Weimarer Lichttage – nachbelichtet

Theorie geht nicht, Praxis weiß nicht
Forschung kann beides.

Anonymus

Zu den Lichttagen

Am 26. und  27. September 2022 fanden die WEIMARER LICHTTAGE statt. Der Veranstaltung war eine lange Liste mit steilen Thesen vorausgeschickt worden. Diese hatte ich vor der Veranstaltung kommentiert. Heute habe ich mir die Liste wieder vorgenommen und meine Kommentare von damals überprüft. Nachfolgend die aktualisierten Kommentare zu den Thesen unter Berücksichtigung des Geschehens in den drei Jahren bis heute.

Die aktuelle Meinungsbildung zum Licht spiegelt nicht den Stand der Wissenschaft wider.

Eigentlich hat die Meinungsbildung zum Licht nie den Stand der Wissenschaft widergespiegelt. Dazu gibt es zu viele Wissenschaften, die sich mit Licht beschäftigen. Der Lauteste gewinnt. Das ist derzeit die Lichttechnik. Sie hat Licht 1924 definiert (!) und behauptet seitdem, die Physik liege falsch mit ihrer Vorstellung vom Licht. Geht’s eine Nummer kleiner? Übrigens, die Bibel kam ohne eine Definition aus.

Tageslicht ist das bessere Licht.

Wofür? Zwar versucht die Lichttechnik seit 100 Jahren den mittleren Sommertag im Haus zu erzeugen und die Nacht zum Tage zu machen. Damit hat sie aber nur wenig Glück gehabt. Für Arbeitsstätten muss das Tageslicht bevorzugt werden, so sie zur Verfügung steht. Allerdings kann man „Tageslichtautonomie“ in Arbeitsstätten übers Jahr gesehen nicht einmal für 8 Stunden realisieren. Die Gesellschaft will z.T. 24/7 also jeden Tag rund um die Uhr.

Integrierte Planung geht nur mit Lichtplanung.

Integrierte Planung der gebauten Umwelt war einst tatsächlich nur mit Lichtplanung möglich. Sie wurde eben so praktiziert. Die Menschen haben aber dann vergessen, dass Licht den Raum macht. So stellten sie die Beleuchtung ans Ende der Bauplanung und überließen sie die Planung des Lichts eher dem Zufall. Nur etwa 5% großer Bauvorhaben erleben einen Lichtplaner. Der Rest hängt von den Künsten eines Elektroplaners ab.

Der These habe ich nichts hinzuzufügen, außer dass der Begriff einen Konkurrenten hat, integrative Planung. Dieser Begriff entstand zur gleichen Zeit wie “integrierte” Lichtplanung. Keine glückliche Entwicklung!

Lichtplanung der Zukunft ist Grundlage für andere Planungen.

Hoffentlich. In der gesamten Architekturgeschichte war dies weitgehend der Fall, weil die Möglichkeit fehlte, genügend Licht für alle Lebenslagen zu erzeugen. Zudem war künstliches Licht immer mit Wärme, Rauch und Gestank verbunden. Dadurch wurde die Bauplanung von Belichtung und Belüftung dominiert. Zwar können wir heute Licht praktisch ohne all die unangenehmen Nebenwirkungen erstellen. Den menschlichen Bedürfnissen, die mit Licht verbunden sind, kann man aber nur ungenügend Rechnung tragen.

DIN-Normen sind kein Maß für Planungen.

Eigentlich wollen sie das sein. U. a. weil der Arbeitsschutz mit einer großen Keule droht, wenn man von den Beleuchtungsnormen (einst DIN 5035, seit 2003 DIN EN 12464-1) abweicht. Seit 1988 (DIN 5035-7) habe ich in der Praxis allerdings keine Beleuchtung gefunden, die die Normen erfüllt hätte. Der Planer muss so tun, als hätte er die Normen verstanden, und er verlässt sich darauf, dass kein Auftraggeber klagt. Sollte einer klagen, findet er kaum einen Gutachter, der so nachmessen kann, dass sein Gutachten recht bekommt.

Berufsbilder Lichtplaner und Lichtdesigner beinhalten Expertenwissen.

Was denn sonst? Es fragt sich nur, welches Expertenwissen. Und welche Berufsbilder sind gemeint? Die sind doch erst im Entstehen. Die meisten Leute werden nicht einmal einen Unterschied zwischen einem Lichtplaner und einem Lichtdesigner erklären können. Manchmal haben sie sogar recht damit, weil es sich um eine und dieselbe Person handelt.

Die Planung von Licht ist unabhängig von Energieeffizienz.

Die steilste These im ganzen Katalog. Solange es künstliche Beleuchtung gibt, spielt die Energieeffizienz eine zentrale Rolle, sie hört nur auf einen anderen Namen: Lichtausbeute. Man versucht, möglichst viel Licht aus möglichst weniger Energie zu produzieren. Und dies nicht nur zum Energiesparen. Alle Energie, die bei der Lichterzeugung anfällt, macht sich als Wärme störend bemerkbar. Bei der neuesten Technologie, LED wie Licht aus Halbleitern, kann sie auch die Lebensdauer der Technik brutal verkürzen.

HCL ist integrative Lichtplanung.

HCL = human centric lighting ist nur dann integrative Lichtplanung, wenn man darunter versteht, dass neben Sehwirkungen auch gesundheitliche Wirkungen in die Planung der künstlichen Beleuchtung einbezogen werden. Das ist kein Fakt, sondern nur der Definition der integrativen Lichtplanung geschuldet.

Lichttechnik ist überlebt.

Kann sein. Auf jeden Fall ist viel lichttechnisches Wissen durch den Übergang zur LED-Technologie obsolet geworden. Vieles ist aber einfach vergessen worden, weil die neuen Macher es gar nicht kennen. Bezeichnend für die Schnarchphase, in der sich viele Institutionen befinden, ist die Neudefinition des Farbwiedergabeindex. Der alte war, wenn man den Gerüchten glauben will, dadurch entstanden, dass man die Testfarben so lange hin und her geschoben hatte, bis die Dreibandenlampe akzeptabel schien. Die Neue will noch anerkannt werden.

Lichtforschung muss neu gedacht werden.

Gibt es die - die Lichtforschung? Ich denke, viele Disziplinen forschen auf Teilgebieten, für die sich die Lichttechnik zuständig erklärt. Derzeit dominieren die Chronobiologen. Das sind meistens Mediziner, aber keine Lichttechniker und auch keine Allgemeinmediziner. Dennoch fühlten sich die Lichttechniker dazu berufen, den Stand der Wissenschaft auf diesem Gebiet zu definieren - das ist ISO/TR 21783. Sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, dass sich andere damit beschäftigen. Ein Novum, dass Angehörige eines Fachgebiets den Stand der Wissenschaft auf einem anderen Fachgebiet definieren. Was Beleuchtung oder Leuchtmittelentwicklung angeht, ist die sog. Lichtforschung sehr schwach auf der Brust. Die Musik spielt sich anderswo ab.

Die LiTG ist ein Verein ohne große Aktivitäten.

Die LiTG war tatsächlich über Jahrzehnte paralysiert, weil das Zusammenwirken von universitärer Forschung und der Praxis nicht mehr funktionierte wie einst. Schuld daran war eine Seite, ich hasse es zu sagen, welche diese war. "Wissenschaftliches" versuchte der TWA (Technisch-Wissenschaftlicher Ausschuss) mit eigenen Schriften zu bewerkstelligen. Doch die Firmenvertreter paralysierten sich gegenseitig. Der TWA versuchte, die Berichte in großer Runde zu verfassen. Dabei dachte jeder Firmenvertreter bei jedem Satz daran, ob der den Interessen seiner Firma dienlich wäre. So dauerte es ein Jahrzehnt oder mehr, bis ein gestutztes Papier das Licht der Welt erblicken konnte.

Die Lichtindustrie ist »zwischen Blech und LED-Bausatz« gefangen.

Deutlicher kann man den Zustand kaum darstellen. "Blech", das waren die Leuchten, in die man Lampen einbaute, damit sie leuchteten. Mancher LED-Bausatz verweigert jede Zusammenarbeit und leuchtet so vor sich hin. Sprich: LED braucht keine Leuchte. So wurde sogar ein langjähriger Pfeiler des lichttechnischen Wissens - die Unterscheidung zwischen Leuchte und Lampe - in Rente geschickt. Das Formen von Licht geschieht nur noch selten in der Leuchtenentwicklung. LED ist halt eine neue Technologie und nicht ein einfacher Wechsel von einer Lampentechnik zur anderen.

Das Licht der Zukunft ist gesteuert.

Das ist zunächst ein Wunsch von Technokraten. Weil sich LED gut steuern lassen, muss man sie nicht immer steuern. Eine Steuerung muss einen Sinn für die Benutzer und Betreiber ergeben.

Wann werden Licht-Normen entbehrlich?

Vermutlich nie. Oder es ist längst so weit. Die letzte Version von EN 12464-1:2021 verstehen die eigenen Autoren nicht. Schlimmer noch kann es werden, wenn Lichtplaner versuchen, sie zu verstehen. Die Norm versucht, jegliche kreative Lücke zu stopfen, in der ein Lichtplaner tätig werden kann. Kein Wunder, wenn Planungsnormen für die Beleuchtung von Gremien geschrieben werden, aus denen man die Lichtplaner vergrault hat.

Ich denke, diese ist die letzte Ausgabe einer Beleuchtungsnorm auf der Basis von Beleuchtungsstärken.

Nichtvisuelle Effekte in der Nacht sind geklärt – der Kuchen ist gegessen.

Ich denke, wir fangen gerade an zu verstehen, was diese Effekte sind. Bislang hat man erst Einigkeit darüber, die Effekte mit einem Bindestrich zu schreiben: nicht-visuelle Effekte. Und dass ein enormes Entwicklungspotential grandios vergeigt worden ist. Mehr hier.

Der treffende Kommentar zu dieser These steht in CIE Research Strategy  (DOI: 10.25039/vudfg44z(). Zu den Zukunftsthemen gehört u.a. „Integrative lighting for people“.

Am Tag brauchen gesunde Menschen Belichtungszeiten von 2-3 Stunden.

Oder eher 2 1/2? Bereits die Herrscher im Altertum wussten, dass der Lichtentzug den Menschen krank macht. Deswegen ließen sie manche Menschen in dunklen Verliesen verrotten. In der modernen Zeit versuchte die amerikanische Justiz Schwerverbrecher durch Lichtentzug zu zähmen. Das Schicksal von Al Capone in der lichtlosen Zelle von Alcatraz berührte aber viele, so dass Alcatraz geschlossen wurde. Andererseits war zu viel Licht eine besonders perfide Hinrichtungsmethode. Wie lange ein Mensch belichtet werden muss, damit er gesund aufwächst und bleibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Lichtplanungen sollten von 1.000 bis 1.500 lx horizontal und von 600 bis 800 lx vertikal am Auge ausgehen.

Schon diese Angaben zeigen, wie fragwürdig das Konzept ist. 1.000 lx oder 1.500 lx am Auge horizontal? Da die menschlichen Augen meistens etwa senkrecht stehen, haben sie nichts von dem Licht, das an denen vorbei fliegt. Der Lichtplaner müsste die ergonomische Blickrichtung in seine Berechnung aufnehmen. Diese ist genormt zu 35° gegenüber der Horizontalen geneigt. Bei stehender Haltung beträgt der Winkel 30°. So gerechnet kommt kein einziger Lichtstrahl direkt von der Leuchte ins Auge.

Tageslicht reicht mit viel Aufenthalt im Außenbereich aus.

Hier ist wohl die circadiane Wirkung gemeint. Ich denke, bereits relativ wenige Aufenthalte im Freien zur richtigen Zeit reichen aus. Aber die Wirkungen von Tageslicht auf circadiane Wirkungen zu verkürzen, könnte allerdings eine der dümmsten Ideen sein, denen man folgen kann.

Dynamisches Kunstlicht bringt keine messbaren Vorteile.

Sagt wer? Ich kenne viele, die das Gegenteil behaupten. Es ist wahr, dass man die Wirkungen nicht mit dem Zollstock messen kann. Dass keine Vorteile vorhanden sind, würde ich erst dann glauben, wenn man den theoretischen Hintergrund widerlegen kann.

Licht ist Lebensmittel.

Und mehr. Es ist jedenfalls wichtiger als Wasser oder Luft, ohne die man bekanntlich nicht leben kann. Diese sind für Lebensprozesse unentbehrlich, sie steuern aber nicht die Lebensprozesse. Licht tut es.

Man könnte hinzufügen, dass Licht Medizin ist, was ebenso zutrifft. Die Frage ist, was der Lichtplaner aus dieser Erkenntnis machen kann.

Sichtverbindung und Ausblick: Bedeutung, Faktoren, Qualität und was wir sonst kennen

Nicht nur Häuser wurden hier gebaut, sondern ein neuer Typ Mensch:
frei, im Licht und im Einklang mit der Form.
Eine Beschreibung der Gartenstadt Hellerau

Allgemeines

Die visuelle Verbindung zum Außenbereich übt nachweislich zahlreiche positive Auswirkungen auf die Arbeitenden und sonstigen Insassen der Räume aus, zu denen eine verbesserte subjektive Gesundheit, gesteigertes  Wohlbefinden, positivere Emotionen und eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit, höhere Zufriedenheit mit der Umgebung, bessere Behaglichkeit sowie Stressabbau gehören.

Diese Wirkungen sind durch zahlreiche wissenschaftliche Studien ermittelt und nachgewiesen worden. Eine hatte ich am 22. Januar 2025 exemplarisch dargestellt (Licht macht sichtbar, Grün macht lebendig). Andere wurden am Tag davor dargestellt (Wunden, die Licht heilt). Im letzten Beitrag  wurden medizinische Heilwirkungen von künstlichen Lichtquellen wie auch „Heilung Jenseits der Physik – Heilende Aussichten“ besprochen. Mit den Aussichten war die Sichtverbindung gemeint.

Dieses Thema wurde von meinem Doktorvater und dem Kollegen Georg Roessler Ende der 1960er Jahre untersucht und wurde 1975 in der Arbeitsstättenverordnung zu einer gesetzlichen Bestimmung. Nachzulesen in z.B. Kompensation statt Kapitulation – Eine kurze Geschichte der Sichtverbindung nach außen. Da das Wort allein wenig aussagt, hat das Arbeitsministerium die erforderliche Qualität der Sichtverbindung in einer Arbeitsstättenrichtlinie ASR 7.1 konkretisiert. Die aktuelle Fassung heißt ASR A3.4. bei deren Erarbeitung ich mitgewirkt habe.  (Ausgabe Mai 2023 download hier.)

Der Sinn der Sichtverbindung nach außen ist nicht, dass sich Arbeitnehmende vor das Fenster setzen und die Aussicht genießen. Es geht darum, sich in der Zeit und im Raum zu orientieren und nicht eingeschlossen zu fühlen. Deswegen wird man in Arbeitsräumen so gut wie niemanden finden, dessen Arbeitsplatz zum Fenster gerichtet ist.

In dem Beitrag Kompensation statt … wird auch dargelegt, warum man nicht immer eine wunderbare Aussicht auf einen Paradiesgarten realisieren kann und was man ggf. tun kann bzw. muss. Wenn man eine Wirkung kompensieren will, muss man sich im Klaren darüber sein, wann und wie sich der Aufwand lohnt. Daher der heutige Beitrag über die „Qualität“ der Sichtverbindung.

Welche Faktoren sind relevant?

In einem Workshop von IES wurde das Thema Sichtverbindung ausführlich behandelt (hier) (Anm.: Der Bericht ist ein Werk von über 40 Autoren, daher entfällt das längere Zitat. Unter dem gegebenen Link ist der komplette Beitrag abrufbar.) Mehrere Passagen daraus habe ich übersetzt. Ich empfehle, den Beitrag komplett zu lesen.

In Europa gilt die Norm DIN EN 17037:2022-5, die Antworten auf diverse Fragen gibt, die die Autoren diskutiert haben. Die Norm beschränkt sich nicht auf den Ausblick, vielmehr behandelt sie die gesamte Tageslichtversorgung. Das Kriterium “View Out” (als "Aussicht” übersetzt) nach DIN EN 17037 ist eines der spannendsten Kapitel, weil es die psychologische Qualität eines Raums bewertet. Es geht nicht nur darum, dass Licht reinkommt, sondern dass der Mensch eine visuelle Verbindung zur Umwelt hat.

Definition

Die Autoren erklären ihr Ziel wie folgt:

Die Aussicht ist ein wünschenswerter Faktor, der in den Prozess einbezogen werden sollte, und die Definition der Qualität der Fensterausblickqualität ist der erste Schritt zu einer solchen Integration. In dem Workshop haben wir die Qualität der Fensteraussicht als die Qualität der visuellen Verbindung zum Außenbereich definiert, die die Gebäudenutzer zufriedenstellt. “

Das Konzept der Qualität der Sichtverbindung ist subjektiv, da es vom Betrachter abhängt und daher von kontextuellen Faktoren beeinflusst wird. Diese Faktoren können physische Eigenschaften des Kontexts (z. B. Klima, Breitengrad, umgebende Landschaft und bebaute Umgebung) oder sozialbezogene Faktoren (z. B. Demografie und kulturelles Umfeld) sein. Somit ist der Begriff zwar im psychologischen Sinne definiert. Für eine Realisierung muss man allerdings zu physikalischen Größen greifen, was ja die deutsche Arbeitsstättenrichtlinie ASR 7.1 1976 getan hatte. Danach zählten zur Sichtverbindung nur durchsichtige Fenster (nicht durchscheinend) in Augenhöhe und nicht Dachoberlichter.

Die Richtigkeit des Konzepts wurde durch mehrere Gerichtsurteile bestätigt. Es ist ein psychologisches Konzept, das eng mit der Beleuchtung zusammenhängt.

Wichtige Faktoren

Inhalt: Der Inhalt bezieht sich auf die Summe der visuellen Merkmale, die in der Fensteransicht zu sehen sind. Fensteransichten, die Natur, drei horizontale Ebenen (d. h. Boden, Landschaft und Himmel), weit entfernte Objekte und Bewegung umfassen, werden oft als qualitativ hochwertiger angesehen.

Aussicht auf die Natur: Die Literatur zeigt, dass sich der Blick auf Grünflächen und Wasserlandschaften positiv auf Menschen auswirkt.

Von Menschen geschaffene Ansichten: Obwohl sich die vorhandene Literatur stark auf die positiven Auswirkungen einer natürlichen Aussicht konzentriert, werden Fensterausblicke, die ästhetisch ansprechende, vom Menschen geschaffene Elemente wie Kunst, Architektur oder Sehenswürdigkeiten enthalten, nur unzureichend berücksichtigt. Die Definition von Schönheit hat im Laufe der Geschichte zu Debatten unter Wissenschaftlern geführt , da sie von der vorherrschenden Kultur und der individuellen Erfahrung abhängt. Zu solchen Ansichten gehören auch simulierte Fenster.

Bewegung in den Ansichten: Dynamische Szenen ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich und werden oft gegenüber statischen Ansichten bevorzugt. Zu den dynamischen Merkmalen in Fensteransichten gehören menschliche Aktivitäten, natürliche Bewegungen (z. B. fallende Blätter) und wetterbedingte Aspekte wie vorbeiziehende Wolken und Tageslichteffekte. Solche Merkmale vermitteln den Gebäudenutzern ein Bewusstsein für ihre Umgebung und eine Verbindung zur Außenwelt. Es gibt sogar simulierte Himmel, die vorbeiziehende Wolken erzeugen. Sie sollen den Menschen den Eindruck vermitteln, draußen zu sitzen. Die erhoffte Wirkung: Im Büroalltag sollen Angestellte wach und konzentriert bleiben.

Zugang: Der Begriff „Zugang“ bezieht sich auf den Umfang der Aussicht, die ein Bewohner von seinem Standort aus hat. Er hängt von der geometrischen Beziehung zwischen den Fenstern und dem Bewohner im Raum ab.

Anzahl der für den Bewohner verfügbaren Ansichten: Basierend auf dem Design der Fenster (z. B. Größe, Seitenverhältnis) und der Position des Betrachters im Raum können Designer die Größe des Fensterausblicks berechnen.

Fassadenfunktionen: Wir müssen die verschiedenen Wirkungen der Fassaden verstehen, die sich auf die Klarheit der Aussicht auswirken können, wie z. B. Blendung, Überhitzung und Privatheit. Fenster haben nicht nur positive Effekte, sondern immer auch problematische Wirkungen, die gegen die positiven abgewogen werden müssen.

Wo liegen die Knackpunkte, was muss getan werden

Inhalt: In dem Workshop wurde dies so thematisiert:  Es fehlen uns Richtlinien oder ein Konsens unter Forschern, um Designteams bei der Bewertung und Priorisierung der relevanten Aspekte zu unterstützen. Beispielsweise müssen wir uns mit der Frage befassen, ob unterschiedliche Formen der Natur oder die Einbeziehung natürlicher Elemente in Innenräumen (z. B. Atrien mit Bäumen) ähnliche Auswirkungen auf die Zufriedenheit der Nutzer haben. Diese Forschungsrichtung könnte besonders nützliche Informationen für die Bewertung der Aussicht von Gebäuden in dicht bebauten städtischen Umgebungen liefern.

Die Bebauungsdichte von urbanen Umgebungen ist ein enormer Wirtschaftsfaktor. Deswegen wurde in den 1960er Jahren für fensterlose Gebäude geworben. Das Bauordnungsrecht als wirksamster Faktor sichert das Bedürfnis zur Kommunikation mit der Umwelt über verschiedene Schutzziele ab. Dabei geht es vor allem um Licht, Luft und Sicht sowie den Schutz vor „Einmauerung“. Die Landesbauordnungen (BauO) sind dazu das wichtigste Werkzeug. Sie schreiben vor, dass vor den Außenwänden von Gebäuden Flächen von oberirdischen Gebäuden freizuhalten sind (§ 6 BauO der Länder).

Nach  DIN EN 17037 sollte ein qualitativ hochwertiger Ausblick die Umwelt "strukturieren". Was hochwertig angesehen wird, wäre nach den Teilnehmern des Workshops Gegenstand künftiger Forschungsarbeit. DIN EN 17037 kategorisiert die relevanten Faktoren in gering – mittel – hoch. Oder sie kategorisiert die Anzahl der sichtbaren Ebenen (Himmel – Landschaft – Boden.

In dem Workshop wurde dies so thematisiert:  Die Definition von Schönheit hat im Laufe der Geschichte immer wieder zu Debatten unter Wissenschaftlern geführt, da sie von der vorherrschenden Kultur und individuellen Erfahrungen abhängt. Die Frage, inwieweit von Menschen geschaffene Artefakte visuell ansprechend sind, ist äußerst komplex und erfordert einen multidisziplinären Ansatz, der beispielsweise die Designwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Philosophie (Ästhetik) und Semiotik umfasst. Es geht letztendlich nicht um Schönheit, sondern um positive Wirkungen auf Rauminsassen, die man gezielt realisieren will, indem die Aussicht ästhetisch wirkt.

Was Bewegungen angeht, scheint die Wissenschaft heute weniger zu wissen als 1970. Heute wird ausgesagt: “Solche Merkmale vermitteln den Gebäudenutzern ein Bewusstsein für ihre Umgebung und eine Verbindung zur Außenwelt. Eine übermäßige Dynamik, definiert durch Ausmaß, Häufigkeit oder Periodizität, kann sich jedoch negativ auf die Nutzer auswirken, beispielsweise auf Schüler in Klassenzimmern. Daher können Fensterausblicke, die kurze Momente des Interesses bieten, ohne übermäßig abzulenken, von Vorteil sein. Dies wirft Fragen hinsichtlich des gewünschten Gleichgewichts der Bewegung innerhalb einer Szene auf.”

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie Roessler die Bedeutung der Veränderlichkeit der Außenwelt untersuchte. Die drei Szenarien, die Roessler untersuchte, waren eine dunkle Mauer des benachbarten Gebäudes, der Blick auf einen Kanal, an dessen Ufern nur wenige Menschen spazieren gingen, und der Blick auf den verkehrsreichsten Platz in Berlin. Sowohl die Mauer als auch der Platz erwiesen sich als ungeeignet, um positive Wirkungen hervorzurufen. So lautete das Ergebnis: Ein Ausblick müsse eine mittlere zeitliche Verschiedenheit aufweisen. Roessler präsentierte dieses Ergebnis in 1971 auf eine Sondertagung der LiTG. Mehr als ein Schmunzeln konnte er damit nicht ernten, der Kongress war eher darauf aus, fensterlose Räume zu diskutieren.

Für den “Zugang” müsste es eine akzeptierte Methode geben. Basierend auf der Gestaltung der Fenster (z. B. Größe, Seitenverhältnis) und der Position des Betrachters im Raum können Designer die Größe des Fensterausblicks berechnen. Basierend auf der Gestaltung der Fenster (z. B. Größe, Seitenverhältnis) und der Position des Betrachters im Raum können Designer die Größe des Fensterausblicks berechnen.

Diesbezügliche Fragen wurden schon zu meiner Studienzeit in den 1960ern beim BRI (Building Research Institute) diskutiert. Sollen die Fenster eher breit sein oder eher hoch? Viele Gebäude der 1970er, deren Architekten breit bevorzugten, wurden als Schießschartenarchitektur verspottet. Derzeit werden in Berlin viele Gebäude mit hohen, schmalen Fenstern gebaut. Die ASR 7.1 1976 spezifizierte technische Details. Ihr Nachfolger, ASR A3.4 2023, geht auf die relevanten Aspekte sehr detailliert ein. Wer nach dieswer ASR baut oder einrichtet, kann sichergehen, dass sämtliche Details zwischen den Sozialpartnern grundlegend diskutiert worden sind.

DIN EN 17037 nimmt hierzu die “horizontale Sichtbreite” zum Maßstab, also die Breite des Sichtfelds.

Richtig knifflig wird es mit den sog. Fassadenfunktionen. Wenn man die Frage, ob die Fenster eher hoch oder eher breit sein sollen, salomonisch löst und einfach große Fenster baut, kann man sich ein Energieproblem ins Haus holen. So gilt ein Tageslichtquotient von 10 oder mehr als Garant für thermische Probleme. Hinzu kommt die Blendung. Diese kann man zwar mit Sonnenschutzeinrichtungen mildern. Die stören aber die Sichtverbindung.

Wählt man gar eine radikale Methode und verspiegelt die Fassade, kann man die ganze Umgebung belästigen. In der Masse durchgefärbte Gläser, die einst  sehr in waren, haben sich in der Sonne aufgewärmt, so dass man ihre warmen Strahlen noch abends genießen konnte. Waren die Fassaden bläulich, konnte man viele Stunden des Tages in einer Gewitterstimmung verbringen. So habe ich in die Norm DIN EN ISO  9241-6 „Leitsätze für die Arbeitsumgebung“ folgenden Satz aufgenommen: „Fensterbehandlungen [gemeint sind Lichtschutzeinrichtungen], die zur Begrenzung der Blendung eingesetzt werden, sollten weder das Farbklima des Arbeitsplatzes noch das visuelle Erscheinungsbild der Außenwelt beeinflussen.“ In der letzten Fassung von ASR A3.4 wird deutlicher formuliert, wann der Arbeitgeber seine Pflicht mit der  Sichtverbindung diesbezüglich ordnungsgemäß erfüllt hat:

„4.2 Als Sichtverbindung dienende Fenster, Türen oder Wandflächen
4.2.1 Beschaffenheit
(1) Die Flächen der Sichtverbindung müssen eine verzerrungsfreie und farbneutrale Durchsicht ermöglichen. Als farbneutral gelten Materialien mit einer Qualität der Farbwiedergabe Ra 90. Als verzerrungsfrei gelten Materialien, durch die hindurch in 10 m Entfernung das Gesicht einer Person zugeordnet werden kann.

(2) Sonnen-, Blend- und Sichtschutzsysteme gelten dann nicht als Einschränkung der Sichtverbindung, wenn diese rückziehbar sind. Sie sollen von den Beschäftigten beeinflussbar sein. …“

Recht und kreativer Umgang damit

Das deutsche Recht hat aufgrund von Erfahrungen über ein Jahrhundert mit der Frage des „Ausblicks“ etliche Pflöcke gerammt, die nichts weniger im Sinn haben, als Sicherheit und sozialen Frieden zu sichern. So dienen die Abstandflächen nicht einem psychologischen Bedürfnis nach Schutz vor Einmauerung. Es geht auch um Belüftung von Aufenthaltsräumen und Brandschutz. Die Regeln verhindern auch, dass man dem Nachbarn buchstäblich „auf den Teller schauen“ kann, was die psychosoziale Kommunikation (Privatsphäre vs. Teilhabe) regelt.

Für Neubauten gibt es ein “Gebot der Rücksichtnahme”. Dieses Gebot ist nicht in einem einzelnen Paragraphen festgeschrieben, sondern leitet sich aus dem Baugesetzbuch (BauGB) ab. Ein Bauvorhaben ist unzulässig, wenn es eine „erdrückende Wirkung“ entfaltet. In den Landesbauordnungen ist festgelegt, dass Aufenthaltsräume unmittelbar ins Freie führende Fenster von ausreichender Größe haben müssen. Diese können auch Fluchtwege sein.

Um heutige Regelwerke wie Gesetze oder Normen zu verstehen, sollte man weit in die Vergangenheit gucken, denn die Probleme sind nicht neu. Sie treffen auch nicht immer andere, sie können morgen früh akut werden, wenn der Nachbar anfängt zu bauen. Einige wichtige Etappen in dem Kampf um Licht in den Städten und Wohnungen, habe ich in Genesis 2.0 dargestellt, so z.B.

Krankheiten der Finsternis - Geschichten aus New York und Chicago

Meanwhile in Old Germany

Nichts geht ohne Vorschriften …

Die Menschen haben zuweilen einen sehr kreativen Umgang mit den Vorschriften an den Tag gelegt. So auch mit der Vorschrift in New York, dass jeder Wohnraum ein Fenster haben muss. Das Ergebnis war eine Gebäudeform, die auch heute noch in New York zu bewundern ist:

Die Gebäude erhielten den Namen Hundeknochen oder Hanteln wegen der Form. Die rot eingezeichneten Fenster guckten zwar ins Freie, aber wenige Meter auf der anderen Seite waren andere Fenster. Der Raum zwischen zwei Hundeknochen war ein Schacht, der bald voll Müll war. So hat man dem Gesetz genüge getan. Aber viel Licht kam nicht in die Wohnungen, weil Licht in einem Schacht nur eine Richtung kennt, nach unten. Bei den schräg eingezeichneten Fenstern konnte man sich die Hand reichen.

In Berlin wurden die Häuser in dem Wilhelminischen Mietkasernengürtel nach anderen Gesetzen optimiert. Die gegenüberstehenden Häuser durften nur so hoch sein, dass ein Haus beim Umfallen nicht das andere treffen konnte. Jedes Haus hatte die gerade nötige Fassadenlänge, weil die Besteuerung danach erfolgte. Nach hinten wurden zwei oder drei breitere Häuser gebaut, mit Höfen dazwischen, die groß genug waren, dass eine Feuerwehrspritze darin drehen konnte.

Eine Einrichtung in diesen Häusern, das Berliner Zimmer, sollte sogar eine Rolle in der Kommunistischen Weltrevolution spielen. Das Berliner Zimmer hat seine Ursprünge bereits im 18. Jahrhundert. Mit der zunehmenden Verdichtung der Berliner Innenstadt wurden Grundstücke immer tiefer bebaut. Zunächst entstanden freistehende Seitenflügel, die nach und nach näher an das Vorderhaus heranrückten. Als Vorderhaus und Seitenflügel schließlich aufeinandertrafen, entstand an dieser Schnittstelle das Berliner Zimmer als Verbindungsglied zwischen den beiden Gebäudeteilen. Das Berliner Zimmer ist eine Besonderheit des Berliner Wohnungsbaus ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Verbot der Hinterhofbebauung im Jahr 1925. Es ist ein Durchgangszimmer, das das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes bzw. den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbindet. Es handelt sich um einen großen Raum, der trotz seiner Größe nur über ein einziges Eckfenster verfügt, das zum Hof hinausgeht und daher, vor allem in den unteren Stockwerken, wenig Licht spendet. Entsprechend schlecht ist auch die Belüftung.

Das hatte Friedrich Engels zu dem Spruch angeregt: „Hier in Berlin hat man das ‚Berliner Zimmer‘ erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit.“  In einem Brief beschrieb er das Berliner Zimmer[i] als „diese in der ganzen anderen übrigen Welt unmögliche Herberge der Finsternis, der stickigen Luft, & des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philistertums. Dank schönstens!

Die Lage des Berliner Zimmers und seines Fensters ist in dem Bild rot eingezeichnet.

Weitere Literatur

Zum Workshop und deren Teilnehmern:

Ko, W. H., Schiavon, S., Altomonte, S., Andersen, M., Batool, A., Browning, W., … Wienold, J. (2022). Window View Quality: Why It Matters and What We Should Do. LEUKOS, 18(3), 259–267. https://doi.org/10.1080/15502724.2022.2055428

Ko, W. H., Kent, M. G., Schiavon, S., Levitt, B., & Betti, G. (2022). A Window View Quality Assessment Framework. LEUKOS18(3), 268–293. https://doi.org/10.1080/15502724.2021.1965889

Matusiak, B. S., & Klöckner, C. A. (2016). How we evaluate the view out through the window. Architectural Science Review59(3), 203–211. https://doi.org/10.1080/00038628.2015.1032879

Meng, X., & Wang, M. (2025). Exploring the health impacts of window views: a literature review. Journal of Asian Architecture and Building Engineering, 24(6), 5080–5103. https://doi.org/10.1080/13467581.2024.2412120

Kim, J., Kral, K., Ko, W. H., Kent, M., Schiavon, S., & Dogan, T. (2025). Window View Satisfaction Assessment Method: A Comparison of Physical Space, Virtual Reality, and Digital Image. LEUKOS, 1–32. https://doi.org/10.1080/15502724.2025.2528893

Abd-Alhamid, F., Kent, M., & Wu, Y. (2024). Assessment of Window Size and Layout Impact on a View Quality Perception in a Virtual Reality Environment. LEUKOS20(3), 239–260. https://doi.org/10.1080/15502724.2023.2262148

Zu Aussagen über die Situation in Deutschland

Sichtverbindung nach außen ASR 7/1 § 7/1 der Arbeitsstättenverordnung

DIN EN 17037 Tageslicht in Gebäuden

Zu DIN EN 17037 Tageslicht in Gebäuden

Jakobiak, R.A. Planungshinweise zur Innenraumbeleuchtung mit Tageslicht im Kontext staatlicher Regelwerke und normativer Kriterien, LiTG-Publikation, 2025 (zum download)

HCL – Traum und Realität

Nichts ist mächtiger als eine Idee,
deren Zeit gekommen ist
Victor Hugo

HC wie human centric

Im Jahr 2012 präsentierte die Unternehmensberatung A.T. Kearney ein Marketingskonzept für “biologisch wirksame Beleuchtung”, das mit dieser Bezeichnung wenig marktwirksam eingeschätzt wurde. Es musste was Schlagkräftiges her. Andere Industrien preisen “menschennahe“ Produkte wie Autos mit einem Konzept an, dessen Name mit „HC“ beginnt – human centric. „Human-Centric“ (menschenzentriert) im Autobau bedeutet kurz gesagt: Das Auto wird um den Menschen herum gebaut, nicht die Technik. Es geht darum, wie sich das Fahrzeug anfühlt, wie es interagiert und wie es das Leben der Insassen verbessert.

Hier einige Aspekte, die zum Erfolg des Konzepts führten:

  1. Intuitive Bedienung (UX/UI - User Experience)

Ein Auto gilt als „human-centric“, wenn man kein Handbuch mehr braucht, um die Klimaanlage zu finden.

  • Minimalismus: Reduzierung von Knöpfen, aber Beibehaltung haptischer Elemente dort, wo sie Sinn ergeben.
  • Sprachsteuerung: Natürliche Dialoge statt starrer Befehle.
  • Adaptive Systeme: Das Auto lernt deine Gewohnheiten (z. B. die Pendelstrecke oder die bevorzugte Sitzheizung bei 5°C).
  1. Wohlbefinden im Innenraum (Cocooning)

Der Innenraum wird zum „Third Living Space“ (neben Zuhause und dem Büro).

  • Biophilic Design: Verwendung natürlicher Materialien (Holz, Wolle, vegane Lederalternativen).
  • Licht & Akustik: Aktive Geräuschunterdrückung und Ambientebeleuchtung, die den Biorhythmus unterstützt.
  • Ergonomie: Sitze, die Verspannungen aktiv vorbeugen und sich perfekt an die Anatomie anpassen.
  1. Sicherheit durch Assistenz

Anstatt den Fahrer zu bevormunden, soll die Technik ihn wie ein „Schutzengel“ begleiten.

  • Vorausschauendes Handeln: Das Auto erkennt Müdigkeit oder medizinische Notfälle durch Sensoren im Innenraum.
  • Stressreduktion: Autonome Fahrfunktionen übernehmen in monotonen Situationen (Stau), damit der Mensch entspannt ankommt.
  1. Inklusivität

Ein menschenzentriertes Design berücksichtigt, dass nicht jeder Nutzer 1,80 m groß und topfit ist.

  • Barrierefreiheit: Einfacher Einstieg für ältere Menschen.
  • Personalisierung: Das Auto erkennt per Gesichtsscan, wer einsteigt, und passt alles (Spiegel, Sitz, Musik, Fahrprofil) sofort an.

Fazit: Beim Autobau geht es weg vom reinen „Transportmittel“ hin zum „Begleiter“. Der Fokus liegt auf der emotionalen Bindung und der Entlastung des Nutzers.

Anwendung des Konzepts auf die Beleuchtung – HCL

HCL = Human Centric Lighting fing schon bei der Namensgebung wenig glücklich an. Das Kürzel ist eine sehr bekannte chemische Formel für eine Säure. Das allein wäre aber kein Grund dagegen gewesen, um ein schlagkräftiges Konzept durchzusetzen.

A.T. Kearneys erstes Argument, das zugleich das Wichtigste sein sollte, war die Arbeitsleistung. Bei jeder Empfehlung für amerikanische Betriebe wird kräftig herausgestellt, dass sich eine wirtschaftliche Verbesserung ergibt. Ansonsten braucht man an amerikanische Unternehmen nicht erst heranzutreten.

Im Falle HCL formulierte man das entsprechende Argument so:
HCL besteht hier also aus 2000 lx in der Arbeitsumgebung. Das ist der Wert aus der Studie in einem Volkswagenwerk, über das die Verantowrtlichen heute lieber nicht mehr reden wollen. (mehr dazu hier Leistung, Leistung über Alles! Eine kleine Geschichte aus Hawthorne Works )

Für ein Konzept, das einen deutschen Arbeitgeber überzeugen sollte, sah die obige Rechnung etwas merkwürdig aus:

Musterbetrieb: Fabrik mit 750 Mitarbeitern, die hoch-repetitive Aufgaben wie das Montieren von elektronischen Produkten erledigen. Solche Betriebe sind in Deutschland mit Sicherheit nicht unter den Innovativen zu finden. Wenn man das Wort „elektronisch“ durch „elektrisch“ ersetzt, findet man schon was Passendes: Genau ein solches Werk wurde in den 1920ern in Hawthorne Works untersucht.

Arbeitskosten: Arbeitskosten im Monat von 2685 Euro werden bei jedem Kaufmann lautes Gelächter hervorrufen. Im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland liegen die Arbeitskosten pro geleistete Stunde derzeit bei etwa 48,30 €. Also müssten die Arbeitenden rund 56 Stunden im Monat tätig sein. Real sind es 160 bis 184 Stunden.

Allerdings rechnet man für die Kosten nicht nur mit dieser Zahl, die nur die Personalkosten beinhaltet. In der Industrie rechnet man oft mit einem Gemeinkostenzuschlag, der dazu führt, dass eine interne Verrechnungsstunde (inkl. Maschinenanteil) schnell zwischen 80 € und 150 € liegen kann. Bei einer 40-Stunden-Woche (8 Std./Tag) beträgt die Arbeitszeit von 160 bis 184 Stunden. Nehmen wir bei beiden die unteren Werte (80 € und 160 h/M), betragen die Arbeitskosten 12.800 €. Nimmt man die Höchstwerte, sind es 27.600 €. Also das Zehnfache dessen, was A.T. Kearney angesetzt hat. Wie ernst nimmt man einen Berater, der mit solchen Annahmen operiert?

Die wichtigsten Annahmen ergeben also Werte, die ein Kaufmann in einem Betrieb  kaum ernst nehmen kann. Wenn man wirtschaftliche Vorteile geltend machen will, muss man sich aber an kaufmännisch denkende Leute wenden.

Ein anderes Argument richtet sich an die Berater von Schulen. Es basiert auf der Vorstellung, dass man mit HCL Schüler ruhig stellen kann. Also wird gezeigt, wie sich eine HCL-Beleuchtung rechnet:

Arbeitskosten: Pro Lehrenden 2780 € im Monat
Kosteneinsparungen:
- 11,7 Tage Krankschreibung; davon 25% wegen mentaler Belastungen = 2,92 Arbeitstage
- 318.000 € für 53 Kinder mit ADHS im Monat

Das mittlere Bruttogehalt (Median) für vollzeitbeschäftigte Lehrkräfte liegt in Deutschland bei ca. 5.500 € bis 5.600 €. Die Arbeitskosten pro Lehrenden werden aber nicht so gerechnet. Für eine vollzeitbeschäftigte Lehrkraft (Besoldungsgruppe A 13, mittleres Dienstalter) kalkulieren die Finanzministerien der Länder mit Gesamtkosten von etwa 85.000 € bis 105.000 € pro Jahr.

Auch diese Berechnung fällt nicht gerade überzeugend aus. Zudem fehlt die Anwendung. Wie soll ADHS bei Kindern mit der Schulbeleuchtung gemindert werden? Etwa die Lehrerschaft zu Lichttherapeuten schulen?

Wer lange sucht, der findet … nichts. Kearney hat nur Schätzungen für bestimmte Anwendungsfälle skizziert, und versucht, die Vorteile herauszustellen. Wie man aber oben sieht, war die Überzeugungskraft gering. Mehr hat Kearney wohl auch nicht gewollt. Denn die Firma schreibt in ihrem Resümee: „Human Centric Lighting ist die Berücksichtigung visueller und nicht-visueller (biologischer) Bedürfnisse des Menschen bei der Gestaltung von Beleuchtungsanwendungen. …  und erfordert weitere Studien, um mehrere geschätzte Vorteile in wissenschaftlich bestätigte Vorteile umzuwandeln.“ (AT Kearney, 2012, in Quantified benefits of Human Centric Lighting, Final Results, April 2015)

Wie aufwendig wäre es, visuelle und nicht-visuelle (biologische) Bedürfnisse des Menschen bei der Gestaltung von Beleuchtungsanwendungen so zu berücksichtigen, dass man wissenschaftlich bestätigte Vorteile nachweist und diese quantifiziert? Ein Blick in die Beschreibung der Hawthorne-Experimente in Genesis 2.0 genügt, damit man sich lieber mit jedem anderen wissenschaftlichen Problem beschäftigt, nur nicht mit diesem. Denn es war nicht einmal möglich, eine Beziehung zwischen der Beleuchtungsstärke (physikalisch messbar) und Arbeitsleistung in einem trivialen Fall (Fertigung von Elektroteilen) nachzuweisen. Wer beschreibt biologische Bedürfnisse des Menschen und wie man sie berücksichtigt, um wissenschaftlich nachgewiesene Wirkungen zu erzielen? (mehr z.B. unter Warum es derzeit nicht möglich ist, Gesetze und Normen mit Bestimmungen zu Licht zu revidieren)

Zudem hat Kearney deutlich herausgestellt, auf welchen Gebieten man die Vorteile von HCL quantifizieren kann:

  • Die bedeutendsten quantifizierten Vorteile werden in industriellen Segmenten erzielt, da dort Produktivitätssteigerungen einen dominierenden Einfluss haben.
  • Die Bereiche Medizin und Altenpflege weisen weniger attraktive quantifizierte Vorteile auf, da die meisten Einsparungen nicht vom Investor, sondern von anderen Interessengruppen, z. B. Versicherungsgesellschaften, realisiert werden können.

Die Ernte

A.T. Kearney schätzte 2012, dass HCL im Jahre 2020 etwa 0,87 Milliarden € bei einer realistischen Schätzung erzielen könnte und 12,8 Milliarden Euro für den Fall einer Penetration des Gesamtmarkts. Der globale HCL-Markt wird für das Jahr 2025 auf etwa 3,9 bis 4,5 Milliarden USD geschätzt. Rechnet man den europäischen Anteil ein, ergibt sich ein regionales Marktvolumen von ca. 1,4 bis 1,7 Milliarden USD. Der gesamte Beleuchtungsmarkt in Europa wird für 2025 auf ca. 41,7 Milliarden USD (etwa 38,5 Mrd. EUR) geschätzt.

Somit hätte  HCL zwischen 2012 und 2025 ca. 3,6 % des Beleuchtungsmarktes erobert.

Das wäre ein überzeugender Beweis dafür, dass die Wirtschaft nicht die geringste Ahnung von Wirtschaft hat. Denn das White Paper „Gesundes Gebäude“ des  Verbands der Elektro- und Digitalindustrie kommt zu dem Schluss, dass HCL nicht nur zu einem ordentlichen Wachstum im BIP führe, sondern „dass sich die Aufwände für Anschaffung und Betrieb von HCL-Beleuchtungsanlagen durch den auf Seiten der Arbeitskräfte entstehenden Nutzen in relativ kurzer Zeit - meist innerhalb eines Jahres - amortisieren. (White Paper - Gesundes Gebäude: Förderung der physischen, psychischen und sozialen Gesundheit sowie des Wohlbefindens von Menschen durch gebäudetechnische Systeme, ZVEI, 28.05.2024).  Return on investment in weniger als einem Jahr müsste alle anlocken wie Honig die Bären.

Wer dieses optimistische Bild sieht, wird von Beiträgen wie dieser sehr ernüchtert sein: Aus der Traum, Leuchtmittel in Heilmittel umzudeuten. Wer Erfolg ernten will, muss mehr tun als ein Marketingkonzept erstellen zu lassen (s. Autoindustrie). Wer glaubt, die Welt des Lichts so schnell ändern zu können, sollte zuerst in der Bibel lesen (s. Im Anfang waren Götter und Titanen).

Disclaimer: Die in diesem Beitrag benutzten Schätzungen stammen aus unterschiedlichen Quellen. Nur die Zahlen, die in Bezug auf A.T. Kearney genannt werden, stammen aus einem von ZVEI veröffentlichten Dokument.

 

Licht für New Work

Nichts ist mächtiger als eine Idee,
deren Zeit gekommen ist
Victor Hugo

Wovon reden wir?

New Work ist die Bezeichnung für einen alten Traum des österreichischen Sozialphilosophen und Anthropologen Frithjof Bergmann (1930–2021), geträumt in Ann Arbor, USA. Bergmann entwickelte das Konzept bereits Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre. Sein Ansatz war eine radikale Antwort auf das herkömmliche Lohnarbeitssystem, das er als veraltet und entfremdend empfand. Im Zentrum von Bergmanns Vision steht nicht etwa das Homeoffice oder der Obstkorb im Büro, sondern eine existenzielle Frage: „Was will ich wirklich, wirklich tun?“

Bergmann vertrat die Ansicht, dass Arbeit den Menschen nicht erschöpfen, sondern ihn stärken und ihm Sinn verleihen sollte. Er unterteilte sein Modell ursprünglich in drei Säulen:

  1. Lohnarbeit: Klassische Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts (durch Automatisierung stark reduziert).
  2. Selbstversorgung/High-Tech-Eigenproduktion:  Nutzung moderner Technologien (z. B. 3D-Drucker), um Dinge selbst herzustellen und unabhängiger vom Markt zu werden.
  3. Arbeit, die man wirklich wil: Tätigkeiten, die der persönlichen Entfaltung und der Gemeinschaft dienen.

In der modernen Arbeitswelt assoziieren wir New Work meist mit:

  • Flexibilität: Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten.
  • Agilität: Flache Hierarchien und eigenverantwortliche Teams.
  • Digitalisierung: Einsatz moderner Tools zur Zusammenarbeit.
  • Purpose: Die Suche nach Sinnhaftigkeit im Job.

Kurz gesagt: In einem klassischen Büro geht es meist nur darum, den Raum hell genug zu bekommen (die typischen 500 Lux). Bei New Work ändern sich aber die Tätigkeiten – wir arbeiten nicht mehr acht Stunden starr am selben Platz. Es wird kollaboriert, entspannt, konzentriert, fokussiert und agil präsentiert.

Die beste Reflexion der Idee des New Work ist Activity Based Working (ABW). Statt einen Büroraum für Heerscharen von Menschen mit gleichartigen Tätigkeiten zu gestalten, richtet man zonenweise  unterschiedliche Bereiche ein, in denen sich Akustik, Klima, Licht nach der jeweiligen Tätigkeit richten.

Bezug zu Licht

Wenn man sich die Beschreibung des Organisationskonzepts anschaut, wird man nicht umhin kommen, dass sich Anhänger des New Work kaum mit Lichtkonzepten zufriedengeben können, die eher ein lästiges Erbe der 1930er Jahre darstellen, so etwa die Allgemeinbeleuchtung. Wenn man sich in Zeitschriften vertieft, die Büroplaner oder Innenarchitekten lesen, wird man keine Deckenleuchten in Zweierformation sehen. Wer eigenverantwortlich arbeitet, wird sich ungern seine Umgebung von Leuten gestalten lassen, über die ein berühmter Architekt einst schrieb: Für sie [Licht-Ingenieure, zumeist Elektrotechniker] gab und gibt es überwiegend nur zwei Kriterien: Die Ausbeute der Lichtmenge gemessen in Lichtstärke und den Aufwand im Verbrauch gemessen in elektrischer Energie. Wir hatten sehr schnell gelernt, dass die Beschränkung auf diese beiden Parameter für die Gestaltung der Architektur und die Erzeugung von Raumstimmung die kurzsichtigsten, um nicht zu sagen unsinnigsten Messgrößen darstellen.“ (Meinhard von Gerkan: „Die Gestaltkraft des Lichts in der Architektur“, in: Flagge, I. (Hrsg.): Jahrbuch Licht und Architektur 2000, Müller, Köln, 2000)

Die Aufgabe für den Lichtplaner wird somit anspruchsvoller. Hat man die Decken der Büroräume jahrzehntelang immer mit zwei Reihen Leuchten parallel zum Fenster gepflastert, bei denen nur die Entfernung der ersten Reihe zum Fenster etwas variierte, muss sich der Lichtplaner bei New Work richtig ins Zeug legen.

Um solche Umgebungen davor zu bewahren, nach der Maxime „hübsch aber funktionell katastrophal“ in Schönheit zu sterben, habe ich in meinem internationalen Normenausschuss eine Normung eingeleitet, die geraume Zeit in Anspruch nehmen wird. Daran arbeiten japanische Wissenschaftler mit einer niederländischen Firma für Büroorganisation und britischen Möbelleuten zusammen.

Raumdesignkonzepte

Moderne Bürokonzepte zielen nicht alle in die gleiche Richtung. Hier die wichtigsten:

Hotelification ist ein Konzept, das Anleihen bei Profis macht, die von Hospitality leben. Eine gelungene Realisierung erlebt man bereits beim Empfang. Kein Stammheim-light, sondern eine einladende Lobby mit Kunstinstallationen, Kaffee-Bars und einem Concierge-ähnlichen Service. Man holt nicht mehr seinen Caddy und lässt sich irgendwo im Großraum an einem der grauen Tische nieder. Die Räume bilden soziale Hubs und Gemeinschaftsflächen. Diese multifunktionalen Zonen fördern spontane Interaktionen, informelle Meetings oder auch Entspannung.

Resimercial Design will die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verschwimmen lassen. Dies führt dazu, dass Büros Merkmale des privaten Wohnraums übernehmen. Die Büros werden bewusst weniger steril und korporativ gestaltet. Man findet weiche Teppiche, bequeme Sofas und Sessel, dekorative Kissen, Bücherregale, und "heimelige" Beleuchtung (Stehleuchten, Tischlampen statt Deckenlicht). Ähnlich wie die verschiedenen Bereiche für unterschiedliche Aktivitäten zu Hause, bieten Büros nun "stille” Räume, Bibliotheken oder Meditationsbereiche an, die eine Flucht aus dem Trubel des Arbeitsalltags ermöglichen.

Collegiate Design oder Learning-Inspired Office Design nimmt Inspiration von der Flexibilität und Vielseitigkeit von Universitäts- und Schulcampus-Umgebungen. Ziel ist es, Arbeitsbereiche zu schaffen, die eine breite Palette an Aktivitäten unterstützen – von konzentrierter Einzelarbeit über kollaborative Teamarbeit bis hin zu informellem Lernen und sozialen Interaktionen. Hier findet man Fokusbereiche, ruhige Orte für konzentriertes Arbeiten, Kollaborationszonen, Bereiche mit flexiblen Möbeln, Whiteboards und Technologie für Teamarbeit und Brainstorming, und soziale und informelle Bereiche, Lounges, Cafés und Pausenräume, die zum Austausch und zur Entspannung einladen.

Was soll anders werden für New Work?

Hierzu kann ich Beispiele angeben, weil die Gesamtheit aller Gestaltungsmerkmale derzeit über 20 Seiten Text in Telegram-Stil füllt.

Flexibilität für agile Setups

Wenn Möbel rollbar sind und Wände verschoben werden, darf das Licht nicht festgeschraubt sein. Beispiele sind:

  • Stehleuchten statt Deckenraster: Moderne LED-Stehleuchten mit Präsenz- und Tageslichtsensoren sind ideal, weil sie mit dem Arbeitsplatz „mitwandern“ können.
  • Schienensysteme (Track Lighting): Ermöglichen sie, Strahler je nach Bedarf neu zu positionieren?
  • Zonale Beleuchtung: Wenn Möbel und Wände verschiebbar sind, müssen nicht unbedingt die Leuchten mitwandern, es geht auch, wenn sich die Charakteristik der Beleuchtung lokal verändern lässt. Dies hat die LED-Technik sehr erleichtert.
  • Mobile Akkuleuchten:Diese können frei im Raum platziert werden, wenn Teams Tische für ein Projekt zusammenschieben.

Die „Video-Call“-Tauglichkeit

In Zeiten von Hybrid Work finden ständig Videokonferenzen statt, die meist unplanbar sind und so bleiben sollen. Viele Teilnehmer wirken bei solchen Anlässen wie Silhouetten im Zeugenschutzprogramm. Die Kamera verrät, warum die übliche Bürobeleuchtung eine lausige Qualität hat. Statt Führungslichts von etwa vorn („key-light“) bekommt man welches von oben. Das Aufhelllicht, ein weicheres Licht, das die Schatten verringert, die das Führungslicht erzeugt, fehlt meist ganz. Und das Spitzlicht, das einen vor dem Hintergrund hervorhebt, muss man lange suchen.

  • Das Problem: Harte Schatten von oben (Deckenleuchten) lassen Gesichter müde oder finster wirken. Wenn man die Gesichter fotografiert, erkennt man die dunklen Augenringe, die nicht von der letzten Nacht stammen.
  • Die Lösung: Indirektes Licht oder vertikale Beleuchtung (Licht auf die Wände), die die Gesichter weich ausleuchtet.
  • Das “Fernsehstudio”: Zu den Video-Calls am Arbeitsplatz können z.B. Beratungs- oder Verkaufsgespräche kommen, die besondere Anforderungen an die Beleuchtung stellen. Dafür müssen bestimmte Bereiche anders beleuchtet werden.

Unsere Videobilder gleichen in der Qualität den ehemals benutzten Passfotos, die man besser niemandem zeigte. Aber die Neuen gehen manchmal um die Welt.

Zonierung statt Einheitsbrei (gleiches Licht für alle Volksgenossen)

New-Work-Flächen sind oft offen gestaltet (Open Spaces). Eine gleichmäßige „Flutlicht-Beleuchtung“ killt die Atmosphäre und die Konzentration. Ein Lichtteppich gilt als ein Hinweis auf eine Beleuchtung von gestern.

  • Fokus-Zonen: Brauchen gerichtetes, blendfreies Licht für tiefe Konzentration.
  • Social Areas / Lounges: Hier darf es gemütlicher sein, mit warmem Licht und dekorativen Leuchten, die eine „Wohnzimmer-Atmosphäre“ schaffen.
  • Meeting-Points: Dynamisches Licht, das Interaktion fördert.
  • Empfangszone: Kein Eingang Stammheim-Light, sondern die Beleuchtung einer einladenden Lobby mit Kunstinstallationen, Kaffee-Bars und einem Concierge-ähnlichen Service

Wie realistisch sind die Vorstellungen zur Beleuchtung von New Work

Es ist zwar nicht lange her, dass sich die lichttechnische Industrie über meine Vorstellungen von einer flexiblen Beleuchtung aufregte, die sowohl dem allgemeinen Befinden als auch dem Sehkomfort dienen sollte. Damals stand in einer Broschüre des ZVEI : „Das [gemeint sind Maßnahmen, die den Sehkomfort erhöhen und die Akzeptanz verbessern würden] kann ohne Frage Komfort und Akzeptanz der Beleuchtung erhöhen – ebenso wie dies eine Couch im Büro oder eine besonders komfortable Sitzgruppe tun würden.“ (aus der Broschüre Lichtforum 28 der Fördergemeinschaft Gutes Licht, Vorgänger von licht.de). Aber die Zeiten haben sich geändert. Gutes Lichtdesign gilt nicht mehr als „Couch im Büro“, sondern als Teil einer ansprechenden Architektur.

Die Denke wurde kräftig gefördert durch eine Krankheit, die die Welt lahm legte und die Menschen zwang, lange zu Hause zu arbeiten. Dabei haben diese zum einen gelernt, dass niemand zwei Reihen Leuchten über dem Kopf mit 500 lx auf dem Tisch braucht. Zum anderen haben die Betreiber oder Vermieter der Büros gelernt, dass die Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden davon „überzeugen“ müssen, auch mal im Büro zu erscheinen. Daher stehen die Zeichen auf Akzeptanz. Denn die Couch und die komfortable Sitzgruppe stehen schon längst da.

Zu guter Letzt soll noch erwähnt werden, dass die einstige strenge Trennung von Wohnraumbeleuchtung (Leuchten eher als Möbel oder Dekoration) und Arbeitsbeleuchtung (Sehobjekte mühelos erkennen lassen) schon länger nicht mehr gilt.

Kann man die Unterschiede zwischen der üblichen Beleuchtung und dem Licht für New Work bildhaft darstellen?

Eigentlich nicht. Man kann zwar schlechte Architektur und schlechtes Licht immer recht erfolgreich verbal erläutern. Aber das Gute lässt sich viel schlechter darstellen. Licht schafft den Raum und lässt sich nur in diesem selbst real erleben. Bilder geben eine Idee, was sein soll. Eine textliche Beschreibung sollte man besser sein lassen.

Spaßeshalber habe ich KI gefragt, was sie unter einer Bürobeleuchtung vorstellt, die man gerade modernisiert hat. Das Ergebnis könnte man in der Praxis durchaus vorfinden.

Was denkt sich die KI aus, wenn ich sie bitte, sie möge mir ein helles Büro zeichnen? Das Ergebnis zeigt ein Büro, das der Arbeitsschutz sofort  wegen Gefahr in Verzug schließen. Reale Büros, die meinen Vorstellungen entsprechen, werden sich irgendwo zwischen den gezeigten Extremen finden.

 

Luxmania – Die elektrische Sonne am Zenit

Wir haben die Technologie von Göttern, aber die Institutionen von mittelalterlichen Menschen und die Instinkte von steinzeitlichen Jägern
Frei nach E.O. Wilson

 

Ein Artikel aus dem Light Magazine 1957 vermittelt ein Gefühl dafür, wie die elektrische Sonne in den Jahrzehnten ihrer Zenit-Wanderung propagiert wurde. Das Thema ist ein 400 fc-Zimmer, also ein Büroraum, in dem die Tische mit 4304 lx beleuchtet wurden (1 fc = 10,76 lx). In der Mitte des Raums wurde 480 fc = 5164,8 lx gemessen. Wenn in Hamburg im November “Schietwetter” herrscht, gibt es mittags 1.000 bis 3.000 lx, an einem leicht bewölkten schönen Novembertag gibt es 5.000 bis 8.000 lx. Ergo hat man das Tageslicht am Mittag übertroffen.

Nicht nur das. Der direkte Vergleich mit den Bedingungen draußen wird fotografisch dokumentiert. Der Kommentar lautet, als hätte Luckiesh ihn selbst geschrieben, draußen wäre es schön gewesen, wäre der Blick in den Westen nicht mit Blendung verbunden gewesen. Man war glücklich, wieder im Büro zu sein, wo man das Licht mit Thyristoren dimmen kann. Hier der Vergleich (bitte nachsehen, dass die Bilder in die Jahre gekommen sind, photoshoppen wollte ich nicht).

Netterweise zeigt der Artikel wichtige Details wie die Leuchtdichte auf dem Schreibtisch mit 300 fL = 1.027,8 cd/m2. Das ist etwa die dreieinhalb-fache Leuchtdichte des Fensters. Die Decke des Raums mit 685 cd/m² schafft es zwar nicht in die Nähe des Mittagshimmels im Sommer, aber mit dem Novemberhimmel in Hamburg bei Schiet-Wetter kann sie es locker aufnehmen.

Jetzt zum nötigen Kleingeld: Diese Musterbude mit einer Fläche von 23,5 m² wurde mit 96 Lampen à 40 W beleuchtet. Die Anschlussleistung wird mit 5.400 W angegeben. Das sind stolze 230 W/m². Heute kommt ein Passivhaus mit einer Heizleistung von 10 – 15 W/m² aus, energiefressender Altbau braucht 100 – 120 W/m² . Die Beleuchtung übertrifft also die Heizleistung für einen schlecht isolierten Altbau um das Doppelte.

Die hier betrachtete Beleuchtung wurde in einem Büro von G.E. installiert. Am Ende des Artikels wird angegeben, dass noch weitere Kandidaten dem 400fc-Club beitreten wollen. Der nächste Kandidat wäre ein Bürohaus der Cleveland Electric Illuminating Company. Wer denkt, dass solche Träume nur in den USA geträumt wurden, irrt. In dem AEG-Labor in Springe stand ein Versuchsraum mit 4.000 lx beleuchtet als Schauobjekt. Der Ersteller dieses Raums baute ein paar Jahre später die Beleuchtung des Großraumbüros des Beamtenheimstättenwerks in Hameln. Er war zeitlebens stolz auf diese Leistung. Er hätte am liebsten alle 4.000 lx installiert, durfte jedoch nur 1.200 lx planen.

Wie hat der Betreiber den Erfolg erlebt? Als wir ihn fragten, ob wir die Beleuchtung untersuchen dürfen, bekamen wir die Antwort: „Bitte sehen Sie davon ab, wir wissen Bescheid.“ Viel deutlicher war eine Teilnehmerin einer Schulung bei einer Berufsgenossenschaft. Sie sagte: „Ich habe nichts mit Beleuchtung zu tun. Mein Vater hat in Hameln gearbeitet und erzählte immer, die Beleuchtung hätte sein Leben ruiniert. Ich will nur erfahren, warum er so was erzählt hat.

Der zitierte Artikel ist im Mai  1957 in den USA erschienen. Zu diesem Zeitraum waren die deutschen Ansprüche noch bescheiden, die LiTG absolvierte gerade ihre 1000-lx-Kampagne. In deutschen Städten veranstalteten die Energieversorger zusammen mit der lichttechnischen Industrie Werbeveranstaltungen für viel Licht (und elektrisches Kochen). Man erzählte, die Amerikaner hätten 10.000 lx im Visier. Zum Glück ist es bei Erzählungen geblieben.

(download Faximile des Artikels)

Wo uns Normen gefehlt haben …

LED ist Lügenlicht.
Glauben Sie keiner Angabe von Zahlen.
Wout van Bommel, 2009

 

In diesem Blog kritisiere ich oft Normen. Wer in meiner Vita nachschaut, findet heraus, dass ich einen Großteil meines Lebens mit der Normung verbracht habe und darauf sogar stolz bin. Denn bei aller Kritik war mir immer bewusst, dass die Situation ohne Normen schlimmer wäre. Bei der LED-Einführung hat nun jedermann erlebt, wie schlimm es ohne Normen kommen kann.

Die Lichttechnik, wie die Elektrotechnik überhaupt, legte immer großen Wert auf Normung von Anbeginn. So hatte die Allgemeinheit die Vorteile der Normung nicht mehr wahrgenommen. Sie hat immer Lampen gekauft, deren Fassung auf den Namen E27 hörte. “E” kommt von Edison, während die Zahl 27 den Außendurchmesser des Gewindes in Millimetern angibt. Sein erstes Patent wurde 1881 erteilt. Um 1900 setzte sich die E27-Fassung in den USA und später in Kontinentaleuropa als dominanter Standard für Haushaltslampen durch.

Wem eine Leuchtstofflampe ausfiel, musste sich nur die Bezeichnung merken und kaufte sich eine neue, die fast so genau aussah und leuchtete wie die alte. Nicht nur das. Eine gewisse Standardisierung ergab sich aus der Tatsache, dass es sich bei den Herstellern um ein Oligopol handelte. So musste niemand alle Teile einer Beleuchtung bei Siemens oder AEG kaufen. Die passten schon aus Gründen der Wirtschaftlichkeit irgendwie zusammen. Nicht so bei LED.

Das Fehlen von Normen in der LED-Beleuchtung (insbesondere in der Anfangsphase der Technologie, aber teils auch heute noch bei Billigimporten) hat weitreichende Konsequenzen für Verbraucher, Planer und die Umwelt. Hier sind die zentralen Folgen einer mangelnden Standardisierung:

Mangelnde Austauschbarkeit (Proprietäre Systeme)

Ohne Normung kocht jeder Hersteller sein eigenes Süppchen, auch wenn er das gar nicht will. Das führt dazu, dass Komponenten oft nicht untereinander kompatibel sind.

  • Kein Standard-Sockel: Während man früher einfach eine "E27-Birne" kaufte, sind viele LED-Module fest in Leuchten verbaut. Ist das Modul defekt, muss oft die gesamte Leuchte entsorgt werden.
  • Treiber-Probleme: Ein LED-Treiber (Netzteil) von Hersteller A passt oft nicht zu den Spannungs- oder Stromanforderungen der LED von Hersteller B.

Unzuverlässige Angaben zur Lebensdauer

Normen wie die IEC 62717 legen fest, wie die Lebensdauer gemessen wird. Ohne diese Standards:

  • Frühausfälle: Hersteller könnten mit 50.000 Stunden werben, obwohl die Elektronik (der Treiber) schon nach 5.000 Stunden aufgibt.
  • Lichtstromdegradation: LEDs werden mit der Zeit dunkler. Ohne Normen gibt es keine klare Angabe darüber, wie viel Helligkeit nach einer bestimmten Zeit noch vorhanden sein muss (z. B. der L70-Wert).

Dieses Problem ist derart gravierend, dass Planer, die eine leuchtende Decke planten, eine entsprechende Zahl LED in einem Saal betrieben, um gleichwertigen Ersatz für ausgefallene Lampen vorrätig zu halten.

Inkonsistente Lichtqualität

Fehlende Normung bei der Farbwiedergabe ($R_a$ oder $CRI$) und der Farbtemperatur führt(e) zu optischen Mängeln:

  • Farbschwankungen: Zwei "warmweiße" Lampen verschiedener Hersteller können völlig unterschiedlich aussehen (eine eher gelblich, die andere grünlich).
  • Binning-Probleme: Ohne enge Toleranzen (Standardisierung des sogenannten "Binnings") variiert das Licht sogar innerhalb einer Produktionscharge eines einzelnen Herstellers.

Das Binning-Problem besteht darin, dass ein Hersteller Leuchtmittel mit einer bestimmten Beschaffenheit nicht gezielt herstellen kann, sondern aus einer Charge aussuchen muss. Er wirft den Rest nicht etwa weg, der wandert zu den billigeren Produkten. Da alles LED heißt, muss der Planer wissen, womit er zu tun hat.

Sicherheitsrisiken und EMV-Störungen

Normen regeln nicht nur das Licht, sondern auch die Elektrotechnik:

  • Elektromagnetische Verträglichkeit (EMV): Nicht genormte Billig-LEDs können das WLAN stören oder ein störendes Surren in Radios verursachen.
  • Flimmern (Flicker): Ohne Grenzwerte für den "Flicker-Index" können LEDs unsichtbar flimmern, was zu Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen oder sogar epileptischen Anfällen führen kann.

Flimmern war in der Lichttechnik seit der breiten Anwendung von elektronischen Vorschaltgeräten kein Thema mehr. Seit der Einführung von LEDs in der Beleuchtung ist Flimmern als Flicker ein heißes Thema, mit dem sich sogar die EU in Brüssel beschäftigen musste. Da auch Fahrzeuge von dem Thema berührt sind, ist flimmerndes LED-Licht auch ein öffentliches Problem geworden.

Nicht, dass LEDs immer flimmern müssen. Man kann sie vollkommen ohne zeitliche Schwankungen betreiben, so durch Gleichstrom oder hochwertige Treiber. In der EU gibt es seit 2021 strengere Grenzwerte (Ökodesign-Richtlinie), die das Flimmern (PstLM- und SVM-Werte) regeln, aber keine Vorschrift, dass LED nicht flimmern darf.

Ökonomische und ökologische Folgen

Obwohl die LED als große Errungenschaft in Sachen Ökologie durch die EU gefördert wurde, weil man damit Strom und somit CO2 spart, hat die fehlende bzw. mangelnde Standardisierung dieser Technik ernsthafte ökonomische und ökologische Folgen. Beispielsweise:

  • Elektroschrott: Die mangelnde Reparierbarkeit (siehe Punkt 1) führt zu einer Wegwerfmentalität, die den ökologischen Vorteil der Energieeffizienz teilweise wieder zunichtemacht.
  • Planungsunsicherheit: Lichtplaner können keine langfristigen Wartungskonzepte erstellen, wenn nicht garantiert ist, dass Ersatzteile in fünf Jahren noch dieselben Spezifikationen haben.

Diese Probleme wurden im Laufe der Jahre gemildert, aber nicht beseitigt.

Verweise auf Beiträge in healthylight.de

Um ein leichtes Lesen zu ermöglichen, habe ich die Verweise auf relevante Beiträge in dem Blog healthylight.de zusammengefasst:

Ein neues Gütezeichen, das nie einer gebraucht hat!

Flicker – das leider allzu bekannte Wesen

Flicker noch mal – Licht und Gesundheit

LED dürfen nicht mehr flimmern - nur noch moderat …

Darf die LED mehr flimmern, weil sie modern ist?

Lang lebe die LED - fragt sich, wie lang

Ach wie schön war es ohne LED - Nostalgie zu Weihnachten

Licht und Altern

Was sind 50.000 Stunden - zum Teufel noch mal?

LED-Lebensdauer - das unbekannte Wesen

Aus der Traum, Leuchtmittel in Heilmittel umzudeuten

Ein Raum ist erst dann heilend,
wenn die Seele vergisst,
dass sie in einem Gebäude ist.
Anonymus

 

Im Jahr 2013 erschien ein neuer Star am Beleuchtungshimmel: HCL. Das ist nicht die chemische Formel für die Salzsäure, sondern Human Centric Lighting. Man wollte damit die sperrige Bezeichnung „biologisch wirksame Beleuchtung“ loswerden. Die war leider zweideutig: Biologisch wirksam ist die Beleuchtung mit UVC-Leuchten. Meist tödlich obendrein.

Der Auftragnehmer, die Beratungsfirma  A.T. Kearney, seit 2020 nur noch Kearney, erfand eine Marketingstrategie für diesbezügliche Produkte. Diese wurde HCL getauft, denn als biologisch wirksam ist Licht seit über einem Jahrhundert bekannt. Kearney ist vermutlich nicht aufgefallen, dass ihre Argumente verdammt prima zu einem der größten Desaster der Wissenschaftsgeschichte passten, den Hawthorne-Experimenten der 1920er Jahre. Diese waren zu guter Letzt auch noch von der lichttechnischen Industrie in Auftrag gegeben worden. So hatte die Katastrophe die Lichttechnik besonders hart getroffen. Bis heute …

Wegen der besonderen Bedeutung habe ich das Thema in einem Kapitel in Genesis 2.0 – Die Schöpfung der elektrischen Sonne behandelt (hier). In healthylight.de durfte das Thema auch nicht fehlen (z.B. hier und da und dort).

Das Konzept wurde von dem Arbeitsschutz heftig kritisiert, weil die Wirkung auf der Beeinflussung von Hormonen der Beschäftigten erfolgen sollte. Die KAN, Kommission Arbeitsschutz und Normung, führte mehrere Symposien durch, um die Belange zu diskutieren. Mir klingt noch in den Ohren, wie vor 10 Jahren ein Arbeitsschützer den Kollegen aus der Lichttechnik öffentlich empfahl, das ganze Ding aufzugeben. (Mehr zu KAN-Stellungnahmen zu dem Thema hier und dort)

Arbeitsschutz ist nicht alles. Und nicht selten entscheiden Menschen oder Betriebe für Dinge, von denen der Arbeitsschutz abrät. Manchmal müssen die Arbeitsschutzbehörden sogar regelrecht  gegen unsinnige, gar gefährliche Praktiken kämpfen. Menschen oder Betriebe müssen nur genug Vorteile entdecken, um selbst von ihnen als sinnvoll erkannte Regeln zu ignorieren. Bei HCl kann man ruhig von einem Scheitern reden, das durch den Unterschied zwischen theoretischem Marketing und praktischer Marktrealität eingetreten ist. Während die Wissenschaft noch über  HCL (Human Centric Lighting) diskutiert, ist es als Massenprodukt für die Elektroindustrie tatsächlich eine Art "stilles Scheitern" geworden.

Es gibt auch gegenteilige Meinungen, die behaupten, HCL sei so erfolgreich, dass es ein HCL 2.0 gibt. Dagegen spricht meine Erfahrung, dass licht.de, die Website des ZVEI, das Thema HCL fast versteckt. Dies bestätigt meine Kenntnisse über die Interna, die nicht in die Allgemeinheit gehören. Nicht zu den Interna gehören die Fakten, dass die Industrie lieber über „Value of Light“ sprechen möchte oder lieber von „integrative lighting“ spricht.

Die Industrie redet nicht mehr gerne darüber, weil das Konzept HCL an vier harten Realitäten zerschellt ist:

Das „Service-Albtraum“-Problem (Komplexität)

HCL ist kein Produkt, sondern ein System. Es ist nicht gelungen, diese Nachricht zu kommunizieren, obwohl licht.de und der Vorgänger, die Fördergemeinschaft Gutes Licht (FGL), eine sehr erfolgreiche Praxis betreiben (s. licht.wissen und FGL-Hefte)

  • Das Problem: Ein Elektriker baut eine Lampe ein, schließt sie an und geht. HCL erfordert aber eine aufwendige Programmierung der Lichtkurven über den gesamten Tag.
  • Die Realität: Oft war die Steuerung nach einem Stromausfall oder einem Software-Update verstellt. Die Nutzer saßen plötzlich mittags im Schummerlicht oder abends im Blaulicht. Die Folge waren endlose Reklamationen, auf die weder der Handwerker noch die Hersteller Lust hatten.

 

Die „Einfach-zu-teuer“-Wand

HCL benötigt teure Treiber, Dual-Color-LEDs (Warmweiß/Kaltweiß) und eine intelligente Steuerung.

  • In Ausschreibungen für Großprojekte war HCL oft das Erste, was dem Rotstiftzum Opfer fiel ("Value Engineering"). Man stellte fest, dass die Mieter zwar "gutes Licht" wollen, aber nicht bereit sind, den massiven Aufpreis für die biologische Wirkung zu zahlen.
  • Neue Gebäude werden spekulativ errichtet, d.h. der spätere Betreiber des Hauses wird erst später bestimmt oder er beteiligt sich nicht an den Kosten der Erstellung. Er zahlt später die Miete. Die Kosten der „gesunden“ Beleuchtung trägt daher der Bauherr. Den Nutzen erntet der Mieter, so er überhaupt entsteht. Die Beleuchtung gilt als Bauprodukt und muss zu einem bestimmten Zeitpunkt während des Baus realisiert werden.

 

Fehlende Normung und Nachweisbarkeit

Die Elektroindustrie liebt Normen mit „knackigen Zahlen“ wie in DIN EN 12464-1. Die lichttechnische Normung der Beleuchtung von Arbeitsstätten gehört seit jeher zum Marketing.

  • Bei HCL ist die Wirkung schwer messbar. Wie beweist man einem Kunden, dass seine Mitarbeiter durch das Licht 5 % weniger krank sind? Da der Effekt erst über Wochen und Monate eintreten kann und von vielen Faktoren abhängt, fehlte der Industrie das schlagkräftige Verkaufsargument ("Return on Investment").
  • Als HCL als Konzept erstellt wurde, gab es für die LED selbst kaum Normen. Man konnte sich nicht einmal darauf verlassen, dass ein Leuchtmittel mit einer bestimmten Bezeichnung nachgekauft werden konnte.

 

Das "Smarte" Missverständnis

Viele Kunden dachten, "Smart Lighting" (per App steuerbar) sei das Gleiche wie HCL.

  • Die „Industrie“ hat den Markt mit billigen, bunt leuchtenden Smart-Home-Lampen geflutet. Das hat das biologisch wirksame HCL-Konzept entwertet. Es wurde zum Spielzeug degradiert, statt als gesundheitsrelevante Infrastruktur wahrgenommen zu werden.
  • Die Industrie ist nämlich nicht dieselbe wie vor der Ära LED. Das gilt auch für den Anwender, der nicht immer den Unterschied zwischen Billigprodukten und Qualitätsware feststellen oder schätzen kann.

 

Die physiologische Enttäuschung

Die Forschung hat gezeigt, dass man für eine echte Melatonin-Beeinflussung am Tag sehr hohe Beleuchtungsstärken (über 1000 Lux am Auge = bis zum Dreifachen horizontal) braucht. Zudem wurde die Beleuchtung am Abend und in der Nacht zu einer Gefahr erklärt. Dazu gehören nicht nur die Beleuchtung, sondern auch das Licht der Bildschirme.

  • Hohe Beleuchtungsstärken am Tage sind energetisch ineffizient und widersprechen den strengen EU-Vorgaben zum Energiesparen. Man kann nicht gleichzeitig massiv Strom sparen und die Büros so hell fluten, dass sie die Mittagssonne simulieren.
  • Wenn man Licht am Abend und in der Nacht zur Gefahr erklärt, muss man eine Lösung für Leute haben, die gerade dann arbeiten wollen bzw. müssen. Etwa 15 % aller Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten regelmäßig am Abend. Das entspricht bei rund 46 Millionen Erwerbstätigen etwa 6,9 Millionen Menschen. Regelmäßige Nachtarbeit ist seltener, betrifft aber immer noch rund 4,6 % der Erwerbstätigen. Das sind etwa 2,1 Millionen Menschen, die arbeiten, während der Rest des Landes schläft. Ein Konzept, das die Interessen von rund 20% der Erwerbstätigen nicht berücksichtigt, aber diesen und ihren Arbeitgebern erklärt, die gängige Praxis gefährde die Gesundheit, ist schwer durchsetzbar.

Fazit: Die Industrie hat HCL still "beerdigt", weil es sich nicht als wartungsfreies Standardprodukt skalieren ließ. Es ist heute ein Nischenprodukt für spezialisierte Kliniken oder Luxusbüros geblieben. Für den Rest der Welt ist es zum "Voodoo" der Lichtbranche geworden – man weiß, dass es irgendwie wirkt, aber keiner will die Verantwortung für die komplexe Technik übernehmen.

Man muss hinzufügen, dass es auch ernsthafte rechtliche Probleme gibt. So muss ein Lichtplaner laut BGB dem Kunden gegenüber die angepeilte Wirkung gewährleisten. Selbst wenn diese Wirkung tatsächlich realisierbar wäre, ist eine Mitwirkung des Betreibers und seiner Mitarbeitenden für den Erfolg entscheidend. Kein Planer wird in dieser Situation die Verantwortung übernehmen können bzw. dürfen.

Wunden, die Licht heilt – zusammengefasst

Ein Raum ist erst dann heilend,
wenn die Seele vergisst,
dass sie in einem Gebäude ist.
Anonymus

Physikalisch nicht messbare Wirkungen

  • Wissenschaftliche Zusammenfassung

Hintergrund

Die physische Umgebung von Patient:innen – insbesondere Tageslicht und Ausblick ins Freie – wird zunehmend als relevanter Einflussfaktor auf den Heilungsverlauf anerkannt. Erkenntnisse stammen vor allem aus der Umweltpsychologie, Medizin und Chronobiologie.

  • Zentrale Studien & Ergebnisse
  1. Einfluss von Naturausblicken auf die Genesung

Ulrich (1984)Science

  • Design: Vergleich von postoperativen Patient:innen mit Blick auf Natur vs. Ziegelwand
  • Ergebnisse:
    • Kürzere Krankenhausaufenthalte
    • Weniger Schmerzmittel
    • Weniger negative Pflegevermerke
  • Bedeutung: Erste evidenzbasierte Studie, die zeigte, dass visuelle Umweltfaktoren messbare medizinische Effekte haben.

Kernaussage:

Ein natürlicher Ausblick beschleunigt die postoperative Erholung signifikant.

  1. Tageslicht und Aufenthaltsdauer im Krankenhaus

Beauchemin & Hays (1996)Journal of Affective Disorders

  • Population: Patient:innen mit schwerer Depression
  • Ergebnisse:
    • Aufenthaltsdauer in sonnigen Zimmern um ca. 2,6 Tage kürzer
  • Mechanismus: Tageslicht beeinflusst den zirkadianen Rhythmus und die Serotoninproduktion.

Kernaussage:

Tageslicht wirkt antidepressiv und verkürzt klinische Behandlungszeiten.

  1. Tageslicht, Schmerzempfinden und Medikation

Walch et al. (2005)Psychosomatic Medicine

  • Design: Vergleich hell vs. dunkel gelegener Krankenzimmer
  • Ergebnisse:
    • Geringerer Schmerzmittelbedarf
    • Niedrigere subjektive Stresswerte
  • Erklärung: Licht beeinflusst die Melatonin- und Cortisolregulation.

Kernaussage:

Helle Räume reduzieren Schmerzempfinden und Stress.

  1. Systematische Übersichtsarbeiten

Ulrich et al. (2008)Health Environments Research & Design Journal

  • Analyse: Mehrere Studien zu Krankenhausdesign
  • Ergebnisse:
    • Tageslicht, Naturbezug und Ausblick korrelieren mit
      1. schnellerer Genesung
      2. geringerer Komplikationsrate
      3. besserem psychischem Wohlbefinden

Kernaussage:

Architektur ist ein aktiver Bestandteil des Heilungsprozesses.

  • Wirkmechanismen (Zusammenfassung)
  • Biologisch:
    • Stabilisierung des zirkadianen Rhythmus
    • Reduktion von Stresshormonen
  • Psychologisch:
    • Positive Emotionen
    • Reduzierte Angst und Wahrnehmung von Schmerz
  • Verhaltensbezogen:
    • Besserer Schlaf
    • Höhere Therapietreue
  • Gesamtfazit

Besserer Ausblick und ausreichendes Tageslicht tragen nachweislich zu einer schnelleren und komplikationsärmeren Gesundung bei.
Diese Effekte sind robust belegt und betreffen sowohl physische als auch psychische Heilungsprozesse.

Licht macht sichtbar, Grün macht lebendig

Licht macht sichtbar,
Grün macht lebendig
Anonymus

Hell gegen Grün – Was ist gesünder?

Gestern untersuchte ich die Wirkung der Aussicht aus einem Krankenzimmer auf den Heilungsverlauf bei frisch operierten Patienten. Die maßgebliche Arbeit hierzu von Ulrich hat die Situation zwischen der Aussicht auf eine Ziegelwand und auf die freie „Natur“ verglichen. Die Natur hat gesiegt.

Leider kann ich mir die Ziegelwand gut vorstellen, aber die “Natur” nicht. Bei manchen Studien bestand sie aus einer Parklandschaft, wie sie im Krankenhausbau über ein Jahrhundert realisiert wurde. Eine Gruppe der Cambridge University hat bei einer Studie die “Natur” etwas näher spezifiziert. Die Aussicht wurde als “grün” (Anteil des Grüns in der Aussicht) und “hell” differenziert. Hell bedeutete eine größere Beleuchtungsstärke des Lichts, das durch die Fenster erzeugt wurde.

Es wurden die Daten von 244 stationären Psychiatriepatienten (Durchschnittsalter 41,8 Jahre; SD = 11,8; 59,8 % weiblich, Aufenthaltsdauer zwischen 7 und 100 Tagen) untersucht, die zwischen Mai 2013 und Oktober 2018 mit affektiven Störungen aufgenommen worden waren. Die Aussicht aus dem Fenster wurde anhand von Bildern aus jedem Zimmer bewertet und in zwei Kategorien unterteilt: Bilder, die künstliche Objekte zeigen, und Bilder, die grüne Bäume zeigen. Der prozentuale Grünanteil in jedem Bild wurde ebenfalls berechnet und als Grünanteil der Aussicht ausgewiesen. Die Helligkeit wurde mit einem Luxmeter gemessen.

Beides, viel “Grün“ und viel „Hell“, führte zu einer Verkürzung der Therapie. Was aber sehr interessant ist, ist die Helligkeit in den Räumen: Wo viel Grün war, war es am dunkelsten.

Die Studie ist hier komplett zu lesen.

Mascherek A, Weber S, Riebandt K, et al. On the relation between a green and bright window view and length of hospital stay in affective disorders. European Psychiatry. 2022;65(1):e21. doi:10.1192/j.eurpsy.2022.9

Wunden, die Licht heilt

Licht ist weit mehr als die Abwesenheit von Dunkelheit:
Es ist Hoffnung, Rhythmus und Heilung.
Anonymus

Wirkungen, die in Sprichwörter eingeflossen sind

Wenn die Rede vom gesunden Licht ist, denken viele an Beleuchtung. Das ist aber nur eine Folge der veröffentlichten Meinung, die die Hersteller dominieren. Lux vita est – Der Slogan der seit 1998 stattfindenden Tagung Licht und Gesundheit (L&G) stammt noch von den Alten Römern. Sie wussten, mit Licht zu heilen.

In deren Land hielt sich der Spruch „Dove non va il sole, va il medico“ (Wo die Sonne nicht hingeht, geht der Arzt hin) bis heute und ist in viele Sprachen migriert. So sagen die Engländer, “Where the sun doesn't go, the doctor does“. Auch das große Epochenwerk des deutschen Naturalismus, „Vor Sonnenaufgang“ von Gerhart Hauptmann (1889), thematisiert den starken Einfluss des Lichts auf den Menschen. In der naturalistischen Literatur wurde die Sonne oft symbolisch als Gegenpol zur „Dunkelheit“ von Krankheit und sozialem Elend verwendet. (s. dazu das Kapitel Krankheiten der Finsternis.)

Jenseits der Sprichwörter und literarischer Verarbeitung

Nüchtern betrachtet …

Die oben skizzierte Historie des Glaubens an die Heilkräfte des Lichts und der Sonne hielt Wissenschaftler nicht davon ab, fensterlose, gar unterirdische Schulen und Krankenhäuser bauen zu wollen, weil man auf diese Weise den Lärm los wird und keine Wärmeenergie verliert:  Ein C.T., Architekturprofessor,  „…bemängelte. dass die „Anhänger von Fenstern“ keinerlei Begründung für Fenster vorbringen können. Aber fensterlose Schulen würden 40% der Heizenergie sparen, mit konstantem Licht die Augen schonen, den Lärm um 35 dB oder mehr reduzieren und Wartungskosten mindern. (Larson, C. T. (1965). The Effect of Windowless Classrooms on Elementary School Children, Michigan Univ., Ann Arbor. Coll. of Architecture and Design.) Das zitierte Werk ist ein Forschungsbericht eines großen Projektes.

Auch wenn die Rolle des Lichts nicht genau kalkuliert wird, kann man bei den Einsparungen bei Wärme (40 %) und Lärm (35 dB(A)) das Ausmaß der beabsichtigten Änderungen abschätzen. In Deutschland entfällt gut die Hälfte des gesamten Endenergieverbrauchs auf die Bereitstellung von Wärme und Kälte. Wärme ist damit der mit Abstand größte Energieposten im Land – noch vor dem Stromverbrauch und dem Verkehrssektor.

Gar fantastisch fällt die “Einsparung” an Lärm. Eine Differenz von 35 dB(A) bedeutet den Faktor 3162 in Schallenergie. Oder den Unterschied zwischen einem Klassenzimmer und einem Konzertsaal.

Licht heilt Krebs – Medizinische Anwendung in PDT

Ein prägnantes Beispiel für den Einsatz von Leuchtmitteln als Heilmethode (PDT = Photodynamic Therapy) liefert der Einsatz von LED-Elementen in der Krebstherapie. In der modernen Krebstherapie spielen LEDs eine zentrale Rolle, allerdings nicht als direktes "Heilmittel" durch bloßes Bestrahlen, sondern als hochpräzise Lichtquelle für photodynamische Verfahren.

Die Wurzeln dieser Anwendung gehen zurück auf den Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Erfindung des Lasers in den 1960ern ermöglichte es, das Licht präzise und intensiv auf das Tumorgewebe zu lenken. Die Zulassung der Verfahren erfolgte in den 1990ern.

Der Einsatz von LEDs (Light Emitting Diodes) bietet gegenüber herkömmlichen Lasern entscheidende Vorteile: Sie sind günstig, entwickeln kaum Hitze und können großflächig oder sogar im Körperinneren eingesetzt werden. das Hauptanwendungsgebiet ist die photodynamische Therapie (PDT). Dabei wird dem Patienten ein spezieller Wirkstoff (Photosensibilisator) verabreicht, der sich bevorzugt in Tumorzellen anreichert. Die betroffene Stelle wird mit LED-Licht einer spezifischen Wellenlänge (meist rot oder blau) bestrahlt. Das Licht aktiviert den Wirkstoff, wodurch aggressiver Sauerstoff (Singulett-Sauerstoff) in der Zelle entsteht. Dieser zerstört die Tumorzelle von innen heraus, während gesundes Gewebe weitgehend geschont wird.

Für Interessenten über Details dazu gebe ich am Ende des Beitrags Literaturhinweise

Mehr zu PDT in Google Scholar mit > 500.000 Fundstellen

Licht heilt Wunden – Photobiomodulation

Dies ist die gängigste Methode, bei der „Strahlung“ zur Heilung genutzt wird. Man verwendet hierbei meist rotes oder nahinfrarotes Licht (Laser oder LED) mit geringer Intensität (Low-Level-Laser-Therapie). Das Licht dringt in das Gewebe ein und wird von den Mitochondrien (den „Kraftwerken“ der Zellen) absorbiert. Dadurch produzieren sie mehr ATP (Energie), was die Zellteilung und Gewebereparatur ankurbelt. Die Strahlung setzt Stickstoffmonoxid (NO) frei, das die Gefäße erweitert und die Durchblutung fördert. Mehr Blut bedeutet mehr Sauerstoff und Nährstoffe an der Wunde. Die Strahlung reduziert Botenstoffe, die Schwellungen und Schmerzen verursachen.

Spezielle Anwendungen sind:

  • WIRA (Wassergefiltertes Infrarot A): Eine spezielle Wärmestrahlung, die besonders tief eindringt, ohne die Hautoberfläche zu verbrennen. Sie wird häufig bei chronischen Wunden eingesetzt.
  • Blaues Licht: Wird häufig zur Desinfektion eingesetzt, da es Bakterien direkt abtötet, ohne die Hautzellen zu schädigen.

Mehr über wIRA, Wirkprinzipien und Wirkungen unter Hoffman, G. Klinische Anwendungen von wassergefiltertem Infrarot A, in Licht und Gesundheit, 6. Symposium, TU Berlin, 2008

Heilung Jenseits der Physik – Heilende Aussichten

Licht muss nicht in der Form einer Strahlung auf die Haut oder eine Wunde fallen, um eine heilende Wirkung hervorzurufen. Es tut dies auch durch die Information, die es trägt. Nicht umsonst gilt die deutsche Vorschrift (ArbStättV § 7.1) zur Sichtverbindung nach außen so erfolgreich, dass alle neuen Gebäudebewertungen für nachhaltiges Bauen sie übernommen haben (link zu dem Beitrag Wer sorgt für ein gesundes Licht im Büro?)

Eine Studie aus dem Feld der Forschung, die unter dem Namen Evidence-Based Design (evidenzbasierte Gestaltung) bekannt ist, zeigt, warum es geht. Die wichtigste und bahnbrechende Studie dazu stammt von dem schwedischen Architekturprofessor Roger Ulrich aus dem Jahr 1984. Sie ist bis heute in 10140 wissenschaftlichen  Artikeln zitiert worden. (download hier)

Das Besondere an der Studie ist, dass viele Verfälschungen von Feldstudien hier vermieden worden sind, weil die Studie retrospektiv durchgeführt wurde. Ulrich hat 1984 Daten aus einem Krankenhaus aus den Jahren von 1972 bis 1981 ausgewertet.

Ulrich untersuchte Aufzeichnungen über die Genesung von Patienten nach einer Cholezystektomie in einem Vor-Ort-Krankenhaus in Pennsylvania zwischen 1972 und 1981, um festzustellen, ob die Zuweisung zu einem Zimmer mit Fensterblick auf eine natürliche Umgebung einen regenerierenden Einfluss haben könnte. Dreiundzwanzig chirurgische Patienten, die Zimmern mit Fenstern mit Blick auf eine natürliche Umgebung zugewiesen wurden, hatten kürzere postoperative Krankenhausaufenthalte, erhielten weniger negative Bewertungen in den Notizen der Krankenschwestern und nahmen weniger starke Schmerzmittel ein als 23 vergleichbare Patienten in ähnlichen Zimmern mit Fenstern, die auf eine Backsteinmauer blickten.

Ulrich teilte die Patienten in zwei Gruppen auf, die in fast identischen Zimmern lagen – mit einem entscheidenden Unterschied:

  1. Gruppe A: Hatte einen Ausblick auf eine kleine Gruppe von Bäumen.
  2. Gruppe B: Hatte einen Ausblick auf eine braune Ziegelmauer.

Die Ergebnisse waren statistisch eindeutig:

  • Schnellere Entlassung: Patienten mit Blick ins Grüne konnten im Schnitt einen Tag früher nach Hause (7,96 Tage vs. 8,70 Tage).
  • Weniger Schmerzmittel: Sie benötigten deutlich weniger starke Analgetika (Schmerzmittel).
  • Bessere Stimmung: Das Pflegepersonal dokumentierte bei den "Naturguckern" weit weniger negative Kommentare wie "verstimmt" oder "ungeduldig".

Die Wissenschaft erklärt diesen Effekt heute durch mehrere psychologische und biologische Faktoren:

  • Stressreduktion (Attention Restoration Theory): Ein Blick in die Natur ist "faszinierend", aber nicht anstrengend. Er erlaubt dem Gehirn, sich vom kognitiven Stress der Krankheit zu erholen. Eine Mauer hingegen bietet keine visuelle Ablenkung und verstärkt das Gefühl des Gefangenseins.
  • Senkung des Cortisolspiegels: Schon drei bis fünf Minuten Betrachten von Natur (auch durch ein Fenster) senken nachweislich den Blutdruck, die Herzrate und das Stresshormon Cortisol.
  • Gefühl von Weite: Ein Blick in die Ferne verhindert den "Hospitalismus" (Depressionen durch Langzeitaufenthalte), da er das Gefühl von Freiheit und eine Verbindung zur Außenwelt aufrechterhält.

Die Studie von Ulrich und weitere Studien führten zu der Entwicklung von "Heilende Architektur". Hierzu muss man allerdings hinzufügen, dass die früheren Krankenhausbauer auch ohne Wissenschaft eine solche Architektur realisiert hatten, z.B. Krankenhaus Westend. Heute DRK Kliniken. Die DRK Kliniken Berlin Westend ist ein Krankenhaus im Berliner Ortsteil Westend und Teil der DRK Kliniken Berlin. Sie ist zudem ein Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité.

Das Krankenhaus entstand ab den 1890er Jahren in mehreren Bauabschnitten und war im Besitz der Stadt Charlottenburg. Das ukb (Unfallkrankenhaus Berlin), das als ein Beispiel für heilende Architektur gilt, ist ebenso in den 1890ern entstanden. Es ist bekannt für seine großzügigen Parkanlagen und die Integration von Kunst und Natur, die besonders in der Rehabilitation wichtig ist.

Insgesamt zeichnet sich die Heilende Architektur durch folgende Merkmale aus:

Licht                        Synchronisation der inneren Uhr durch Tageslicht.

Luft                          Natürliche Belüftung und gute Raumluftqualität.

Farbe                      Warme, erdige Töne statt klinischem Weiß/Blau.

Soziales              Räume, die Begegnung mit der Familie fördern (Social Support).

Literaturangaben

Eine gute Zusammenfassung zu Heilende Architektur findet sich in Wikipedia (hier) https://de.wikipedia.org/wiki/Heilende_Architektur

Zur Ulrich-Studie, ähnlichen Arbeiten und Folgeartikeln hier :
View through a window may influence recovery from surgery

Literatur zu PDT (Beispiele)

  1. Soares da Silva, N. et al. (2024): Photodynamic therapy: challenges and innovations for treating cancer. Erschienen in Frontiers in Oncology. Dieser Artikel beleuchtet moderne technologische Innovationen und die synergetische Wirkung mit anderen Krebstherapien. (mehr hier https://www.elibrary.ru/item.asp?id=79810185)
  2. Alvarez, N; Sevilla, A. (2024): Current Advances in Photodynamic Therapy (PDT) and the Future Potential of PDT-Combinatorial Cancer Therapies. In Frontiers in Oncology. Ein aktueller Überblick über Kombinationen mit Chemotherapie und Radiotherapie zur Überwindung von Resistenzmechanismen. (komplettes Papier hier)
  3. Tanew, A. et al. (2024): Impact of light dose and fluence rate on the efficacy and tolerability of topical 5-ALA PDT. Veröffentlicht im Journal of the European Academy of Dermatology and Venereology (JEADV). Wichtig für die Praxis, da hier untersucht wurde, wie man die Schmerzen während der Behandlung durch optimierte Lichtprotokolle reduzieren kann.

Literatur zu Heilende Architektur

Lawson, Brian: Healing Architecture, 2010 https://doi.org/10.1080/17533010903488517

T SimonsenJ SturgeC Duff Healing architecture. In healthcare: A scoping review

M Ghazaly, D Badokhon, N Alyamani Healing architecture, Civil Engineering and …, 2022  hier