbeitsstätten muss das Tageslicht bevorzugt werden, so sie zur Verfügung steht. Allerdings kann man „Tageslichtautonomie“ in Arbeitsstätten übers Jahr gesehen nicht einmal für 8 Stunden realisieren. Die Gesellschaft will z.T. 24/7 also jeden Tag rund um die Uhr.
Hinzu kommt, dass das Tageslicht im Innenraum weit von dem Licht der Sonne entfernt ist. Wenn sich jemand darauf verlässt, dass die optische Strahlung, die man im Innenraum messen kann, Tageslicht sei, ist er von allen guten Geistern verlassen.
Wir tun gut daran, immer auch an das künstliche Licht zu denken, auch wenn wir der These zustimmen.
Integrierte Planung geht nur mit Lichtplanung.
Integrierte Planung der gebauten Umwelt war einst tatsächlich nur mit Lichtplanung möglich. Sie wurde eben so praktiziert. Die Menschen haben aber dann vergessen, dass Licht den Raum macht. So stellten sie die Beleuchtung ans Ende der Bauplanung und überließen sie die Planung des Lichts eher dem Zufall. Nur etwa 5% großer Bauvorhaben erleben einen Lichtplaner. Der Rest hängt von den Künsten eines Elektroplaners ab.
Der These habe ich nichts hinzuzufügen, außer dass der Begriff einen Konkurrenten hat, integrative Planung. Dieser Begriff entstand zur gleichen Zeit wie “integrierte” Lichtplanung. Keine glückliche Entwicklung!
Lichtplanung der Zukunft ist Grundlage für andere Planungen.
Hoffentlich. In der gesamten Architekturgeschichte war dies weitgehend der Fall, weil die Möglichkeit fehlte, genügend Licht für alle Lebenslagen zu erzeugen. Zudem war künstliches Licht immer mit Wärme, Rauch und Gestank verbunden. Dadurch wurde die Bauplanung von Belichtung und Belüftung dominiert. Zwar können wir heute Licht praktisch ohne all die unangenehmen Nebenwirkungen erstellen. Den menschlichen Bedürfnissen, die mit Licht verbunden sind, kann man aber nur ungenügend Rechnung tragen.
Solche Bedürfnisse wurden in den letzten 25 Jahren in den Vordergrund gestellt. Aber vollmundigen Visionen zum Trotz kam nur wenig bei denen an, die die Beleuchtung von Arbeitsstätten regeln. Außer einem großen Schwenk: Bis 2004 kannte die Arbeitsstättenverordnung Tageslicht nur als Sichtverbindung. Es war keine Beleuchtung. Seitdem steht die Beleuchtung mit Tageslicht an erster Stelle.
DIN-Normen sind kein Maß für Planungen.
Eigentlich wollen sie das sein. U. a. weil der Arbeitsschutz mit einer großen Keule droht, wenn man von den Beleuchtungsnormen (einst DIN 5035, seit 2003 DIN EN 12464-1) abweicht. Seit 1988 (DIN 5035-7) habe ich in der Praxis allerdings keine Beleuchtung gefunden, die die Normen erfüllt hätte. Der Planer muss so tun, als hätte er die Normen verstanden, und er verlässt sich darauf, dass kein Auftraggeber klagt. Sollte einer klagen, findet er kaum einen Gutachter, der so nachmessen kann, dass sein Gutachten recht bekommt.
Bei den Weimarer Lichttagen hat der Lichtplaner Ulf Greiner Mai eine andere juristische Keule gezogen. Ein BGH-Urteil (BGH VII ZR 184/97), das die Bedeutung von Normen des DIN ordentlich stutzt. Greiner Mai erklärt kurz: „LICHTNORMEN“ werden
- von den Verfassern oftmals überschätzt,
- von den Lichtplanenden immer wieder unterschätzt (weil nicht gekannt) und
- von (Ober-)Gerichten regelmäßig nicht als a. a. R. d. T. (allgemein anerkannte Regeln der Technik)
So kann ein Gremium eine Norm wie DIN EN 12464-1 ausarbeiten, die als Regel der Technik gilt, aber für eine juristisch relevante Anerkennung bedarf es einer Übereinkunft der Fachkreise. Diese können Architekten und Gebäudeplaner ebenso sein wie Ingenieure, Elekroplaner sowie spezialisierte Dritte.
In Deutschland ist der Begriff „Allgemein anerkannte Regeln der Technik“ (aaRdT) ein zentraler Rechtsbegriff, besonders im Bauwesen, der Architektur und der Ingenieurtechnik. Man kann sie sich als den „Goldstandard“ der Praxis vorstellen. Eine Regel gilt dann als allgemein anerkannte Regel der Technik, wenn sie:
- Wissenschaftlich theoretisch als richtig gilt.
- In der Fachliteratur und in der Lehre anerkannt ist.
- Sich in der Praxis bewährt hat (also von der Mehrheit der Praktiker angewendet wird).
Dies ist der Mindeststandard, den ein Dienstleister wie ein Lichtplaner einem Kunden schuldet.
Berufsbilder Lichtplaner und Lichtdesigner beinhalten Expertenwissen.
Was denn sonst? Es fragt sich nur, welches Expertenwissen. Und welche Berufsbilder sind gemeint? Die sind doch erst im Entstehen. Die meisten Leute werden nicht einmal einen Unterschied zwischen einem Lichtplaner und einem Lichtdesigner erklären können. Manchmal haben sie sogar recht damit, weil es sich um eine und dieselbe Person handelt.
Und der Lichtplaner müsste den Auftrag bekommen, kreativ zu gestalten. Nicht so leicht, wenn Normen Beleuchtungsstärken bis an Decken und Wänden vorschreiben, die zudem nur scheinbar begründet sind. Man stelle sich vor, einem Architekten würde vorgeschrieben, nur das objektiv Messbare in vorgeschriebener Form nachprüfbar zu bauen.
Die Planung von Licht ist unabhängig von Energieeffizienz.
Die steilste These im ganzen Katalog. Solange es künstliche Beleuchtung gibt, spielt die Energieeffizienz eine zentrale Rolle, sie hört nur auf einen anderen Namen: Lichtausbeute. Man versucht, möglichst viel Licht aus möglichst weniger Energie zu produzieren. Und dies nicht nur zum Energiesparen. Alle Energie, die bei der Lichterzeugung anfällt, macht sich als Wärme störend bemerkbar. Bei der neuesten Technologie, LED wie Licht aus Halbleitern, kann sie auch die Lebensdauer der Technik brutal verkürzen.
Man will gerne suggerieren, dass man eine Planung unabhängig von der Energieeffizienz betreiben könnte. Tatsächlich sollte man bei jeder Planung zunächst die Anforderungen berücksichtigen - z.B. geringstmögliche Fehler bei der Arbeitsausführung - und dann erst diesen mit effizienter Technik entsprechen. Bei der Lichtplanung sind die Anforderungen allerdings sehr schlecht oder gar nicht begründet (z.B. hier oder da). Die Zielgröße bei Planungen ist fast immer die Beleuchtungsstärke und die ist nachweislich für die Lichtqualität fast ohne Bedeutung (z.B. hier oder da oder dort). Kein Mensch kann Beleuchtungsstärke sehen, aber die Elemente, die sie erzeugen. Kein Mensch glaubt, dass sie etwas mit der Anmutung von Räumen zu tun hätte.
HCL ist integrative Lichtplanung.
HCL = human centric lighting ist nur dann integrative Lichtplanung, wenn man darunter versteht, dass neben Sehwirkungen auch gesundheitliche Wirkungen in die Planung der künstlichen Beleuchtung einbezogen werden. Das ist kein Fakt, sondern nur der Definition der integrativen Lichtplanung geschuldet.
Allerdings sagt der relevante ISO-Standard ISO/CIE 21783 dazu aus: Wichtig - Die Vorteile der integrativen Beleuchtung können nur realisiert werden, wenn die von qualifizierten Spezialisten geplant und angewendet wird. Gleichermaßen wichtig ist der korrekte Betrieb des Beleuchtungssystems durch die Beauftragten oder Benutzer. (ISO/TR 21783:2022)
Kein Lichtplaner wird je in der Lage sein, den korrekten Betrieb einer Beleuchtung i.S. nicht-visueller Bedürfnisse des Menschen sicherzustellen. Wo man die vielen qualifizierten Spezialisten hernehmen soll, die für 45 Millionen deutsche Arbeitende gesundes Licht integrativ planen, wüsste ich sehr gern. Die Bauherren eher nicht. Die wissen kaum, was das sein soll.
Lichttechnik ist überlebt.
Kann sein. Auf jeden Fall ist viel lichttechnisches Wissen durch den Übergang zur LED-Technologie obsolet geworden. Vieles ist aber einfach vergessen worden, weil die neuen Macher es gar nicht kennen. Bezeichnend für die Schnarchphase, in der sich viele Institutionen befinden, ist die Neudefinition des Farbwiedergabeindex. Der alte war, wenn man den Gerüchten glauben will, dadurch entstanden, dass man die Testfarben so lange hin und her geschoben hatte, bis die Dreibandenlampe akzeptabel schien. Die Neue will noch anerkannt werden.
Die neuesten Lichtnormen, die von der CEN und der ISO/CIE erstellt wurden, EN 12464-1:2021 und ISO 8995-1:2025, benutzen den altbekannten Farbwiedergabeindex Ra bzw. den speziellen Index Ri. Ergo wird sich daran für 10 Jahre nichts mehr ändern.
Wie überlebt die Lichttechnik in Wirklichkeit ist, wurde auf der Tagung nicht thematisiert. Hier sind zwei Kapitel aus Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne:
Gleiches Licht für alle – ein unglückliches Erbe der 1930er Jahre
Erbschaft der 1920er Jahre – Wo Sie heutiges Wissen bestimmt
Lichtforschung muss neu gedacht werden.
Gibt es die - die Lichtforschung? Ich denke, viele Disziplinen forschen auf Teilgebieten, für die sich die Lichttechnik zuständig erklärt. Derzeit dominieren die Chronobiologen. Das sind meistens Mediziner, aber keine Lichttechniker und auch keine Allgemeinmediziner. Dennoch fühlten sich die Lichttechniker dazu berufen, den Stand der Wissenschaft auf diesem Gebiet zu definieren - das ist ISO/TR 21783. Sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, dass sich andere damit beschäftigen. Ein Novum, dass Angehörige eines Fachgebiets den Stand der Wissenschaft auf einem anderen Fachgebiet definieren. Was Beleuchtung oder Leuchtmittelentwicklung angeht, ist die sog. Lichtforschung sehr schwach auf der Brust. Die Musik spielt sich anderswo ab.
Was auf dem Gebiet des Lichts und im Bereich der CIE geforscht werden soll, wurde in 2023 in CIE Research Strategy (DOI: 10.25039/vudfg44z() beschrieben. Dazu gehört u.a. „Integrative lighting for people”. Die Begründung und die Erklärungen hierzu sind lesenswert. Ebenso wie zu diesem Thema wird großer Raum dem Thema “Measuring, modelling, perceiving, and reproducing colour” gewidmet.
Interessant in diesem Zusammenhang ist CIE 218:2016 “ Research Roadmap for Healthful Interior Lighting Applications”. Darin wurden viele weiße Stellen auf der Karte der bekannten Faktoren entdeckt. Als ich diese in einem Standard anführen wollte, um zu begründen, dass man seinerzeit keine normativen Empfehlungen zu nicht-visuellen Wirkungen von Beleuchtung geben sollte, fand die Leiterin der Kommission, die das Papier verfasst hatte, das sei unfair. Man – also andere als Lichttechniker – solle sich nicht in die Angelegenheiten einmischen, die einen nicht angehen.
Die LiTG ist ein Verein ohne große Aktivitäten.
Die LiTG war tatsächlich über Jahrzehnte paralysiert, weil das Zusammenwirken von universitärer Forschung und der Praxis nicht mehr funktionierte wie einst. Schuld daran war eine Seite, ich hasse es zu sagen, welche diese war. "Wissenschaftliches" versuchte der TWA (Technisch-Wissenschaftlicher Ausschuss) mit eigenen Schriften zu bewerkstelligen. Doch die Firmenvertreter paralysierten sich gegenseitig. Der TWA versuchte, die Berichte in großer Runde zu verfassen. Dabei dachte jeder Firmenvertreter bei jedem Satz daran, ob der den Interessen seiner Firma dienlich wäre. So dauerte es ein Jahrzehnt oder mehr, bis ein gestutztes Papier das Licht der Welt erblicken konnte.
Dieser Zustand entspricht aber seit mindestens 20 Jahren nicht mehr der Realität. Zum einen haben die lichttechnischen Institute der Universitäten die Vergangenheit hinter sich gelassen. Zum anderen hat der TWA meinen Vorschlag akzeptiert, das Vorgehen der Organisation bei der Normenherstellung anzupassen: Der TWA bestimmt, welche Themen bearbeitet werden sollen, und wählt das Autorenteam, das er für geeignet hält. Dieses legt den Entwurf dem TWA vor, der diesen prüft und ggf. freigibt. Seitdem sind ca. 40 Berichte erschienen (etwa zwei pro Jahr), was für einen technisch-wissenschaftlichen Verein bemerkenswert viel ist. Hierunter sind auch richtig dicke Bretter wie ein Bericht zur Lichtqualität. Gerade sind nicht weniger anspruchsvolle Berichte publiziert worden wie „Leistungsbilder Lichtplanung »Tages- und Kunstlicht« oder „Planungshinweise zur Innenraumbeleuchtung mit Tageslicht im Kontext staatlicher Regelwerke und normativer Kriterien“
Die Lichtindustrie ist »zwischen Blech und LED-Bausatz« gefangen.
Deutlicher kann man den Zustand kaum darstellen. "Blech", das waren die Leuchten, in die man Lampen einbaute, damit sie leuchteten. Mancher LED-Bausatz verweigert jede Zusammenarbeit und leuchtet so vor sich hin. Sprich: LED braucht keine Leuchte. So wurde sogar ein langjähriger Pfeiler des lichttechnischen Wissens - die Unterscheidung zwischen Leuchte und Lampe - in Rente geschickt. Das Formen von Licht geschieht nur noch selten in der Leuchtenentwicklung. LED ist halt eine neue Technologie und nicht ein einfacher Wechsel von einer Lampentechnik zur anderen.
Dieser Satz ist eine treffende Metapher für die aktuelle Identitätskrise der Leuchtenhersteller. Er beschreibt das Dilemma zwischen der traditionellen Handwerkskunst (dem Gehäuse) und der hochmodernen Technologie (dem Innenleben). Früher definierten sich Leuchtenhersteller über das Design und die mechanische Fertigung. Das “Innenleben” kam meist von OSRAM oder befreundeten Unternehmen. Dafr durfte OSARM keine Leuchte fertigen. Mit der LED-Revolution wurde das Licht elektronisch. Eine Leuchte ist heute eher mit dem Computer mit Kühlkörper verwandt als mit einem einfachen Möbelstück. Das Herzstück der Leuchte – das Licht selbst – ist heute ein zugekauftes Elektronikmodul. Die Hersteller riskieren, zu reinen „Hüllenbauern“ zu degradiert zu werden.
Das Licht der Zukunft ist gesteuert.
Das ist zunächst ein Wunsch von Technokraten. Weil sich LED gut steuern lassen, muss man sie nicht immer steuern. Eine Steuerung muss einen Sinn für die Benutzer und Betreiber ergeben.
Ansonsten ist der Unterschied gegenüber der Petroleumlampe herzlich gering. Die elektrischen Lichter hatten zunächst Drehschalter, die von der Petroleumlampe übernommen worden waren. Viel später wurden An/Aus-Schalter üblich bzw. Taster, die dasselbe tun. Mehr hat sich da nicht getan. Zumal niemand einsehen will, dass eine "intelligente" Lampe mehr Strom beim Warten verbraucht als beim Leuchten.
Wer nicht technokratisch denkt, meint die persönliche Einflussnahme auf das Licht. Dieses wurde über Jahrzehnte systematisch verhindert. Die Berufsgenossenschaften gerierten sich als Hüter des heiligen Grals und haben versucht, selbst dem Arbeitgeber die Hoheit über die Beleuchtung seiner Arbeitsräume zu entziehen. So durften eine Zeit lang nur Tischleuchten in Betrieb genommen werden, wenn sie sich mit der Allgemeinbeleuchtung zusammen schalten ließen. Solche Strategien sind zu lesen unter
Entmündigung des Benutzers und des Planers
Wer die Zukunft gesteuert sieht und dies mit der Flexibilität der Beleuchtung für das Individuum verbindet, handelt in meinen Augen richtig. Wer die Steuerung des Lichts eher dem Computer oder der Haustechnik überlassen will, sollte sich die Geschichte der intelligent buildings angucken. Sie ist keine Erfolgsstory.
Wann werden Licht-Normen entbehrlich?
Vermutlich nie. Oder es ist längst so weit. Die letzte Version von EN 12464-1:2021 verstehen die eigenen Autoren nicht. Schlimmer noch kann es werden, wenn Lichtplaner versuchen, sie zu verstehen. Die Norm versucht, jegliche kreative Lücke zu stopfen, in der ein Lichtplaner tätig werden kann. Kein Wunder, wenn Planungsnormen für die Beleuchtung von Gremien geschrieben werden, aus denen man die Lichtplaner vergrault hat.
Ich denke, diese ist die letzte Ausgabe einer Beleuchtungsnorm auf der Basis von Beleuchtungsstärken.
Nichtvisuelle Effekte in der Nacht sind geklärt – der Kuchen ist gegessen.
Ich denke, wir fangen gerade an zu verstehen, was diese Effekte sind. Bislang hat man erst Einigkeit darüber, die Effekte mit einem Bindestrich zu schreiben: nicht-visuelle Effekte. Und dass ein enormes Entwicklungspotential grandios vergeigt worden ist. Mehr hier.
Der treffende Kommentar zu dieser These steht in CIE Research Strategy (DOI: 10.25039/vudfg44z(). Zu den Zukunftsthemen gehört u.a. „Integrative lighting for people“.
Am Tag brauchen gesunde Menschen Belichtungszeiten von 2-3 Stunden.
Oder eher 2 1/2? Bereits die Herrscher im Altertum wussten, dass der Lichtentzug den Menschen krank macht. Deswegen ließen sie manche Menschen in dunklen Verliesen verrotten. In der modernen Zeit versuchte die amerikanische Justiz Schwerverbrecher durch Lichtentzug zu zähmen. Das Schicksal von Al Capone in der lichtlosen Zelle von Alcatraz berührte aber viele, so dass Alcatraz geschlossen wurde. Andererseits war zu viel Licht eine besonders perfide Hinrichtungsmethode. Wie lange ein Mensch belichtet werden muss, damit er gesund aufwächst und bleibt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Aber auch die CIE will nicht behaupten, sie wüsste es. In ihrem letzten Positionspapier von 2024 zum richtigen Licht zum richtigen Zeitpunkt bezweifelt sie, ob eine kontinuierliche Belichtung überhaupt Sinn macht: „Die Empfehlung [gemeint ist die Empfehlung der Chronobiologen zum Lichtniveau am Tage] lautet, sich tagsüber kontinuierlich dem Licht auszusetzen, was jedoch schwierig sein kann. Es ist unklar, ob es eine Tageslichtdosis (ausgedrückt vielleicht in lx h) gibt, mit der sich derselbe positive Effekt erzielen lässt. Sollte dies der Fall sein, könnten neue Anwendungsempfehlungen eine intermittierende Exposition gegenüber einem höheren melanopischen EDI anstelle einer kontinuierlichen Exposition vorsehen.“
Lichtplanungen sollten von 1.000 bis 1.500 lx horizontal und von 600 bis 800 lx vertikal am Auge ausgehen.
Schon diese Angaben zeigen, wie fragwürdig das Konzept ist. 1.000 lx oder 1.500 lx am Auge horizontal? Da die menschlichen Augen meistens etwa senkrecht stehen, haben sie nichts von dem Licht, das an denen vorbei fliegt. Der Lichtplaner müsste die ergonomische Blickrichtung in seine Berechnung aufnehmen. Diese ist genormt zu 35° gegenüber der Horizontalen geneigt. Bei stehender Haltung beträgt der Winkel 30°. So gerechnet kommt kein einziger Lichtstrahl direkt von der Leuchte ins Auge.
Bei den Werten für "vertikal" muss sich der Lichtplaner überlegen, welche vertikale Ebene er denn beleuchten will. Es gibt unendlich viele. Welche er davon auch nimmt, es wird immer Menschen geben, die genau in der anderen Richtung sitzen. Das Konzept ist - sagen wir mal netterweise - ausbaufähig.
Für die „Belichtung“ eines Menschen sind die Begriffe horizontal oder vertikal weitgehend nutzlos. Bei der künstlichen Beleuchtung kommt alles Licht aus der Decke. Die prägende Lichtrichtung ist also senkrecht nach unten. Da die Leuchten auch schräg abstrahlen, ergibt sich daraus rechnerisch eine Vertikalbeleuchtungsstärke. Ein Lichtmesskopf wird auch reflektiertes Licht dazu zählen. Dummerweise spielt diese Komponente bei der meist beabsichtigten Wirkung, bei der Modellierung von Gesichtern, eine andere Rolle. Welche Rolle die beiden bei der „circadianen“ Belichtung für eine Rolle spielen, weiß man nicht so genau. Bekannt ist, dass die hierfür verantwortlichen Empfänger im Auge unten sitzen und somit für das Licht empfindlicher reagieren, das oberhalb der Horizontalen kommt.
Anders das Tageslicht. In fast jeder deutschen Arbeitsstätte erzeugt es eine höhere Vertikalbeleuchtungsstärke. Diese geht aber nicht so in die Planung ein. Man rechnet sie um in die Horizontalbeleuchtungsstärke und sieht dann sehr klein aus. Lichtplaner sollten mit diesen Begriffen und Zahlen sehr vorsichtig sein.
Tageslicht reicht mit viel Aufenthalt im Außenbereich aus.
Hier ist wohl die circadiane Wirkung gemeint. Ich denke, bereits relativ wenige Aufenthalte im Freien zur richtigen Zeit reichen aus. Aber die Wirkungen von Tageslicht auf circadiane Wirkungen zu verkürzen, könnte allerdings eine der dümmsten Ideen sein, denen man folgen kann.
Die zweite Wirkung, die physiologisch sehr bedeutsam ist, betrifft die Vitamin-D-Bildung. Diese wird nicht von dem Tageslicht, das man in Räumen findet, angeregt, sondern vom UV-Licht, das man aus den Innenräumen fernhält. Wenn es die Rede ist von Wirkungen des Tageslichts, dann muss man zwischen innen und außen differenzieren. In unseren Breitengraden muss man auch die Tageszeit und die Jahreszeit berücksichtigen.
Tageslichtaufenthalte sind immer mit einer Exposition zu Wärme oder Kälte verbunden. Deren Wirkungen gleich man meist mit der Kleidung aus, wenn sie länger andauern. Dies ändert auch die Lichtwirkungen.
Dynamisches Kunstlicht bringt keine messbaren Vorteile.
Sagt wer? Ich kenne viele, die das Gegenteil behaupten. Es ist wahr, dass man die Wirkungen nicht mit dem Zollstock messen kann. Dass keine Vorteile vorhanden sind, würde ich erst dann glauben, wenn man den theoretischen Hintergrund widerlegen kann.
Ein solches Statement kann sich nur auf Arbeitsumgebungen beziehen, in denen man eigentlich nur wenig Spielraum hat, die Eigenschaften der Beleuchtung zu ändern. Wenn eine Beleuchtungsanlage nur 500 lx erzeugt, lässt sich die Beleuchtungsstärke nur wenig senken, um eine „Dynamik“ zu simulieren. Die Lichtfarbe lässt sich wesentlich stärker zwischen 2700 K und über 6504 K oder mehr relativ simpel ändern, wenn nicht die Nachbarn daran stören. Wesentliche Änderungen an der Lichtrichtung sind schlecht möglich, weil die meisten Leuchtkörper unbeweglich sind.
Wenn ich mir die mögliche Dynamik der künstlichen Beleuchtung und die Dynamik des Tageslichts an fensternahen Arbeitsplätzen angucke, entdecke ich nur schwer nennenswerte Vorteile durch die Technik.
Licht ist Lebensmittel.
Und mehr. Es ist jedenfalls wichtiger als Wasser oder Luft, ohne die man bekanntlich nicht leben kann. Diese sind für Lebensprozesse unentbehrlich, sie steuern aber nicht die Lebensprozesse. Licht tut es.
Man könnte hinzufügen, dass Licht Medizin ist, was ebenso zutrifft. Die Frage ist, was der Lichtplaner aus dieser Erkenntnis machen kann.


Eine Antwort auf „Weimarer Lichttage – nachbelichtet“