Blendung reloaded

Der sicherste Ort für Schiffe ist der Hafen.
Dafür werden die Schiffe aber nicht gebaut.
Anonymus

Blendung reloaded , kurzgefasst

Der Beitrag untersucht die wissenschaftliche Aussagekraft etablierter Verfahren zur Bewertung psychologischer Blendung in Innenräumen, insbesondere des Unified Glare Rating (UGR). Ausgangspunkt ist die methodische Unterscheidung zwischen Reliabilität, also der Zuverlässigkeit und Wiederholbarkeit einer Messung, und Validität, das heißt ihrer inhaltlichen Gültigkeit. Historisch entstand UGR aus älteren nationalen Modellen wie BGI, VCP und dem Söllner-Verfahren, um eine international einheitliche Bewertung zu ermöglichen. Der Index berücksichtigt Hintergrundleuchtdichte, mittlere Leuchtdichte, Größe und Position von Leuchten. Seine tabellarische Anwendung setzt jedoch standardisierte Raumgeometrien, Reflexionsgrade und regelmäßige Anordnungen eines Leuchtentyps voraus.

Die Analyse zeigt erhebliche Anwendungsgrenzen: Sehr kleine, großflächige oder inhomogen leuchtende Quellen sowie indirekte Beleuchtung werden unzureichend erfasst. Zudem ist UGR keine reine Leuchteneigenschaft, sondern von Raum, Anlage und Beobachterposition abhängig. Besonders problematisch sind große interindividuelle Streuungen in Probandenstudien, die Genauigkeit und Wiederholbarkeit der Blendungsurteile begrenzen. Damit wird bereits die Reliabilität infrage gestellt; ohne hinreichende Reliabilität ist eine Validierung des Verfahrens methodisch nicht möglich. Untersuchungen berichten darüber hinaus eine geringe Übereinstimmung vorhandener Blendindizes mit subjektiven Bewertungen, insbesondere bei komplexen Mehrleuchtensituationen und LED-Systemen.

Die praktischen Folgen reichen über momentanes Unbehagen hinaus. Beschäftigte verändern Beleuchtung, Arbeitsplätze oder Körperhaltung, um Direkt- und Reflexblendung zu vermeiden; mögliche Konsequenzen sind visuelle Ermüdung, Beschwerden des Bewegungsapparats und eine geringe Akzeptanz konventioneller Bürobeleuchtung. Ergebnisse aus Arbeitsumgebungen deuten darauf hin, dass formal gut entblendete Direktbeleuchtung dennoch stärkere Belastungen hervorrufen kann als indirekte oder individuell beeinflussbare Systeme. Eine ausschließlich auf UGR-Grenzwerte gestützte Planung unterschätzt daher die Wechselwirkungen zwischen Blendung, Kontrast, Reflexionen, Flimmern, spektraler Lichtwirkung, Bildschirmarbeit und fehlender Nutzerkontrolle. Erforderlich sind neue Bewertungsansätze, die reale Arbeitsaufgaben, zeitabhängige Belastungen, individuelle Unterschiede und weitere visuelle Stressoren integrieren. Bis zu einer solchen Neuformulierung sollten UGR-Werte nicht als präzise oder universell gültige Komfortkennzahlen interpretiert werden, sondern lediglich als begrenzte Planungsindikatoren innerhalb ihres definierten Anwendungsbereichs.

Blendung reloaded

Zum Thema

Nachdem die CIE in ihrem Standard “Research Roadmap for Healthful Interior Lighting Applications” (CIE 218:2016) die Blendung als eine Art Gesundheitsgefährdung identifiziert hat, wurden Forschungsarbeiten initiiert, um das Thema tiefergehend zu untersuchen.

Bei der 100-Jahr-Feier der LiTG 2012 hatte Völker sogar eine grundlegende Betrachtung des Phänomens gefordert: „Der vorliegende Beitrag zeigt, dass es möglich scheint, die vorhandenen Blendungsbewertungsmodelle auf ein Modell zurückzuführen. Zurzeit fehlen noch einige Einflussgrößen, welche aber bereits in Kürze vorliegen dürften. Diese müssen anschließend für alle Anwendungsfälle (Innen-, Außen-, Kfz-, Sportstättenbeleuchtung, etc.) validiert werden.“ (Stephan Völker: Blendung – Ein Rückblick über 100 Jahre Forschung. Licht 2012 Gemeinschaftstagung)

In dem Buch Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne wurde die Blendung ausführlich betrachtet (Blendung – Was ich schon immer wusste und nie nachfragen wollte). Ein gewichtiger Teil des Kapitels zur Blendung behandelte das Problem der Validität der Blendungsbewertung in der Lichttechnik. Auch wenn die Lichttechnik unter einem generellen Validitätsproblem für alle ihre Größen leidet, weil keine lichttechnische Größe ein physiologisches Äquivalent hat, stellt sich die Frage insbesondere bei der Blendung dar, weil diese als Kenngröße für Leuchten angegeben wird, die eine Empfindung kennzeichnen soll. Was nützt eine Größe, wenn man nicht weiß, was sie bedeutet?

Methodisches

Bei jeder Messgröße, auch bei physikalischen Größen wie Gewicht oder Geschwindigkeit, muss man zunächst die Frage stellen, ob sie zuverlässig ermittelt worden ist. Dies nennt sich für alle Größen Reliabilität. Bei wichtigen Größen wie Zeit oder Gewicht beschäftigen sich mit der Reliabilität der Messung ganze Behörden, allen voran die Physikalisch-technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Die Anstalt ist der Nachfolger der Physikalisch-technischen Reichsanstalt, deren Gründung Werner von Siemens persönlich betrieben hat. Sie gibt die richtige Bestimmung aller wichtigen  Größen an. Staatliche Eichämter, staatliche bzw. behördliche Stellen, sorgen dafür, dass Messgeräte im öffentlichen Bereich korrekt, ehrlich und verlässlich funktionieren.

Reliabilität ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass eine Messgröße überhaupt in Betracht gezogen werden kann. Was nicht zuverlässig und mit einer berechenbaren Genauigkeit gemessen werden kann, verdient keine weitere Beachtung.

Ist eine Größe mit hinreichender Präzision (z.B. 100 g ± 0,5 g) gemessen, also reliabel, stellt sich die Frage, was sie bedeutet. So wird die in Gramm angegebene Größe meist als Gewicht interpretiert. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um die Masse. Diese bleibt überall im Universum gleich, während sich das Gewicht von Ort zu Ort ändert.

Die Bedeutung einer Messgröße nennt man die Validität (= Gültigkeit). So ist die in Gramm gemessene Menge definitionsgemäß die Masse. Da sich auf der Erde das Gewicht relativ wenig von Ort zu Ort ändert, kann man die Messgröße auch als Gewicht interpretieren. So kann man durch die Massenbestimmung auch ein (hinreichend) valides Maß für das Gewicht eines Gegenstandes bekommen.

Bei der Bestimmung der Blendung mit Hilfe von Probanden muss man sich zunächst um die Reliabilität bemühen. D.h., wenn man heute in Berlin die Blendung einer Beleuchtung mit einer Gruppe von Menschen bestimmt, muss die Bewertung der gleichen Technik an jedem Ort der Welt und zu jeder Zeit dasselbe Ergebnis bringen.

Hat man ein solches reliables[1] Instrument entwickelt, was z.B. der Blendungsskala nach Hopkinson oder nach de Boer nachgesagt wird, stellt sich die Frage der Validität. Welche Empfindung misst die de Boer-Skala? Die Antwort könnte heißen: Die de-Boer-Skala misst die Stärke der Störung durch eine Beleuchtung.

Eine weitergehende Interpretation der Störung erhält keinen methodischen Namen mehr. Es sei denn, man möchte die Ermüdung messen, die durch die Blendung verursacht wird. Oder weitere Folgen.

Zum UGR-Verfahren

Das UGR-Verfahren ist das heute gültige, in der Normung eingesetzte Blendungsbewertungsverfahren. Es wurde aus den in mehreren Ländern üblichen Verfahren auf dem Papier zusammengesetzt. Es bewertet die sog. psychologische Blendung. Sofern man eine Blendungserscheinung mit physiologischen Phänomenen erklären konnte, wurde die Blendung “physiologisch“ genannt. Jede Lichterzeugung kann mit einer Blendung verbunden sein. Das gilt selbst für angenehme Lichter wie das der Kerze. Auch das von vielen hochgeschätzte Lagerfeuer erzeugt neben Licht und Wärme auch Blendung. Die Lichttechnik entschied sich sehr früh, die negativen Erscheinungen als Blendung zu erklären und diese gezielt zu vermeiden. Dafür muss die Blendung der Lichtquellen systematisch bewertet werden.

Die Blendungsbewertung erhielt in den 1940er Jahren eine neue Bedeutung für die Hersteller von Lampen und Leuchten, weil eine neue Generation von Lampen die Arbeitswelt eroberte, die Quecksilberdampfniederdrucklampe. Sie wurde in der Technik Leuchtstofflampe genannt, im Volksmund hieß sie Neonlampe.

Eines der ersten Blendungsbewertungsverfahren wurde von der Building Research Station (BRS) in Großbritannien entwickelt, der British Glare Index (BGI). Es beruhte auf einer empirischen Formel zur Addition der Blendwirkung aller im Gesichtsfeld befindlichen Lichtquellen.

In den USA und Nordamerika war (und ist teilweise noch) das VCP-Verfahren (VCP = Visual Comfort Probability, also die Wahrscheinlichkeit für den visuellen Komfort, was das auch sein mag) der verankerte Standard der IESNA (Illuminating Engineering Society of North America). VCP drückt die Blendungsbewertung als Prozentwert aus. Ein VCP-Wert von z. B. 70 bedeutet, dass voraussichtlich 70 % der Raumnutzer die Beleuchtungsanlage hinsichtlich der Blendung als komfortabel bzw. nicht störend empfinden.[2] Das VCP-System ist das mathematische und empirische Ergebnis der Forschungen von Guth. Guth legte in den 1940er- bis 1960er-Jahren am Nela Park Lighting Institute von General Electric die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen das VCP-Verfahren als US-Standard (durch die IESNA) aufgebaut wurde.

Das ursprüngliche System von Guth lieferte einen abstrakten Indexwert für die Blendung, die eine Lichtquelle im Raum verursachte. Um daraus ein praxistaugliches Bewertungsverfahren für Lichtplaner zu machen, wurde in den 1960er-Jahren daraus das VCP-System geformt.

Einen anderen Weg nahm man in Deutschland, wo die Hersteller eine Kennzeichnung ihrer Leuchten anstrebten. Die Absicht war, Güteklassen für Leuchten zu etablieren (Klassen 1, 2 und 3), so wurde in Deutschland, Österreich und vielen europäischen Ländern das nach H. Söllner benannte Verfahren über Jahrzehnte der maßgebliche Standard (verankert u. a. in der alten DIN 5035). Es ermittelte die psychologische Blendung über das sogenannte Söllner-Diagramm. Das Söllner-Verfahren bewertete lediglich die Einzelleuchte und das Entblendungsverhalten einer gesamten regelmäßigen Leuchtenanordnung in einem Raum. Die tatsächliche Raumgeometrie, die Anzahl der Leuchten im Raum oder die Reflexionsgrade von Decken und Wänden wurden im Gegensatz zum UGR-Verfahren nicht dynamisch verrechnet. Dies entsprach durchaus den Zielen der Industrie, die Leuchten mit einer Güteklasse bezüglich Blendung vertreiben wollte.[3]

Die scheinbare Vielfalt an Blendungsbewertungsverfahren war hinderlich für einen weltweiten Handel mit Leuchten. Dies ist umso schlimmer, weil die lichttechnische Größe, die für die Blendung maßgeblich erachtet wurde, die Leuchtdichte einer Leuchte aus einer bestimmten Blickrichtung, bis heute nicht messbar ist. Theoretisch kann man die räumliche Verteilung der Leuchtdichte jedes Objekts messen, wenn man die notwendigen Mittel besitzt. Leider ergibt sich daraus eine große Datenmenge, die recht schlecht handhabbar ist. Daraus entstand der Wunsch der CIE, zunächst eine einheitliche Methode zu finden, um die Blendung zu bewerten. Daher der Name UGR für das zu findende Verfahren. UGR bedeutet unified glare rating, d.h. die vereinheitlichte Blendungbewertung.

Der UGR-Wert beschreibt die Gesamtwirkung aller im Raum befindlichen Leuchten auf das Auge einer Person. Er errechnet sich über eine Formel, in der die Hintergrundleuchtdichte, die mittlere Leuchtdichte[4] der leuchtenden Fläche der jeweiligen Leuchte in Richtung des Betrachters und deren Ausdehnung sowie die Position im Raum berücksichtigt werden.

Die Berechnung kann mit einem Computerprogramm vorgenommen werden (z.B. DIALux oder Relux). Daraus ergibt sich immer noch keine Größe, mit deren Hilfe man unterschiedliche Anlagen schnell vergleichen kann. Daher wurde nach dem Wunsch der Hersteller ein Tabellenverfahren mit standardisierten UGR-Tabellen  entwickelt. Es geht von einem rechteckigen Raum mit festen Reflexionsgraden (z. B. Decke 70 %, Wand 50 %, Boden 20 %) aus. Das Ergebnis ist aussagekräftig nur für regelmäßige Rasteranordnungen eines einzelnen Leuchtentyps und nur dann, wenn die Leuchtdichte recht gleichmäßig ist.

Kritik an der Mechanik des Verfahrens

Das UGR-Verfahren erlaubt es nicht, beliebige Beleuchtungsanlagen miteinander zu vergleichen. Die wichtigsten bekannten Kritikpunkte sind:

  • Sehr kleine / punktförmige Lichtquellen: Für extrem kleine Hochleistungs-LEDs oder Spotlights überschätzt die Formel die Blendung, weshalb sie formell nicht angewendet werden darf.
  • Großflächige Lichtquellen: Lichtdecken oder breitflächig leuchtende Segmente fallen ebenfalls außerhalb des Anwendungsbereichs klassischer UGR-Tabellen.
  • Indirekte Beleuchtung wird nicht erfasst.
  • Inhomogene Oberflächen: Leuchten mit punktueller Leuchtdichteverteilung (z. B. klare Linsenraster vor einzelnen LEDs) werden durch die gemittelte Leuchtdichte nicht realitätsnah erfasst.
  • UGR ist KEINE reine Leuchteneigenschaft, wird aber als solche verkauft: Häufig wird z. geworben mit "UGR < 19 Leuchte". Physikalisch ist UGR jedoch eine Raum- und Anlageneigenschaft. Eine Leuchte kann in einem kleinen, dunklen Raum den Wert 19 überschreiten, während sie in einem großen, hellen Büro darunter bleibt.

 

Die angeführten Kritikpunkte gehen allerdings davon aus, dass die Bestimmung des UGR-Wertes ein valides Verfahren ist. Wie schon angeführt, bestehen daran nicht nur Zweifel.

Reliabilität der Blendungsbewertung

Die Erfassung der Reaktionen der Probanden auf die Blendung erfolgt auf einer simplen eindimensionalen Skala. Sie ist bei allen Verfahren ähnlich aufgebaut und besitzt einen Mittelpunkt, dessen Name die Absicht der Forschenden verrät. Beispielsweise sieht die in der Straßenbeleuchtung häufig benutzte de-Boer-Skala wie folgt aus:

Der Proband sitzt meist in einem leeren Raum und wird gebeten, die empfundene Störung durch eine Leuchte auf dieser Skala zu markieren. Die Mitte der Skala heißt hier “gerade zulässig”, bei Guth und Hopkinson hieß sie BCD = border between comfort and discomfort, also die Grenze zwischen behaglich und unbehaglich. Warum jemand eine Störung als zulässig erachten soll, erschließt sich mir nicht.

Unten im Bild sind zwei Untersuchungsräume abgebildet, deren Alter sich um mehrere Jahrzehnte unterscheidet:

Links ist die Versuchsanordnung zu sehen, die von Forschenden wie Guth benutzt wurde. Rechts ist eine Anordnung zu sehen, die nach 2010 in Deutschland benutzt wurde.

Wenn ein Mensch in einem dieser Räume sitzend etwas bewerten soll, das ein Gefühl der Behaglichkeit (visual comfort = visuelle Behaglichkeit) ausdrückt, muss ihm sehr genau gesagt werden, was er denn beurteilen soll. Wenn einem dabei noch der Kopf fixiert wird (im rechten Bild deutlich erkennbar), ist es sehr schwierig, sich ein Gefühl der Behaglichkeit überhaupt vorzustellen.

Probandenstudien zeigen regelmäßig, dass bei exakt demselben UGR-Wert im Raum die Bewertung unterschiedlicher Personen enorm schwankt – von "völlig unproblematisch" bis "störend blendend". Das war bei den Vorgängerversionen der Blendungsbewertung nicht anders. So wird in der LiTG-Schrift zum UGR-Verfahren ausgesagt: “Es ist auch anzumerken, dass bei der Bewertung von Blendsituationen durch Beobachterkollektive große Streuungen auftreten, die nur eine begrenzte Genauigkeit und Wiederholbarkeit der Ergebnisse zulassen.” (Das UGR-Verfahren, LiTG-Publikation 20:2003).

Diese Aussage bedeutet schlicht, dass die LiTG-Fachleute, die das UGR-Verfahren beurteilt haben, die Reliabilität der Verfahren zur Blendungsbewertung eher verneinen.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle aufhören und von weiteren Betrachtungen absehen. Denn was nicht reliabel gemessen werden kann, kann nicht validiert werden. Dummerweise wird das die Fachleute nicht davon abhalten, immer wieder die gleichen Untersuchungen anzustellen. Zudem geben die Hersteller den UGR-Wert in ihren Katalogen sogar dreistellig an und täuschen eine Genauigkeit einer Messgröße vor, die man nicht einmal zuverlässig ermitteln kann.

Zur Validität der Blendungsbewertung

Hierzu sagt das folgende Statement sehr viel aus: Die psychologische Blendung ist eine extrem bedeutsame Eigenschaft der künstlichen Beleuchtung, aber ein schlecht verstandener Begriff. Die in der Praxis eingesetzten Verfahren sind veraltet und nachweislich nicht valide. Dies gilt für die früher entwickelten Verfahren aus den 1940er- bis 1960er-Jahren genauso wie für das aus ihnen abgeleitete UGR-Verfahren.

Untersuchungen zur Validität der UGR-Werte ergeben ein recht vernichtendes Urteil wie das folgende Beispiel: „Blendungsmodelle wurden nach fehlenden Untersuchungsbedingungen und Inkonsistenzen geprüft. Es wurden Mehrdeutigkeiten gefunden, wie die Einbeziehung von kleinen und großen Blendquellen und was überhaupt eine Blendquelle in komplexen Situationen mit mehreren Leuchten ist. … Die Blendungsmodelle wurden umgerechnet, um mit den Vorhersagen von 1949 von Luckiesh und Guth verglichen zu werden. Die Modelle zeigten eine geringe Aussagekraft. Wenn man Blendung in komplexeren Situationen [mehrere Leuchten, d. Autor] bewerten will, müssen die Modelle grundsätzlich neu formuliert werden.“

Clear, R. D. Discomfort glare: What do we actually know?, Lighting Research and Technology, 2012,  link

Noch etwas schärfer fiel die Kritik einer Studie aus, die die Anwendbarkeit der Verfahren auf LED-Beleuchtungen prüfte: „Existierende Blendindizes entsprechen nicht hinreichend den subjektiven Bewertungen.“ (Geerdinck, L.: Glare perception in terms of acceptance and comfort, Universität Eindhoven, 2012, Masterarbeit, Download hier)

Etwa gleich alt wie diese Aussage ist die Feststellung von Stephan Völker, Professor für Lichttechnik an der TU Berlin (Stephan Völker: Blendung – Ein Rückblick über 100 Jahre Forschung. Licht 2012 Gemeinschaftstagung): „Der vorliegende Beitrag zeigt, dass es möglich scheint, die vorhandenen Blendungsbewertungsmodelle auf ein Modell zurückzuführen. Zurzeit fehlen noch einige Einflussgrößen, welche aber bereits in Kürze vorliegen dürften. Diese müssen anschließend für alle Anwendungsfälle (Innen-, Außen-, Kfz-, Sportstättenbeleuchtung, etc.) validiert werden.“ Tröstlich zu hören, dass man nach 100 Jahren hofft, in Kürze einige Einflussgrößen zu finden. Dann wird man, - hoffentlich – die Methode validieren. Im Jahr 2026 spricht wenig dafür, dass man dies erreicht haben könnte.

Es spricht auch wenig dafür, dass es je gelingen wird, wenn man die Methode nicht ändert. Denn die psychologische Blendung wird in Räumen ermittelt, in denen keine Arbeit stattfindet und daher keine Augenbelastung vorhanden ist. Was mag ein Wert für eine Behaglichkeit wert sein, wenn man ihn ohne Stress, Ermüdung, Augenbelastung u.Ä. ermittelt?

Diese Kritik umfasst nicht alles, was die Wertigkeit der psychologischen Blendung in Frage stellt. Denn bei der Arbeit ist der Mensch diversen Erscheinungen ausgeliefert, die sich wie eine Blendung auswirken, d.h. das Sehen beeinträchtigen. Diese werden in dem Kapitel Was nicht als Blendung zählt, aber dennoch belastet ausführlich behandelt. Das sind Erscheinungen wie Verlust an Farben, Kontrastverlust oder Glanz, auf die der Mensch ähnlich reagiert wie auf Blendung.

Solche Erscheinungen wurden mit der Einführung von Bildschirmen in der Arbeitswelt zu Hauptbelastungen, deren Wirkungen man in der Augenheilkunde DES wie digital eye syndrome nennt. Das Phänomen wurde in den USA im Jahr 1995 von der American Optometric Association (AOA) unter dem Begriff Computer Vision Syndrome (CVS) als eigenständiges medizinisches Krankheitsbild definiert und klassifiziert.

Mit dem Aufkommen von Smartphones, Tablets und E-Readern erweiterte die US-Organisation The Vision Council Anfang der 2010er-Jahre den Begriff zu Digital Eye Strain (DES) bzw. Digital Eye Syndrome. Der Begriff beschreibt den symptomischen Komplex aus Sehstress, trockenen Augen, verschwommenem Sehen und Nackenschmerzen durch langanhaltende Bildschirmarbeit.

Während ein Augenmediziner zwischen Blendung und Faktoren, die DES verursachen, durchaus unterscheiden kann, kann kein normaler Mensch eine solche Unterscheidung vornehmen. Was mag der Wert einer Blendungsbewertung sein, wenn deren Ursachen gemeinsam mit ähnlich wirkenden Faktoren auftreten, die ein eigenständiges medizinisches Krankheitsbild begründen, ohne dass irgendwelche dieser Faktoren bei der Ermittlung wirksam werden?

Die Folge ist zumindest eine massive Unterschätzung der Blendung und ihrer Folgewirkungen.

Wenn Blendung unterschätzt wird .…

Die bestentblendeten Leuchten blenden am stärksten …

Eines der wichtigsten Ergebnisse des Projekts Licht und Gesundheit war das Aufzeigen der Blendwirkung verschiedener Beleuchtungsarten bei der Arbeit. Zu erwarten war, dass die sog. Bildschirmarbeitsplatzleuchte jeglicher Beleuchtung überlegen wäre, weil ihre Lichtausstrahlung so eng gebündelt wurde, dass man sie an der Decke kaum noch ausmachen konnte. Nach dem Söllner-Verfahren würde die BAP-Leuchte die beste Entblendung weit übertreffen.

Das Ergebnis war auch für uns sehr überraschend.

In dem obigen Bild bedeutet:

  • BAP eine Leuchte, die nach DIN 5035-7 gebaut war und in dem als kritisch angesehenen Winkelbereich über 50° eine mittlere Leuchtdichte von unter 200 cd/m² aufwies.
  • „Direkt/Indirekt“ bedeutet die gleiche Leuchte abgehängt und mit einem relativ kleinen Indirektanteil versehen.
  • „Indirekt/Direkt“ bedeutet eine Leuchte mit einem überwiegenden Indirektanteil
  • „Indirekt“ bedeutet eine reine indirekte Beleuchtung
  • „2K-Opt“ ist eine Beleuchtung mit einer indirekten Raumbeleuchtung, die durch eine Arbeitsplatzleuchte nach DIN 5035-8 ergänzt wird.

 

Die bezüglich der Entblendung theoretisch beste BAP-Leuchte erzeugte bei der Arbeit die größte Blendwirkung.

Wie Mitarbeitende ihre visuelle Umgebung selber in die Hand nehmen

Welche Reaktionen die Betroffenen zeigen können, wenn sie solche Wirkungen am Arbeitsplatz  erleben, hat der amerikanisch-britische Ergonom Alan Hedge untersucht. Sein Ergebnis zeigt die folgende Tabelle / Hedge, A.: The Cornell University Study, Cornell University, Ithaca, NY, 1990, Daten aus Çakir, A., Çakir, G., Licht und Gesundheit - Eine Untersuchung zum Stand der Beleuchtungstechnik in deutschen Büros, Ergonomic, Berlin, 1998):

Von den Benutzern getroffene Maßnahmen zur Verbesserung der visuellen Umgebungsbedingungen Indirekt- beleuchtung Direkt-beleuchtung
Lampen entfernt, um weniger Licht zu erhalten 15% 66%
Lampen entfernt, um Reflexblendung auf Bildschirmen zu reduzieren 12% 55%
Computer umgestellt, um Reflexblendung auf Bildschirmen zu reduzieren 34% 72%
Arbeitstisch umgestellt, um weniger Licht zu erhalten 10% 24%
Beleuchtung meistens abgeschaltet, um Reflexblendung auf Bildschirmen zu reduzieren 10% 39%

All diese Erscheinungen konnte man auch in deutschen Büros erleben. Das nachfolgende Bild zeigt, was Mitarbeitende im Extremfall tun, wenn sie mit der Beleuchtung unzufrieden sind. Die betreffende Mitarbeitende hat gleich mehrere Dinge geändert. Sie hat die Lampen an der Decke weiträumig entfernen lassen und sich eine Verdunkelung verordnet.

Sie hat sich bei ihrer Flucht vor dem Licht auch in die Isolation begeben, weil kaum jemand in dieser Umgebung arbeiten kann.

Die meisten lassen es dabei bewenden, das künstliche Licht so selten wie möglich zu benutzen. So mussten wir in den von uns untersuchten Räumen oft um Genehmigung für das Einschalten der Beleuchtung bitten. Wir mussten sie aber sofort abschalten, wenn wir mit den Messungen fertig waren.

Völlig anders verhielten sich die Leute in Räumen ohne Blendung. Häufig haben sie es sogar vergessen, das Licht auszuschalten, wenn das Tageslicht sehr hell war.

Das Bild zeigt einen Raum mit Direkt-/Indirektbeleuchtung, deren Direktteil abgeschaltet worden war. Ein solches Erscheinungsbild hat sich der Lichtplaner bestimmt nicht vorgestellt. Wenn in diesem Raum der Direktteil der Beleuchtung aktiviert wurde, fanden die Mitarbeitenden die Beleuchtung zu hell. Hingegen beanstandet niemand etwas an der Beleuchtung, wenn man die gleiche Beleuchtungsstärke indirekt erzeugt.

 

Ergonomische Folgeschäden

Wesentlich gefährlicher für die Betroffenen sind Fehlhaltungen, die sie einnehmen, wenn sie sich geblendet fühlen, ohne dass dieses Gefühl bewusst erlebt wird. Zuerst werden Deckenleuchten ausgeschaltet, Leuchtmittel herausgedreht oder Leuchten mit Papier, Karton oder Post-its abgeklebt, um direkte Blendung zu mindern. Wenn dies nicht hilft, ducken sich Mitarbeiter, neigen den Kopf zur Seite oder rücken ungewöhnlich nah an den Bildschirm heran, um Reflexionsflächen zu umgehen.

Dies führt zu Fehlhaltungen und diese zu Kopfschmerzen infolge der Fehlhaltung (Stichwort HWS-Syndrom, Hals-/Wirbelsäulensyndrom).

Dauerhaft unangenehmes Licht führt häufig zu spürbaren Belastungssymptomen wie Ermüdung der Augen, Brennen, Druckgefühl oder Flimmern vor den Augen, Nacken- und Schulterschmerzen durch die eingenommene Fehlhaltung.

Insgesamt gilt: Wenn die Beleuchtung am Arbeitsplatz als störend oder unangenehm empfunden wird, reagieren Beschäftigte meist mit einer Kombination aus Verhaltensanpassungen (Coping-Strategien), provisorischen Umbauten und körperlichen Ausweichbewegungen.

Folgeschäden für die Bürohäuser

In dem Beitrag “Licht für New Work” wird dargelegt, welche Bedeutung die Beleuchtung für moderne Arbeitskonzepte und Raumkonzepte hat. Wenn Designer oder Architekten einen Bereich umgestalten, z.B. in einen Coworking Space, bauen sie zuerst das Deckenlicht ab. Menschen, die bei der Gestaltung ihrer Arbeit und ihrer Arbeitsumgebung mitbestimmen können, lassen sich von Angaben wie “UGR = 19, komfortable Beleuchtung für das Büro“ nicht beeindrucken. Ein Lichtplaner, der einer entsprechenden Belegschaft erklären wollte, was denn UGR = 19 bedeutet, käme sofort in Erklärungsnöte, weil man dies nicht einmal aus der Fachliteratur einwandfrei ermitteln kann.

Mir liegen drei Schriften der LiTG vor, die sich auf das UGR-Verfahren beziehen:

  • Das UGR-Verfahren zur Bewertung der Direktblendung der künstlichen Beleuchtung in Innenräumen, LiTG Arbeitsgruppe Blendung (P. Dehoff, D. Fischer, D. Gall, J. Hesse, T. Müller, P. Prodell, W. Roddewig, P. W. Schmits, G. Seifert, K. Völs, P. Zwick), LiTG Publ. 20, 2003
  • Praktische Anwendung des korrigierten UGR-Verfahrens nach CIE 232:2019 Bewertung der Direktblendung von Leuchten mit inhomogener Leuchtdichtestruktur in Innenräumen, LiTG Publ. 46, 1. Auflage 2022, ISBN 978-3-927787-61-2
  • Das UGR-Verfahren zur Bewertung der Direktblendung der künstlichen Beleuchtung in Innenräumen - Ein Einblick in die LiTG-Publikation Nr. 20, LiTG September 2012

 

Sämtliche Autoren und sonstige Mitarbeitende in den Ausschüssen waren mir persönlich über mehrere Jahrzehnte hinweg bekannt. Obwohl ich die Historie der Blendungsbewertung seit meiner Dissertation von 1975 sehr gut kenne, ist es mir nie gelungen, zu erfahren, was ein bestimmter UGR-Wert bedeutet. Nach mühsamen Recherchen habe ich eine von drei mir bekannten Professoren akzeptierte Zahl ermittelt: Diese besagt, dass die auch in Deutschland gültige Norm DIN EN 12464-1 für Büros einen Wert von 19 vorgibt, der einem VCP von 65% entspricht. D.h. 65% der Probanden erachten eine Beleuchtung als „gerade zulässig“. Die restlichen 35% finden eine nach Norm empfohlene Beleuchtung offenbar nicht zulässig.

Wer über die Köpfe von Menschen postuliert, dass 35% der Nutzer von Büros die Beleuchtung dort nicht für zulässig halten, muss damit rechnen, dass die Nutzer das ändern wollen, sobald sie können. Genau das können die Menschen, deren Umgebung ihren Wünschen entsprechend gestaltet wird.

Seit der Corona-Zeit haben die Büronutzer auch eine andere Möglichkeit: die Flucht ins Homeoffice. Im August 2026 betrug der Leerstand von Büros 9,1 Mio. m². In Toplagen wie Frankfurt (11,8%) und Düsseldorf (12,4%) liegt der Leerstand besonders hoch. So denkt man viel über eine Umwandlung von Büroäusern in Wohnraum nach. Wenn ein solcher Schritt vorgenommen wird, gehört die Entfernung der Beleuchtung zu den ersten Maßnahmen, die ausgeführt werden.

Warum das so ist, kann man an den nachfolgenden Bildern erkennen. Das erste Bild zeigt eine Bürolandschaft, die einem einfällt, wenn man über große Büros nachdenkt. Es ist eigentlich ein geschöntes Bild, das ich trotzdem benutze, weil es im Kontrast zum zweiten Bild steht, das mir eine KI gezeichnet hat. Es soll ein Büro darstellen, in dem man sich wohlfühlt.

Eine solche Umgebung kann man nirgendwo finden, wo der Arbeitsschutz bei der Beleuchtung mitredet. Hingegen würde das Büro in dem oberen Bild anstandslos akzeptiert werden.

Beide Bilder entsprechen einem Klischee. Für mich besteht der wesentliche Unterschied daran, dass das übliche Bild vom Büro mit hellen Objekten über dem Kopf verbunden ist, die man bei jedem Blick weg vom Schreibtisch im Auge hat. Hundert elektrische Sonnen bis zum Horizont. Und alle weiß, grau odr bläulich. Hingegen sind in dem "schönen" Büro die Lichtquellen verteilt, warme Töne beherrschen die Szene. Die Beleuchtung dieses Raums würde nach Ansicht der Lichttechnik als Lichttöter bezeichnet werden.

Die Annehmlichkeit hat viel mit Farben zu tun, die in der Blendungsformel nicht auftauchen. Hingegen kommt man sich in dem Bürobild vor, als hätte jemand einem einen gräuliche Himmel übergestülpt. Tatsächlich haben Farben sehr wohl einen Einfluss auf die Blendwirkung, so wirken blaue oder kaltweiße Lichtquellen (z. B. modernere LED-Scheinwerfer) bei gleicher Helligkeit oft blendender als warmweißes Licht.

Die Gründe für die Ablehnung der typischen Bürobeleuchtung liegen nicht allein an der Blendung, sie werden aber immer mit der Blendung in Zusammenhang gesehen, insbesondere weil der Nutzer keine andere Möglichkeit hat, ein subjektives Urteil über die Beleuchtung abzugeben. Man kann sie wie folgt zusammenfassen:

  1. Visueller Stress: Blendung und Leuchtdichtekontraste

Das menschliche Auge muss sich ständig an die hellste Stelle im Raum anpassen. Stark schwankende Leuchtdichten oder schlechte Entblendung strengen die Augenmuskulatur extrem an.

  • Direktblendung: Zu helle, ungeschützte LED-Panels oder Rasterleuchten im Blickfeld (hoher UGR-Wert).
  • Reflexblendung: Lichtquellen, die sich auf Bildschirmen, glänzenden Tischen oder Glastrennwänden spiegeln.
  • Hohe Kontraste: Ein sehr hell beleuchteter Schreibtischausschnitt vor einem dunklen Hintergrund zwingt die Pupille zu ständiger Adaption, was zu schneller Augenermüdung und Kopfschmerzen führt.

 

  1. Biologische Fehlabstimmung: Lichtfarbe und Spektrum

Licht wirkt direkt auf den circadianen Rhythmus (die innere Uhr) des Menschen.

  • Falsche Farbtemperatur zur falschen Zeit: Kaltweißes Licht (über 4000 K bis 6500 K) wirkt zwar aktivierend, wird aber am späten Nachmittag oder Abend als ungemütlich und künstlich empfunden, da es die Melatonin-Ausschüttung unterdrückt.
  • Mangelhafte Farbwiedergabe: Minderwertige LEDs mit niedrigem Farbwiedergabeindex lassen Hauttöne und Materialien grau oder grünlich wirken, was unbewusst als unnatürlich wahrgenommen wird.
  • Fehlender Tageslichtbezug: Rein künstliches Licht ohne den natürlichen Dynamikverlauf des Tageslichts führt zu zeitlicher Desorientierung und Abgeschlagenheit.

 

  1. Technische Störfaktoren: Flimmern und Verteilung
  • Unsichtbares Flimmern (Flicker / Temporal Light Artifacts): Auch wenn Modulationsfrequenzen von Treibern nicht bewusst wahrgenommen werden, verarbeitet das Gehirn die Mikroschwankungen im Millisekundenbereich. Das führt zu chronischer Erschöpfung, Migräne und Konzentrationsabfall.
  • Rein direkte Beleuchtung: Leuchten, die nur nach unten strahlen, lassen die Decke dunkel ("Höhleneffekt"). Ein angenehmes Raumgefühl entsteht erst durch einen hohen indirekten Lichtanteil, der Decken und Wände gleichmäßig aufhellt.

 

Ein entscheidender Faktor ist indes die fehlende Kontrolle über die Umgebung: Ein wesentlicher Faktor für subjektives Unbehagen ist der Kontrollverlust: Wenn Mitarbeiter die Beleuchtung an ihrem Arbeitsplatz nicht dimmen, verändern oder an ihre spezifischen Aufgaben anpassen können, sinkt die Akzeptanz der Raumumgebung deutlich.

Eine fehlende Kontrolle über die Umgebung herrscht auch dann, wenn der Arbeitsplatz beengt ist. Wenn man eine mit den gleichen Leuchten in der gleichen Anordnung realisierte Beleuchtung von Nutzern beurteilen lässt, die nur 4 m² zur Verfügung haben, fällt ihr Urteil weit negativer aus als bei Personen, denen 12 m² oder 20 m² am Arbeitsplatz  zur Verfügung stehen.

[1] Die angegebenen Skalen werden in der Lichttechnik als reliabel gehandelt. Zweifel daran sind durchaus berechtigt.

[2] Was der Wert VCP wirklich bedeutet, konnte ich nie klar ableiten. Denn das Kürzel VCP bedeutet übersetzt “Wahrscheinlichkeit des Sehkomforts”. Bei der Ermittlung der Größe werden die Probanden aber nach discomfort, also nach einer Beeinträchtigung gefragt. Das Fehlen einer Beeinträchtigung kann allerdings nicht für Komfort gehalten werden.

[3] Die Zuordnung von Güteklassen zu einer Produktgattung ist eine sehr praktische Methode, die insbesondere dann hilfreich ist, wenn die Nutzer nicht über effiziente Mittel verfügen, um die Qualität eines Produktes zu ermitteln. Im Falle der Lichtplanung in Deutschland wurden über 90 % der Beleuchtungsanlagen durch Elektroplaner entwickelt und verbaut, als das Söllner-Verfahren entwickelt wurde. Auch im Jahre 2026 muss man davon ausgehen, dass relativ wenige Lichtplanungen von Firmen und Personen vorgenommen werden, die mit anderen Verfahren überfordert wären.

[4] Die Mittelung in diesem Fall übernimmt die Messmethode. Man misst die Lichtstärke in der fraglichen Richtung und errechnet daraus die Leuchtdichte, indem man die leuchtende Fläche zugrunde legt. Dabei fällt die Information über die Leuchtdichteverteilung weg, die für die Blendung sehr bedeutsam ist.

 

Déjà vu – Oder ich hatte einst einen Torwart interviewt

Das ist nicht effizient,
das ist einfach nur verkleideter Pfusch.
Anonymus

Déjà vu – Oder ich hatte einst … , kurzgefasst

Der folgende Beitrag verbindet eine persönliche Erinnerung mit einer aktuellen Kritik an der Stadionbeleuchtung. Anfang 1970 interviewte ich den Torhüter Sepp Maier für meine Doktorarbeit zur Beleuchtung des Münchner Olympiastadions. Mehr als fünf Jahrzehnte später erkenne ich dieselben Probleme in den Aussagen des Lichtplaners Daniel Petry wieder: mangelhafte Abnahmekontrollen, Blendung und unzureichende Farbwiedergabe.

Die historischen Untersuchungen zeigten, dass die Interessen von Zuschauern, Spielern und Fernsehen bei der Feldbeleuchtung grundsätzlich vereinbar sind: Hohe Sichtqualität führt nicht zwangsläufig zu mehr Blendung. Moderne LED-Systeme bieten gegenüber früheren HQI-Lampen große Vorteile, etwa hohe Effizienz, präzise Steuerbarkeit, Farbwechsel und flimmerfreien Betrieb für Zeitlupenaufnahmen. Dennoch können ihre kleinen, sehr leuchtdichten Flächen eine stärkere Blendwirkung erzeugen, wenn Planung und Ausschreibung vor allem Beleuchtungsstärken und Kosten berücksichtigen.

Auch die Farbwiedergabe der LED wird unzureichend bewertet. Der verbreitete allgemeine Farbwiedergabeindex Ra basiert überwiegend auf blassen Pastellfarben; gesättigtes Rot und Hauttöne werden nicht erfasst. Zudem fehlt den üblichen weißen LEDs UV-Strahlung, die optische Aufheller aktiviert und auch für Pflanzen bedeutsam ist. In der Allianz Arena mussten deshalb zusätzliche UV-Leuchten installiert werden. Dass Vereinsfarben unter Flutlicht verfälscht erscheinen können, ist somit kein unvermeidbares technisches Defizit, sondern eine Folge ungeeigneter Qualitätskriterien.

Im Zentrum steht die Kritik an einem missverstandenen Begriff der Wirtschaftlichkeit. Normen stellen Wirtschaftlichkeit neben Sehkomfort, Ergonomie, Sicherheit und Lichtqualität, obwohl Planer meist nur Kosten, nicht aber den wirtschaftlichen Nutzen einer Anlage bestimmen können. Werden messbare Mindestwerte zur alleinigen Entscheidungsgrundlage, setzt sich der billigste normgerechte Entwurf gegen die tatsächlich bessere Lösung durch – selbst bei Stadien und Übertragungen für ein Milliardenpublikum. Die Schlussfolgerung lautet daher: Nicht die LED-Technik verursacht zwangsläufig schlechte Beleuchtung. Sie kann hervorragendes, blendarmes und farbtreues Licht liefern. Entscheidend sind anspruchsvolle Ausschreibungen, geeignete Messgrößen und die Bereitschaft der Auftraggeber, Qualität ausdrücklich zu verlangen und angemessen zu bezahlen. Der technische Fortschritt ist vorhanden; überkommene Bewertungsmaßstäbe und kurzfristiges Kostendenken verhindern jedoch, dass sein Potenzial vollständig genutzt wird.

Déjà vu – Oder ich hatte einst …

… einen Torhüter interviewt. Der hieß Sepp Maier. Er sollte mir erzählen, was er von der Beleuchtung des Münchener Stadions hält. Nicht von der Flutlichtanlage der Allianz Arena, sondern von dem Olympiastadion. Daran hatte ich als Student mitgewirkt und brauchte die Bewertung für meine Doktorarbeit. Seine Antwort ist mir im August 2026 in der Augustausgabe von Licht begegnet. Nach mehr als 56 Jahren und aus dem Munde eines Fachmanns für Stadionbeleuchtung. Mein Interview hatte  Anfang 1970 stattgefunden.

Licht interviewte Daniel Petry, der seit langem Flutlichtanlagen plant, misst und bewertet. Petry beanstandet erstens, dass die Abnahme der Flutlichtanlage schlecht kontrolliert wird. Und zweitens? Die Blendung … Sein Beispiel aus der Praxis: “Vor kurzem wurde in einem Stadion eine neue Flutlichtanlage installiert. Nach dem ersten Testspiel beschwerte sich der Stammtorhüter der Heimmannschaft über die Blendung.” Exakt das hatte Sepp Müller nach dem ersten Testspiel im Olympiastadion von München getan. Und drittens die Farbwiedergabe. Petry sagt: „Wenn beispielsweise Bayern München sein Vereins-Rot exakt auf das natürliche Sonnenlicht abstimmt, wird das Rot durch die Flutlichtanlage in Nuancen anders wiedergegeben.”

Petry sieht das Problem beim Fernsehen: Er behauptet, das Fernsehen verlangt immer mehr und besseres Licht, um überall aufregende Aufnahmen vom Spielgeschehen erstellen zu können. Da man nur noch LEDs verbauen darf, muss das Problem irgendwie damit zusammenhängen.

Was Sepp Müller vor 56 Jahren nicht wissen konnte, steht in meinem Blog an anderem Ort, wo die Methoden der Bestimmung der Farbwiedergabe von Lampen behandelt wird. So beanstandet Daniel Petry drittens: „Das ist die Farbwiedergabe. Das Prinzip kennt man vom Friseur: Unter dem Salonlicht sieht die Farbe super aus. Geht man dann raus ins Tageslicht, wirkt die Haarfarbe anders. Im Stadion kommen besonders die Rot-Werte zu kurz. Bei Bundesliga-Anlagen sind die Werte oft auf einem messtechnisch schlechten Niveau, obwohl die offiziellen Vorgaben erfüllt sind.” Wieso kommen die Rot-Werte zu kurz, obwohl die offiziellen Vorgaben erfüllt sind? Muss Bayern München auf sein Vereins-Rot unter Flutlicht verzichten?

Interessant die Aussage eines Vereinspräsidenten nach dem Wechsel auf LED: „Das ist nicht mehr mein Verein, das sind nicht mehr unsere Farben.“ Identitätsverlust durch Beleuchtungsmängel?

Petry führt das Problem auf sog. wirtschaftliche Interessen zurück. Und liegt damit nicht falsch. Allerdings sind die wahren wirtschaftlichen Interessen nicht die der Clubs oder des DFB. Denn in eine der teuersten Anlagen (Allianz Arena, München) wurden im Sommer 2017 für umfassende Technik-Modernisierungen (darunter LED-Flutlicht, neue Videowände und Promenade-Upgrades) insgesamt rund 10 Millionen Euro investiert. Das mag viel klingen. Im Geschäftsjahr 2016/2017 (1. Juli 2016 bis 30. Juni 2017) erzielte der Konzern FC Bayern München einen Umsatz von 640,5 Millionen Euro. Der Jahresüberschuss nach Steuern lag bei 39,2 Millionen Euro. Davon hätte man lässig vier Anlagen kaufen können.

Der FC Bayern München nimmt pro Champions-League-Saison in der Regel zwischen 100 und 180 Millionen Euro ein. Da solche Spiele immer unter Flutlicht ausgetragen werden und das Fernsehen erkleckliche Summen zahlt, wäre es ziemlich dumm, gerade an Flutlicht zu sparen. Wieso tut man es trotzdem? Eine Antwort wird der Vorstand von Bayern München nicht geben können. Wenn er wüsste, warum, würde er wahrscheinlich die Wände hochkrabbeln.

Was einst geschah …

Für das Thema meiner Doktorarbeit wurden die notwendigen Mittel 1970 in Rekordzeit bewilligt. Denn in 1974 stand eine Fußballweltmeisterschaft in Deutschland an. Die Befürchtung hieß: Das Fernsehen verlangt hohe Beleuchtungsstärken, die die Blendung erhöhen. Wenn man dem Wunsch des Fernsehens folgt, werden die Fans aus dem Stadion vertrieben. Daher das Interview mit Sepp Meyer, ob die Befürchtung wahr ist.

Nach einer Arbeit von drei Jahren habe ich nachweisen können, dass bei der Beleuchtung von Fußballstadien die Interessen der Zuschauer und des Fernsehens eigentlich zu gleichen Anforderungen führen, was die Beleuchtung auf dem Feld angeht. Bezüglich der Beleuchtung der Tribünen hatten die Zuschauer wie auch die Spieler das gleiche Interesse: möglichst wenig Licht auf die Tribüne, weil eine hellere Tribüne die Sichtbarkeit des Balls verringert. Für die Zuschauer bedeutet mehr Licht mehr Blendung. Und mehr Blendung heißt schlechtere Sicht auf das Spiel.

Das Thema Farbe, das Petry anspricht, war damals vor über 50 Jahren akut, aber die Anforderungen des Fernsehens hatten zu einer guten Lösung geführt: Die Beleuchtung wurde mit Lampen ausgeführt, die dem Tageslicht (nach Norm) entsprachen, also einer Farbtemperatur von etwa 6500 K. Das konnten nur Entladungslampen sein. Tatsächlich waren es HQI-Lampen, also Quecksilberdampflampen mit Halogenzusatz. Sie versprachen die bestverfügbare Farbwiedergabe.

Was heute anders ist …

Beispielsweise die Sache mit der Blendung …

Heute werden nur noch LEDs verbaut, was an sich kein Problem ist. LEDs sind sehr gut steuerbar, und man kann sie so betreiben, dass sie flimmerfrei arbeiten. Probleme entstehen, wenn die Anforderungen nur auf der Beleuchtungsstärke beruhen und die Farbwiedergabe nach dem Farbwiedergabeindex verlangt wird.

Tatsächlich verlangt das DFL-Stadionhandbuch horizontale und vertikale Beleuchtungsstärken (Neuanlagen benötigen mindestens 1000 Lux vertikal / 1400 Lux horizontal (2. BL) und 1250 Lux vertikal / 1500 Lux horizontal (1. BL). Bestandsanlagen müssen eine Kamerabeleuchtungsstärke von 1200 Lux (2. BL) bzw. 1600 Lux (1. BL) erfüllen. Für internationale Spiele sind oft 1500 Lux vertikal / 2000 Lux horizontal erforderlich. Quelle hier, ebenfalls von Petry)

Das von mir angeführte Olympiastadion in München hatte weit größere Beleuchtungsstärken zu bieten. Warum sollen die neuen Anlagen plötzlich mehr blenden? Das liegt an der LED und ihrer Effizienz. Heutige LEDs haben eine Lichtausbeute zwischen 130 – 200+ lm/W, also etwa doppelt so viel wie bei den HQI-Lampen mit 75 – 100 lm/W. Da die LEDs aber besser gebündelt strahlen können, ist deren Systemwirkungsgrad noch höher. Dafür sind die leuchtenden Flächen viel kleiner.

Man kann also mit halb so viel leuchtender Fläche die gleiche Beleuchtungsstärke erzielen. Im Klartext heißt das aber, dass die Leuchtdichte der LED-Scheinwerfer entsprechend höher liegt. Und damit auch die Blendwirkung. Denn der rechnerische Blendindex steigt mit dem Quadrat der Leuchtdichte.

Hinzu kommt, dass LEDs viel höhere Leuchtdichten erreichen als alle früheren Leuchtmittel. Deren Leuchtdichte kann über  betragen. Somit liegt diese bei etwa einem Drittel der Leuchtdichte der Sonne. Die nachfolgende Tabelle zeigt die Relation der Leuchtdichten von verschiedenen Lichtquellen.

Lichtquelle Leuchtdichte (cd/mm2) Leuchtdichte (cd/m2) Verhältnis zur Sonne
OLED / Mini-LED Display 0,001 – 0,004 1.000 – 4.000 1 : 400.000
HQI-Lampe / Metalldampf 10 – 60 10 Mio. – 60 Mio. 1 : 30
High-Power LED (z. B. 500 ) 500 500 Mio. 1 : 3
LEP / Spezial-Laser-Phosphor 700 – 1.000 700 Mio. – 1 Mrd. 1 : 1,6
Sonne (im Zenit) 1.500 – 1.600 1,5 – 1,6 Mrd. 1 : 1 (100 %)

Bei den Leuchtdichteangaben der LEDs muss man immer bedenken, dass der Strahl mit der höchsten Leuchtdichte, die die Blendung maßgeblich bestimmt, nur schlecht messbar ist. Daher erhält man einen zu kleinen Messwert.

Naturgemäss muss niemand bei einer Beleuchtungsanlage die höchsten Leuchtdichten realisieren. Wenn es aber um Kosten geht, sieht die Sache anders aus. Da schlägt Quantität die Qualität. Genau das meint Petry mit wirtschaftlichen Interessen, die den Ausschlag geben, wenn Qualität in der Ausschreibung keinen hinreichenden Niederschlag findet.

Und die Sache mit der Farbwiedergabe …

Die Tatsache, dass ein Fachmann von einem Problem spricht, das vor einem halben Jahrhundert gelöst worden ist, mag auf den ersten Blick überraschen. Tatsächlich waren die Verantwortlichen für die Beleuchtung der Allianz Arena echt überrascht, als das Fernsehen die Farbwiedergabe beanstandete. Dazu gehörte, dass auch der Rasen auf dem Spielfeld nicht gerade prächtig gedieh. Das lag an zwei Dingen: dem Spektrum der LED und der Vorgabe auf der Basis des Farbwiedergabeindex Ra. Und dieser Index war bereits bei seiner Einführung in 1964 falsch gewesen.

Das Spektrum der LED enthält meistens kein UV, während alle Entladungslampen auf Quecksilberbasis immer etwas UV abstrahlen. UV-Licht, das in den Berechnungen der Lichttechniker keine Rolle spielt, weil es bei denen nicht als Licht gilt, regt zum einen die optischen Aufheller an, die bei allen möglichen Oberflächen zur Anwendung kommen (Bettwäsche, Trikots, Wandanstriche, Make-Up, Papier), und zum anderen ist es für alle Pflanzen lebenswichtig.

Daher musste Bayern München 150 UV-Strahler nachinstallieren lassen. (Wieder mal zum Elend mit der Farbwiedergabe, Zusätzliche UV-Leuchten für das optimale Fernsehbild)

Viel weniger verständlich ist die Sache mit dem Farbwiedergabeindex. Wenn die Farben vieler Oberflächen, mit denen wir leben und arbeiten, von der UV-Strahlung abhängen, müsste das beim Farbwiedergabeindex berücksichtigt werden. Müsste! Er wird aber nicht nur nicht berücksichtigt, sondern auch noch missbräuchlich angewendet;

  • Die Farbwiedergabeeigenschaften von Leuchtmitteln werden ohne Berücksichtigung der UV-Strahlung festgelegt und angegeben.
  • Die Farbprüfung von Stoffen u.Ä. wird mit Normlichtarten vorgenommen, die einen definierten UV-Anteil Ansonsten könnte man auf die Prüfung verzichten. Das geht seit der Einführung des Farbwiedergabeindex im Jahr 1964 so.

 

Die Stadionbeleuchter werden also Opfer der Ignoranz ihres Faches bei der spektralen Verteilung des Lichts. Früher fiel das nicht auf, weil die meisten Leuchtmittel so nebenbei UV emittierten. Den LEDs muss man das beibringen. D.h., es gibt LEDs mit einer UV-Strahlung, aber übliche LEDs emittieren keine. Wer absichtlich UV-Strahlung dem sichtbaren Licht beimischt, muss sich Problemen mit dem Arbeitsschutz stellen. Diese sind zwar nicht gravierend. Aber niemand will Flöhe im Pelz haben.

Ebenfalls mit dem Farbwiedergabeindex hängt die Beschwerde von Petry mit den Rottönen zusammen. Die Farbwiedergabe der verwendeten Leuchtmittel wird mit Ra vorgegeben. Das finden auch Daniel Petry und sein Vater, auch ein Lichtexperte, sehr gut. Ich lese auf deren Website: “Farbwiedergabe und Lichtqualität: Die Farbwiedergabe des Lichts ist von zentraler Bedeutung für eine klare und naturgetreue Darstellung der Spielumgebung. Die DFL fordert, dass das Flutlichtsystem eine [sic!] Farbwiedergabeindex (Ra) von mindestens Ra ≥ 80 aufweist. Dies sorgt dafür, dass sowohl die Spieler als auch die Farben des Spiels klar und lebendig wiedergegeben werden.”

Dieser Farbwiedergabeindex von 80 sorgt mitnichten für klare und lebendige Farben. Der allgemeine Farbwiedergabeindex wird mit 8 blassen Pastellfarben berechnet. Gesättigtes Rot  (Testfarbe R9) fehlt komplett in der Durchschnittsberechnung wie auch sonstige gesättigte Farben. Die “Farben der Spieler”, also die Farben ihrer Haut, sind in den Testfarben nicht enthalten. Ebensowenig gehören gesättigte Farben zu den Testfarben. Aber gerade sie machen das Bild lebendig. Egal wie gut die Farben von Altrosa bis Fliederviolett wiedergegeben werden, weder naturgetreu noch lebendig wird ein Fußballspiel wiedergegeben.

Standard-LEDs sparen aus Effizienzgründen im langwelligen Rotbereich (über 600 nm). Dadurch wirken Hauttöne blass oder fahl, Holzmaserungen verlieren ihre Tiefe und Textilien wirken farblos. Im Wellenlängenbereich um 480 nm entsteht zwischen dem blauen Peak und der Phosphorkurve ein Einbruch (Cyan-Lücke). Das beeinträchtigt die Differenzierung von Türkis-, Blau- und Grüntönen. Weiße LEDs nutzen meist einen blauen Halbleiterchip (ca. 450 nm) mit gelblicher Phosphorbeschichtung. Dieser scharfe Peak kann bei minderwertigen LEDs zu kaltem oder blaustichigem Licht führen.

Wer sagt aber, dass man für die teuersten Sportanlagen der Welt, in denen Mannschaften auftreten, die bis 720 Millionen Euro wert sind (Startaufstellung von Manchester City), Standard-LEDs einsetzen muss, weil sie effizient sein sollen? Wenn Manchester City gegen Paris Saint-Germain auftritt, stehen über 1,3 Milliarden auf dem Feld. Wenn der Gegner Real Madrid heißt, darf noch eine Milliarde darauf gepackt werden. Die Flutlichtanlage, die diese Mannschaften in vollster Schönheit durch die Kameras einfangen hilft, kostet eine niedrige zweistellige Millionensumme. Das größte Publikum, das ein solches Spiel am Fernseher verfolgt hat, war etwa 1,5 Milliarden Menschen stark (Argentinien vs. Frankreich, 2022). Da soll man an Lampen gespart haben?

Die nüchterne Realität ist, dass eine Flutlichtanlage auf der Basis einer Ausschreibung erstellt wird, bei der die erforderliche Qualität gefordert wird. Ist diese schlecht definiert, gibt der Auftraggeber kaum größere Summen extra aus, weil jemand behauptet, das Licht sei falsch definiert. Zwar sind alle in diesem Beitrag – und die von Petry in dem Licht-Interview -  beschriebenen Probleme durch die LED verursacht. Aber es gibt LEDs, bei denen keines der Probleme auftreten muss.

Lichtqualität und  Wirtschaftlichkeit

 Die Verquickung von “Wirtschaftlichkeit” mit der Lichtqualität hat in der Lichttechnik lange Tradition. So wurden die Ziele der Beleuchtung in der ersten Beleuchtungsnorm DIN 5035 folgendermaßen formuliert: “Die künstliche Beleuchtung von Innenräumen muß den Forderungen der Gesundheit und Schönheit entsprechen, dabei zweckmäßig und wirtschaftlich sein.”

Die drei aufgezählten Faktoren, Gesundheit, Schönheit und Zweckmäßigkeit, definieren die Ziele der Lichtgestaltung. Aber Wirtschaftlichkeit? Es steht weder der Norm noch dem Lichtplaner zu, die Wirtschaftlichkeit einer Lichtanlage für den Betreiber zu beurteilen oder zu berücksichtigen.

Aber auch in der allerletzten geschriebenen Beleuchtungsnorm ISO 8995-1:2025 steht 90 Jahre später die Wirtschaftlichkeit (hier economy genannt) gleichwertig neben den Faktoren, die die Lichtqualität bestimmen. So erklärt man, wie die Vorgaben für die Beleuchtung (Beleuchtungsstärke u. Ä.) ermittelt wurden:

„Die Werte gelten für übliche Sehbedingungen und berücksichtigen die folgenden Faktoren:
— psychophysiologische Aspekte wie Sehkomfort und Wohlbefinden;
— Anforderungen an Sehaufgaben;
— visuelle Ergonomie;
— praktische Erfahrung;
— Beitrag zur Betriebssicherheit;
— Wirtschaftlichkeit.

Was hat die visuelle Ergonomie mit der Wirtschaftlichkeit einer Beleuchtung zu tun? Sie hat zwar möglicherweise sehr viel damit zu tun, aber kein Lichtplaner weiß, wie das zu werten ist. Wie rechnet man Wohlbefinden gegen Wirtschaftlichkeit auf?

Erstens kann niemand die Wirtschaftlichkeit einer Beleuchtung berechnen, sondern bestenfalls die Kosten. Zweitens sollte ein Lichtplaner dem Auftraggeber überlassen, welche Kosten dieser für welche Qualität akzeptieren will. Und drittens kann niemand Aspekte der Betriebssicherheit gegen eine irgendwie geartete Wirtschaftlichkeit aufrechnen, wenn das vom ihm zu erstellende Produkt sehr langlebig ist. Soll etwa der Besteller einer Beleuchtung eine geringere Betriebssicherheit in Kauf nehmen, um Kosten zu sparen?

Was man erntet, wenn man es trotzdem versucht, zeigen die obigen Zahlen: Unternehmen mit einem Milliardenwert (Fußballverein) werden dazu gebracht, (vermutlich unwissentlich) an ihrer Wirkungsstätte, die ihnen jährlich einen dreistelligen Millionenumsatz bringt (Stadion), bei einer einmaligen langfristigen Investition (Flutlicht) in der Höhe einer niedrigen zweistelligen Millionensumme etwas zu sparen, was die Qualität ihres Produktes (Spiele im Fernsehen) mindert.

Schwer zu glauben, dass irgendjemand so etwas überhaupt gewollt haben kann.

Nachwort

Aus diesem Beitrag soll niemand herauslesen, dass es früher (ohne LED) besser gewesen sein soll. Die eine besagte Flutlichtanlage von Bayern München im Olympiastadion hatte zwar bis zu 4000 lx auf den Rasen gebracht. Während der Olympischen Spiele 1972 hatten aber manche Sportfotografen schwarze Bilder geschossen (hier Flimmern bei Olympia 1972). Dank der zeitlichen Ungleichmäßigkeit des Lichts. LEDs kann man so steuern, dass sogar Superzeitlupen ruckelfrei möglich sind.

Für die Schlussfeier der Olympischen Spiele hat man das Licht der Flutlichtanlage einmal um das Stadion herumleuchten lassen. Dazu müssten sehr teure Steuergeräte entwickelt werden. Die Show kostete dennoch viele Lampen das Leben. Überhaupt gingen damals bei jedem Einschalten ein paar Lampen zu Bruch. Eine LED-Beleuchtung hingegen kann man beliebig schnell und in Farben und Helligkeiten nach Wunsch steuern. Hingegen ließ eine HQI-Lampe nicht einmal eine starke Änderung der Brennlage zu, ohne an Lichtqualität einzubüßen – oder gar das Leben aufzugeben. Bei der Einhaltung des wichtigsten Qualitätsmerkmals, der Farbtemperatur, war die Lampe ohnehin ein lausiges technisches Objekt. Es war sehr schwierig, zwei Lampen aus einer Fertigung mit exakt gleicher Farbtemperatur zu bekommen.

Die Technik hat also riesige Fortschritte gemacht. Nur die Vorstellung von vermeintlicher Wirtschaftlichkeit, also von Kosten, ist gleich geblieben. Dort, wo klar messbare Qualitätsmerkmale wie Beleuchtungsstärke  neben qualitativen Größen wie Farbwiedergabe nebeneinander existieren, schlägt das Kostendenken gnadenlos zu.

Die LED-Technik kann Tomaten in schönstem Rot präsentieren. Wenn Tomaten eher wie Kartoffeln aussehen oder die Farbe von verrottenden Möhren tragen, liegt die Schuld nicht an der Technik, sondern an der Wirtschaftlichkeit. Muss ein Fachmann im Jahr 2026 beklagen, dass die Vereinsfarbe von Bayern München nicht richtig gezeigt werden kann oder gar der Präsident eines anderen Vereins meint, das wäre nicht mehr sein Verein?

Wie falsche Normung die Autoindustrie behinderte – und was die Lichtnormung davon lernen kann

Ein gut gemeinter Standard von heute
kann der Innovationskiller von morgen sein.
Anonymus

Wie falsche Normung die Autoindustrie behinderte , kurzgefasst

Der folgende Beitrag zeigt am Beispiel der US-amerikanischen Sealed-Beam-Scheinwerfer, wie eine ursprünglich sinnvolle Norm durch jahrzehntelange Starrheit technischen Fortschritt, Gestaltung und Sicherheit behindern kann. Die ab 1940 vorgeschriebene, versiegelte Standardeinheit sollte Ersatzteilprobleme lösen, gleichbleibende Qualität sichern und Ausfälle durch Feuchtigkeit oder verschmutzte Reflektoren verhindern. Diese Ziele waren nachvollziehbar. Problematisch war jedoch, dass die Vorschrift nicht nur die geforderte Leistung, sondern auch Bauform, Größe und technische Ausführung festlegte.

Dadurch mussten Fahrzeughersteller über vier Jahrzehnte runde Standardscheinwerfer verwenden. Europäische und japanische Modelle erhielten für den US-Markt veränderte Frontpartien; aerodynamische Formen, asymmetrisches Abblendlicht, Kurvenlicht und weitere Innovationen wurden verzögert oder verhindert. Die Folgen gingen über ästhetische Einschränkungen hinaus: geringere Reichweite, schlechtere Ausleuchtung, mehr Streulicht und stärkere Blendung beeinträchtigten die Verkehrssicherheit. Eine gute Idee wurde so zum technologischen Hindernis.

Deutschland verfolgte dagegen überwiegend ein Leistungsprinzip: Nicht die geometrische Bauform wurde vorgeschrieben, sondern die lichttechnische Wirkung. Hersteller durften unterschiedliche Formen und Technologien einsetzen, sofern Grenzwerte für Ausleuchtung und Blendung eingehalten wurden. Damit konnten Breitband-, Halogen- und später Xenonscheinwerfer wesentlich flexibler eingeführt werden.

Aus diesem Vergleich leitet der Beitrag eine grundsätzliche Kritik an heutigen Beleuchtungsnormen ab. Die aktuelle Normung beschreibt zahlreiche Arbeitsplatztypen und konkrete Beleuchtungsstärken, erklärt ihre Ziele jedoch nur unzureichend. Wer eine gleichwertige oder bessere Lösung entwickeln will, kann deren Zielerreichung deshalb kaum nachweisen. Als Alternative werden klare Leitsätze und nachvollziehbare Qualitätskriterien vorgeschlagen, während die konkrete Umsetzung den Lichtplanern überlassen bleibt. Vorbild ist DIN 5035 von 1935, die die Gütemerkmale der Innenraumbeleuchtung formulierte. Gute Normung sollte Schutzziele offenlegen, überprüfbare Leistungsanforderungen definieren und technischen wie gestalterischen Spielraum erhalten. Sie muss Sicherheit gewährleisten, ohne eine einzige Lösung festzuschreiben. Andernfalls droht auch in der Beleuchtungstechnik jene Innovationsblockade, die der Sealed-Beam-Standard in der Autoindustrie ausgelöst hat.

Wie falsche Normung die Autoindustrie behinderte – und was die Lichtnormung davon lernen kann

Ein Wort zu Normung und US-Amerika

In diesem Beitrag spielt der Unterschied zwischen den Normungssystemen der USA und Europas eine wichtige Rolle. Daher ein paar Worte zum Geleit.

Wenn man gefragt wird, wie sich der übliche Amerikaner bzw. die übliche Amerikanerin, John und Jane Doe, von Lieschen Müller oder Otto Normalverbraucher unterscheiden, werden die meisten hierzulande dem Otto Normalverbraucher eine Vorschriftengläubigkeit zuschreiben. Das US-amerikanische Pendant wird hingegen mit Freiheitsliebe und Ablehnung von Normen in Verbindung gebracht. Der typische Amerikaner hat ja nicht einmal einen Personalausweis. Aber unsereins muss sich bei der Behörde ummelden, wenn er ein Haus weiter umzieht.

Es ist wahr, dass die US-Bürger nicht viel von der Obrigkeit halten und stolz darauf sind, niemals nutzlose Individuen wie Junker und Könige gefüttert zu haben. Und geschriebene Normen vermeiden sie so gut es geht. Vorschriften gegenüber sind sie auch negativer eingestellt als hierzulande.

Das reale Leben erzählt aber andere Geschichten. Wenn ein Sachverhalt es in den USA zum “Standard“ gebracht hat, wird er sklavisch befolgt. Gnade Gott, einer weicht davon ab. Nicht einmal zum Positiven darf man abweichen, weil die Normen und Vorschriften häufig nicht angeben, was sie eigentlich bezwecken. Wenn der Zweck einer Vorschrift nicht bekannt ist, kann man nie beweisen, dass man ihn besser erfüllt.

Hingegen ist im Lande von Lieschen Müller ein oberstes Prinzip im Landesrecht, dass “Normen”, also Bestimmungen  von Gesetzen, nur eine bestimmte Lösung bringen. Wer die Ziele und den Zweck einer Norm, also auch einer DIN-Norm, mit anderen Mitteln gleich gut oder gar besser erreichen will, ist willkommen. In den letzten Jahren enthalten staatliche Normen und ähnlich qualifizierte Regelwerke einen ausdrücklichen Verweis darauf, weil die obersten Prinzipien leicht vergessen werden. Dabei stehen sie immer über dem geschriebenen Recht bzw. das geschriebene Recht wird unter Berücksichtigung der obersten Prinzipien verfasst und interpretiert. So steht in der Einleitung jeder technischen Regel für Arbeitsstätten: “Bei Einhaltung der Technischen Regeln kann der Arbeitgeber insoweit davon ausgehen, dass die entsprechenden Anforderungen der Verordnung [ArbStättV] erfüllt sind. Wählt der Arbeitgeber eine andere Lösung, muss er damit mindestens die gleiche Sicherheit und den gleichen Gesundheitsschutz für die Beschäftigten erreichen.”

Der Beitrag erklärt die schlimmen Folgen für eine Branche, die sich daraus ergeben, dass ein solches Prinzip nicht existiert oder angewendet wird. Da die Branche die Autoindustrie ist und der betrachtete Sachverhalt die Verkehrssicherheit lebenswichtigerweise betrifft, geht das Problem praktisch jeden an, auch wenn er Fußgänger ist.

Das betrachtete Problem ist eine lichttechnische Regelung, zu der es zwei unterschiedliche Lösungen, eine schlechte und eine gute, gegeben hat, die mehrere Jahrzehnte nebeneinander existiert haben. Das Thema ist Blendung, mein Steckenpferd nicht erst seit meiner Promotion.

Der Bürger muss geschützt werden, aber wie?

Das Thema ist jedem bekannt: Beim Straßenverkehr haben zwei Autofahrer, die sich auf einer Straße treffen, sehr unterschiedliche Interessen, was die Beleuchtung angeht. Der Fahrer möchte nachts möglichst gut sehen. Der ihm entgegenkommende Fahrer will allerdings dasselbe. So muss Blendung gegen Sehleistung optimiert werden. Nicht zu vergessen, die wichtigste Randbedingung: Man beleuchtet einen praktisch schwarzen Straßenbelag, den Asphalt. Auch die gefährdeten “Objekte”, die Fußgänger, sind in der durchaus gefährlichsten Situation, Regen und nasse Fahrbahn, recht dunkel bekleidet. Also keine Win-Win-Situation, sondern das Gegenteil davon.

Die Lösung, die in den USA gefunden wurde, heißt „sealed beam“, also „versiegelter Strahl“. bezeichnet eine Bauform von Scheinwerfern oder Lampen, bei der das Leuchtmittel (der Glühfaden), der Reflektor und die Streuscheibe (das Glas) fest zu einer einzigen, geschlossenen Einheit verschmolzen sind. Die so geschaffenen Scheinwerfer prägten das Automobildesign über vier Jahrzehnte lang tiefgreifend. Ihre Wirkung auf die Fahrzeugästhetik ergab sich vor allem aus einer strikten gesetzlichen Standardisierung, die Automobilherstellern über lange Zeit jegliche Freiheit bei der Gestaltung der Fahrzeugfront nahm.

Der Zwang zur Rundheit (1940–1956): 1939 führte die US-amerikanische Behörde für Verkehrssicherheit (NHTSA) eine Norm ein, die ab dem Modelljahr 1940 für alle in den USA verkauften Fahrzeuge verpflichtend wurde: Sehr bezeichnend war die Einheitsgröße: Standardisiert war ein einziger Scheinwerfertyp – rund mit einem Durchmesser von 7 Zoll (ca. 178 mm).

Designer konnten Scheinwerfer nicht mehr als individuelles Stilelement gestalten. Frontpartien mussten um genau zwei gleich große, runde Kreise herum entworfen werden. In den 1940er und 1950er Jahren wandelte sich das Autodesign vom freistehenden Scheinwerfer hin zur voll integrierten Pontonform. Die 7-Zoll-Rundscheinwerfer wurden tief in die vorderen Kotflügel eingebettet und oft von massiven Chromringen (Headlight Bezels) eingehaust.

Erst 1957 passte die US-Behörde die Regularien an und erlaubte nun ein System aus vier Scheinwerfern: Vier runde Einheiten mit je 5,75 Zoll (ca. 146 mm) Durchmesser (zwei pro Seite, getrennt für Fern- und Abblendlicht). Designer konnten nur mit der Platzierung experimentieren: Horizontal: nebeneinander auf gleicher Höhe (Standard bei den meisten Muscle Cars der 1960er). Vertikal / Gestaffelt: Übereinander angeordnet (z. B. Pontiac GTO ab 1965, Ford Galaxie 1965–1967 oder Mercedes-Benz W108/W109 in der US-Ausführung).

Da europäische und japanische Hersteller für den lukrativen US-Markt eigene Frontpartien entwickeln oder anpassen mussten, entstanden ikonische Ausweichlösungen:

Klappscheinwerfer (Pop-up Headlights): Um trotz der flachen, aerodynamischen Keilform (z. B. beim Porsche 924/944, Mazda MX-5 NA, Ferrari Daytona oder Corvette C4) die vorgeschriebene Mindesthöhe und Form der US-Sealed-Beam-Einheiten einzuhalten, wurden die Scheinwerfer tagsüber in der Karosserie versenkt.

Doppel-US-Varianten europäischer Autos: Europäische Autos besaßen oft aufwendig geformte Breitbandscheinwerfer hinter einer Glasscheibe (z. B. Citroën DS, Mercedes W114/W115, BMW E30). Für den Export in die USA mussten die Fronten oft auf doppelte Rund-Sealed-Beams umgerüstet werden, was das Erscheinungsbild der Fahrzeuge massiv veränderte.

Besonders hart wurde das ikonische Design des Citroën DS getroffen. Das einmalig formschöne Auto bekam zwei Glupschaugen. Die Plexiglasabdeckung musste entfernt werden, und auch das Kurvenlicht wurde verboten. Citroën musste die Front umbauen und vier offen liegende, runde Sealed-Beam-Einheiten einsetzen, was die aerodynamische Ästhetik des Wagens stark beeinträchtigte.

Andere Autos wie Mercedes-Benz „Strich-Acht“ (W114 / W115) & S-Klasse (W116), Jaguar XJS (1975–1996)oder der BMW 3er (E30) & 5er (E28) erlebten diverse Modifikationen, die ihr Design derart veränderten, dass Kenner von einem Kulturschock sprachen. Selbst den in den USA viel geliebten Porsche 911 hat es getroffen.

Wenn es nur beim verschandelten Design geblieben wäre …

Das Festhalten an den “sealed beam”-Scheinwerfern von 1940 bis 1983 hat dem amerikanischen Autobau massiv geschadet, aber auch die Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Denn folgende Folgen gehen eindeutig auf die Normung zurück:

  • Verbot des asymmetrischen Abblendlichts: Mit zwei identischen Rundscheinwerfern kann man kein asymmetrisches Abblendlicht realisieren. Also war es faktisch verboten. Das US-Verbot von beweglichen und adaptiven Scheinwerfern hat die Verkehrssicherheit messbar beeinträchtigt. Während europäische Fahrer Hindernisse, Fußgänger oder Tiere in dunklen Kurven Sekundenbruchteile früher erkannten, fuhren US-Fahrer mit starren Sealed-Beam-Scheinwerfern bei Kurvenfahrt stetig in ein „schwarzes Loch“. Die Beibehaltung veralteter Vorschriften führte dazu, dass der US-Verkehrssektor jahrzehntelang bei der nächtlichen Sichtbarkeit hinter Europa zurückblieb.
  • Verbot des Kurvenlichts: Die von den Lenkradbewegungen gesteuerte Ausleuchtung von Kurven war verboten. Die NHTSA räumte die physikalische Überlegenheit des Systems intern zwar ein, hielt das Verbot aber aufrecht, um das starre Standardisierungssystem für Sealed-Beam-Hersteller zu schützen.
  • Schlechteres Licht: Bei den BMW-Modellen leuchteten die US-Scheinwerfer aber durch die vorgeschriebene Versiegelungstechnik deutlich schlechter und benötigten oft zusätzliche Kunststoff-Abdeckringe. Aber der Zwang zur Symmetrie bedingte, dass der rechte Scheinwerfer deutlich schwächer war als beim asymmetrischen Abblendlicht.
  • Mehr Blendung: Sealed-Beam-Scheinwerfer haben den Gegenverkehr deutlich stärker geblendet als Autos mit europäischem asymmetrischem Licht – und das, obwohl sie insgesamt eine spürbar schlechtere Leuchtkraft besaßen. Dieses Paradoxon lag nicht an der Helligkeit der Glühlampe, sondern an der grundlegend unterschiedlichen Lichtverteilung und Optik.
  • Schlechtere Optik der Streuscheiben-Linsen: Da die Toleranzen bei der Fertigung bei den komplett gegossenen Glaskolben hoch waren und massenhaft billig produziert werden mussten, war die Optik der Streuscheiben nicht sehr präzise. Ein beträchtlicher Teil des Lichts wurde nach oben und zur Seite gestreut, statt exakt auf die Straße projiziert zu werden. Dieses Streulicht führte bei Regen, Nebel und nasser Fahrbahn zu starker Eigen- und Fremdblendung.

 

Insgesamt wurden die Autofahrer wie auch die Fußgänger durch den Standard doppelt hart getroffen:

  • Weniger Sicht: Das Licht reichte nach vorne und rechts nicht weit genug, um Hindernisse bei höheren Geschwindigkeiten rechtzeitig zu erkennen.
  • Mehr Blendung: Trotz der geringeren Wattzahl und niedrigeren Gesamthelligkeit blendete der entgegenkommende US-Verkehr wegen der fehlenden asymmetrischen Abschneidung stärker als der europäische Gegenverkehr.

 

Der Standard wurde wegen seiner Auswirkungen als  „Gefängnis für den Autodesigner” bezeichnet. (Anm.: Der Begriff jailbreak wurde nicht von den Autodesignern erfunden, sondern von Apple-Usern von iPhones. Sie ließen sich nicht durch die Vorschriften des Herstellers davon abhalten, innovativ zu werden.)

Was wollte die US-Behörde eigentlich erreichen?

Die Einführung der Sealed-Beam-Pflicht im Jahr 1939 durch die US-Behörden (später von der NHTSA verwaltet) verfolgte ursprünglich zwei Hauptziele: die Lösung eines massiven Ersatzteil-Chaos und die Behebung gravierender Sicherheits- und Qualitätsmängel der damaligen Lichttechnik.

In den 1920er und 1930er Jahren gab es in den USA Hunderte Automobilhersteller. Jeder entwickelte eigene, maßgeschneiderte Scheinwerfergehäuse, Linsen und Glühlampen. Fiel eine Glühlampe oder ein Glas aus, gab es kaum universellen Ersatz. Autofahrer mussten oft wochenlang auf spezifische Ersatzteile warten oder fuhren gänzlich ohne funktionierendes Licht („Geisterautos“). Die Behörden wünschten sich ein System wie bei einer Haushaltslampe: Fällt ein Scheinwerfer aus, fährt man an die nächste Tankstelle, kauft für wenig Geld die Standard-Einheit (7-Zoll-Rund) und tauscht sie in Minuten selbst aus.

Das Ziel war also durchaus sicherheitsrelevant. Die Geisterautos sieht man heute noch in armen Ländern, in denen es mit dem Ersatzteilnachschub nicht klappt. Musste man aber in dem Autoland Nummer 1 der Welt über 40 Jahre an alten Zöpfen hängen?

Ein weiteres Ziel der Behörden war die Oxidation und der Qualitätsverlust der Beleuchtung. Vor den Sealed-Beams bestanden Scheinwerfer aus getrennten Teilen: einem Metallreflektor, einer losen Lampe und einer aufgesetzten Glasscheibe. Die Gehäuse waren selten vollkommen dicht. Feuchtigkeit, Straßenschmutz und Abgase drangen ein. Der Silber- oder Chromreflektor erblindete innerhalb weniger Monate und verlor einen Großteil seiner Strahlkraft. Beim Sealed Beam (versiegelter Strahl) wurden Glühfaden, Reflektor und Frontglas in einer Vakuumkammer fest miteinander verschmolzen. Dadurch blieb der Reflektor vor Sauerstoff und Schmutz geschützt. Der Scheinwerfer lieferte von Tag 1 bis zum Durchbrennen des Fadens etwa die gleiche Lichtleistung.

So wurde eine gute Idee zum technologischen Hindernis:

Ursprünglicher Vorteil (1940) Die Kehrseite (1960–1980)
Einfache Verfügbarkeit Verbot jeglicher neuer Scheinwerferformen und aerodynamischer Fronten.
Garantierte Qualität Blockade von Innovationen wie Halogenlicht, Asymmetrie, Freiform-Linsen und Glasklarglas.
Strenge Normung Zwang für europäische und japanische Importeure, ihre Autos für die USA visuell und technisch zurückzubauen.

Die Behörde hielt das Regelwerk über 40 Jahre lang extrem starr aufrecht. Aus der ursprünglichen Absicht, Qualität und Sicherheit zu sichern, wurde eine Überregulierung, die die US-Lichttechnik im internationalen Vergleich jahrzehntelang zurückwarf. Die mittelbare Wirkung war viel schlimmer. Das Design der US-Autos wurde massiv eingeschränkt, die Aerodynamik wie auch die Sicherheit des nächtlichen Verkehrs beeinträchtigt.

Was in Deutschland anders gelaufen ist

Was in der gleichen Problemlage in Deutschland gelaufen ist, war “vorbildlich” im Sinne der Normung. Die ach so liberale internationale Normung hat das Vorbild relativ spät gegen 1990 aufgegriffen. Das Vorgehen heißt Leistungsprinzip. Bei dieser Art des Vorgehens gibt man nicht vor, wie ein Produkt physikalisch oder technisch gestaltet wird, sondern was es leisten soll (Beispiel - die echten Zahlen stehen in den Regelungen): In 100 m vor dem Fahrzeug 1 lx auf der Fahrbahn.

So verfolgten im Gegensatz zum starren, formdiktierenden Ansatz der US-Behörden zuständigen deutschen Institutionen wie das Reichsverkehrsministerium, das spätere Bundesministerium für Verkehr und das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) eine völlig entgegengesetzte Philosophie: funktionale Leistungsvorgaben statt Bauformzwang.

Deutsche Behörden schrieben nie vor, wie ein Scheinwerfer geometrisch auszusehen hatte, sondern ausschließlich, was er optisch leisten musste. Anstatt eine Einheitsgröße wie den US-7-Zoll-Rundscheinwerfer vorzuschreiben, etablierten die deutschen Behörden das System der lichttechnischen Bauartgenehmigung: Herstellern wie Hella, Bosch oder Carello wurde vollkommene Gestaltungsfreiheit bei der Form (rund, oval, rechteckig, trapezförmig) gelassen.

Weil deutsche Richtlinien formneutral gehalten waren, konnten technische Innovationen der Heimindustrie ohne jahrzehntelange Gesetzesänderungen sofort in Serie gehen:

  • 1961 (Breitbandscheinwerfer): Ford Deutschland (Taunus P3 „Badewanne“) und Hella führten den ersten nicht-runden, ovalen/rechteckigen Scheinwerfer ein. Die Behörden segneten die Konstruktion ab, da das Lichtbild die gesetzlichen Vorgaben erfüllte.
  • 1962/1967 (Halogenlicht H1 / H4): Als Philips und Osram das wesentlich hellere Halogenlicht entwickelten, sperrten sich deutsche Behörden nicht, sondern zertifizierten die Zweifaden-Halogenlampe H4 rasch für den Straßenverkehr.
  • 1991 (Xenonlicht): BMW führte im 7er (E32) als weltweit erster Hersteller Gasentladungslampen ein. Die deutschen Behörden reagierten flexibel: Sie forderten für die Genehmigung nur technische Sicherheitskompensationen (wie die Pflicht zu einer automatischen Leuchtweitenregulierung und Scheinwerferreinigungsanlage), blockierten die Technologie aber nicht.

Während die US-Behörde NHTSA durch das Diktat der Sealed Beam das Fahrzeugdesign für über 40 Jahre in starre Geometrien zwang und Innovationen blockierte, agierten die deutschen Behörden als Anforderungs- und Prüfinstanz. Sie setzten strenge Sicherheitsgrenzen bei Blendung und Ausleuchtung, überließen das visuelle Design sowie die Wahl der Technologie jedoch den Ingenieuren und Designern.

Den Lichttechnikern, insbesondere denen von Osram, hat die beschriebene Entwicklung viel zu verdanken. Diese will ich kurz anführen:

  • Erfindung der Bilux-Lampe (1925): Zwei Lichtquellen in einem Kolben
  • Durchbruch des asymmetrischen Abblendlichts (1957)
  • Die Halogen-Revolution: H1 und H4 (1960er/1970er)
  • Wegbereitung für frei geformte Breitbandscheinwerfer

Ohne die lichttechnischen Erfindungen von Osram (insbesondere Bilux und H4) hätten europäische Behörden und Autohersteller kaum die Argumente gehabt, sich dem US-amerikanischen Sealed-Beam-Standard entgegenzustellen. Osram bewies, dass man Sicherheit durch Präzision im Leuchtmittel erreicht – und nicht durch das Diktat einer starren Bauform.

Gute und schlechte Normung unterscheiden sich möglicherweise nicht in ihren Bestimmungen, sondern daran, dass sie ihre Ziele deklarieren, eine gute Lösung vorgeben und den Fähigkeiten der Designer und Gestalter vertrauen.

Was die Normung für die Beleuchtung lernen kann

Wie in meinen Blogs mehrfach dargelegt, unterscheidet sich die letzte Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 im Prinzip kaum von ihrer ersten Version von 1913, die in New York entstanden ist: Die Norm listet eine Reihe von Arbeitsplätzen bzw. Arbeitsbereichen auf und gibt eine Beleuchtungsstärke dafür an (s. Osterhaus W.K.E. Office Lighting: A Review of 80 Years of Standards and Recommendations, 1993) . Darauf kommt es den Machern in erster Linie an.

Der Unterschied zwischen gestern (1913) und heute (ISO/CIE 8995-1:2025) besteht insbesondere darin, dass die Liste unendlich länger geworden ist (331 Arbeitsplatztypen in 54 Tabellen statt einer einzigen Tabelle mit 9 Zeilen). Neben der Beleuchtungsstärke werden seit etwa 1972 die Lichtfarbe (Auswahl aus zwei Optionen, ohne Empfehlung), die Farbwiedergabe (meist 80) und die Blendungsbegrenzung (früher Güteklasse nach Söllner, seit 2001 UGR). Dazu gab es noch die Gleichmäßigkeit der Beleuchtungsstärke. (Anm.: Ab 2021 werden noch weitere drei Beleuchtungsstärken angegeben. Ich habe aber noch keine Planung gesehen, die diese berücksichtigt und anders ausfällt als frühere Planungen.)

Wie kam man zu den Vorgaben zu den 331 Arbeitsplatztypen? Den Vorgang erklärt die Norm so:

„Die Werte gelten für übliche Sehbedingungen und berücksichtigen die folgenden Faktoren:
— psychophysiologische Aspekte wie Sehkomfort und Wohlbefinden;
— Anforderungen an Sehaufgaben;
— visuelle Ergonomie;
— praktische Erfahrung;
— Beitrag zur Betriebssicherheit;
— Wirtschaftlichkeit.

Das hört sich zunächst sehr seriös an. Wenn man sich aber die einzelnen Faktoren anschaut, wird sich jeder Mensch als gebildeter Laie fragen, wie man denn Sehkomfort, einen undefinierten Begriff, mit Wohlbefinden, einem wichtigen, für Außenstehende aber recht nebulösen Gemütszustand, zusammen betrachtet, um daraus unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit einen Wert für die Beleuchtungsstärke abzuleiten.

Wenn der Fragesteller nicht ein gebildeter Laie ist, den die Frage theoretisch interessiert, sondern ein Lichtplaner, der besser gestalten will als die Norm verlangt, dürfte es ihm sehr schwerfallen, die gleiche bzw. eine bessere Zielerreichung nachzuweisen. Wie es im schlimmsten Fall ausgehen kann, hat ein renommierter deutscher Lichtdesigner (und sein Auftraggeber) drastisch erlebt. Er sollte für ein großes Bauvorhaben (150.000 m² Bürofläche) ein Beleuchtungssystem entwerfen, damit der Vermieter das Objekt als Premiumbüro vermieten konnte. Drei Monate vor dem Einzug des Mieters verweigerte die Gewerbeaufsicht die Betriebsgenehmigung mit der Begründung, die geplante Beleuchtung sei keine Allgemeinbeleuchtung. Und sie hatte sogar formal recht.

Das oben ausführlich dargestellte Problem der Autoindustrie und deren desaströse Folgen für die Autonation der Amerikaner sollten Anlass dazu geben, die Beleuchtungsnormen ersatzlos abzuschaffen. Es genügt, wenn man Leitsätze einführt und die Ausführung den Lichtplanern überlässt. Für ein solches Dokument gibt es sogar eine gute Vorlage, DIN 5035 von 1935: Beleuchtung mit künstlichem Licht. In dieser ersten Fassung von 1935 wurden erstmals grundlegende „Leitsätze für die Innenraumbeleuchtung mit künstlichem Licht“ als verbindliche Gütemerkmale definiert.

Gütemerkmal ist ein anderes Wort für Qualitätskriterium. Der Begriff wurde in der deutschen Lichtnormung bis zur Abschaffung der nationalen Normung im Jahr 2001 gepflegt. Hingegen hat die internationale Community erst 2021 geschafft, den Begriff Qualität in das Vokabular aufzunehmen.

Licht, Effizienz und Unfallrisiko

Keine Sorge, das ist eine ganz einfache Frage –
es sei denn, man fängt versehentlich an, darüber nachzudenken.“
Anonymus

Licht, Effizienz und Unfallrisiko , kurzgefasst

Der Beitrag untersucht die Frage, ob und wie Licht das Unfallrisiko beeinflusst. Ausgangspunkt ist ein Vortrag aus dem Jahr 2008, dessen Aussagen vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse der Lichtforschung erneut betrachtet werden. Zwar wird Sicherheit auch in aktuellen Beleuchtungsnormen als Ziel genannt, doch ein belastbarer empirischer Nachweis direkter Zusammenhänge zwischen Beleuchtung und Unfallgeschehen bleibt schwierig. Die Gründe liegen vor allem in der Komplexität der Wirkungen: Licht beeinflusst nicht nur das bewusste Sehen, sondern auch circadiane Rhythmen, Wachheit, Motivation, Ermüdung, Gesundheit und das Zusammenspiel mit der Arbeitsumgebung.

Der Beitrag zeigt, dass klassische lichttechnische Größen wie Beleuchtungsstärke nur begrenzt geeignet sind, sicherheitsrelevante Wirkungen zu beschreiben. Bei vielen Tätigkeiten – insbesondere an Bildschirmen, in Warten oder bei reflektierenden Oberflächen – kann eine bloße Erhöhung der Beleuchtungsstärke sogar störend wirken. Entscheidend sind vielmehr Sehgeometrie, Blendung, Reflexe, Spektrum, Tageszeit, individuelle Unterschiede und die konkreten Anforderungen der Aufgabe. Auch die circadianen Wirkungen des Lichts sind bedeutsam, aber schwer zu messen und praktisch zu beherrschen, weil sie zeitabhängig sind, nachwirken und von der biologischen Uhr des Einzelnen abhängen.

Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher: Licht kann Sicherheit fördern, wenn es differenziert geplant und auf Aufgabe, Mensch und Umgebung abgestimmt wird. Es ist jedoch kein einfaches Mittel zur Unfall- oder Fehlervermeidung. Die Hoffnung, durch mehr Licht automatisch bessere Leistung oder höhere Sicherheit zu erzielen, ist überholt. Stattdessen müssen visuelle, biologische und organisatorische Wirkungen gemeinsam betrachtet werden. Auch ohne eindeutigen statistischen Nachweis sollte Licht als möglicher sicherheitsrelevanter Faktor ernst genommen und vorsorglich in die Arbeitsgestaltung einbezogen werden.


Licht, Effizienz und Unfallrisiko

Zum Thema

Diesen Beitrag habe ich in Erinnerung an die guten alten Zeiten geschrieben, als die Entdeckung der intrinsisch photosensitiven Ganglienzellen (ipRGCs) alle Beteiligten in Euphorie versetzt hatte. Man glaubte endlich einen Hebel gefunden zu haben, um den nicht ganz fehlerfreien Menschen mit Hilfe von Licht zu sichererem Verhalten zu trimmen. Auch wenn man dazu die Lichttechnik neu erfinden müsste, wie mancher hochkarätiger Experte sogar schriftlich von sich gab, schien die Zeit reif.

Dass man mit Licht eine bessere Leistung erzielen würde, und das auch über eine Reduzierung der Fehler, schien Gemeingut seit fast 100 Jahren. Und jetzt auch noch das: Man kann die circadianen Rhythmen des Menschen verschieben wie mit einer Tasse Espresso. Und das binnen Minuten.

Ich hatte allerdings bereits im Jahr 2008 eine lange Karriere mit der Untersuchung vom menschlichen Fehler in industriellen Umgebungen hinter mir. Diese hatte auf dem Gebiet der nuklearen Sicherheit abgespielt, wobei man Licht und Sicherheit seit dem Nuklearunfall auf Three Mile Island 1979 im Visier hatte.

Der Beitrag beruht auf Folien eines Vortrags in 2008 und wurde in August 2026 geschrieben.

Dieser Beitrag kommentiert die Rolle des Lichts beim Unfallrisiko. Die Folien stammen alle – ohne Auslassungen – aus meinem Vortrag an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften vom 26. Mai 2008. Seitdem sind über 18 Jahre vergangen. Die Lichtforschung hat vermutlich mehr Papiere hervorgebracht als im Jahrhundert zuvor, weil nach und nach bewusst wurde, welche prominente Rolle Licht für das Leben insgesamt spielt.

Dass die Rolle des Lichts auch die Sicherheit des Menschen umfasst, wurde bereits vor über einem Jahrhundert postuliert. Aber auch die jüngste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 zählt die Sicherheit zu den Zielen, die diese Norm verfolgt. Nicht hier oder da, sondern global.

Durch welche Erkenntnisse ist dieses Postulat belegt? Das war das Thema des Vortrags. Ich wiederhole ihn jetzt schriftlich, weil wir sehr viele neue Erkenntnisse haben. Ob sie auch in Sachen Sicherheit etwas Neues bedeuten?

Die Übersicht beginnt mit der Arbeitsgestaltung und dem Beitrag der Lichttechnik, den diese leisten kann oder bereits geleistet hat. Die Ergonomie kennt vier hierarchisch angeordnete Ebenen der Arbeitsgestaltung, in denen man einen Beitrag eines Umweltfaktors verorten kann. Dieser kann je nach Ebene positiv oder negativ sein oder ganz fehlen.

Des Weiteren werden der Begriff Leistung und die Wirkung der menschlichen Leistung(sfähigkeit) auf den Fehler angeführt.

Licht und Strahlung wirken sich nicht nur auf die Augen oder auf die Haut aus. Sie greifen in alle Lebensvorgänge ein. Und alle diese Lebensvorgänge können für den Fehler und damit für den Unfall relevant sein.

Fast alle Studien in der Lichttechnik benutzen die Beleuchtungsstärke als die unabhängige Variable, sprich als verursachenden Faktor. Ich spreche lieber von der Intensität, weil Beleuchtungsstärke ein sehr spezieller Begriff ist, der eher Verwirrung stiftet, wenn Laien ihn benutzen. Kann man eine Beziehung zwischen der Lichtintensität und der Sicherheit aufzeigen?

Die Beziehung zwischen Unfällen und Licht ist das Hauptthema dieses Beitrags. Es ist zumindest plausibel, dass gutes Licht das Unfallgeschehen positiv beeinflusst. Hat man das empirisch belegen können?

Farbe und Spektrum gehören schon immer zu den wichtigsten Merkmalen einer Beleuchtung. Jede Vorschrift, die Beleuchtung thematisiert, schreibt vor, dass alle Sicherheitsfarben klar erkennbar sein müssen. Ist das auch heute so?

Hier sind die Arbeiten aufgezählt, die das Ergonomic Institut vor 2008 zu den genannten Themen ausgeführt hatte.

Licht und Schichtarbeit im Büro wurden sehr selten untersucht, weil es im Büro sehr selten Schichtarbeit gab. Diese Studie hatte 6 Gruppen mit je 25 Frauen in drei unterschiedlichen Räumen untersucht, die in zwei Schichten wechselweise arbeiteten. So konnte man z.B. die unterschiedliche Bewertung der gleichen Beleuchtung bei Nacht und bei Tage studieren. Zwei der Räume hatten viel Tageslicht, der dritte war ein Großraum ohne Tageslicht. Es wurde gezeigt, dass die Bildschirmarbeit bei Tageslicht weniger belastet, obwohl die Mitarbeitenden auf ihren Bildschirmen kaum etwas sahen.

Die Rolle des Lichts in den Warten von Kernkraftwerken findet besondere Beachtung seit Three Mile Island 1979. (s. Kemeny Report) Man versuchte danach, die Leistungsfähigkeit der Menschen durch hohe Beleuchtungsstärken in der Nacht zu erhöhen. Wir haben diese in sechs kerntechnischen Anlagen in Deutschland untersucht.

Licht in den Warten von Verkehrsunternehmen wurde bei der Deutschen Bundesbahn und bei verschiedenen städtischen Bahnen untersucht.

Licht und Farbe für die Fluglotsen wurden im Control Center Langen der Deutschen Flugsicherung GmbH untersucht, um die Erkenntnisse über circadiane Rhythmen umzusetzen.

Licht und Farbe für den Luftverkehr wurden im Auftrag von Airbus untersucht.

Licht und Gesundheit allgemein wurden von Ergonomic bei allen Betriebsstudien (über 300) in die Untersuchungen einbezogen.

Diese Folie symbolisiert die bis heute übliche Nutzung der künstlichen Beleuchtung, um Räume zu erschließen, in die das Tageslicht nicht hineinkommt. Das Ziel dieser Nutzung war schon immer die Erzeugung einer Sehleistung, um eine Arbeit auszuführen.

Diese Rolle des Lichts blieb über Jahrtausende gleich. Später kam hinzu, dass man mit Hilfe des künstlichen Lichts auch die Arbeitszeiten erweiterte. Am Ende steht die Gesellschaft, die nie schläft, die 24/7-Gesellschaft.

Die gesamte Entwicklung des Lichtmachens von der Öllampe bis zu Displays, die eine ganze Straße überspannen, wurde in Epochen der Kunst des Lichtmachens dargestellt.

Menschliche Arbeit muss ausführbar sein, um als solche anerkannt zu werden. Einzelaktionen, die Akrobaten oder Künstler ausführen, deren Beherrschbarkeit fraglich ist, gelten in diesem Sinne nicht als Arbeit.

Eine höherwertige Arbeit ist schädigungslos. D.h., sie lässt sich über ein ganzes Arbeitsleben ausführen, ohne dass die Arbeitenden physisch oder psychisch einen Schaden erleiden.

Die nächsthöhere Ebene ist die Zumutbarkeit der Arbeit. Unter der Zumutbarkeit der Arbeit versteht die Ergonomie das Ausmaß einer Arbeitsbelastung, das unter Berücksichtigung rechtlicher, ethischer und gesellschaftlicher Normen von Beschäftigten ohne gesundheitliche Beeinträchtigung oder Überforderung dauerhaft erbracht und akzeptiert werden kann.

Zufriedenheit ist eine subjektive Dimension. Die Ergonomie versteht unter Arbeitszufriedenheit den positiven emotionalen und kognitiven Zustand von Beschäftigten, der aus einer optimalen Übereinstimmung zwischen ihren individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten sowie den tatsächlichen Arbeitsbedingungen, -umgebungen und -aufgaben resultiert.

Unter der Sozialverträglichkeit der Arbeit versteht die Ergonomie die Gestaltung von Arbeitsbedingungen, die gesellschaftliche Werte wie Gesundheit, Chancengleichheit, soziale Teilhabe und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben nachhaltig sichern und fördern.

Welchen Beitrag kann Licht zur Ausführbarkeit der Arbeit leisten? Die Antwort wurde schon auf der Folie mit der steinzeitlichen Höhle gegeben. Für viele Arbeiten, wenn nicht für fast alle, bedeutete Licht die erste Voraussetzung zur Ausführbarkeit. Entweder nutzte man das natürliche Licht oder man schuf künstliche Quellen. Eine bestimmte Sehleistung, die die Beleuchtung erzeugt, wurde für fast jede Arbeit benötigt.

Das hat sich mit der Einführung von Bildschirmen geändert. Zunächst schleichend, weil man neben dem Bildschirm noch das Papier als Medium gebraucht hat.

Die Antwort fasst die nächste Folie zusammen.

Man gibt vor, dass das Hauptziel der Beleuchtung von Arbeitsstätten eine sog. „Sehleistung“ sei. Dies mag einst in den 1930ern wahr gewesen sein. Für manche Arbeiten macht man immer noch Beleuchtung, um eine Sehleistung zu erzielen.

Aber spätestens seit 1972 ist das Ziel der Beleuchtungsnormung nicht die Sehleistung. Dies habe ich in mehreren Beiträgen dargelegt (s. Weiterführende Beiträge)

Ein wesentlicher Faktor, der in der Lichttechnik nie erwähnt wird, ist das Erkennen von Farben. Dies wurde nie als Sehleistung bezeichnet, die übrigens gemessen an ihrer Bedeutung, eher miserabel definiert ist (s. Weiterführende Beiträge).

Für mindestens die Hälfte der Mitarbeitenden ist fast ausschließlich die Sehleistung bedeutsam, die das Sehen am Bildschirm betrifft. Diese wird von jeder Beleuchtung mehr oder weniger beeinträchtigt, weil alle Bildschirme aktive Anzeigen sind, deren Abbildung durch Fremdlicht an Qualität verliert.

Der Qualitätsverlust ist bei Büroarbeiten mit üblichen Anwendungen relativ klein und wird nur noch selten als Problem erlebt. Je wichtiger das Erkennen von Farben und Formen für eine Tätigkeit ist, desto gewichtiger ist der Qualitätsverlust. Das oberste Ende der Skala bildet das Bearbeiten hochqualitativer Fotos und Videos, für das man praktisch Dunkelheit braucht.

Medizinische Eingriffe, für die man einst sehr hohe Beleuchtungsstärken gebraucht hat, finden heute in praktisch abgedunkelten Räumen statt.

Summa summarum hat die Beleuchtung ihre Bedeutung für das gezielte Sehen stark eingebüßt oder gar ganz verloren.

Weiterführende Beiträge

Es war einmal … - Drei Ingenieure und das Märchen von der Sehleistung
Licht und Sehleistung – Wer braucht wie viel Licht
Legendenbildung und Märchenerzählung – Ungewöhnliche Aktivitäten für Ingenieure
Ist LED-Beleuchtung effizienter als die Glühlampenbeleuchtung? Eine physiologische Betrachtung
Warum man nicht nachweisen kann, dass gutes Licht die Arbeitsleistung verbessert

Die Schädigungslosigkeit ist eine Dimension, bei der das Licht eine ganz andere Bedeutung gewonnen hat, sodass man sogar die offizielle Definition der Beleuchtung geändert hat. So hieß Beleuchtung im CIE-Wörterbuch bis 2011:

“application of light to scene, objects or their surroundings so that they may be seen“ (Anwendung von Licht auf Beleuchtung eine Szene, auf Objekte oder ihrer Umgebung, damit diese sichtbar werden).

Jetzt heißt es nur noch: “application of light to a scene, objects, or their surroundings“. Mit der Beleuchtung ist kein Zweck mehr vorhanden.

Dass man mit einer Beleuchtung den Zweck verbindet, Dinge sichtbar zu machen, gilt seit 15 Jahren nicht mehr. Dies hängt mit der seit 2001 verstandenen Rolle des Lichts für die circadiane Rhythmik des Menschen zusammen. Licht kann Schaden verursachen, wenn es zur falschen Zeit wirkt. Aber auch das Fehlen von Licht zu einer Zeit, zu der der Organismus Licht erwartet, kann einen Schaden verursachen.

An diesen Erkenntnissen werden wir lange zu arbeiten haben. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass das viele Licht, das man nachts in Warten erzeugen wollte, um die Arbeit nachts sicherer zu machen, von der WHO 2007 als mögliche Ursache einer kanzerogenen Wirkung anerkannt wurde.

Die Lichttechnik hat immer versucht, unangenehme Wirkungen des Lichts über eine Blendungsbegrenzung zu vermeiden. Allerdings hat über 100 Jahre Forschung nicht einmal Klarheit darüber geschaffen, was Blendung eigentlich ist.

Die Lichttechnik hat auch versucht, durch hohe Beleuchtungsniveaus eine positive Wirkung zu erzielen. Erkenntnisse zu circadianen Wirkungen des Lichts, sprechen dafür, dass hohe Beleuchtungsstärken tagsüber positive Wirkungen auf den Menschen ausüben können. Da diese Wirkungen mit einer Stabilisierung der circadianen Rhythmik zusammenhängen, kann man erwarten, dass sie nicht nur der „Schädigungslosigkeit“ des Menschen dienen, sondern auch helfen, seine Arbeit sicherer zu gestalten.

Allerdings haben die auch im Jahr 2008 diskutierten Mittel, dynamisches Licht, 18 Jahre später kaum Boden gut gemacht. Das „blaue“ Licht, das 2008 als eine Art „Intelligenzverstärker“ propagiert wurde, „Blau macht schlau“, wird heute kaum noch erwähnt.

Ein ordentlicher Tropfen Wein kam im Jahr 2021 von führenden Chronobiologen, die erklärten, dass Licht ab 19:00 drastisch reduziert werden müsse, um ab 22:00 praktisch abgestellt zu werden. Wie man das anstellen soll, wenn allein die verwendeten Bildschirme mehr Licht produzieren als zulässig, weiß bis heute niemand. (Brainard et al.)

Die CIE, die seit 2015 richtiges Licht zur richtigen Zeit propagiert, ist seitdem ziemlich sprachlos. Man vergleiche die Erklärungen der CIE zum richtigen Licht zur richtigen Zeit aus den Jahren 2015, 2019 und 2024.

 Licht kann zur Zumutbarkeit der Arbeit auf vielfältige Weise beitragen. So wurde z.B. einst die Beleuchtung so bemessen, dass ein gewisser Komfort erreicht werden sollte. Brauchte man für eine Arbeit 10 lx, um gerade noch genug zu sehen, wurden 150 lx erzeugt, damit man „komfortabel“ sehen konnte. Das sollte die Ermüdung reduzieren.

Dummerweise kann man Ermüdung auch heute nicht messen. Deswegen blieben die positiven Wirkungen im theoretischen Bereich. Praktisch wirkte sich das ganze Ergebnis der Bemühungen der Lichttechnik im Gegenteil aus. Das Netzwerk LinkedIn ermittelte unter deutschen Führungskräften nach der Frage, wie sie sich einen idealen Arbeitsplatz vorstellen, folgendes Ergebnis:

Wie die LinkedIn-Studie gezeigt hat, ist den Führungskräften nach einer Flucht vor dem künstlichen Licht. Die obige Folie zählt die Gründe dafür auf.

Die schon 2008 bemängelte Ignorierung der circadianen Wirkungen und des anderen Bedarfs an Licht zu verschiedenen Zeiten wurde in einer von der BAuA (Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin) beauftragten Studie (Çakir, A., Çakir, G., Kramer, H., Schierz, C., Wunsch, A. (2011). Der Stand von Wissenschaft und Technik bei neuen Beleuchtungstechnologien am Arbeitsplatz und ihre Auswirkungen. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Dortmund) von uns als eine gesicherte Erkenntnis dargestellt. Aber auch im Jahr 2026 geben Beleuchtungsnormen wie auch Arbeitsschutzvorschriften den Betrieben vor, Tag und Nacht die gleiche Beleuchtung zu betreiben.

Während im Jahr 2008 noch viel Hoffnung bestand, diese Dimension der Beleuchtungswirkungen zu ändern, sieht die Lage 2026 hoffnungslos aus.
Kann ein Umweltfaktor zumutbar sein, wenn dessen Benutzung mit Gefahren für die Gesundheit verbunden sein soll? Die Quintessenz der Expertenbeurteilung bestehender Beleuchtungen ist:

„Neben dem Fokus auf Energieeinsparung beschränken die bestehenden Richtlinien die Beleuchtungsstärke in Innenräumen auf Werte, die in der Regel mindestens eine Größenordnung unter denen der natürlichen Lichtverhältnisse im Freien liegen. Dadurch entsteht eine Lichtumgebung in Innenräumen, die für die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden des Menschen möglicherweise nicht optimal ist.“ (Brainard et al)

Bereits oben bei der Diskussion der LinkedIn-Studie wird klar ausgedrückt, dass der Beitrag von Licht zur Zufriedenheit mit der Arbeit eher negativ sein kann.

Während man Führungskräften zutrauen kann, dass sie Mittel und Wege finden können, um die Beleuchtung ihrer Umgebung doch etwas angenehmer zu gestalten, stellt sich die Situation für „normale“ Arbeitende schlimmer dar. Eine Besserung ist wenig wahrscheinlich, weil es nicht nur von den Möglichkeiten abhängt, die dem Lichttechniker zur Verfügung stehen. Denn hinter der negativen Wertung der Führungskräfte steckt in erster Linie die Knappheit des Büroraums, die eine gute Lichtplanung eher behindert.

Hinzu kommt, dass die Büros immer mehr mit grauen Akustikpaneelen vollgestellt werden, weil die neue Arbeit viel stärker auf verbaler Kommunikation beruht als früher. Diese machen jede gute Lichtplanung leicht zunichte.

Kann die Beleuchtungstechnik aus eigener Kraft für Zufriedenheit mit der Arbeit sorgen? Wie groß kann der Beitrag hierzu sein?

Ein geschlossenes Konzept, das für Zufriedenheit sorgen könnte, ist weit und breit nicht zu entdecken. Ausgenommen hiervon sind die individuellen Beiträge zu Einzelprojekten des Lighting Designs bzw. der Lichtplanung, die für eine hohe Lichtqualität sorgen. Dazu muss man wissen, dass der Begriff Lichtqualität erst nach einem Jahrhundert in das Wörterbuch der Lichttechnik aufgenommen wurde (s. Weiterführende Beiträge).

Beleuchtungsnormen oder ähnliche Richtlinien, die es seit 1913 gibt, gehen auf die individuellen Unterschiede im Lichtbedarf nicht ein, die spätestens in den 1960ern in der Lichttechnik bekannt waren.

Selbst die Accessibility, die alle Normen berücksichtigen müssen, die etwas mit dem Menschen und seiner Arbeit zu tun haben, ist in der Lichttechnik kein Begriff.

Die persönliche Einflussnahme, die mit der ISO-Norm DIN EN ISO 9241-6 Ergonomische Anforderungen für Bürotätigkeiten mit Bildschirmgeräten - Teil 6: Leitsätze für die Arbeitsumgebung in die Normung eingeführt wurde, war traditionell kein Thema für die Lichttechnik. Erst als die Steuerung von Licht einfacher wurde, wurde eine individuelle Einflussnahme auf die Beleuchtung auch in den Beleuchtungsnormen (ISO 8995-1:2025) erwähnt. Ihre hervorragende Bedeutung war 1990 mit unserer Studie Licht und Gesundheit nachgewiesen worden. (Licht und Gesundheit)

Die Beziehung zwischen der Funktionalität der Beleuchtung, die für die Sehaufgabe relevant sein kann, und der Umweltgestaltung blieb diffus, obwohl genau diesen Aspekt ein Forschender bereits 1962 thematisiert hatte. Bodmann (Bodmann, H.W.: Beleuchtungsniveaus und Sehtätigkeit, Int. Licht Rundschau, 1962, S. 4; Bodmann, H.W.: Kriterien für optimale Beleuchtungsniveaus, Lichttechnik, 15. Jahrg. Nr. 1/ 1963, S. 24-26) hatte untersucht, welche Beleuchtungsstärke Büromitarbeiter benötigten, um ihre Sehaufgaben zu erfüllen. Nach seinen Studien genügten etwa 50 lx bis 100 lx. Bodmann postulierte, dass für ein Büro 400 lx benötigt wurden, um ein helles Ambiente zu schaffen. Interessant ist, wer Bodmann war: Nach der Promotion in Kiel arbeitete Bodmann über zehn Jahre (1956-1967) in den Philips-Forschungslaboratorien in Hamburg und Aachen. Danach wurde er Professor für Lichttechnik in Karlsruhe.

Dass diese Erkenntnis nie in den Beleuchtungsnormen auftauchte, ist dem Bemühen zu verdanken, dem Arbeitgeber, als dem Auftraggeber für die Beleuchtung, vorzutäuschen, dass die Beleuchtung der Produktivität diene. Dass eine Zufriedenheit mit der Arbeitsumwelt sogar mehr zur Produktivität beitragen kann als Sehleistung, wäre für das Marketing schwer vermittelbar gewesen.

Die neuere Normung (DIN EN 12464-1:2021 und ISO/CIE 8995-1) bewegt sich weg von der Beleuchtung der Arbeitsebene, die das Maß aller Dinge war, und gibt Beleuchtungsstärken für Wände und Decken vor, was sicherlich die Zufriedenheit mit der Beleuchtung verbessern wird. Diesbezügliches Wissen war allerdings bereits in den 1970ern längst vorhanden.

Weiterführende Beiträge

CIE definiert Lichtqualität - Aber wie?
CIE definiert Lichtqualität - Was verstehen die Leute unter Qualität?
Welche Qualität haben wir bekommen?

 Das Wirkungsmodell der Ergonomie, das die Beziehung zwischen Licht und Leistungsfähigkeit herstellen will, lässt deutlich erkennen, warum es allein mit den Mitteln der Lichttechnik immer schwerfallen wird, diese Beziehung schlüssig zu belegen. Die in den grauen Kästchen aufgezählten Faktoren entziehen sich zum größten Teil der Gestaltung durch den Lichttechniker. Die ergeben die “Qualität der Sehleistung”, die aber nicht identisch ist mit der Leistungsfähigkeit der Arbeitenden. Diese wird in erheblichem Maße durch die Person und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmt. Eine Effizienzsteigerung bzw. eine verbesserte Sicherheit wird durch das Zusammenspiel aller Faktoren erreicht.

Das von mir damals benutzte Wirkungsmodell ist bewusst simpel dargestellt worden. Jennifer Veitch, die derzeitige Präsidentin der CIE, hat die Beziehung zwischen den lichttechnisch relevanten Bedingungen und dem erzielten Ergebnis (“organisatorische Auswirkungen“) erheblich komplexer dargestellt. Die Komplexität ihrer Darstellung erklärt, warum ein empirischer Nachweis zwischen den Eigenschaften der Beleuchtung und den dadurch bewirkten Folgen (Arbeitsleistung, Fehler, Sicherheit) sehr schwer zu erbringen ist.

Mit solchen Schwierigkeiten kämpft praktisch jeder, der die Aufgabe hat, einen solchen Nachweis zu erbringen. In der Praxis ist es nicht einmal gelungen, schlüssig nachzuweisen, dass man unter gutem Licht besser lesen kann, was man in den 1930er Jahren versucht hat.

In den 1920er Jahren versuchte man, in einem Industrieunternehmen eine Verbesserung der Leistung von Industriearbeiterinnen durch verbessertes Licht nachzuweisen und erlebte eines der größten Traumata der Wissenschaft (Hawthorne-Effekt). (s. Weiterführende Beiträge)

All dies besagt nicht, dass es die behaupteten oder angestrebten Wirkungen nicht gibt. Es handelt sich eher um die Unfähigkeit empirischer Methoden, die Beziehungen aufzudecken.

Weiterführende Beiträge

Leistung, Leistung über Alles! Eine kleine Geschichte aus Hawthorne Works

Indirekte Modelle zielen darauf, die komplexen Beziehungen in kleinere aufzubrechen. So kann man durchaus zeigen, dass Menschen eine bessere Leistung durch die Aktivierung durch eine hellere Umgebung erbringen können. Das wurde in den erwähnten Versuchen nach Three Mile Island mit sehr hellen Warten in der Nacht versucht. Ein anderer Versuch war, das sog. „Mittagstief“ mit hohen Beleuchtungsstärken zu verhindern.

Man kann aber bessere Leistungen durch eine höhere Motivation erzielen. Dazu lieferte die oben zitierte Hawthorne-Studie einen guten Beweis. Theoretisch kann eine verbesserte Beleuchtung eine Leistungsverbesserung durch eine erhöhte Motivation bewirken.

Auch die Verhinderung vorzeitiger Ermüdung oder die Vermeidung von Leistungstiefs kann eine größere Sicherheit bewirken.

Keines dieser Modelle ist empirisch belegt. Den wesentlichen Grund habe ich beim Kommentar zu der vorherigen Folie erklärt.

Wer versucht, eine erhöhte Wachsamkeit in der Nacht durch hohe Beleuchtungsstärken zu erzielen, könnte bei diesem Bestreben die Mitarbeitenden auch gefährden.

Ein Großversuch, die circadiane Rhythmik von Arbeitern mit hohen Beleuchtungsstärken in der Nacht zu verschieben, um dadurch eine größere Sicherheit des Handelns zu erzielen, wurde bei einem VW-Werk ausgeführt. Über die Ergebnisse schweigt man heute lieber.

Eine Norm (DIN EN 12464-1:2001) implizierte in ihrem Geltungsbereich, dass Sehkomfort, Sehleistung und Sicherheit die wichtigsten Bedürfnisse bezüglich Beleuchtung seien. Daraus seien die Bestimmungen dieser Norm abgeleitet worden.

Das Ganze war im Jahr 2008 unwahr. Der Sehkomfort ist auch 2026 nicht definiert. Der Begriff taucht in keinem lichttechnischen Wörterbuch auf.

Mit diversen Definitionen der Sehleistung kann niemand etwas anfangen, so etwa mit dieser: „Sehleistung - Qualität der Leistung des visuellen Systems eines Beobachters in Bezug auf das zentrale und periphere Sehen“ (DIN EN 12665). Noch weniger brauchbar war die Definition aus dem CIE-Wörterbuch der Lichttechnik: „Sehleistung - Leistung des visuellen Systems, wie sie beispielsweise durch die Geschwindigkeit und die Genauigkeit gemessen wird, mit welcher eine Sehaufgabe gelöst wird.”

Das Wort „Sicherheit“ darf gemäß ISO Guide 51 „Safety aspects – Guidelines for their inclusion in standards” nur mit einem Qualifier wie “Funktionale Sicherheit” benutzt werden. Dies gilt seit 1990 für alle ISO- und IEC-Standards. In der Lichttechnik handelte man schon immer diesem Guide zuwider. Das gilt sogar für einen Standard, den die CIE mit der ISO gemeinsam entwickelt hat (ISO/CIE 8995-1:2025)

Die Ergonomie zeigt eine weitere Komplexität in der Beziehung zwischen Licht und der menschlichen Leistung. Neben den bislang diskutierten Faktoren kommen die momentane Disposition zum Zeitpunkt des Handelns einer Person und die Motivation hinzu, die das „Leistungsangebot“ bestimmen, das letztlich in der abgegebenen Leistung mündet. Ob ein Mensch sicher handelt oder nicht, wird durch sein Leistungsangebot bestimmt.

Diese Folie zeigt den prinzipiellen Verlauf der wichtigsten physiologischen Größe eines Warmblüters, der Körperkerntemperatur. Jeder Organismus versucht, diese so gut es geht stabil zu halten. Der ungestörte Melatoninspiegel orientiert sich an diesem Verlauf.

Das Melatonin existiert seit den Zeiten, als das Licht der Sonne für die meisten Lebewesen tödlich war, also seit über 2,5 Milliarden Jahren. Es gibt jedem Organismus ein Signal, das anzeigt, dass die Sonne kommt oder geht. Tagaktive Tiere verstehen das Signal am Abend als einen Hinweis, dass die Ruhezeit beginnt. Bei den nachtaktiven Tieren bewirkt das Signal das Gegenteil.

Auch Lebewesen in den Tiefen der Meere, in die kein Licht mehr eindringt, folgen dem Signal. Bei Einbruch der Dämmerung steigen Milliarden von Kleinstlebewesen (Zooplankton wie Krill und Ruderfußkrebse) sowie kleine Fische und Quallen aus Tiefen von 200 bis 1000 Metern an die lichtdurchflutete Oberfläche auf (Diel Vertical Migration, DVM). Vor Sonnenaufgang sinken oder schwimmen sie wieder in die dunkle Tiefe zurück. Nach der kombinierten Biomasse gilt die DVM als die größte tägliche synchrone Tierwanderung des Planeten.

Bereits seit langem ist der tägliche Verlauf der menschlichen Leistungsfähigkeit bekannt. Der deutsche Arbeitsphysiologe Otto Graf ermittelte die Grundlagen der zirkadianen Leistungskurve des Menschen („Graf’sche Leistungskurve“) im Rahmen seiner Forschungen von den 1930er bis in die 1950er Jahre. Eine seiner zentralen Veröffentlichungen zur Arbeitskurve und den tagesperiodischen Leistungsschwankungen erschien 1934 („Untersuchungen über die tageszeitlichen Schwankungen der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit“).

Die Kurve beschreibt die typischen Schwankungen der menschlichen Leistungsfähigkeit über einen 24-Stunden-Tag:

  • Vormittagshoch (ca. 8:00 – 11:00 Uhr): Absolutes Leistungsmaximum des Tages für Konzentration und körperliche Arbeit.
  • Mittagstief (ca. 12:00 – 14:00 Uhr): Deutlicher Abfall der Leistungsfähigkeit („Suppenkoma“ / postprandiales Tief).
  • Nachmittagshoch (ca. 16:00 – 18:00 Uhr): Zweiter, schwächerer Leistungsgipfel.
  • Nachtleistungstief (ca. 2:00 – 4:00 Uhr): Absoluter Tiefpunkt der physischen und psychischen Belastbarkeit (hohes Fehlerrisiko bei Schichtarbeit).

Die Kurve dient bis heute als Standardmodell in der Arbeitswissenschaft und Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitszeiten, Pausenregeln und Schichtplänen.

In die Kurve eingezeichnet sind Versuche, mit Licht die Leistung des Menschen zu ändern. Der grüne Pfeil zeigt an, zu welcher Zeit man ein Leistungstief bei Arbeitenden durch Anheben der Aktivierung überwinden will. Der gelbe Pfeil markiert das Bemühen, den Zeitpunkt eines Leistungstiefs zu verschieben, damit dieser außerhalb der Arbeitszeit liegt.

Hier ist die Darstellung von Vietch, die die wirkenden Faktoren wie Leuchtdichte und die angestrebte Wirkung (“Organisatorische Auswirkungen”) zeigt. Das untere Kästchen in der Mitte (“Gruppenbeziehungen”) zeigt den Faktor, der das Hawthorne-Experiment hat scheitern lassen.

Nach dieser Darstellung lösen die Arbeitsbedingungen psychobiologische und psychologische Prozesse aus, die sich auf die Person auswirken, die handeln soll.

Insgesamt stellt sich die Beeinflussung des Menschen durch Licht als schwer nachweisbar dar.

Eine vorhandene Wirkung kann durch eine andere ausgeschlossen werden, wodurch ein Nachweis weiter erschwert wird.

Allein das Tageslicht beeinflusst durch seinen UV-Anteil Hunderte von Genen. UV steuert die Kommunikation zwischen den Zellen (z.B. systemische Kommunikation (Haut-Hirn-Achse) ).

Licht kann sich durch sein Fehlen auswirken. Alle Beeinflussungen der circadianen Rhythmik ändern diese nicht, sie verschieben sie. So erwartet der Körper morgens helles Licht. Fehlt dieses z.B. in Büroräumen, entsteht eine Lichtwirkung ohne Lichteinwirkung.

Erschwerend kommt hinzu, dass die individuellen Unterschiede enorm groß sind. Von dieser Erkenntnis profitiert z.B. die circadiane Medizin, die sich zu einem formidablen Forschungsgebiet entwickelt hat. (Charité Circadiane Medizin).

Wo sich Faktoren in medizinischem Sinne auswirken können, sind ethische Fragen für die Forschenden nicht fern. Aber auch die Lichtanwendung muss sie berücksichtigen. Dies erschwert auch den Nachweis einer Wirkung auf die Leistung und auf die Sicherheit des Handelns.

Jeder Forschende, der Lichtwirkungen bestimmen will oder soll, muss sich mit der Frage der Intensität beschäftigen. Und das ist keine leichte Aufgabe.

Wenn man Licht als Ursache für eine Wirkung begründen will, trifft man immer wieder auf die Größe Beleuchtungsstärke. Diese wurde seit über 100 Jahren in Normen vorgegeben, bei der Planung von Beleuchtungsanlagen primär berücksichtigt. Es gibt kaum eine lichttechnische Publikation, in der sie nicht vorkommt. Dummerweise entsteht dadurch mehr Konfusion denn Wissen. (zu Beleuchtungsstärke s.: Basis der Festlegung von Beleuchtungsstärkewerten in Beleuchtungsnormen und Beleuchtungsstärke – Grundgröße oder Irreführung?)

Es gibt keine einzige nachgewiesene physiologische Wirkung, die eine Beziehung zur Beleuchtungsstärke aufweist. Das wäre auch unwahrscheinlich, weil die Beleuchtungsstärke eine künstliche Größe ist, die den Beitrag aller leuchtenden Flächen über einem Betrachtungsgegenstand zusammenrechnet. Sie ist nur geeignet für die Berechnung der Lichtmenge, die an einem Punkt ankommt, wenn die Einfallsrichtung egal ist.

Wenn man die eine Art der Blendung berücksichtigen will, die das Sehen messbar beeinträchtigt, heißt die relevante Größe Lichtstärke. Die genannte Art der Blendung wird physiologisch genannt, weil man diese auch an toten Augen messen kann. Die Lichtstärke lässt sich außerhalb eines technischen Labors kaum messen. Wo sie dennoch gemessen wird, sind es die Prüfstellen von TÜVs, die Autoscheinwerfer messen müssen. Für Forschende außerhalb der Lichttechnik gibt es kaum eine  Möglichkeit, Lichtstärken zu bestimmen. Daher wird man in keiner Publikation über Leistung, Sicherheit oder Unfall  Messdaten zu Lichtstärke jemals finden.

Die für die meisten Menschen relevante Blendung nennt man “psychologisch”, weil bislang niemand physiologische Korrelate nachweisen konnte, die “Blendung” bedeuten. Die lichttechnische Größe, die für diese Art Blendung maßgeblich sein soll, ist die Leuchtdichte bzw. ihre Verteilung im Gesichtsfeld eines handelnden Menschen.

Bereits die Definition der Leuchtdichte ist ein kleines Kunststück (Ein unmöglicher Umgang mit der wichtigsten Größe – Leuchtdichte). Ihre Messung ist ein weiteres. So nimmt es nicht Wunder, dass bei Fehlern oder Unfällen niemand verwertbare Daten erfasst. Daher wird man weder die psychologische Blendung noch die Leuchtdichte in Publikationen oder Unfallprotokollen finden können.

Wenn man circadiane Wirkungen untersuchen und deren Rolle bei Fehlern oder Unfällen feststellen will, muss man sich mit einer weiteren Größe beschäftigen. Das ist die Bestrahlungsstärke auf der Retina. Diese unterscheidet sich von einer Beleuchtungsstärke dadurch, dass ihr Spektrum unbewertet ist. Wird eine Strahlung nach der V(λ)-Kurve bewertet, wird sie zu einer Beleuchtungsstärke. Ob das zulässig ist, entscheidet sich an der Empfindlichkeitskurve des Empfängers.

Da der Mensch sich und seinen Kopf häufig bewegt und zusätzlich zu beiden Bewegungen auch die Augen bewegt, ist es eine wahre Kunst, die maßgebliche physikalische Größe und ihre Intensität zu messen.

Keine in einer Planung berücksichtigten Größen sind ein Maß für die circadiane Wirkung einer Umgebung. Als Konsequenz darauf ergibt sich die Tatsache, dass die circadian wirksamen physikalischen Größen selbst in Laborumgebungen schlecht messbar sind. Daher sind alle Untersuchungen mit einem großen Fehler behaftet.

Die CIE hat im Jahr 2018 den Standard CIE S 026 CIE System for Metrology of Optical Radiation for ipRGC-Influenced Responses to Light veröffentlicht. Danach werden alle relevanten lichttechnischen Größen in ein Äquivalent umgerechnet, das die circadiane Wirkung beschreiben soll. Die Umrechnung erfolgt abhängig vom Spektrum, d.h. die neuen Größen sind z.T. sehr stark von den üblichen (photopischen) Größen und heißen jetzt melanopisch.

Wenn eine Lichtquelle eine Farbtemperatur von 6304 K hat, sind ihre photopischen und melanopischen Größen gleich, allerdings nur für 32-Jährige, weil die melanopischen Größen auch noch alterabhängig sind. Diese Abhängigkeit rührt insbesondere von der unterschiedlichen Durchlässigkeit der Augenmedien für blaues Licht her. Zusätzlich dazu spielen alle Alterungsvorgänge des Auges eine Rolle.

Wer auf circadiane Wirkungen des Lichts auf die Leistung und auf Unfallgeschehen abhebt, muss bereits bei der Bestimmung der physikalischen Wirkungsgröße von früheren Größen Abschied nehmen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass man zwar weiß, dass die circadiane Rhythmik eine große Rolle im Unfallgeschehen spielt – alle großen Katastrophen des Industriezeitalters passierten spät nach Mitternacht -, aber kaum fassbare Studien finden kann.

Der Inhalt dieser Folie hat heute dieselbe Bedeutung wie vor 18 Jahren. Wenn Fehler bei visuell geführten Tätigkeiten entstehen und mit dem Sehen in Zusammenhang stehen, kommen drei Alternativen in Frage

  • Man sieht etwas nicht, obwohl man es sehen sollte. Ein bekannter Effekt ist, dass man als Autofahrer einen Fußgänger übersieht, weil die Straßenbeleuchtung und die Eigenbeleuchtung des Fahrzeugs derart ergänzen, dass der Fußgänger unsichtbar wird. In konventionellen Schaltwarten übersieht man die Signallichter nicht, wenn die Beleuchtung zu stark ist. Auf Bildschirmen sieht man manches nicht, was durch eine Reflexion verdeckt ist.
  • Die Beleuchtung kann auch dazu führen, dass man etwas sieht, was nicht da ist. Viele optische Täuschungen beruhen darauf. Flimmerndes Licht sorgt dafür, dass man bewegte Objekte sieht, die nicht mehr da sind. Falsch positionierte Leuchten werfen tiefe Schatten, die Vertiefungen, Kanten oder Schalter überdecken. Umgekehrt können steile Schattenränder als physische Kanten fehlinterpretiert werden, was Fehltritte provoziert.
  • Am wahrscheinlichsten ist es, dass man Objekte, Bildschirmdarstellungen u.ä. verfälscht sieht. So werden auf Grafiken Farben verfälscht, Kontraste reduziert, dünne Linien verschwinden.

 

Licht wirkt nicht gleich und gleichartig. Man kann seine Wirkungen in drei Ebenen sehen.

  1. Primäre Wirkung: unmittelbare Reaktion auf das Licht und das Beleuchtete. ZU diesen Wirkungen zählt das Sehen oder die Hautpigmentierung infolge Strahlungseinfalls. Die primären Wirkungen sind meistens der Grund für eine Beleuchtung.
  2. Sekundäre Wirkung: mittelbar entstehende Wirkungen. Eine Aktivierung durch die helle Umgebung kann die Aufmerksamkeit erhöhen und dadurch Fehler zu vermeiden helfen. Blendung kann zu Ermüdung führen und dadurch Fehler begünstigen. Erfreuliches Sehen kann die Motivation erhöhen.
  3. Tertiäre Wirkung: Folgewirkungen primärer und sekundärer Wirkungen. Beim Beispiel einer Krebsentstehung (gilt nicht für Hautkrebs) wird davon ausgegangen, dass die Beleuchtung mittelbar über die Verhinderung der Melatoninausschüttung in der Nacht die Arbeit der Krebszellen vereinfacht. Die denkbare Erkrankung wird weder direkt durch das Licht verursacht, noch indirekt.

Durch diese Betrachtungsweise kann man plausibel erklären, warum früher behauptet wurde, dass das Licht von Leuchtstofflampen Krebs erzeuge und warum Arbeitsmediziner die Behauptung strikt ablehnten.

Wie diese Ebenen funktionieren, habe ich in einem Beitrag ausführlich dargestellt (Licht als Stressoer oder Stimulans - Psychophysiologische Wirkungen der Beleuchtung auf den arbeitenden Menschen)

 In dem Vortrag wurden Arbeitsunfälle und sog. Fehlhandlungen thematisiert. Unter Arbeitsunfällen versteht man Handlungen, die zu einem Schaden bei der Arbeit geführt haben, meist an der Person selbst.

Der Begriff Fehlhandlung vermeidet das Wort Fehler, das erstens sehr vieldeutig ist und zweitens bei bestimmten Arbeitsumgebungen ungern gesehen werden. Fehlhandlung ist neutral und besagt einfach, dass eine Handlung ihr Ziel nicht ganz erreicht hat.

Fehlhandlungen können sporadisch eintreten und sind kaum systematisch untersuchbar. Bei zufälligen Fehlhandlungen hat man eine Chance, ihre Entstehung zu studieren und zu beeinflussen.

Die besten Möglichkeiten einer Beeinflussung hat man bei systemischen Fehlhandlungen. Wie gut hat man in der Vergangenheit diesbezüglich agiert?

Die erste Studie, die das Licht als Unfallursache anführt, ist vermutlich in 1910 erschienen. Sie besagt, dass 10% der Arbeitsunfälle auf die Beleuchtung zurückzuführen seien.

In Deutschland hat Loef 30% bis 50% der Arbeitsunfälle als “beleuchtungsabhängig” erklärt.

Mir hat eine Unfallanalyse von 1979 sehr zu bedenken gegeben, bei der nur gesagt wurde, dass die Beleuchtung als Unfallursache nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann.

Das Unfallgeschehen lag Heinz Rüschenschmidt sehr am Herzen, weil er neue Vorschriften für die Beleuchtung von Arbeitsplätzen unter Berücksichtigung des gesetzlichen Auftrages "Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren" erarbeiten wollte. Hierzu hat er alle denkbaren Bemühungen unternommen, um eine Beziehung zwischen Beleuchtung und Unfallgeschehen zu belegen. Was er erreicht hat, ist der Nachweis, dass die Unfallzahlen im Sommer um 11,7% zurückgehen.

Mir wurde trotz Kenntnis vieler Meta-Analysen zum Unfallgeschehen keine Studie bekannt, die im Sinne des o.g. Auftrags klare Beziehungen zwischen Licht und Unfallgeschehen belegt hat.

Aber auch dieser Befund sagt nichts über den Wahrheitsgehalt aus. Denn wer Unfallanalysen betreibt und Unfallberichte schreibt, wird kaum in der Lage sein, die gesamte visuelle Umgebung zur Zeit des Unfallgeschehens zu erfassen und richtig zu interpretieren.

Bei den Verkehrsunfällen, bei denen ich Mitgutachter war, war selbst lichttechnisch geschultem und qualifiziertem Personal (Professor für Lichttechnik, Doktorand für das Fach u.ä.) nur schwer möglich, die nächtliche Situation zu rekonstruieren. Und wir hatten viel Zeit und Technik zur Verfügung.

Aus der Sicht von 2026 scheint es unwahrscheinlich, dass man eine Beziehung zwischen Licht und Unfallgeschehen allgemein nachweisen kann.

Das Thema hat die CIE auch interessiert, weil es zum internationalen Kontext gehört, in dem die CIE agiert. Sie hat einen einzigen Bericht dazu veröffentlicht. Damals haben 14 Länder angegeben, sie hätten Vorschriften zu Licht, die die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitenden schützen sollen.

Auf welcher empirischen Basis diese Vorschriften erlassen worden sind, wollte kein Land kommentieren.

Diese Folie fasst die Gründe dafür zusammen, warum man eine Beziehung zwischen Licht und Unfallgeschehen nicht herstellen konnte.

Auch im Jahr 2026 kann ich dazu nichts ergänzen.

Zwei weitere Gründe dafür, dass man Licht als Täter entlarven konnte und kann, werden auf dieser Folie angeführt.

Licht und Sehen sind häufig die Hauptfaktoren. So kann ein Unfall auf einer regnerischen Straße eher durch eine unangemessen hohe Geschwindigkeit entstehen, wobei er bei einer besseren Beleuchtung möglicherweise weniger wahrscheinlich gewesen wäre.

Bei einem Sturz, den ein Mitarbeiter erleidet, der zuvor lange in ein helles Arbeitsobjekt geguckt hatte und so eine Stolperfalle übersehen hat, wird zwar die Fehladaptation auch von einem lichttechnischen Laien erkannt und angeführt werden. Man wird aber zunächst die Stolperfalle thematisieren.

Ein “latenter” Fehler ist ein Fehler, dessen Entdeckung die Schutzmechanismen von gut geschützten Systemen verhindern. Der Fehler kommt nie zum Vorschein, weil er sich hinter einem Schutzwall versteckt. Er kann dort ewig unwirksam bleiben.

Hier ist das Modell des Psychologen Reason, mit dem er große Katastrophen analysierte. Ein gut geschütztes System hat bis zu vier unüberwindbare Barrieren. Fehler hinter einer solchen Barriere haben üblicherweise keine Chance, einen Schaden zu verursachen. Die Schutzsysteme verhindern aber auch  deren Entdeckung. So die ingenieurmäßige Betrachtung der Sicherheit. Der Fehler ist latent  vorhanden und wird von der Technik geschützt, die eigentlich das System schützen soll.

Nach Reasons Modell sind die Barrieren aber nicht unüberwindbar, sondern nur sehr schwer zu durchdringen. Sie ähneln einem Schweizer Käse mit relativ wenigen Löchern. Gelingt es einem Fehler, eine Lücke in der Barriere zu finden, kann der latente Fehler hinter der Barriere in Erscheinung treten.

Gelingt es dem Fehler alle vier Barrieren zu überwinden, entstehen die größten Katastrophen. Genau diese hat Reason analysiert. Sein Rat war, nie zu glauben, dass ein System sicher genug wäre. Man muss vielmehr von einer Infektion ausgehen, die der Körper sicher bekämpfen kann, bis er geschwächt ist.

Der Rat für die Behandlung der Beziehung zwischen Licht und Unfallgeschehen, der aus dieser Betrachtung abgeleitet wird, ist, dass man davon ausgeht, dass alle von mir behandelten Aspekte berücksichtigt werden und entsprechend vorgesorgt wird, auch wenn ein empirischer Nachweis fehlt. Denn diesen Nachweis wird man zwar schwer erbringen können. Das will aber nicht heißen, dass damit bewiesen wäre, dass keine Gefahr existiere.

Das Allheilmittel der Lichttechnik, das Sehen durch eine höhere Intensität, z.B. durch eine höhere Beleuchtungsstärke, zu verbessern und so eine höhere Sicherheit der Handlungen zu erreichen oder Ermüdung entgegenzuwirken, bleibt in den meisten Fällen wirkungslos.

Das oben gezeigte Beispiel einer Maschine zeigt eine mögliche Fehlerquelle, die Verdeckung der relevanten Information durch eine Reflexion auf eine Maschine. Wenn man hier die Beleuchtungsstärke erhöhen will, muss man entweder die Leuchtdichte der Lampen erhöhen oder mehr Lampen installieren. In beiden Fällen wird die Störung größer.

Hingegen kann man durch eine konstruktive Maßnahme (Neigung der Scheibe anpassen) die Störquelle beseitigen. Wenn dies nicht möglich sein sollte, kann man durch eine Stufe vor dem Gerät die Sehgeometrie ändern.

Die Generallösung aller Beleuchtungsnormen, seit 1952 spiegelnde Objekte matt zu gestalten, wird bei Maschinen selten funktionieren. Die Alternativlösung, die Anordnung der Arbeitsmittel zwischen den Leuchtenreihen, wird ebenso wenig funktionieren. Sie funktioniert nicht einmal bei simplen Tastaturen.

Der meistversuchte Ansatz, das Unfallgeschehen mit der Beleuchtungsstärke in eine Beziehung zu bringen, kann in der Praxis aus mehreren Gründen nicht funktionieren. Der wichtigste Grund liegt in der betrachteten Größe selbst. Die Beleuchtungsstärke ist eine Laborgröße, die nur in der Nutzung in lichttechnischen Laboren zuverlässig funktioniert.

Die Beleuchtungsstärke in betrieblichen Umgebungen wurde in den Jahrzehnten, in denen die Betriebe entstanden sind, immer wieder neu definiert und anders gemessen. (Tiefere Erkenntnisse - Ein Wort zur zylindrischen Beleuchtungsstärke) Allein deswegen ist es unwahrscheinlich, dass man statistische Daten über das Unfallgeschehen finden kann, aus denen man ein Urteil über die Bedeutung der Beleuchtungsstärke ableiten kann.

Ein weiterer Grund, möglicherweise ein gewichtigerer, liegt in der Nutzung der Größe selbst. Kaum jemand in der Arbeitswelt, der von Beleuchtungsstärken spricht, ist sich bewusst, dass es sich um einen Vektor handelt, der neben der Größe noch eine Richtung hat. Das Letztere kann für das Sehen und somit auch für das Unfallgeschehen eine viel größere Wirkung entfalten.

Bei allen glänzenden Teilen besteht die Gefahr einer Reflexblendung. Diese ist aber kaum von der Beleuchtungsstärke abhängig. Es ist eher so, dass die Größe an sich so berechnet wird, dass die Richtung der blendenden Objekte eliminiert wird. Will man also eine Abhilfe durch eine höhere Beleuchtungsstärke schaffen, wird die Gefahr der Reflexblendung eher erhöht.

In Schaltwarten wird fast immer mit Informationsquellen gearbeitet, die reflektierende Oberflächen haben, so heute mit sehr vielen Bildschirmen. In früher gestalteten Warten dominierten Messgeräte mit Glasabdeckungen, Schaltpulte mit Instrumenten etc. So hat Völker gezeigt, dass in den Schaltwarten die Erhöhung der Beleuchtungsstärke von 200 lx auf 1.400 lx einen starken Leistungsrückgang bewirkt hat. Da der gesamte Produktionsprozess in Industrieanlagen, aber auch die Steuerung der Haustechnik in Bürohäusern über Warten gesteuert werden, bleiben Fehler, die dem Personal unterlaufen, nicht auf falsche Daten beschränkt.

Die in der Folge des AKW-Unfalls in Three Mile Island angestrebte Anhebung der Beleuchtungsstärke in den Warten auf 2.000 Lux ist überall auf Widerstände gestoßen. (Anm.: Bei guter Planung kann man solche Werte ohne Probleme realisieren. Es ist halt sehr aufwendig.)

Später hat man verstanden, dass das nächtliche Licht im Verdacht steht, Krebs auszulösen. Seit 2007 ist diese Kenntnis von der WHO anerkannt worden.

Völker hat gezeigt, dass der Einsatz von Maschinenleuchten (kleine lokale Lichtquellen, die das Sehobjekt beleuchten und sehgerecht ausgerichtet werden können) die Leistung um 10% steigern kann. (Völker, S., Ermittlung von Beleuchtungsniveaus für Industriearbeitsplätze, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 2000)

Wie Schmidt-Claußen 1985 nachgewiesen hat, ist die präzise Anpassung der Beleuchtung bei den Arbeitsplatzleuchten, um ein Mehrfaches wirksamer als die Erhöhung der Beleuchtungsstärke. (Schmidt-Clausen, H.-J.; Hartge, J.E., Einflüsse gerichteter und diffuser Arbeitsplatzbeleuchtung auf die Erkennbarkeit, Bundesanst. f.Arbeitsschutz, Dortmund, 1986)

Erke et al haben gezeigt, dass eine Optimierung nur über eine Abstimmung der Beleuchtung, der Informationsträger (Bildschirme, Papier, Anzeigen) möglich ist. (Erke, H.; Henken, H.-M.; Kirchner, J.-H. u.a., Optische Strukturierung der Arbeitsumgebung, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 1988)

Eigentlich muss man dies nicht nachweisen. Wenn man mit offenen Augen durch Läden, Büros oder Fabrikhallen geht, erkennt man sehr schnell, dass es anders nicht geht.

Das Ganze ist nicht einmal eine neue Erkenntnis. Bereits in den 1960er Jahren unterhielt die Siemens AG ein Ergonomielabor, dessen Hauptaufgabe darin bestand, durch eine Optimierung von Sehaufgaben und Beleuchtung die Qualität der erstellten Produkte zu erhöhen.

Das wichtigste Ziel einer funktionellen Beleuchtung besteht in der Unterstützung des bewussten Sehens. Dies funktioniert nach dem Reiz-Reaktions-Modell, dessen wichtigstes Merkmal ein S-förmiger Verlauf zwischen Reiz und Reaktion ist. D.h. bis zum Erreichen eines Schwellenwertes erfolgt keine Reaktion durch den Organismus. Danach gibt es einen steilen Anstieg, der in einem Sättigungsbereich endet. Dieser Sättigungsbereich ist beispielsweise für Büroarbeiten bei 1000 lx erreicht.

Anders als circadiane Wirkungen funktioniert das bewusste Sehen ohne Gedächtnis. Sobald man das Licht ausschaltet, sieht man nichts mehr. Was man während des beleuchteten Zeitraums gesehen hat, wirkt visuell nicht mehr nach, außer bei Nachbildern, die aber schnell abgeklungen sind.

Man betrachtet die Beziehungen zwischen Licht und bewusstem Sehen mit Hilfe von “lichttechnischen“ Größen. Diese sind sämtlich aus strahlungsphysikalischen Größen abgeleitet, die man mit Hilfe der V(λ)-Kurve bewertet. Anders als in der Lichttechnik behauptet, sind sie keine physiologischen Größen. Für keine lichttechnische Größe gibt es ein physiologisches Korrelat.

Für das Unfallgeschehen ist weiterhin relevant, dass das bewusste Sehen mitnichten eine Art fotografische Aufnahme der Umgebung durch das Auge ist. Die Erfahrung spielt eine von den meisten Experten übersehene Rolle, wie Juristen sie aus vielen Prozessen kennen, bei denen die Zeugen Dinge gesehen haben wollen, die es nie gab. Richter wundern sich nicht, dass Zeugen ein rotes Auto gesehen haben, obwohl es grün war.

Zuweilen gelingt es manchen Künstlern, nicht nur manche, sondern gleich alle zu täuschen. So haben die Konstrukteure eines im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtigen Bauteils dieses so gezeichnet, dass es in allen Fällen verkehrt herum eingebaut worden ist. Das war nicht irgendein Bauteil, sondern gehörte zum Reaktorschutzsystem deutscher AKW. Die durch den falschen Einbau verfälschte Anzeige betraf nicht irgendein Hilfssystem, sondern die Anzeige des Wasserstandes im Reaktor.

Die sekundäre Wirkung der Hormonausschüttung funktioniert nicht nach dem Reiz/Reaktions-Modell. Wonach es wirklich funktioniert, weiß man auch 2026 nicht. Auf jeden Fall weiß man, dass fehlende Reize (kein helles Licht in den Morgenstunden) eine Wirkung entfalten können, während übliche physikalische Umweltfaktoren vorhanden sein müssen, um zu wirken.

Die circadianen Wirkungen können durch frühere Ereignisse ausgelöst werden. So kann ungeeignete Beleuchtung am Morgen Reaktionen in der Nacht zur Folge haben. Dies erschwert die Beherrschung solcher Wirkungen enorm, weil der Arbeitgeber nur für die Beleuchtung während der Arbeitszeit zuständig ist. Zudem darf er von Arbeitnehmenden nicht verlangen, ihre häusliche Beleuchtung im Sinne der Arbeit auszurichten.

Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass circadiane Wirkungen zeitabhängig sind. Diese Zeit ist nicht die an den Uhren gezeigte Zeit, sondern die Körperzeit des Individuums. So kann ein gewisser Lichtimpuls zur rechten Zeit die circadiane Rhythmik stabilisieren. Kommt dieser zur falschen Zeit, erfolgt eine negative Wirkung. (Siehe CIE-Erklärungen zum richtigen Licht zur richtigen Zeit CIE Statement on Non-visual Effects of Light 2015, 2019, 2024)
Circadiane Wirkungen sind zwar stark lichtabhängig, aber es gibt auch mächtige soziale Zeitgeber, über deren Wirkung man kaum geforscht hat.
Nicht zuletzt gilt der Fakt, dass Licht in der Definition der Lichttechnik allein wenig aussagefähig ist, weil diese UV und IR ausschließt. US-amerikanische Standards gehen davon aus, dass man bei circadianen Wirkungen stets das gesamte optische Spektrum berücksichtigen muss. (s. IES TM-18-08 Light and Human Health, IES TM-18-18 LIGHT AND HUMAN HEALTH)

Die Studien, die darauf abzielten, die Nacht- und Schichtarbeit mit Licht zu beeinflussen, zeigten klar, dass sich der circadiane Rhythmus bei den meisten Menschen nie vollständig an dauerhafte Nachtarbeit anpasst. Zwar lassen sich Spitzen der Müdigkeit abmildern und die kognitive Leistungsfähigkeit stabilisieren, das grundlegende gesundheitliche und verhaltensbedingte Risiko durch die Entkopplung von innerer Uhr und Außenwelt bleibt jedoch bestehen.

Traditionell wird in der Beleuchtungstechnik mit Lichtfarben statt mit echten Spektren gearbeitet. Dies beruht auf der Annahme, dass gleich empfundene Lichtfarben ungeachtet ihrer Spektralverteilung die gleiche Wirkung auslösen, weil die drei Farbempfänger im Auge nur integrale Signale liefern können. Die deutsche Lichttechnik hat diese Annahme durch Sehphysiologen untersuchen lassen. (s. Hartmann, E.; Müller-Limmroth, W.: Stellungnahme zur Frage der Verträglichkeit des Leuchtstofflampenlichtes. LiTG, Karlsruhe, 1981)

Fast alle Lichtmessgeräte geben ein Signal ab, das die Wirkung des Spektrums integriert. Beleuchtungstärkemesser integrieren gar die Wirkung aller Lichtquellen drumherum räumlich.

Beides ist bezüglich circadianer Wirkungen nicht haltbar. So wird die Wirkung dem Licht zugeschrieben, das ins Auge eintritt, d.h. beispielsweise, dass eine Horizontalbeleuchtungsstärke keinerlei Wirkung auslösen kann. Daher heben heute Forschende auf die Vertikalbeleuchtungsstärke ab.

Hinsichtlich der Spektralverteilung ist sogar eine größere Wende erfolgt. Die circadianen Wirkungen werden primär auf der Basis der Spektralverteilung der Lichtquellen berechnet.

Die Aussagen zu dieser Folie von 2008 sind sämtlich gleich geblieben. Da es in der Lichttechnik bis heute anhaltende Bestrebungen gibt, die nicht-visuellen Wirkungen der optischen Strahlung auf Licht i.S. der Lichttechnik und auf das okulare Licht zu beschränken, habe ich einen internationalen Standard als Gegenstück zu der von der CIE propagierten Konzept (s. ISO/CIE 21783 Light and lighting — Integrative lighting — Non-visual effects) beantragt und gegen die Widerstände aus der (europäischen) Lichttechnik durchgesetzt (ISO/TR 9241-610 Ergonomics of human-system interaction — Part 610: Impact of light and lighting on users of interactive systems). Die Lichttechniker der USA sind ebenfalls der Überzeugung , dass die Definition des Lichts in diesem Fall falsch ist.

Während es in lichttechnischen Kreisen üblich ist, davon zu sprechen, dass Licht als sichtbare Strahlung definiert sei, war in den Standards der US-amerikanischen IES seit 1947 angegeben worden, dass dieses Verständnis von Licht für die Zwecke der Beleuchtungstechnik gültig sei.

Ein Kapitel für sich sind die circannualen Wirkungen. Diese sind jährlich wiederkehrende Ereignisse  wie Winterschlaf. Circannuale (zirkannuale) Wirkungen sind biologische Effekte und physiologische Anpassungen, die einem endogenen Rhythmus von etwa einem Jahr (circa = ungefähr, annus = Jahr) folgen. In der Chronobiologie zählen sie zu den infradianen Rhythmen. Während zirkadiane Rhythmen den 24-Stunden-Tag-Nacht-Zyklus steuern, steuern zirkannuale Mechanismen saisonale Veränderungen im Organismus. Diese innere Jahresuhr wird hauptsächlich durch die kontinuierliche Veränderung der Tageslänge (Photoperiode) als zentralem externen Zeitgeber synchronisiert.

Die jährliche Schwankung der Tageshelligkeit verändert u.a. das Verhältnis von Melatonin (längere Synthesephasen im dunklen Winter) zu Serotonin und beeinflusst die saisonale Ausschüttung von Cortisol, Testosteron sowie Schilddrüsenhormonen. Somit stehen die circannualen und circadianen Rhythmen in einer engen Beziehung zueinander. Daher müssen sie, zumindest in der Forschung gemeinsam betrachtet werden.

Die Aussagen dieser Folie wurden mittlerweile ohne Ausnahme akzeptiert. Der CIE-Standard CIE S026:2018 berechnet die Wirkgröße auf der Basis des Spektrums.

Zwar war bereits 2001 bekannt, dass nur ein Teil des Spektrums (im blauen Bereich) für die circadianen Wirkungen wichtig war. Damals wurde aber davon ausgegangen, dass der neue Empfänger im Auge unabhängig von den bekannten Empfängern arbeiten würde. CIE S 026 geht von einer gemeinsamen Wirkung aller Empfänger im Auge aus, die sich in ihrer spektralen Empfindlichkeit unterscheiden.

Ein Thema ist in der gesamten Lichttechnik stark unterbelichtet, die emotionale Wirkung von Farbe und deren physiologische Korrelate. Küller hat nachgewiesen, dass unterschiedliche Farbgebungen in einem Raum auch physiologische Reaktionen auslösen können.

Dabei hatte Kurt Goldstein, ein deutsch-amerikanischer Neurologe und Psychiater, bereits in den 1930er Jahren die ersten grundlegenden empirischen Nachweise über die motorischen und autonomen Reaktionen des menschlichen Körpers auf Farben erbracht. Seine Schlussfolgerung: Farben wirken nicht nur als visuelle Information im Gehirn, sondern greifen direkt in das vegetatische Nervensystem und das motorische System ein.

Später hat Heinrich Frieling, ein deutscher Zoologe, Physiologe und Begründer des Instituts für Farbenpsychologie, ab den 1950er-Jahren gezielt die Wirkung von Farbräumen auf das menschliche Befinden und den Körper erforscht. In seinen Versuchen schätzten Probanden die Temperatur in rot/orange gestalteten Räumen um bis zu 3 bis 4 °C wärmer ein als in blau/grünen Räumen – bei exakt identischer realer Raumtemperatur. Frieling wies nach, dass farbige Raumumgebungen messbare Veränderungen der Herzfrequenz, der Pupillenreaktion und des Hautwiderstands hervorrufen.

Empirische Studien zur menschlichen Arbeitsleistung und zum Unfallgeschehen sind allerdings mit großen Fehlern behaftet, weil die Bestimmung der Reizgröße schwierig ist. Die Messung von Farben an sich ist schwieriger als die Messung von lichttechnischen Größen. Hinzu kommt, dass es Farben nicht gibt, sondern nur in Verbindung mit einer Beleuchtung. Die Farbe ist, wie die Helligkeit auch, eine Empfindung. Dabei ist Helligkeit eine Komponente der Farbe, sie kann sich aber auf viele physiologische Vorgänge auswirken. Für beide, Helligkeit wie Farbe, ist zudem die physikalische Ausdehnung aus Sicht des Betrachters bedeutsam. Die hierfür in der Lichttechnik gebräuchliche Größe, der Raumwinkel, ist in den meisten Disziplinen kein Begriff.

Die Wirkung des Spektrums auf physiologische Vorgänge (hier Alpha-Frequenzband () Beta-Band im Bereich von  wurde spätestens 1987 von Küller nachgewiesen. Ein Anstieg des relativen Alpha-1-Anteils (linkes Bild) gilt als sensibler Indikator für sinkende Wachheit, mentale Monotonie und das Einsetzen von Schläfrigkeit.

Im Gegensatz zu höheren Beta-Frequenzen (Beta 2 und Beta 3, ab ), die oft mit innerer Unruhe, Stress oder Angstzuständen korrelieren, steht Beta-1 (rechtes Bild) für einen zielgerichteten, aber physiologisch stabilen Arbeitsmodus des Gehirns.

Die Diagramme zeigen einen Effekt, der viel später im Zuge der Standardisierung der melanopischen Wirkung der Beleuchtung berechenbar wurde (CIE S 026:2018).

Diese Diagramme aus einer japanischen Studie zeigen neben dem circadianen Effekt auch den Fakt, dass die Wirkung nach dem Lichtereignis lange anhält.

Das zeitliche Nachwirken eines Lichtereignisses hat beim bewussten Sehen nur wenig Bedeutung. So passt sich das Auge an eine höhere Helligkeit meist binnen Minuten an. Auch die Anpassung an Dunkelheit (Dunkeladaptation), ist nach spätestens einer halben Stunde abgeschlossen. Nicht so bei circadianen Vorgängen.

Es gibt noch eine weitere Besonderheit bei hormonellen Wirkungen: Während die Anpassung an das Helligkeitsniveau (Adaptation) die Qualität des Sehens mitverändert (z.B. durch eine veränderte Unterschiedsempfindlichkeit), bewirken circadian wirksame Lichtreize keine Änderung der Wirkungskurve, sondern nur eine zeitliche Verschiebung. Das wird in dem Sinne interpretiert, dass der zeitliche Verlauf der Hormonausschüttung nicht durch exogene Faktoren bestimmt wird. Sie laufen nach einem festgelegten Programm ab.

Die Folie zeigt rechts die V(λ)-Kurve, die die Wirkung verschiedener Wellenlängen auf die Helligkeitsempfindung darstellt. Die linke Kurve symbolisiert die sog. melanopische Wirkung. Beide Kurven wurden ohne Wellenlängen dargestellt, weil die Form der linken Kurve 2008 nicht präzise genug bekannt war. Tatsächlich musste die Funktion nachgebessert werden. So ging die deutsche Normung bis 2021 von der Wirkungsfunktion der Melatoninsuppression aus. Das musste in DIN/TS 5031-100:2021-09 geändert werden. Nunmehr gilt die Empfindlichkeit des Photopigments Melanopsin als maßgeblich.

Im Jahr 2026, also 18 Jahre nach diesem Vortrag, kann man die damalige Fragestellung trotz vieler neuer Entwicklungen, so auch der Standardisierung der “melanopischen” Wirkungen in CIE S 026:2018, DIN/TS 5031-100:2021-09, DIN/TS 67600:2022-08, nicht viel anders behandeln. Der wesentliche Grund ist, dass die Beleuchtungspraxis und die Normung der Beleuchtung von Arbeitsstätten die neuen Erkenntnisse weitgehend ignorieren. Zwar kann man in den neueren Beleuchtungsnormen (DIN EN 12464-1:2021-11, ISO/CIE 8995-1:2025) verbale Erklärungen zu circadianen Wirkungen lesen, aber nur in informativen Anhängen.

Ungeachtet dessen bleibt die Frage nach den circadianen Wirkungen von Licht und Beleuchtung auf die Leistungsfähigkeit des Menschen und damit auf das Unfallgeschehen sehr bedeutsam, zumal die Nachtarbeit nicht mehr nur in klassischen Anwendungsbereichen ausgeübt wird. Heute rüttelt ein Teil der Politik an der Begrenzung der täglichen Arbeitszeiten und will mehr „Freiheit“ für den Unternehmer. Nicht eingerechnet einzelne Menschen und Gruppen, die sich diese Freiheit auch selbst in die Hand nehmen. Licht macht es möglich. Aber mit den Folgen müssen nicht diese allein herumschlagen. Alle großen technischen Katastrophen des Industriezeitalters haben sich in der Nacht ereignet, in der Zeit, in der die aktiven Menschen stärker zu Fehlern neigen, und die Resilienz des Rests auf einem Minimum liegt. Die Bemühungen, mit Licht Abhilfe zu schaffen, waren nicht erfolgreich genug.

 

Eine salutogenetische Betrachtung von Licht – Umsetzungshindernisse und Chancen

Der sicherste Ort für Schiffe ist der Hafen.
Dafür werden die Schiffe aber nicht gebaut.
Anonymus

Eine salutogenetische Betrachtung von Licht , kurzgefasst

Der Beitrag untersucht die neueste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 aus einer salutogenetischen Perspektive und fragt, ob die Norm geeignet ist, Licht nicht nur als technische Mindestanforderung, sondern als Ressource für Gesundheit, Orientierung und Handlungsfähigkeit zu begreifen. Ausgangspunkt ist das Salutogenese-Modell, dessen Kohärenzgefühl aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit besteht. Diese drei Dimensionen werden auf die Beleuchtungsnorm übertragen, um deren praktische und begriffliche Leistungsfähigkeit kritisch zu prüfen.

Im Hinblick auf die Verstehbarkeit zeigt der Text erhebliche Defizite. Die Norm beansprucht, Anforderungen an Beleuchtung für Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit zu formulieren. Gerade diese Zielgrößen erscheinen jedoch begrifflich unscharf oder unzureichend definiert. Der Begriff des Sehkomforts bleibt ohne belastbare Definition, Leistungsfähigkeit wird als zu weit gefasster Allgemeinbegriff kritisiert, und der Sicherheitsbegriff steht nach meiner Auffassung in Spannung zu normativen Vorgaben, die eine präzise Zweck- oder Schutzzielformulierung verlangen. Zusätzlich problematisiert der Beitrag den Geltungsbereich für Personen mit „normalem“ oder auf Normalwerte korrigiertem Sehvermögen und Lichtempfinden, da solche Normalwerte praktisch und rechtlich fragwürdig sind.

Die Handhabbarkeit wird vor allem daran gemessen, ob Betroffene oder Lichtplanende über geeignete Mittel verfügen, um Beleuchtung an individuelle Bedürfnisse anzupassen. Ich argumentiere, dass starre Beleuchtungsstärken, komplexe Tabellenwerte, unklare Begriffe und schwer überprüfbare Anforderungen die praktische Aneignung erschweren. Besonders problematisch erscheinen Bildschirmarbeitsplätze, an denen Fremdlicht Reflexionen, Blendung und visuelle Belastungen erzeugen kann. Diese werden kaum berücksichtigt, als wäre der Computer gerade erfunden worden. Zugleich weist der Beitrag darauf hin, dass moderne LED-Technik, tunable White, zonale Beleuchtung und individuell steuerbare Lichtsysteme neue Möglichkeiten eröffnen, Licht flexibler, nutzerbezogener und experimentell handhabbar zu machen.

Die Dimension der Sinnhaftigkeit verschiebt den Blick von bloßer Normkonformität auf gesundheitsförderliche Lichtumgebungen. Sichtverbindung nach außen, Tageslichtdynamik, atmosphärische Raumqualität und anpassbare Beleuchtung werden als Faktoren beschrieben, die biologische Rhythmen, Motivation und Wohlbefinden unterstützen können. Insgesamt kommt der Beitrag zu dem Ergebnis, dass eine rein pathogenetische Lichtplanung, die Augenbeschwerden, Unfälle oder Mindestwerte vermeiden will, nicht ausreicht. Eine salutogenetische Lichtplanung fragt vielmehr, wie Licht Verstehen, Bewältigen und Sinnstiftung im Arbeitsraum ermöglicht. Damit wird Licht als Bestandteil einer menschengerechten, flexiblen und gesundheitsfördernden Arbeitsumgebung verstanden, insbesondere im Kontext digitaler Arbeit und New-Work-Konzepte.

Eine salutogenetische Betrachtung von Licht - Umsetzungshindernisse und Chancen

Zum Thema

Der Beitrag Warum wir eine neue Perspektive für Lichtwirkungen brauchen kam mir in den Sinn, als ich versuchte, die neueste Beleuchtungsnorm ISO/CIE 8995-1:2025 zu verstehen. Denn die in dem Beitrag vorgeschlagene Methode, Licht salutogenetisch zu betrachten, setzt sich aus drei Komponenten zusammen:

  • der Verstehbarkeit(Fähigkeit die Situation auf ihre Ursachen hin zu analysieren)
  • der Handhabbarkeit(Wissen um die eigenen Ressourcen) und
  • der Sinnhaftigkeit(Sinnhaftigkeit eines Bewältigungsversuches)

 

Die besagte Norm ist eine wie keine andere. Sie soll global gelten, außer im erdnahen Orbit. Sie fasst in 113 Seiten so ziemlich alles zusammen, was Lichttechniker gut für die arbeitende Bevölkerung halten. Daher gelten die nachfolgenden Ausführungen auch global, also für jeden arbeitenden Menschen auf allen 6 Kontinenten.

Zu Verstehbarkeit

Die Verstehbarkeit steht nicht ohne Grund an erster Stelle in der Liste der Komponenten der Salutogenese, die eine aktive Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt ist. So müssten die Betroffenen zumindest verstehen, was die Norm will, soll, und was sie als Instrumente bietet.

Die Norm ISO/CIE 8995-1 dient als eine globale Norm für Arbeitsplätze nach eigenem Anspruch hierzu:

„Dieses Dokument legt die Anforderungen an die Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen fest, die den Bedürfnissen hinsichtlich Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit von Personen entsprechen, deren Sehvermögen und Lichtempfindlichkeit normal sind oder auf einen normalen Wert korrigiert wurden.“

Um zu verstehen, was die Norm erreichen will, müsste jeder Mensch eine ungefähre Vorstellung davon haben, was Sehkomfort bedeutet. Aber unter den 1.347 Definitionen der CIE, dem Herausgeber dieser Norm, findet sich keine Definition von Sehkomfort. Anderswo kann man trotz intensiver Suche auch keine Definition entdecken.

Bei der Leistungsfähigkeit braucht man erst gar nicht zu suchen, denn das englische Original, performance, ist ein Allgemeinplatz. Es kann alles bedeuten, oder auch nichts. Man könnte der Meinung sein, dass es sich dabei um Sehleistung handelt. Denn die Vorlage für diese Norm, EN 12464-1, spricht im Geltungsbereich tatsächlich von Sehleistung. Warum man in der globalen Norm lieber von Leistungsfähigkeit spricht, ist vermutlich der Marketingidee für diese Norm zu verdanken. Denn mit Licht die Leistungsfähigkeit zu fördern, war schon immer ein Ziel des Lichtmarketings. Allerdings ist bereits der erste Großversuch kläglich gescheitert. (s. Kapitel Legendenbildung und Märchenerzählung – Ungewöhnliche Aktivitäten für Ingenieure und Außergewöhnliche Folgen des Hawthorne-Projekts)

Bleibt noch Sicherheit als Ziel. Die Sicherheit darf in der Normung seit 1990 nicht ohne einen Qualifier benutzt werden, schon gar nicht im Geltungsbereich. Es gibt hierzu eine offizielle Vorgabe (ISO/IEC Guide 51) den Leitfaden für die Aufnahme von Sicherheitsaspekten in Normen, wonach das Wort „Sicherheit“ (oder „sicher“) aus zwei wesentlichen Gründen nicht ohne präzisen Kontext oder Zusatz (Qualifier) verwendet werden darf:

  • Das Missverständnis der „absoluten Sicherheit“
  • Die Pflicht zur Präzision (Gegenstandsbezug)

 

Bei ISO-Standards gibt es noch ein Hindernis bei der Benutzung des Wortes Sicherheit wie safety: Ein ISO-Standard darf keine Information enthalten, die gegen örtliche gesetzliche Bestimmungen verstoßen könnte. Dazu gehören zumindest Arbeitsschutzbestimmungen, die es in den meisten Ländern gibt. Allerdings unterschieden sich diese Bestimmungen wie die Arbeitskultur selbst. Bei ISO 8995-1 steht bereits im Geltungsbereich, dass die Regelsetzer nicht allzu viel von Regeln halten, an die sich jeder halten muss.

Normen müssen eindeutig, prüfbar und unmissverständlich sein. Ein reines „Dieses Gerät ist sicher“ erfüllt dieses Kriterium nicht. Der ISO/IEC Guide 51 verpflichtet Normengremien dazu, das Wort „Sicherheit“ durch den konkreten Zweck oder das Schutzziel zu ersetzen oder zu ergänzen. Beispiele: „Schutzhelm“ (Indikation des Ziels), „Verbund-Sicherheitsglas“ (technische Eigenschaft), „Funktionale Sicherheit von Steuerungssystemen“ (Art der Sicherheit).

Dass die CIE im Jahr 2025, also 35 Jahre nach der Veröffentlichung von ISO/IEC Guide 51, einen Sündenfall begeht, ist kein Zufall, auch kein Versehen. Man beansprucht seit Jahrzehnten das Feld Arbeitsschutz – in Deutschland seit 1935 (sic!) – obwohl hierzu die Grundlage fehlt. Nach einer CIE-Untersuchung hatten 14 Staaten der Welt Vorschriften dazu, aber keiner konnte die Grundlage benennen (s. CIE 103-1993 Technical Reports, Research Notes and Reporters' Reports 103/2 Industrial Lighting and Safety at Work).

Dass die Norm gegen die ISO-Regularien verstößt und trotzdem wundersamerweise dennoch veröffentlicht wurde, macht sie nicht formal richtig, zumindest nicht für die 27 EU-Staaten. Denn die EU-Arbeitsschutzrichtlinien verbieten seit 1990 den „privaten“ Normern (z.B. IEC, CIE, ISO, DIN, VDI), auch nur zu behaupten, ihre Standards würden sich um den Arbeitsschutz kümmern. Die in Deutschland gültige „Version“ von ISO 8995-1, DIN EN 12464-1, trägt ein nationales Vorwort, in dem dies ausdrücklich klargestellt wird:

„Sicherheit und Gesundheitsschutz
Grundsätzliche Anforderungen an die Beleuchtung hinsichtlich der Sicherheit und des Gesundheitsschutzes der Beschäftigten bei der Arbeit werden in Deutschland nicht in dieser Norm, sondern in der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) geregelt. ...”

Können Menschen oder Lichtplaner das alles verstehen? Sollten sie das wider Erwarten einigermaßen schaffen, werden sie spätestens an dieser Stelle echte Schwierigkeiten bekommen: Die Norm gilt gemäß Geltungsbereich für Personen „deren Sehvermögen und Lichtempfindlichkeit normal sind oder auf einen normalen Wert korrigiert wurden.“

Solche Personen existieren vermutlich nicht. Ich kenne jedenfalls weder Personen, deren Lichtempfindlichkeit normal ist, noch irgendwelche Methoden, die eine Anpassung bewerkstelligen sollen, falls einer nicht „normal“ sein soll. Ein „normales“ Sehvermögen gibt es auch nicht.

Es gibt nur einen Visus (Sehschärfe) von 1,0, der in der Ophthalmologie als Standardwert gilt. Es gibt aber Leute, die einen Visus bis 1,6 erreichen. In der Arbeitswelt gibt es Menschen, deren Visus aber bei 0,3 liegt, die bestimmte Aufgaben noch wahrnehmen können. Was normal sein soll, weiß niemand. Muss auch keiner wissen. Denn Normen für Arbeitsstätten müssen für alle Arbeitnehmer gelten und nicht nur für manche. Das Prinzip dahinter heißt Accessibility (meist übersetzt als Barrierefreiheit) und begründet ein Menschenrecht. (s. Human Factors in Lighting – alias Ergonomie der Beleuchtung). Von Rechts wegen darf eine solche Norm gar nicht veröffentlicht werden. (ISO 8995-1 wird in Deutschland nicht als nationale Norm veröffentlicht.)

Die erste Komponente der Salutogenese, die Verstehbarkeit, ist m.E. bereits durch den oben erklärten Gültigkeitsbereich nicht gegeben. Die Norm hat gemäß den Regularien der herausgebenden Stelle mindestens einen schweren formalen Fehler. Zudem ist sie nicht innerhalb der EU zulässig, weil sie die Sicherheit regeln will. Außerdem verstößt sie mit ihrem Geltungsbereich gegen ein fundamentales Menschenrecht (UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)). Sämtliche Zielvorgaben (Sehkomfort, Leistungsfähigkeit und Sicherheit von Personen) sind entweder nicht definiert oder nicht einmal eindeutig benannt.

Bleibt noch das Problem mit der Verstehbarkeit des Inhalts, der selbst mir als promovierter Lichttechniker und Autor von 20 Normen, davon drei mit lichttechnischem Inhalt, schwerfällt. Die inhaltlichen Fragen will ich unter Handhabbarkeit behandeln.

Zu Handhabbarkeit

Was ist Handhabbarkeit?

Handhabbarkeit ist das tiefe, innere Vertrauen einer Person, dass geeignete Ressourcen zur Verfügung stehen, um die anstehenden Anforderungen und Belastungen des Lebens erfolgreich zu bewältigen.

Dabei bedeutet Handhabbarkeit nicht, dass man jedes Problem im Alleingang oder aus eigener Kraft lösen muss. Es geht vielmehr um das Wissen: „Ich habe die Mittel, um damit umzugehen – entweder durch meine eigenen Fähigkeiten oder durch die Hilfe von außen.“

Die gemeinte Hilfe von außen kann im Falle von Licht beispielsweise durch den Lichtplaner erfolgen, der den wohlgemeinten Rat von Experten, in diesem Falle die Norm, i.S. des Individuums in die Praxis umsetzt. Im Idealfall verstehen die Autoren einer Norm oder einer Arbeitsstättenregel ihr Werk als ein “antizipiertes Sachverständigengutachten”, d.h., sie erkennen die Bedürfnisse des Betroffenen bezüglich der Beleuchtung und beschreiben eine Lösung. Der Betroffene muss nur noch erkennen, wo diese Lösung seine persönlichen Bedürfnisse berührt oder diesen zuwiderläuft, um geeignete Mittel zu aktivieren. Der Lichtplaner sorgt durch seine Tätigkeit im Voraus dafür, dass der Einzelne später möglichst wenig tun muss.

Beispiel für Handhabbarkeit

Um diese Vorstellung an einem einfachen Beispiel zu erklären, reicht die Arbeitsplatzleuchte als Zusatz zur Deckenbeleuchtung eines Raumes. Wenn die Letztere für einen größeren Teil der Rauminsassen hinreichend viel Licht produziert, kann die Beleuchtungsstärke an einem bestimmten Arbeitsplatz problemlos verdoppelt werden, wo es einen Bedarf gibt. Es gibt Leuchten dieser Art, mit denen man für Schwerbehinderte bis zu 10.000 lx auf dem Sehobjekt erzeugen kann. Wem das Licht in einem Raum nicht hell genug erscheint, muss also nicht allzu viel tun. Zudem betrifft die individuelle Maßnahme niemanden sonst, wenn die Leuchte nach DIN 5035-8 gebaut ist. Diese Norm verlangt zu jeder Leuchte eine Anleitung für deren sinnvolle Nutzung, die mit der Leuchte zusammen ausgeliefert werden muss. Leuchten nach DIN 5035-8 liefern auch die einzige Beleuchtung, die ihre Aufgabe nachweisbar erfüllt. (s. Beitrag: Die einzige zertifizierbare Beleuchtung).

Wenn aber die geplante Beleuchtung eines Raumes für bestimmte Leute zu viel LIcht generiert oder blendet, gibt es keine Lösung außer Abschalten. Dazu müsste man nur einen Schalter umlegen. Doch so leicht ist die Sache nicht, denn die ASR A3.4 Beleuchtung und Sichtverbindung schreibt nicht nur Beleuchtungsstärken für die Arbeitsplätze vor. Sie gibt sogar die Punkte an, an denen diese gemessen werden müssen.

Die vorgeschriebenen Werte sind einer Beleuchtungsnorm entnommen, deren Verwendung theoretisch freiwillig ist. Auch die ASR A3.4 muss niemand so anwenden, wie sie geschrieben steht. Mir ist aber weder ein Lichtplaner noch ein Arbeitgeber bekannt, der diese erfolgreich in Frage gestellt hat. Wie soll man denn gegen eine Vorschrift argumentieren, die vorgibt, die geforderten Beleuchtungsstärken an allen in dem unteren Bild gegebenen Punkten zu messen?

Bedauerlicherweise ist ASR A3.4 zum Planen einer Beleuchtung nicht gut geeignet, sodass man in der Praxis zumindest zu den Normen greifen muss. Da wird es richtig schwierig, weil nicht einmal die Autoren der Normen einem genau erklären können, wie man eigentlich die im Geltungsbereich angeführten Ziele erreichen kann.

Mehr Licht = Besseres Licht?

Wenn man dem Tenor der Norm (z.B. EN 12464-1 oder ISO/CIE 8995-1) folgt, geschieht dies primär durch Einhalten einer bestimmten Beleuchtungsstärke, die nie unterschritten werden darf. Dieser Wert heißt seit 2001 Wartungsbeleuchtungsstärke, wurde aber neuerdings ergänzt durch einen “höheren” Wartungswert, der eigentlich auch nie unterschritten werden darf, wenn eine der folgenden Bedingungen gilt:

— die Sehaufgabe kritisch für den Arbeitsablauf ist;

— Fehler nur unter hohen Kosten behoben werden können;

— Genauigkeit, höhere Produktivität oder erhöhte Konzentration von großer Bedeutung sind;

— Aufgabendetails ungewöhnlich klein oder ungewöhnlich geringen Kontrast aufweisen;

— die Aufgabe ungewöhnlich lange ausgeführt wird;

— der Bereich der Sehaufgabe oder Tätigkeit über wenig Tageslicht verfügt.

— die Sehfähigkeit des Arbeitnehmers unter dem üblichen Sehvermögen liegt.

Eigentlich gilt eine dieser Bedingungen immer. Nehmen wir an, dass der Arbeitnehmer, der das Licht seines Arbeitsplatzes salutogenetisch handhaben will, derjenige mit dem zu geringen Sehvermögen ist. Welche Mittel stehen ihm zur Verfügung, um eine Änderung zu bewirken? Was sagen seine Kolleginnen zu seinen Bemühungen, wenn sie schon beim minimalen Wartungswert zu viel Licht und zu viel Blendung erleben?

Was mag es bedeuten, dass die Sehfähigkeit eines Menschen unter dem üblichen Sehvermögen liegt? Man wird auch bei einer langen Literatursuche keine Quelle finden, aus der man das übliche Sehvermögen ableiten  kann.

Was ist, wenn das Licht einem zu viel wird?

Die Frage nach zu viel Licht ist nicht etwa von theoretischer Natur. Denn die Normen EN 12464-1 und ihr Abkömmling ISO/CIE 8995-1 sind praktisch ohne Berücksichtigung der Computertechnik entstanden, die die Mehrzahl der Arbeitsplätze in den meisten Wirtschaftsbereichen dominiert. Für alle Arbeitsplätze werden 8 Werte vorgegeben, davon sind  fünf Beleuchtungsstärken. Dort, wo die Autoren der Norm Computerarbeitsplätze vermuten, steht eine Bemerkung in der Spalte „Besondere Anforderungen“: „DSE-work, siehe 5.10“. DSE steht für display screen equipment. Ihre Nutzung scheint sehr selten zu erfolgen, denn diese besondere Anforderung erscheint nur 10-mal in 53 Tabellen mit 331 Arbeitsplatztypen. Meiner Erfahrung nach war die Verbreitung von Computerarbeitsplätzen bereits 1990 viel weiter.

Wer der Anforderung in der Tabelle nachgeht, findet unter Abschnitt 5.10 neben einer allgemeinen Erläuterung zu Bildschirmarbeit eine Tabelle mit maximalen Leuchtdichten in Abhängigkeit von der Helligkeit des Bildschirms. Woher der Lichtplaner das Wissen herholen soll, was der künftige Betreiber eines Arbeitsraums an Displays installieren wird, wäre eine Preisfrage. Welche Technik der spätere Arbeitgeber auch nehmen mag, die Norm gilt für Bildschirme, deren Neigung maximal 15° beträgt. Sie gilt daher nicht für Laptops, die heute etwa die Hälfte der Arbeitsplätze bevölkern. Deren Neigung beträgt etwa 35°. Auch die restliche Hälfte der Bildschirme sollte gemäß einer ergonomischen Norm (DIN EN ISO 9241-500) 35° nach hinten geneigt sein.

Einäugige Betrachtung der Sehleistung

Bleibt noch das Problem mit den unerwünschten Reflexionen. Dazu verweist die Norm auf ISO 9241-307: „Die Norm ISO 9241-307 enthält Empfehlungen zu den visuellen Eigenschaften von Displays hinsichtlich unerwünschter Reflexionen.“ Erstens enthält dieser Standard keine einzige Empfehlung. Und zweitens: Sie darf keine Empfehlungen enthalten, weil sie eine Messnorm ist. Drittens: Wenn unter der Bezeichnung besondere Anforderung für einen bestimmten Arbeitsplatztyp ein Hinweis steht, man solle sich eine bestimmte Norm ansehen, kann sich der Lichtplaner veräppelt vorkommen, weil nicht angegeben ist, was man danach machen soll. Bei dem fraglichen Sachverhalt handelt es sich immerhin um eine erhebliche Beeinträchtigung der Sehleistung und um eine starke Belästigung. Wenn ISO 8995-1 vorgibt, für Sehleistung, Sehkomfort und Sicherheit zu sorgen, und dabei die Reflexionen auf Bildschirmen auf die leichte Schulter nimmt, liegt sie hinter dem Stand der Normung von 1977 zurück. Denn die Bekämpfung von Reflexionen war Gegenstand einer der ersten Bildschirmnormen in Deutschland.

Der Bezug in einer Norm von 2025 auf die ISO 9241-307 ist besonders pikant. Denn diese Norm war bereits im Entwurfsstadium für eine Bewertung von Displays erkennbar ungeeignet. So baten deutsche Prüfstellen meinen Ausschuss bereits in den Nuller-Jahren eine praktische Hilfe zu schaffen, damit man die Norm überhaupt hätte verwenden können. So entstand DIN SPEC 92413:2014-12 - Leitfaden zur Anwendung der ISO 9241-307 - LCD-Bildschirme für Bildschirmarbeitsplätze. Auch im internationalen Bereich gab es Bedarf für eine praktische Hilfe. So bekam mein internationaler Normenausschuss den Auftrag, den deutschen Standard in einen internationalen überzuführen. Das Ergebnis ist ISO/TR 9241-311:2022- Ergonomics of human-system interaction — Part 311: Guidance on application of ISO 9241-307: LCD screens for workstations. Beide Papiere sind gültige Standards. Beide wurden bei der Erstellung von ISO/CIE 8995-1:2025 nicht zur Kenntnis genommen.

 Während die Sehleistung bei der Hauptsehaufgabe für mindestens die Hälfte der Arbeitnehmerschaft immer mehr oder weniger stark unter Fremdlicht leidet, ist die Sehleistung, die man mit der Beleuchtung erzielen kann, seit etwa drei Jahrzehnten unbedeutsam. In den Büros sind die papiergebundenen Informationen, zu deren Lesen man Licht gebraucht hat, längst verschwunden. Und die Computermonitore brauchen kein Licht. Ganz im Gegenteil, jedes Fremdlicht stört die Funktion der Monitore mehr oder weniger stark.

Das betrifft insbesondere kreative Arbeiten im graphischen Gewerbe und überall dort, wo man Farben und Linien erkennen muss. Während in der Praxis die Nutzer von CAD-Bildschirmen am liebsten im Dunkeln sitzen, soll die Beleuchtungsstärke an ihrem Arbeitsplatz von 500 lx mindestens auf 1.000 lx erhöht werden, z.B. wenn Fehler nur unter hohen Kosten behoben werden können. Mir ist kein Konstruktionsarbeitsplatz bekannt, an dem Fehler ohne Kosten behoben werden können.

Welche Mittel kann ein Nutzer aktivieren, um sich vor zu viel Licht zu schützen, wenn er meint, es schade seiner Gesundheit? Systematische Abhilfen sind mir nicht bekannt, aber rabiate Methoden wie das Ausschlagen von Lampen mit einem Besenstiel oder das Abdunkeln mit Bordmitteln u.ä. Besonders durch die Beleuchtung gequälte Mitarbeitende greifen sogar zu der Maßnahme der Selbstverdunkelung.

Man kann überall ähnliche Vorgehensweisen entdecken, aber keine Systematik, wonach Lichtplaner oder Nutzer vorgehen, um Lichtbedürfnisse mit der Realität ihrer Arbeitsumgebung in Harmonie zu bringen.

Wer es dennoch versucht, wird sehr schnell kapitulieren, denn die neuen Normen reden nicht von einer Beleuchtungsstärke, sondern von vielen. Wer sie, also die Normen, verstehen will, müsste all die Beleuchtungsstärken, ihre Höhen und Gleichmäßigkeiten kennen und deren Auswirkungen auf seine Umgebung verstehen. In der nachfolgenden Tabelle ist eine Auslese von Formeln und Begriffen, die man alle kennen muss, aber nicht kennen kann. Dabei reicht nicht einmal Kennen, man müsste begriffen haben, was das alles heißt.

Die nachfolgende Tabelle habe ich aufgestellt, um einen Einspruch gegen die Norm EN 12464-1 zu formulieren. Als die Tabelle fertig war, habe ich auf den Einspruch gerne verzichtet. Wer soll wissen, was eine mittlere modifizierte Beleuchtungsstärke im Bereich der Tätigkeit ist?

Wer Weiss Denn Sowas Bedeutung
𝐸in Neuwert der Beleuchtungsstärke
𝑓m Wartungsfaktor
Ēm,r Minimaler Wartungswert der Beleuchtungsstärke
Ēm,u Höherer Wartungswert der Beleuchtungsstärke
Uo Gleichmäßigkeit
Ra Mindestwerte der Farbwiedergabe-Indizes
RUGL Maximale UGR-Grenzwerte
ĒZ Mindestwert der zylindrischen Beleuchtungsstärke
Ēm,Wand Mittlere Beleuchtungsstärke, Wand
Ēm,Decke Mittlere Beleuchtungsstärke, Decke
Ēm,modified Mittlere modifizierte Beleuchtungsstärke
Änderungen der Präferenzen der Anwender undefiniert
Bereich der Tätigkeit Nur in dieser Norm definiert
Minimaler Wartungswert Nur in dieser Norm definiert
Intervall von Wartungswerten undefiniert
Höherer Wartungswert Nur in dieser Norm definiert
maximale UGR-Grenzwerte definiert
Mindestwert der mittleren Beleuchtungsstärke an Decken Nur in dieser Norm definiert
Neu-Adaptation Undefiniert, jede Adaptation ist neu
Sehaufgabe Undefiniert (Die visuellen Elemente der auszuführenden Arbeit)
Sehkomfort undefiniert
Sehleistung undefiniert
Sichtbarkeit der Sehaufgabe undefiniert
Typ der Sehaufgabe undefiniert
Ungewöhnlich kurze Zeit undefiniert
Visuelle ergonomische Parameter Undefiniert, nicht einmal beabsichtigt
Wartungsplan definiert

Wer z.B. die Norm 8995-1 hinsichtlich der Auswirkungen auf seine visuelle Umgebung verstehen und ggf. seinen Bedürfnissen entsprechend modifizieren, will, muss ein lichttechnisches Fachbuch mit 113 Seiten lesen, verstehen und auch noch das nötige Wissen mitbringen, um sich gegen eventuelle negative Wirkungen zu schützen, die man selbst verursacht.

Hilfe durch die Technik

Eine salutogenetische Sichtweise bekommt eine erhebliche Hilfe durch die neue Technik, z.B. bei der Umsetzung von ISO/CIE 8995-1, die anders als ihre Vorgänger sehr leicht regelbar bzw. steuerbar ist. Insbesondere die im Wohnbereich einst sehr beliebten Halogenlampen reagierten auf eine Regelung mit einer Zerstörung, weil der Halogenkreisprozess nicht mehr funktionierte. Man konnte sie zwar noch durch „Freibrennen“ retten. Dazu musste man aber den Prozess verstanden haben. Während man bei Glühlampen nur den Lichtstrom steuern konnte, und das auf Kosten der Lichtfarbe, und bei Leuchtstofflampen eine Steuerung häufig mit Flimmern verbunden war, kann man bei LEDs den Lichtstrom und die Lichtfarbe (Farbtemperatur) sehr einfach ändern. Mit ausgeklügelten Techniken kann man sogar gezielt die Richtung steuern, einzelne Flächen aussparen u.Ä., was man bei Kfz-Scheinwerfern und Straßenbeleuchtungen einsetzt.

So enthält die neueste Beleuchtungsnorm eine ungewöhnlich lange Erläuterung von „Variabilität und Einstellbarkeit des Lichts“. Diese Erläuterung hat nicht nur das Vierfache ihrer Vorgängerin in EN 12464-1. Sie umfasst wesentlich mehr Aspekte und Möglichkeiten. Alle dort aufgezählten Möglichkeiten können i.S. einer salutogenetischen Betrachtung von Licht ausgenutzt werden.

Hinzu kommt, dass eine Realisierung der angeführten Möglichkeiten nicht mehr prohibitiv teuer ist. Vielmehr ist die Steuerbarkeit Teil der Technologie. tunable White (auch als Dynamic White oder CCT-Steuerung bekannt) bezeichnet eine Lichttechnologie, bei der die Farbtemperatur von weißem Licht stufenlos zwischen warmen und kühlen Tönen verändert werden kann, während die Helligkeit reguliert wird. Materialien wirken je nach Lichtfarbe völlig unterschiedlich. Während Holz, Leder und warme Farben bei 2.700 K einladend und wohnlich wirken, benötigen Sichtbeton, Glas, Stahl oder weiße Oberflächen oft kühleres Licht (4.000 K bis 5.000 K), um sauber, präzise und modern zu wirken. Mit Tunable White lässt sich die Raumwirkung flexibel an die Nutzung anpassen.

Die Handhabbarkeit in diesem Sinne ist relativ einfach, wenn man einmal den Sinn der Sache verstanden hat. Da man aufgrund der geringen Kosten und der guten Handhabbarkeit ohne viel Mühe viel experimentieren kann, kann man das Anliegen der Salutogenese besser verstehen lernen.

Zu Sinnhaftigkeit

Während die anderen beiden Komponenten (Verstehbarkeit und Handhabbarkeit) eher kognitiver und praktischer Natur sind, bildet die Sinnhaftigkeit das motivationale Fundament. Sie entscheidet darüber, ob ein Mensch überhaupt die Energie aufbringt, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen.

Ein Mensch mit einem hohen Maß an Sinnhaftigkeit:

  • Sieht Herausforderungen nicht als unfaire Bestrafung oder sinnlose Quälerei, sondern als lohnende Aufgaben, an denen man wachsen kann.
  • Empfindet wichtige Lebensbereiche (wie Familie, Beruf, Hobbys oder ein Ehrenamt) als zutiefst bedeutsam.
  • Er ist bereit, Unannehmlichkeiten, Schmerz oder Stress vorübergehend zu ertragen, weil das übergeordnete Ziel als wertvoll erachtet wird.

 

Ein Beispiel für die Sinnhaftigkeit der visuellen Umgebung ist die Sichtverbindung nach außen. Das Licht stiftet eine tiefe Verbindung zur Natur, unterstützt die innere Uhr (circadianer Rhythmus) und signalisiert dem Gehirn die emotionale und biologische "Richtigkeit" der Situation. Wie in dem Beitrag Der längste Kampf des deutschen Angestellten – Ein Plätzchen an der Sonne gezeigt, kann der Mensch in der Folge sogar mit argen Widrigkeiten wie Arbeiten an einem Bildschirm an einem Südfenster ohne Sonnenschutz fertig werden. Andere Widrigkeiten wie Lärm im Büro, zu hohe oder geringe Temperaturen stören weniger.

Ein anderes Beispiel ist sog. dynamisches Licht. Der Mensch ist evolutionär an den dynamischen Verlauf des Tageslichts angepasst. Künstliches, statisches "Dauerlicht" entzieht dem Körper den zeitlichen Kontext. Salutogenetischer Wert: Eine dynamische Beleuchtung, die den Tagesverlauf simuliert (morgens aktivierendes Blaulicht, abends beruhigendes warmes Licht), vermittelt dem Körper biologische Sinnhaftigkeit. Melatonin- und Cortisolspiegel harmonieren mit der realen Uhrzeit. Der Körper versteht, warum er jetzt wach oder müde sein soll.

Nicht zuletzt sollte die Raumatmosphäre genannt werden, die Licht sehr positiv beeinflussen kann: Licht gestaltet Räume und erzeugt Stimmungen. Ein rein funktional, rein pragmatisch ausgeleuchteter Raum (z. B. sterile Rasterdeckenleuchten) wirkt oft emotional "leer" oder gar entfremdend (Stichwort Sick Building Syndrome). Salutogenetischer Wert: Eine differenzierte Beleuchtung (Akzentlicht, Lichtzonen, warme Farbtemperaturen in Ruhebereichen) schafft Aufenthaltsqualität. Sie signalisiert Geborgenheit oder Fokus und gibt dem Raum eine emotionale Bedeutung. Wenn sich ein Raum "richtig" anfühlt, steigt das psychische Wohlbefinden und die Bereitschaft, sich auf die Umgebung einzulassen. Salutogenetischer Wert: Eine differenzierte Beleuchtung (Akzentlicht, Lichtzonen, warme Farbtemperaturen in Ruhebereichen) schafft Aufenthaltsqualität. Sie signalisiert Geborgenheit oder Fokus und gibt dem Raum eine emotionale Bedeutung. Wenn sich ein Raum "richtig" anfühlt, steigt das psychische Wohlbefinden und die Bereitschaft, sich auf die Umgebung einzulassen.

Eine rein pathogenetische Lichtplanung fragt nur: „Wie verhindern wir Augenbeschwerden oder Unfälle?“ (Einhaltung von Mindest-Luxwerten und UGR-Grenzwerten). Eine salutogenetische Lichtplanung geht einen Schritt weiter und fragt:

„Wie unterstützt das Licht den Menschen aktiv dabei, vital, motiviert und im Einklang mit seiner Biologie zu bleiben?“

Die Sinnhaftigkeit ist dabei der Hebel, der aus einem rein "normgerecht beleuchteten Arbeitsplatz" eine gesundheitsfördernde, lebendige Umgebung macht. Sie sorgt dafür, dass das visuelle System und der Hormonhaushalt nicht gegen die Umwelt ankämpfen müssen, sondern durch sie gestärkt werden.

Was bringt eine salutogenetische Betrachtungsweise des Lichts?

Die Verbesserungen, die wir vor vielen Jahren durch eine nutzerorientierte Beleuchtungsentwicklung erzielt haben, sprechen dafür, dass eine konzeptionelle Änderung vielversprechend ausfallen wird. Das nachfolgende Bild vergleicht die gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die Benutzer an 1500 Arbeitsplätzen mit ihrer Beleuchtung erlebten (Bezeichnung: Decke, BAP = tiefstrahlende Beleuchtung nach DIN 5035-7:1988), und deren Änderung nach der Installation einer optimierten Beleuchtung (2K-Opt), bei der die Benutzer eine gute Kontrolle über ihren Arbeitsplatz bekommen hatten. (Legende: 1 = gar nicht, 4 = stark)

Obwohl die mit relativ einfachen Mitteln erzielten Verbesserungen erheblich waren, kann man von einer konzeptionellen Neuausrichtung sehr viel mehr erwarten. Was dabei herauskommen kann, behandelt der Beitrag Licht für New Work.

In der modernen Arbeitswelt assoziieren wir New Work meist mit:

  • Flexibilität: Zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten.
  • Agilität: Flache Hierarchien und eigenverantwortliche Teams.
  • Digitalisierung: Einsatz moderner Tools zur Zusammenarbeit.
  • Purpose: Die Suche nach Sinnhaftigkeit im Job.

Eine für solche Arbeitsumgebungen geeignete Beleuchtung harmoniert mit der Möblierung und Architektur des Raums. New Work setzt z.B. agile Setups voraus. Wenn Möbel rollbar sind und Wände verschoben werden, darf das Licht nicht festgeschraubt sein. Beispiele sind:

  • Stehleuchten statt Deckenraster: Moderne LED-Stehleuchten mit Präsenz- und Tageslichtsensoren sind ideal, weil sie mit dem Arbeitsplatz „mitwandern“ können.
  • Schienensysteme (Track Lighting): Ermöglichen sie, Strahler je nach Bedarf neu zu positionieren?
  • Zonale Beleuchtung: Wenn Möbel und Wände verschiebbar sind, müssen nicht unbedingt die Leuchten mitwandern, es geht auch, wenn sich die Charakteristik der Beleuchtung lokal verändern lässt. Dies hat die LED-Technik sehr erleichtert.
  • Mobile Akkuleuchten: Diese können frei im Raum platziert werden, wenn Teams Tische für ein Projekt zusammenschieben.

 

Die in dem Beitrag „Licht für New Work“ behandelten Konzepte sind ziemlich das Gegenteil der Beleuchtung, die heute bei einer Umwandlung von Büros für andere Verwendungen als Erstes rausfliegt. Und in Büros, in denen die Arbeitenden viel mitbestimmen, wird niemand Reihen von Industrieleuchten an der Decke platzierren.

Kapitelübersichten

Licht ist die Sprache des Universums.
Es verändert alles, worauf es trifft.
Anonymus

Genesis 2.0 - Schöpfung der elektrischen Sonne, kurzgefasst

Dieser Beitrag gibt eine Übersicht über alle Kapitel von Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne in Form von Kurzfassungen der einzelnen Kapitel. 

Im Anfang waren Götter und Titanen

Ausgehend von der Figur des Prometheus erzählt dieses Buch die Geschichte eines Menschheitstraums, der zum Epochenprojekt geworden ist: die Vertreibung der Nacht.

Was als mythischer Feuerraub beginnt, setzt sich in den technischen Verheißungen der Moderne fort – vom Schein der Flamme bis zum kalten Glanz elektrischer Dauerbeleuchtung. Licht erscheint dabei nicht nur als Triumph der Erkenntnis, sondern auch als Geste der Selbstermächtigung: Der Mensch löst sich aus kosmischen Ordnungen, überbietet alte Götterbilder und rückt der Sonne selbst auf den Leib.

Epochen der Kunst der Lichtmacher

Das Kapitel beschreibt die Geschichte der künstlichen Beleuchtung als Entwicklung in vier Epochen.

Licht 1.0 beruht auf brennbaren Stoffen wie Kienspan, Fackel, Öllampe, Kerze und Gaslicht. Diese Lichtquellen waren mit vielen Nachteilen verbunden: kurze Brenndauer, ständige Überwachung, Wärme, Rauch, Ruß, Brandgefahr und geringe Effizienz. Trotzdem prägten sie über Jahrtausende das Leben der Menschen und ihre Kultur.

Der Stromkrieg – Kampf der Giganten, bevor sie welche wurden

Dieses Kapitel analysiert den historischen Stromkrieg zwischen Gleichstrom und Wechselstrom als zentrale technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung der frühen Elektrifizierung.

Im Mittelpunkt stehen die konkurrierenden Konzepte von Thomas Edison, der auf lokal begrenzte Gleichstromnetze setzte, und von George Westinghouse sowie Nikola Tesla, die den Wechselstrom wegen seiner einfachen Transformierbarkeit und seiner Eignung zur verlustärmeren Fernübertragung vorantrieben.

Geburtsjahre der elektrischen Sonne

Dieses Kapitel zeichnet die Geschichte des elektrischen Lichts nicht als isolierte Erfindung eines einzelnen Genies nach, sondern als Ergebnis eines langen, vielschichtigen historischen Prozesses im „Langen 19. Jahrhundert“.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich mit der Industrialisierung, der Urbanisierung und dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft auch die Bedeutung des Lichts grundlegend veränderte. Während frühere Gesellschaften weitgehend vom natürlichen Sonnenlicht lebten, entstanden im 19. Jahrhundert neue Arbeits- und Lebensformen, die dieses Licht immer weniger verfügbar machten. Fabrikarbeit, lange Arbeitszeiten, dichte Bebauung, Rauch, Ruß und Luftverschmutzung verdunkelten die Städte und ließen künstliche Beleuchtung zu einer sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Notwendigkeit werden.

 

Meanwhile in Old Germany …

Dieses  Kapitel arbeitet heraus, dass die Entwicklung von Licht, Stadtplanung und Wohnkultur in Deutschland nicht einfach als Nachwirkung amerikanischer Entwicklungen verstanden werden kann, sondern einen eigenen historischen Verlauf nahm. Deutschland war im langen 19. Jahrhundert zwar kein Vorreiter der Industrialisierung wie England oder später die USA, nahm jedoch eine herausragende Stellung in jenen wissenschaftlichen und technischen Bereichen ein, die mit Licht, Optik und Physik verbunden waren. Namen wie Fraunhofer, Abbe, Schott und Einstein stehen dabei für eine Tradition, in der Forschung, Technik und gesellschaftliche Wirkung eng miteinander verknüpft waren.

Die Dämmerung - Als die Lichter glänzen lernten

Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des elektrischen Lichts von der Glühlampe bis zur modernen Lichttechnik nach und zeigt, dass es dabei nie nur um Beleuchtung ging. Zwar wird Thomas Edison oft als Erfinder der Glühlampe angesehen, entscheidend war aber vor allem der Aufbau eines stabilen Systems zur Stromerzeugung und -verteilung. Elektrisches Licht trat damit nicht einfach an die Stelle des Gaslichts, sondern entwickelte sich schrittweise zu einer Technik mit weitreichendem gesellschaftlichem Anspruch.

Der Aufstieg - Idealisten danken ab – Bürokraten übernehmen

Dieses Kapitel analysiert den Aufstieg der künstlichen Beleuchtung im Spannungsfeld von Industrialisierung, Scientific Management und arbeitswissenschaftlicher Rationalisierung. Im Zentrum steht die Rekonstruktion der Hawthorne-Experimente, die ursprünglich den Zusammenhang zwischen Beleuchtung und Arbeitsleistung empirisch belegen sollten, jedoch in methodischer, wissenschaftshistorischer und disziplinärer Hinsicht zu Befunden führten, die weit über die Lichttechnik hinauswirkten.

 Im Zenit und weiter

Dieses Kapitel beschreibt den allmählichen Bedeutungsverlust der künstlichen Beleuchtung als einstiges Fortschrittssymbol trotz einer hohen technischen Qualität, die erreicht worden ist. Seit den 1980er Jahren ist deutlich geworden, dass Menschen Tageslicht fast immer bevorzugen und künstliches Licht am Arbeitsplatz oft als störend, belastend oder sogar gesundheitlich problematisch empfinden. Gleichzeitig verlagerte sich das Interesse der Forschung stärker auf Energieeffizienz statt auf Lichtqualität.

Ein zentraler Kritikpunkt ist, dass sich die Lichttechnik an falschen Vorbildern orientiert hat – vor allem an der Sonne und an hohen Beleuchtungsstärken in der Natur. Diese Maßstäbe sind für Innenräume ungeeignet, weil Menschen auch in der Natur nicht dauerhaft unter maximaler Helligkeit leben, sondern Schatten, Wechsel und Anpassungsmöglichkeiten brauchen. Technische Versuche, natürliche Lichtverhältnisse künstlich nachzuahmen, gelten deshalb weitgehend gescheitert.

Legendenbildung und Märchenerzählung – Ungewöhnliche Aktivitäten für Ingenieure

Dieser Teil des Buches behandelt in sechs Kapiteln, dass viel von dem lichttechnischen Wissen keinen belastbaren Hintergrund hat.

Kapitel 1 erklärt, dass die Beleuchtungsstärke als physikalische Messgröße im Labor zwar klar bestimmbar ist, ihre praktische Bedeutung für reale Arbeitsplätze jedoch stark begrenzt bleibt. Der Text zeigt, dass Richtung, Verteilung und Reflexion des Lichts für das tatsächliche Sehen entscheidend sind, in Normen und Messverfahren aber oft unzureichend berücksichtigt werden. Dadurch entsteht eine scheinbar exakte, in Wirklichkeit aber nur eingeschränkt aussagekräftige Grundlage für Beleuchtungsanforderungen.

Die Methode Wissenschaft, mit der man Wissenschaft verhindert

Dieses Kapitel kritisiert nicht Wissenschaft an sich, sondern bestimmte Vorgehensweisen, mit denen wissenschaftliches Arbeiten in sein Gegenteil verkehrt werden kann. Die zentrale These lautet, dass Methoden, die eigentlich der Erkenntnisgewinnung dienen sollen, in der Praxis häufig dazu benutzt werden, gewünschte Ergebnisse zu erzeugen, unpassende Befunde zu verschleiern oder unbequeme Erkenntnisse zu ignorieren. Am Beispiel der Lichttechnik zeigt der Autor, wie aus einzelnen wahren oder plausiblen Aussagen weitreichende Behauptungen konstruiert werden, die wissenschaftlich klingen, aber oft weder sauber begründet noch für den jeweiligen Anwendungsbereich hinreichend belegt sind.

Erbschaft der 1920er Jahre – Wo Sie heutiges Wissen bestimmt

Das Kapitel untersucht, wie stark Vorstellungen aus den 1920er Jahren das heutige Denken über Licht, Beleuchtung und gute Sehbedingungen noch immer prägen.

Im Mittelpunkt steht die Kritik, dass viele Grundannahmen der Lichttechnik zwar den Anschein von Genauigkeit und Wissenschaftlichkeit haben, aber bis heute nur unzureichend erklären, was Menschen tatsächlich für gutes Sehen, angenehmes Arbeiten und räumliches Wohlbefinden benötigen.

Geheimnisse in Blau

Dieses Kapitel analysiert kritisch die verbreitete Annahme, blau angereichertes künstliches Licht wirke grundsätzlich gesundheitsförderlich und könne circadiane Prozesse in verlässlicher Weise optimieren.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass dem Blauanteil des Lichts sowohl historisch als auch in aktuellen Debatten eine besondere biologische Wirksamkeit zugeschrieben wird. Vor diesem Hintergrund rekonstruiert der Text ältere Deutungen von Blaulicht als heilsamer oder leistungssteigernder Größe und zeigt, dass gegenwärtige Konzepte wie melanopische Bewertung, mel-EDI und Human-Centric Lighting zwar an wissenschaftliche Befunde anknüpfen, in ihrer praktischen Anwendung jedoch häufig auf vereinfachenden Prämissen beruhen.

Die Legende vom gesunden Licht reloaded

Das Kapitel rekonstruiert die Entwicklung des Diskurses über „Licht und Gesundheit“ von frühen programmatischen Erwartungen im 20. Jahrhundert bis hin zu gegenwärtigen Konzepten der Lichtplanung und unterzieht Positionen aus Forschung, Industrie und Normung einer umfassenden kritischen Analyse.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Hoffnung, gesundheitliche Wirkungen des Lichts technisch gezielt nutzbar zu machen, in wiederkehrenden Wellen auftritt, ohne dass frühere Fehlschläge oder methodische Probleme hinreichend aufgearbeitet worden wären. Im Zentrum der Argumentation steht die These, dass Tageslicht hinsichtlich seiner gesundheitlichen Relevanz, seiner physiologischen Wirksamkeit und seiner subjektiven Qualität eine grundlegend andere Bedeutung besitzt als künstliche Beleuchtung und dass diese Differenz in der lichttechnischen Debatte wiederholt durch technikzentrierte und marktorientierte Deutungen relativiert worden ist.

Blendung – Was ich schon immer wusste und nie nachfragen wollte

Dieses Kapitel untersucht den Begriff der Blendung in seinen unterschiedlichen Bedeutungen und konzentriert sich dabei auf jene Erscheinungsformen, die das Sehen durch Licht beeinträchtigen.

Es zeigt, dass Blendung nicht nur als klar messbare physiologische Minderung der Sehleistung verstanden werden kann, sondern auch als psychologisch wahrgenommene Störung, deren Bewertung in Forschung und Normung vielfach auf unsicheren oder veralteten Grundlagen beruht.

Das Phoebus-Kartell – Gerücht - Legende – Realität

Dieses Kapitel untersucht das Phoebus-Kartell als eines der ersten globalen Kartelle der Wirtschaftsgeschichte und ordnet dessen Bedeutung zwischen technischer Standardisierung, Marktregulierung und geplanter Obsoleszenz ein. Im Zentrum steht die Frage, ob die Festlegung einer Lebensdauer von 1.000 Stunden für Glühlampen als verbraucherorientierte Normung oder als wettbewerbsbeschränkende Absprache zu bewerten ist.

PLACAR – Die letzte Plasmalampe

Das Kapitel zeichnet die Geschichte des PLACAR-Projekts nach, eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundvorhabens zur Entwicklung von Plasmalampen für circadiane Rhythmen.

Ausgangspunkt war die wachsende Einsicht, dass künstliches Licht nicht nur der visuellen Beleuchtung dient, sondern auch biologische Prozesse beeinflusst. Vor allem die Unterdrückung der Melatoninausschüttung durch nächtliches Licht wurde als gesundheitlich problematisch angesehen. Daraus entstand die Idee, künstliche Beleuchtung zeitlich und spektral an den natürlichen Tagesrhythmus des Menschen anzupassen. Gesucht wurde deshalb nach zwei unterschiedlichen Lampentypen: einer „Morgenlampe“ mit höherem Blauanteil zur Förderung von Wachheit und Aktivierung sowie einer „Abendlampe“ mit möglichst geringem Blauanteil, um den abendlichen Anstieg des Melatonins nicht zu stören.

Angaben für die Lebensdauer von Leuchtmitteln

Das Kapitel setzt sich mit der Lebensdauer von Leuchtmitteln auseinander, aus der die Hersteller ein großes Geheimnis machen.

Die Lebensdauer von Leuchtmitteln ist keine eindeutig feststehende Größe, sondern hängt von technischen Kriterien, Betriebsbedingungen und statistischen Verfahren ab. Diese Verfahren unterscheiden sich erheblich voneinander.

 

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Zu Tode geschützt? Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss

Oft ist die Angst vor dem Schaden
zerstörerischer als der Schaden selbst.
Anonymus

Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss, kurzgefasst

Dieser Beitrag diskutiert ultraviolette Strahlung (UV) im Spannungsfeld zwischen physikalischer Definition und gesellschaftlicher Praxis. Obwohl UV im engeren Sinn nicht zum sichtbaren Licht gehört, ist es historisch und kulturell eng an das „Licht der Sonne“ gekoppelt. Früh wurde versucht, gesundheitsförderliche Anteile des Sonnenlichts in die technisierte Innenwelt zu übertragen – bis hin zu Konzepten einer „elektrischen Sonne“ und einer Beleuchtung mit doppeltem Zweck (Sehen und Gesundheit). Dieses Vorhaben gilt im Rückblick als weitgehend gescheitert: Moderne Gebäudehüllen und Fenstergläser filtern UV nahezu vollständig, LED-Lichtquellen lassen sich zudem so auslegen, dass sie fast ausschließlich im sichtbaren Bereich emittieren. Damit verbringen viele Menschen in Industriegesellschaften den Großteil ihres Alltags in spektral verarmten Innenräumen; Forschung zu Licht und Gesundheit fokussiert entsprechend häufig auf okulares, sichtbares Licht und circadiane Effekte.

Im Gegensatz zur eher sachlich geführten Debatte um Infrarotanteile werden UV-Wirkungen nahezu dogmatisch verhandelt – nachvollziehbar, da UV zugleich lebenswichtig (u. a. über Vitamin-D-Synthese) und potenziell tödlich (Hautkrebsrisiko) sein kann. Entsprechend stehen Empfehlungen zu intensiver Abschirmung (bis hin zu täglichem Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor) Forderungen nach maßvoller Exposition gegenüber, die vor „Über-Schutz“ warnen. Empirische Klärung ist schwierig, weil Beobachtungsstudien unvermeidlich unter Störfaktoren leiden (z. B. Klima, Verhalten, sozioökonomische Unterschiede, „Healthy-User-Effekt“). Einzelbefunde – etwa zu höherer Mortalität bei konsequenter Sonnenmeidung oder zur fehlenden Mortalitätsreduktion durch Sonnenschutz in manchen Studien – bleiben daher interpretationsbedürftig. Als methodischer Gegenpol werden Übersichtsarbeiten herangezogen. Eine narrative 10-Jahres-Übersicht (Publikationszeitraum 2015–2025) sichtete 148 Arbeiten und schloss 28 Studien ein; die Mehrzahl berichtete inverse Zusammenhänge zwischen UV-Exposition und ungünstigen Outcomes bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen, inneren Malignomen sowie teils der Gesamtmortalität. Beispielhaft wurde für eine höhere jährliche Sonnenexposition (plus 2000 kJ/m²) ein um 12 % geringeres Gesamtmortalitätsrisiko beschrieben; für Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome wurden reduzierte Risiken berichtet. Insgesamt plädiert das Kapitel für eine ausgewogene Gesundheitsaufklärung, die etablierte Hautrisiken ernst nimmt, potenzielle systemische Vorteile jedoch nicht ausblendet.

Zu Tode geschützt? Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss

Die Beschäftigung mit den Wirkungen von UV in diesem Buch nimmt einen großen Raum ein, das sich eigentlich mit Licht und Gesundheit befassen soll. Wenn UV kein Licht ist, erübrigt sich das Ganze. Dem ist leider nicht so. Zum einen ist der Allgemeinheit egal, wie Licht definiert ist. Sie kennt das Licht der Sonne seit Ewigkeiten und das der elektrischen Sonne seit über einem Jahrhundert. Die Person, die ich als den wahren Schöpfer der elektrischen Sonne beschreibe, Matthew Luckiesh (siehe Auftritt Matthew Luckiesh – Von der Überlegenheit der elektrischen Sonne), sah Licht im Sinne von Tageslicht, zu dem UV unbedingt gehörte. Daher der Versuch, eine Lampe mit einer doppelten Funktion einzuführen (dual purpose light hier). Davor lagen viele Jahrzehnte, in denen die Menschen versucht haben, gesundes Sonnenlicht in ihre Umgebungen zu holen, in den Städten, die die industrielle Revolution verdunkelt hatte. Man sprach von himmlischer Medizin oder von heilenden Strahlen der Sonne und wollte UV nicht nur in Wohnungen locken, sondern selbst in Züge oder Schiffe.

Das Buch beschreibt, wie das Anliegen grandios gescheitert ist, woran auch spätere Freunde des UV-Lichts wie John Ott nicht viel ändern konnten, der ein Spektrum nur dann als „voll“ ansah, wenn es UV enthielt (meine Stellungnahmen dazu Vollspektrumlicht hier und VollspektrumlichtII da). So schneiden heute alle Fenstergläser in energetisch sanierten Gebäuden das UV komplett ab und dämpfen sogar etwas im blauen Bereich. Im roten Bereich wird die Strahlung ebenso vollständig abgeschnitten mit der Begründung, sie sei nur „Wärmestrahlung“. Leuchtmittel auf LED-Basis können so getrimmt werden, dass sie ihre gesamte Strahlung im sichtbaren Bereich erzeugen. Heute verbringen in Industriegesellschaften viele Menschen ihre Zeit bis zu 90% in solchen Umgebungen. Ein Großteil der Forschenden zu Licht und Gesundheit beschränkt die Wirkungen des Lichts auf solche, die durch das sichtbare Licht erzeugt werden, das in das Auge eintritt, also auf circadiane Wirkungen durch okulares Licht.

Die Bedeutung des weggelassenen Lichts im Bereich Infrarot für die Gesundheit und auch für das Sehen selbst wird in dem Beitrag „Ist LED-Beleuchtung effizienter als die Glühlampenbeleuchtung? Eine physiologische Betrachtung“ behandelt. Diese Diskussion verläuft im Allgemeinen sachlich und ohne große Kontroversen. Hingegen wird über UV-Wirkungen mit nahezu dogmatischen Ansichten diskutiert. Aus gutem Grund, denn UV ist einerseits lebenswichtig für das menschliche Leben und andererseits auch potenziell  tödlich. So sehen die einen großen Vorteil für Gesundheit und Befinden in der UV-Bestrahlung, während  die anderen jedem raten, von März bis November sich mehrfach am Tag mit Lichtschutzfaktor 50 einzucremen. Die Gegner argumentieren hingegen, man dürfe niemanden zu Tode schützen.

Es fehlt nicht an kleinen und großen Studien, die Klarheit verschaffen wollen. Leider kann es Studien ohne methodische Probleme nicht geben. So hat ein Team um P.G- Lindquist 2014 eine viel beachtete Studie zu Pro und Contra Sonnenlicht veröffentlicht, die zeigte, dass die Sterblichkeit bei Frauen, die die Sonne meiden, doppelt so hoch ausfällt wie bei denen, die sie suchen (Avoidance of sun exposure is a risk factor for all-cause mortality: results from the Melanoma in Southern Sweden cohort): „Die Ergebnisse dieser Studie liefern Beobachtungsdaten dafür, dass das Vermeiden von Sonneneinstrahlung ein Risikofaktor für die Gesamtmortalität ist. Die Befolgung sehr restriktiver Empfehlungen zum Sonnenschutz in Ländern mit geringer Sonneneinstrahlung könnte sich tatsächlich nachteilig auf die Gesundheit von Frauen auswirken.“ Allerdings stammt die Studie aus Schweden, einem Land, das nicht für tropische Sommertage bekannt ist.

Bei anderen Studien, die gezeigt haben, dass die Benutzung von Sonnenschutzmitteln hinsichtlich der Mortalität an typischen Krebserkrankungen (Hautkrebs) keine Wirkung hat, kann man beanstanden, dass die Personen, die sich gut schützen, sich auch länger in die Sonne begeben als andere. Daher würde die Schutzwirkung durch die längere Bestrahlung kompensiert werden.

Eigentlich brauchen Kritiker nach Schwachstellen von Studien jedweder Art nicht zu suchen, denn gute Autoren liefern sie immer mit der Studie selbst. Ich habe als Editor keine wissenschaftliche Studie akzeptiert, die ihre methodischen Mängel nicht deklariert hat. Es ist eher eine Auszeichnung für Autoren, die Schwachstellen ihrer Methode präzise zu beschreiben. Eine Lösung gegen methodische Probleme liefern sog. Reviewartikel, also Übersichtsartikel, die eine Großzahl von Studien zu einem Thema evaluieren.

Ein solcher Artikel zu den Wirkungen von Sonnenlicht ist im April 2026 erschienen: Systemic effects of sunlight: 10-year review of cardiovascular, infection and cancer outcomes. Die Autoren, Jasira A. Ziglar, Rebecca L. Quiñonez, Lydiah Fridah M. Mpyisi, Indermeet Kohli, Yolanda Gilaberte, Henry W. Lim, haben 148 Studien aus den letzten 10 Jahren evaluiert. Das Endergebnis beruht auf 28 Studien.

Die Erklärungen der Autoren zur Studie:

Warum wurde die Studie durchgeführt?

Um den Zusammenhang zwischen UV-Exposition und der Gesamtmortalität zu untersuchen, lag der Schwerpunkt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten und malignen Erkrankungen der inneren Organe.

Was ist der Beitrag dieser Studie?

Diese Übersichtsarbeit umfasst epidemiologische und klinische Belege, die die positiven gesundheitlichen Auswirkungen der UV-Exposition untersuchen, darunter ein verringertes Risiko für Hodgkin-Lymphom (OR 0,77, 95 % KI 0,68–0,87) und Non-Hodgkin-Lymphom (OR 0,88, 95 % KI 0,81–0,95), wobei die allgemein anerkannten negativen Auswirkungen auf die Haut berücksichtigt werden.

Einleitung der Studie

Über seine weithin anerkannten biologischen Wirkungen auf die Haut hinaus ist Sonnenlicht ein entscheidender Umweltfaktor für die menschliche Physiologie. Obwohl ultraviolette (UV) Strahlung als Risikofaktor für Hautkrebs gilt, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Sonnenlicht und UV-Exposition systemische gesundheitliche Vorteile haben.

Neben der Anregung der Vitamin-D-Synthese kann UV-Strahlung die Gesundheit auch über andere Wege verbessern. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass UVA-Exposition Stickstoffmonoxid-Speicher in der Haut mobilisiert, wodurch die Gefäßerweiterung gefördert und der Blutdruck gesenkt werden, was sich positiv auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt. Zu den weiteren vorgeschlagenen Mechanismen gehört die UV-vermittelte Immunmodulation. UV-induzierte Proteinfragmente, sogenannte Neoantigene, können die adaptive Immunität stärken, indem sie B- und T-Zell-Reaktionen fördern und die Immundiversität erhöhen, was möglicherweise die Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen und die Entstehung von Krebs verbessert.

Angesichts des wachsenden Interesses an den systemischen Auswirkungen der UV-Exposition fasst diese Übersicht die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre zum Zusammenhang zwischen Sonnenlicht, UV-Strahlung und Mortalität zusammen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf inneren Malignomen, kardiovaskulären Endpunkten und Infektionskrankheiten liegt.

Kurzfassung der Autoren der Studie

Sonnenlicht ist ein wichtiger umweltbedingter Einflussfaktor für die menschliche Physiologie, obwohl seine Auswirkungen auf die Gesundheit bislang vorwiegend im Zusammenhang mit Hauterkrankungen untersucht wurden. Während ultraviolette UV-Strahlung als Risikofaktor für Hautkrebs allgemein anerkannt ist, deuten Hinweise darauf hin, dass sie auch positive systemische Wirkungen haben könnte. Diese narrative Übersichtsarbeit fasst die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre zu den Zusammenhängen zwischen der Exposition gegenüber Sonnenlicht und UV-Strahlung sowie mortalitätsbezogenen Endpunkten zusammen, wobei der Schwerpunkt auf inneren bösartigen Tumoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infektionskrankheiten liegt. Es wurde eine umfassende Suche in PubMed und Embase nach englischsprachigen Artikeln durchgeführt, die zwischen Januar 2015 und Juni 2025 veröffentlicht wurden. Von den 148 identifizierten Artikeln wurden zwei Duplikate entfernt. Nach einer Vorauswahl anhand von Titeln und Abstracts wurden 64 Artikel im Volltext auf ihre Eignung geprüft; insgesamt erfüllten 28 Studien die Einschlusskriterien und wurden in die abschließende Auswertung aufgenommen. Von den einbezogenen Studien untersuchten vier kardiovaskuläre Endpunkte, 12 befassten sich mit Infektionskrankheiten, sechs konzentrierten sich auf bösartige Tumoren und sechs bewerteten die Gesamtmortalität. Insgesamt berichteten die meisten Studien über inverse Zusammenhänge zwischen UV-Exposition und negativen Gesundheitsergebnissen, was auf potenzielle schützende Wirkungen hindeutet. So ergab beispielsweise eine große Kohortenstudie, dass Personen mit einer um 2000 kJ/m² höheren jährlichen Sonnenexposition ein um 12 % geringeres Risiko für die Gesamtmortalität aufwiesen. Die Vergleichsgruppe verlor im Durchschnitt 26 Lebenstage während des 15,7-jährigen Nachbeobachtungszeitraums. Diese Übersicht identifiziert ein Muster potenziell vorteilhafter Zusammenhänge zwischen UV-Strahlenexposition und systemischen Gesundheitsergebnissen, wenn auch unter dem Einfluss verschiedener Störfaktoren, darunter der „Healthy-User-Effekt“ und sozioökonomische Unterschiede. Wenn man die Vorteile neben den gut belegten schädlichen Hautauswirkungen der UV-Exposition betrachtet, unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit einer ausgewogenen Gesundheitsaufklärung, die sowohl die Risiken als auch die potenziellen Vorteile der Sonnenexposition berücksichtigt.

Die Kurzfassung in Bildform wurde mit deepl übersetzt:

Ergänzende Zahlen und Fakten

Die nachfolgenden Daten stammen nicht von den Autoren der Studie. Diese habe ich aus verschiedenen Statistiken zusammengestellt. Die Zahlen dienen der Illustration. Der betrachtete Effekt (Mortalität) ist nur ein Indikator für die Gefährlichkeit einer Krebsart. Andere Indikatoren sind Erkrankungsrate, 5-Jahres-Überlebensrate, 10-Jahres-Überlebensrate etc.

Bei jährlich etwa 10 Millionen Krebstoten weltweit entfallen nur ca. 1,2 % bis 1,3 % auf Hautkrebs. In Deutschland entfällt fast jeder vierte Todesfall auf eine Krebserkrankung. Anteil an der Gesamtmortalität: ca. 22,9 % (Stand 2024). Hautkrebs ist für etwa 0,4 % bis 0,5 % aller Todesfälle in Deutschland verantwortlich.

Es besteht seit Längerem ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Vitamin D eine wichtige Rolle bei der Zellregulation spielt. Ein Mangel an Vitamin D wird mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung sowie einer höheren Mortalität (Sterblichkeitsrate) bei bestimmten Krebsarten in Verbindung gebracht. Diese sind in der Reihe der Bedeutung geordnet: Darmkrebs, Brustkrebs, Prostatakarzinom und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Beim letztgenannten Fall ist die Datenlage nicht eindeutig. Daher erfolgen keine Angaben.

Darmkrebs (Kolorektales Karzinom)

Dies ist die Krebsart mit der stärksten Evidenz. Studien zeigen konsistent, dass Patienten mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel zum Zeitpunkt der Diagnose eine signifikant bessere Überlebenschance haben.

  • Der Mechanismus: Vitamin D hemmt das Zellwachstum und fördert die Differenzierung von Zellen im Dickdarm.
  • Mortalität: Ein schwerer Mangel ist mit einem deutlich höheren Risiko verbunden, an den Folgen von Darmkrebs zu versterben.
  • Mortalitätsrate: (Daten des Statistischen Bundesamtes und des Robert Koch-Instituts (RKI)  Im Jahr 2023 starben rund 24.100 Menschen an Darmkrebs. Das sind etwa 17 % weniger als noch vor 20 Jahren (2003: 28.900 Fälle).

Brustkrebs

Bei Frauen mit Brustkrebs korrelieren niedrige Vitamin-D-Werte häufig mit aggressiveren Tumoren und einer schlechteren Prognose.

  • Einfluss: Vitamin D kann die Proliferation (Ausbreitung) von Brustkrebszellen bremsen.
  • Beobachtung: Patientinnen, die zum Zeitpunkt der Diagnose ausreichenden Speicher hatten, weisen oft eine geringere Rate an Metastasenbildungen auf. Die Mortalität geht seit Langem zurück.
  • Mortalitätsrate: Im Jahr 2023 verstarben in Deutschland 18.527 Frauen und 186 Männer an Brustkrebs.

Prostatakarzinom

Obwohl die Datenlage hier etwas komplexer ist, deutet vieles darauf hin, dass ein Vitamin-D-Mangel das Fortschreiten von Prostatakrebs beschleunigen kann. Prostatakrebs ist primär eine Erkrankung des hohen Lebensalters.

  • Mortalität: Männer in nördlichen Breiten (mit weniger Sonneneinstrahlung) haben statistisch gesehen ein höheres Risiko für tödlich verlaufende Prostatakrebserkrankungen.

Andere Wirkungen von Vitamin-D-Mangel auf den Menschen

Ein Vitamin-D-Mangel ist in Deutschland insbesondere in den Wintermonaten weit verbreitet, da die körpereigene Synthese über die Haut eine ausreichende UVB-Strahlung benötigt. Da Vitamin D eigentlich kein klassisches Vitamin, sondern ein Prohormon ist, wirkt es auf fast alle Organsysteme.

Hier sind die zentralen Auswirkungen eines Mangels auf die Gesundheit:

Skelettsystem und Knochenstoffwechsel

Dies ist die am besten belegte Wirkung. Vitamin D ist essenziell für die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm.

  • Osteomalazie & Osteoporose: Bei Erwachsenen führt ein Mangel an Vitamin-D zur Erweichung der Knochen und zum Abbau von Knochensubstanz, was das Risiko für Brüche massiv erhöht.
  • Rachitis: Bei Kindern führt ein schwerer Mangel zu bleibenden Verformungen des Skeletts.
  • Zahngesundheit: Ein Mangel kann die Mineralisierung des Zahnschmelzes schwächen und die Anfälligkeit für Karies und Parodontitis erhöhen.

Muskelfunktion und Sturzrisiko

Vitamin D spielt eine direkte Rolle in der Muskelfaserschaltung.

  • Myopathie: Muskelschwäche und Muskelschmerzen (oft diffus im Bereich der Oberschenkel und des Beckens).
  • Sturzgefahr: Besonders bei Senioren korreliert ein niedriger Spiegel mit Gangunsicherheit und einer erhöhten Sturzfrequenz.

Immunsystem und Entzündungen

Vitamin D wirkt modulierend auf die Immunantwort.

  • Infektanfälligkeit: Ein Mangel wird mit einer höheren Anfälligkeit für Atemwegsinfekte (Grippe, Erkältungen) in Verbindung gebracht.
  • Autoimmunerkrankungen: Es gibt Hinweise darauf, dass ein chronischer Mangel die Entstehung von Krankheiten wie Multipler Sklerose (MS), Typ-1-Diabetes oder rheumatoider Arthritis begünstigen kann.

Psychische Gesundheit und Kognition

  • Saisonale Depression (SAD): Der "Winterblues" steht oft in direktem Zusammenhang mit sinkenden Vitamin-D-Spiegeln, da das Hormon die Serotoninsynthese beeinflusst.
  • Kognitiver Abbau: Studien deuten darauf hin, dass ein niedriger Spiegel mit einem höheren Risiko für Demenz und kognitive Einschränkungen im Alter assoziiert ist.

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Wirkung von UV auf Mortalität

Wer das Licht der Wahrheit sehen will,
muss erst durch den Tunnel
der Ungewissheit kriechen..

Anonymus

UV-Studie zu Mortalität, kurzgefasst

Dieser Beitrag ordnet die verbreitete Annahme „Sonnenlicht ist gesund“ kritisch ein und fasst zentrale Ergebnisse einer aktuellen Auswertung der UK Biobank zusammen. Ausgangspunkt ist die Spannung zwischen dermatologischen Warnungen vor UV-bedingten Hautschäden (insbesondere Melanomrisiko) und der biologischen Notwendigkeit von UV-Strahlung für verschiedene Körperfunktionen. Die Studie von Stevenson et al. (Health & Place, 2024) untersucht bei älteren Erwachsenen im Vereinigten Königreich, wie UV-Exposition mit Gesamt- und ursachenspezifischer Mortalität zusammenhängt. Dazu werden zwei unterschiedliche, voneinander unabhängige Expositionsmaße verwendet, die über gemessene Serum-Vitamin-D-Spiegel als Biomarker validiert werden: (1) Solariumnutzung und (2) die jährliche durchschnittliche kurzwellige Strahlung am Wohnort. Die Zusammenhänge werden als adjustierte Hazard Ratios für Gesamtmortalität sowie Mortalität durch Herz Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und andere Ursachen analysiert; zusätzlich dienen negative Kontrollergebnisse der Plausibilitätsprüfung. In der ausgewerteten Kohorte (vollständige Daten für 395.086 Personen; mediane Nachbeobachtung 12,7 Jahre) zeigen beide Expositionsmaße konsistent inverse Assoziationen mit der Gesamtmortalität sowie mit kardiovaskulärer und krebsbedingter Mortalität; Solariumnutzung ist zudem mit geringerer Mortalität durch Nicht HKE/Nicht Krebs assoziiert. Als mögliche Mechanismen werden neben Vitamin D Synthese auch UV A vermittelte Effekte über Stickstoffmonoxid (Gefäßerweiterung, Blutdrucksenkung, immunmodulatorische Pfade) diskutiert. Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass in Regionen mit geringer Sonneneinstrahlung potenzielle Vorteile moderater UV-Exposition die Risiken überwiegen könnten, ohne die Notwendigkeit kontextabhängiger Schutzmaßnahmen zu negieren.

UV gesund oder eher gefährlich - Eine epidemiologische Studie

Der Beitrag Phantome, die unser Wissen beherrschen VI - Sonnenlicht ist gesund zeigt das Für und Wider für die Sonne als Quelle gesunder Strahlung. Diesen habe ich unter Phantome der Lichttechnik eingereiht, weil Millionen von Leuten glauben, das Licht der Sonne sei gesund. Das ist sie ohne Zweifel. Allerdings nicht immer und zu allen Bedingungen. Das Sonnenlicht war in der Urzeit der Erde tödlich, weil seine UV-Strahlung ungehindert die Atmosphäre passierte und alles Leben vernichtete, bis sich ein Ozongürtel bildete, der die energiereichsten Strahlen (UV-C) absorbiert. Seitdem durfte das Leben auch ohne den Schutz der Atmosphäre aus dem Wasser an Land gehen. Aber im Melatonin lebt das Gedächtnis des Lebens weiter. Nachts steigen aus der Tiefsee, wo kein Tageslicht zu sehen ist, viele Lebewesen nach oben. Die größte Migration von Biomasse.

Auf der Erde kommen immer noch die UV-B- und UV-A-Strahlen an, die nicht mehr so gefährlich sind. Allerdings ist die Strahlung noch so gefährlich, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter, die im Freien arbeiten, davor schützen müssen. Daher warnen die Dermatologen vor den Gefahren. Man kann jedes Jahr im Frühjahr Dutzende Artikel finden, in denen empfohlen wird, sich mehrmals am Tag mit Sonnencreme mit einem Sonnenschutzfaktor 50 zu schützen.

Auf der anderen Seite ist UV für das Leben des Menschen unerlässlich. Das gilt nicht nur für die Knochen, für deren Aufbau UV gebraucht wird, sondern für viele andere vitale Funktionen auch. Seit etwa 100 Jahren ist eine Art Glaubenskrieg entbrannt, wobei sich die einen längere Zeit in die Sonne knallen, weil gebräunte Haut als ein Zeichen von Gesundheit und Wohlergehen gilt. Auf der anderen Seite stehen die Warner, allen voran die Dermatologen.

Ein britisches Team hat sich der Frage angenommen, ob die Warner oder die Gegenseite recht haben. Die Studie Eine höhere UV-Strahlenbelastung steht mit einer geringeren Sterblichkeit in Zusammenhang: Eine Analyse von Daten aus der UK-Biobank-Kohortenstudie (Original: Higher ultraviolet light exposure is associated with lower mortality: An analysis of data from the UK biobank cohort study) von Stevenson und anderen wurde im September 2024 in Health & Place publiziert. (Originaltext download PDF)

Der folgende Text fasst die wichtigsten Aspekte der Studie (übersetzt mit deepl) zusammen. Es gelten jedoch immer die Aussagen der Autoren in der Originalstudie.

Die Autoren fassen ihre Studie wie folgt zusammen: “Unser Ziel war es, Zusammenhänge zwischen der UV-Exposition und der Mortalität bei älteren Erwachsenen im Vereinigten Königreich (UK) zu untersuchen. Wir verwendeten Daten von Teilnehmern der UK Biobank, bei denen zwei Arten der UV-Exposition vorlagen, die anhand gemessener Vitamin-D-Spiegel validiert wurden: Solariumbesuche und die jährliche durchschnittliche kurzwellige Strahlung am Wohnort. Die Zusammenhänge zwischen den UV-Expositionen, der Gesamtmortalität und der ursachenspezifischen Mortalität wurden als adjustierte Hazard Ratios untersucht. Die UV-Expositionen standen in umgekehrtem Zusammenhang mit der Gesamtmortalität, der Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) und der Krebsmortalität. Solariumnutzer wiesen zudem ein geringeres Risiko für die Mortalität aufgrund von Nicht-HKE- und Nicht-Krebserkrankungen auf. In Ländern mit geringer Sonneneinstrahlung könnten die Vorteile der UV-Exposition die Risiken überwiegen.”

In der Gesundheitsaufklärung im Vereinigten Königreich (UK) und anderen Ländern mit einem hohen Anteil an Bevölkerung europäischer Abstammung wurden die Risiken der UV-Exposition immer hervorgehoben. Der bekannte Zusammenhang zwischen UV-Strahlung und der Entstehung von Melanomen gibt Anlass zu besonderer Sorge. In den Jahren 2017–2019 war die Melanomsterblichkeit jedoch relativ gering und machte nur 1 % aller Krebstodesfälle aus (Cancer Research UK, 2022). Jüngste Erkenntnisse deuten aber darauf hin, dass die Vorteile der UV-Exposition die Risiken überwiegen könnten, insbesondere in Umgebungen mit geringer Sonneneinstrahlung. In einer Kohorte schwedischer Frauen lebten Teilnehmerinnen mit höherer Sonnenexposition länger als diejenigen, die die Sonne mieden (Lindqvist et al., 2016). Der Mortalitätsvorteil wurde hauptsächlich auf eine geringere Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) sowie von Nicht-HKE- und Nicht-Krebserkrankungen zurückgeführt.

Die Autoren geben an, dass es mehrere biologisch plausible Mechanismen gibt, die einen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber Ultraviolett-A- (UV-A) und Ultraviolett-B-Strahlung (UV-B) und der Gesundheit erklären. UV-B-Strahlung bewirkt die Synthese von Vitamin D in der exponierten Haut (Holick, 2016). In Beobachtungsstudien werden höhere Vitamin-D-Spiegel mit niedrigeren Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungsraten in Verbindung gebracht (Chowdhury et al., 2014). Jüngste randomisierte kontrollierte Studien zur Vitamin-D-Supplementierung und Mendelsche-Randomisierungsstudien stützen jedoch keine kausale Rolle von Vitamin D bei einer Reihe von gesundheitlichen Endpunkten außerhalb des Skelettsystems (Pilz et al., 2016; Manson et al., 2019).

Die Autoren geben an, dass UV-A-Photonen längere Wellenlängen haben und tiefer in die Haut dringen (Holick, 2016). Die UV-A-Exposition der Haut löst eine durch Stickstoffmonoxid (NO) vermittelte Gefäßerweiterung aus, die den Blutdruck senkt (Liu et al., 2014). NO ist zudem ein negativer Regulator des NLRP3-Inflammasoms, das mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, darunter Typ-II-Diabetes und Atherosklerose (Mao et al., 2013). Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass UV-A unabhängig von UV-B vor Herzinfarkt (Mackay et al., 2019) und COVID-19-Sterblichkeit (Cherrie et al., 2021) schützt.

Ziel dieser Studie war es, anhand von Daten von Teilnehmern der UK Biobank zu ermitteln, inwieweit die UV-Exposition mit der Gesamtmortalität und der ursachenspezifischen Mortalität assoziiert ist. Die Autoren verwendeten zwei unterschiedliche Expositionsschätzungen, die anhand der Serum-Vitamin-D-Spiegel – einem Biomarker für die UV-Exposition – validiert wurden, sowie ein negatives Kontrollergebnis, um diese Frage zu untersuchen.

Materialien und Methoden

Die UK Biobank ist eine prospektive, bevölkerungsbasierte Kohorte mit über 500.000 Teilnehmern, die zum Zeitpunkt der Rekrutierung (2006 und 2010) zwischen 37 und 73 Jahre alt waren und in der Nähe von 22 Rekrutierungszentren in ganz England, Wales und Schottland wohnten (Sudlow et al., 2015). Es wurden soziodemografische Daten, Gesundheitsdaten sowie Ergebnisse der körperlichen Untersuchung mit Blut-, Urin- und Speichelproben erhoben. Die ethische Genehmigung für die UK Biobank erteilte das North West Centre for Research Ethics Committee (11/NW/0382). Die genetisch bedingte Hautpigmentierung spielt eine wichtige Rolle bei den biologischen Reaktionen auf UV-Exposition (Brenner und Hearing, 2008). Um den potenziellen Störeffekt von UV-Exposition, Hautpigmentierung und Mortalität zu begrenzen, beschränkten die Autoren sich in der vorliegenden Analyse auf Teilnehmer weißer europäischer Abstammung, wobei sie eine Kombination aus selbst angegebenem ethnischem Hintergrund und genetischen Informationen verwendeten.

Studiendesign

Die Autoren geben Folgendes an: “Um die Kausalität besser beurteilen zu können, verwendeten wir: [i] zwei aus unabhängigen Prozessen geschätzte Expositionen, die separat modelliert wurden (was eine Triangulation ermöglichte (Lawlor et al., 2017)), [ii] gemessene Vitamin-D-Serumspiegel, einen Biomarker für die UV-Exposition, zur Validierung der Expositionen und [iii] ein negatives Kontrollergebnis, um die Angemessenheit der Anpassung zu überprüfen.”

Interessante Untersuchungsgegenstände

Die Gesamtmortalität sowie die ursachenspezifische Mortalität (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Nicht-Herz-Kreislauf-Erkrankungen/Nicht-Krebs) waren die primären Auswirkungen, die studiert wurden. Jeder Teilnehmer der UK Biobank wurde zum Zeitpunkt seiner Aufnahme in die Studie mit einem nationalen Sterberegister verknüpft (Sudlow et al., 2015). Eine Liste der für jedes Mortalitätsergebnis verwendeten ICD-10-Codes ist in der Zusatzdatei 2 verfügbar. Der Zusammenhang zwischen UV-Exposition und Melanominzidenz hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen; frühere Forschungsarbeiten haben jedoch auf ein komplexes Zusammenspiel zwischen UV-bedingter Melanominzidenz und Mortalität hingewiesen (Adamson et al., 2022; Maduka et al., 2023). Um dies zu überprüfen, verglichen wir in Sekundäranalysen die Melanominzidenz und -mortalität. Wir verglichen zudem die Inzidenz und Mortalität von Nicht-Hautkrebserkrankungen.

(Rest der Methodik bitte dem Originaltext entnehmen.)

Ergebnisse

An der UK-Biobank-Kohorte nahmen 502.412 Teilnehmer teil, von denen 49.386 keine weiße europäische Abstammung hatten. Von den in Frage kommenden Teilnehmern lagen für 395.086 vollständige Informationen vor (Abb. 1). Die Gesamtnachbeobachtungszeit betrug 4.912.032 Personenjahre, mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 12,7 Jahren. Die vollständigen Teilnehmerdaten und fehlenden Daten sind in Tabelle 1 beschrieben. Die fünf häufigsten Ursachen für kardiovaskuläre, krebsbedingte und nicht-kardiovaskuläre/nicht-krebsbedingte Todesfälle unter den Teilnehmern sind in der Zusatzdatei 4 beschrieben.

“Wir stellen fest, dass Teilnehmer der UK Biobank, die Solarien nutzen und an Orten mit einer höheren jährlichen durchschnittlichen kurzwelligen Strahlung (SWR) leben, ein geringeres Risiko für die Gesamtmortalität sowie für die Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs aufweisen. Solariumnutzer haben zudem ein geringeres Risiko für die Mortalität aufgrund von anderen Ursachen als Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Diese Ergebnisse zeigen sich bei zwei sehr unterschiedlichen Arten der Exposition, wobei eine Anpassung vorgenommen und die Angemessenheit dieser Anpassung durch die Überprüfung eines negativen Kontrollergebnisses bestätigt wurde.

Diese Ergebnisse ergänzen die wachsende Literatur, die darauf hindeutet, dass UV-Exposition mit einer geringeren Mortalität assoziiert ist. Ergebnisse aus prospektiven Kohortenstudien in Schweden, das auf einem ähnlichen Breitengrad wie das Vereinigte Königreich liegt, zeigen eine inverse Beziehung zwischen aktiverem Sonnenverhalten und der Gesamtmortalität (Lindqvist et al., 2014; Yang et al., 2011) sowie inverse dosisabhängige Zusammenhänge zwischen der Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nicht-kardiovaskulären/nicht-krebsbedingten Ursachen und Krebs (Lindqvist et al., 2016). Mehrere Studien deuten zudem auf einen Zusammenhang zwischen Breitengrad und Mortalität hin, wobei ein Leben näher am Äquator mit einer höheren Lebenserwartung, einer geringeren Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer geringeren Mortalität bei verschiedenen Krebsarten assoziiert war (Grant, 2010; Borisenkov, 2011; Müller-Nordhorn et al., 2008).

Die Nutzung von Solarien war nicht mit der Inzidenz von Nicht-Hautkrebs assoziiert, wohl aber mit einer niedrigeren Mortalität durch Nicht-Hautkrebs. Ein höherer jährlicher durchschnittlicher SWR-Wert war mit einer niedrigeren Inzidenz und Mortalität von Nicht-Hautkrebs assoziiert, wobei der Effekt auf die Mortalität größer war als auf die Inzidenz. Eine mögliche Erklärung für diesen Unterschied könnte.”

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Minds in Motion – Bewegter Verstand

Wenn man weiß „wie“,
sieht das Schwere
plötzlich leicht aus.

Anonymus

Minds in Motion, kurzgefasst

Mariana G. Figueiros jüngere Arbeiten am Lighting Research Center lesen sich wie eine stille Revolution des Alltags: als Erinnerung daran, dass gebaute Umgebung den Geist beruhigen – oder ihn systematisch stören – kann. Der Text folgt ihrer „tailored lighting intervention“ (TLI) nicht als greller Therapiestrahler, sondern als bewohnbarer Rhythmus aus Helligkeit und Dämmerung: tagsüber genügend zirkadian wirksames Licht (CS-Ziel etwa 0,3 oder höher), am Abend dagegen eine bewusst gedämpfte Beleuchtung (unter ca. 0,1), damit Dunkelheit wieder zum biologischen Signal wird. Bemerkenswert ist die Pragmatik des Ansatzes: warmes Licht um 3000K und ein moderates Niveau von rund 300–400 lx – kompatibel mit gewöhnlichen Tisch- und Stehlampen statt klinischer Apparatur. Von Pflegeheimen, in denen der Tag oft zu dunkel und die Nacht zu hell ist, bis zu Gruppen unter Extremstress wie den World-Trade-Center-Rettungs- und Bergungskräften laufen die berichteten Effekte auf dasselbe Menschliche hinaus: besserer Schlaf, stabilere Stimmung, weniger Unruhe, teils messbare kognitive Gewinne, die sich mit der Dauer der Intervention zu verstärken scheinen. Am Ende steht eine Gestaltungsmaxime statt eines Luxusprodukts: helle Tage, gedämpfte Abende und wirklich dunkle Nächte..

Minds in Motion

Mariana G. Figueiro, Professor für Architektur am Lighting Research Center, Troy, New York, und Direktor der Licht- und Gesundheitsforschung, summierte in April 2026 ihre Forschungsergebnisse über die Heilwirkungen des Lichts bei wirklich harten Fällen Alzheimer-Patienten oder Überlebenden von 9/11 (Rettungskräfte, die die Katastrophe gemanagt hatten). Viele von ihnen können kaum schlafen.

Figueiro beschreibt Forschungsergebnisse über die Entwicklung und Erprobung einer maßgeschneiderten Lichtintervention (TLI), die darauf ausgelegt ist, tagsüber einen CS-Wert[1] von mindestens 0,3 zu erzielen – ein Niveau, das sich in klinischen Studien als wirksam erwiesen hat –, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass der CS-Wert am Abend unter 0,1 bleibt.

Anders als Arbeiten, die die circadiane Wirkung mit dem blauen Licht in Verbindung sehen, arbeitet TLI mit warmem Licht mit einer Farbtemperatur von 3000 K. Eine andere Besonderheit ist das Lichtniveau, das etwa 300 – 400 lx beträgt. Die Therapieleuchten erzeugen hingegen bis 10.000 lx.

Die hier beschriebene Methode lässt sich also in jeder Wohnung anwenden, auch wenn man nicht krank oder malade ist. Die wissenschaftliche Begründung kann man hier oder da lesen. Den Originalbeitrag finden Sie hier.

Licht für Patienten mit Alzheimer-Krankheit und verwandten Demenzerkrankungen

Figueiro sieht hier den größten Bedarf, weil das Licht in Pflegeheimen selten dem Ideal entspricht: hell tagsüber, gedämpft am Abend und dunkel in der Nacht. Fazit: „Unsere früheren Studien, die in Pflegeheimen durchgeführt wurden, zeigten den tiefgreifenden Einfluss der TLI auf Menschen mit Alzheimer-Krankheit und verwandten Demenzerkrankungen. Die TLI verbesserte die Schlafqualität, die Stimmung und das Verhalten signifikant. Bemerkenswerterweise konnten wir zeigen, dass der Einfluss des Lichts auf diese Ergebnisse kumulativ war; je länger die Dauer der TLI (d. h. bis zu 6 Monate in unserer Studie), desto größer waren die beobachteten Verbesserungen… Diese Ergebnisse stimmten mit denen von Eus van Someren und Kollegen überein, die zeigten, dass die Exposition gegenüber hellem Tageslicht (>1.000 Lux am Auge) über einen Zeitraum von 3,5 Jahren den Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus konsolidierte, die kognitiven Fähigkeiten verbesserte und Depressionen reduzierte.“

Solche Wirkungen wurden mit einfachen Tisch- und Stehlampen erzielt, die in die Lebensumgebung passen.

Rettungs- und Bergungskräfte, Freiwillige und Parkinson-Patienten

Hierzu schreibt Figueiro „Die Vorteile der TLI gehen über ältere Erwachsene und Menschen mit Demenz hinaus und unterstreichen die weitreichende Bedeutung der circadianen Synchronisation für die Gesundheit des Gehirns. Rettungs- und Bergungskräfte aus dem World Trade Center sind aufgrund des extremen Stresses und der Umweltbelastungen während des 11. September nach wie vor besonders anfällig für circadiane Störungen und Neuroinflammation, und viele leiden immer noch unter kognitiven Beeinträchtigungen und Schlafstörungen.

Unsere Untersuchung ergab, dass eine zweimonatige tägliche TLI-Intervention – eine Stunde innerhalb von zwei Stunden nach dem Aufwachen – den Schlaf und die kognitiven Fähigkeiten in dieser Gruppe signifikant verbesserte. Wir beobachteten einen eindeutigen Zusammenhang: Eine stärkere morgendliche Exposition gegenüber circadian wirksamem Licht sagte eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit voraus. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Lichttherapie eine nicht-invasive Möglichkeit bieten könnte, die langfristige kognitive Gesundheit und die Schlafqualität bei Personen zu fördern, die von schweren Traumata und Umweltstress betroffen sind.

Patienten mit Parkinson-Krankheit (PD) leiden häufig unter motorischen und nicht-motorischen Symptomen, darunter häufige Schlafstörungen, die oft mit einer Störung des zirkadianen Rhythmus zusammenhängen. Müdigkeit ist ein weiteres schwieriges Symptom, für das es nur wenige evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten gibt.“

Fazit

Es ist nicht gesagt, dass Mittel und Methoden, die man für Therapiezwecke anwendet, auch bei gesunden Menschen im Alltag funktionieren. Dafür spricht nicht zuletzt die Verschreibungspflicht für wirksame Medizin. Bei Licht gilt dies wohl nicht. Hierzu führt die Autorin aus: „Unsere Arbeit bestätigt, dass Licht die menschliche Gesundheit auf eine Weise positiv beeinflusst, wie wir es uns vorgestellt hatten, und auf eine Weise, die wir uns zuvor nur vorstellen konnten. Für Lichtdesigner ist die entscheidende Erkenntnis nicht die Wahl der zu verwendenden Messgröße [CS oder Tageslichtäquivalent, d. Übersetzer], sondern die nachgewiesenen Vorteile einer validierten, nicht-pharmakologischen Intervention, die Schlaf, Stimmung, Verhalten und kognitive Fähigkeiten bei gefährdeten Bevölkerungsgruppen verbessert. Die Herausforderung besteht nun darin, die Debatte hinter uns zu lassen und uns auf die Umsetzung zu konzentrieren. „Circadian Lighting“ ist kein Nischen- oder Premiumprodukt, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die Gestaltung einer gesunden gebauten Umwelt. Bei der Zukunft der Beleuchtung geht es nicht nur ums Sehen, sondern auch darum, „helle Tage, gedämpfte Abende und dunkle Nächte“ zu schaffen, um die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden zu fördern.“

Literaturverweise der Autorin

1 George C. Brainard et al. “Action Spectrum for Melatonin Regulation in Humans: Evidence for a Novel Circadian Photoreceptor.” Journal of Neuroscience, vol. 21, no. 16, 2001.

2 Khushwant Thapan, Josephine Arendt, and Debra J. Skene. “An Action Spectrum for Melatonin Suppression: Evidence for a Novel Non-Rod, NonCone Photoreceptor System in Humans.” Journal of Physiology, vol. 535, 2001.

3 Sat Bir S. Khalsa et al. “A Phase Response Curve to Single Bright Light Pulses in Human Subjects.” Journal of Physiology, vol. 549, 2003.

4 Mark S. Rea, Rohan Nagare, and Mariana G. Figueiro. “Modeling Circadian Phototransduction: Quantitative Predictions of Psychophysical Data.” Frontiers in Neuroscience, vol. 15, 2021.

5 Mark S. Rea, Rohan Nagare, and Mariana G. Figueiro. “Modeling Circadian Phototransduction: Retinal Neurophysiology and Neuroanatomy.” Frontiers in Neuroscience, vol. 14: 2021.

6 UL Standards and Engagement. Design Guideline for Promoting Circadian Entrainment with Light for Day-Active People, Design Guideline 24480, Edition 1. Northbrook, IL: Underwriters Laboratories, 2019.

7 Mariana G. Figueiro et al. “Tailored Lighting Intervention (TLI) for Improving Sleep-Wake Cycles in Older Adults Living with Dementia.” Frontiers in Physiology, vol. 14, 2023.

8 Mariana G. Figueiro et al. “Long-Term, All-Day Exposure to Circadian-Effective Light Improves Sleep, Mood, and Behavior in Persons with Dementia.” Journal of Alzheimer’s Disease Reports, vol. 4, no. 1, 2020.

9 Eus J. W. van Someren et al. “Indirect Bright Light Improves Circadian Rest-Activity Rhythm Disturbances in Demented Patients.” Biological Psychiatry, vol. 41, no. 9, 1997.

10 Rixt F. Riemersma-van der Lek et al. “Effect of Bright Light and Melatonin on Cognitive and Noncognitive Function in Elderly Residents of Group Care Facilities: A Randomized Controlled Trial.” Journal of the American Medical Association, vol. 299, no. 22, 2008.

11 Paul K. Crane et al. “Glucose Levels and Risk of Dementia.” New England Journal of Medicine, vol. 369, no. 15, 2013.

12 Ola A. Alsalman et al. “Tailored Light Intervention for Sleep and Cognition in World Trade Center (WTC) Cohort.” Archives of Environmental and Occupational Health, vol. 80, no. 9, 2025.

[1] CS = circadian stimulus. wissenschaftliche Kennzahl, die beschreibt, wie stark eine Lichtquelle das menschliche zirkadiane System (unsere "innere Uhr") anspricht. Er wurde am Lighting Research Center (LRC) des Rensselaer Polytechnic Institute entwickelt.

 

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Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit von Lisa Heschong

Nichts ist energetisch ineffizienter
als ein kranker Körper.

Anonymus

Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit, kurzgefasst

Der Beitrag fasst zentrale Thesen von Lisa Heschong (14. April 2026) zu einer „zweiten Revolution“ im Verständnis von Licht und Gesundheit zusammen. Während die erste Forschungswelle vor allem die circadiane Wirkung (Zeitpunkt, Intensität, blaues Licht) betonte, rücken nun weitere nicht visuelle Mechanismen in den Fokus. Große epidemiologische Datensätze deuten darauf hin, dass höhere Lichtexpositionen am Tag langfristig mit besseren Gesundheitsoutcomes assoziiert ist (u. a. weniger psychiatrische Diagnosen sowie geringere Herz Kreislauf , Krebs und Mortalitätsraten). Zugleich wird die Erklärung über Vitamin D als alleinige Ursache relativiert, weil Supplementierungsstudien die erwarteten Effekte nur begrenzt replizieren. Der Beitrag diskutiert zudem spektrale Anteile jenseits des Sichtbaren: Nahinfrarot (NIR), das in der Photobiomodulation genutzt wird und auch bei Umgebungsdosen physiologische Effekte zeigen könnte, sowie ultraviolette Strahlung (UV), die durch moderne LED Beleuchtung und Low E Verglasung in Innenräumen stark reduziert wird. Diese technischen Veränderungen können unbeabsichtigte Folgen haben, etwa im Kontext der Myopie Epidemie. Insgesamt bleibt die Evidenz zur wirksamen und sicheren Dosierung lückenhaft; als pragmatische Konsequenz wird empfohlen, tagsüber mehr Zeit bei ungefiltertem Tageslicht im Freien zu verbringen und Tageslicht in Innenräumen stärker als Gesundheitsressource zu berücksichtigen.

Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit von Lisa Heschong

Die bekannte US-Architektin Lisa Heschong schreibt in einem Beitrag vom 14. April, 2026 über eine neue Phase der Erkenntnisgewinnung zu nicht-visuellen Wirkungen von Licht. Hierbei geht es nicht primär um circadiane Wirkungen. Der Gesamtbeitrag ist hier abrufbar. Die zitierten Teile wurden mit deepl übersetzt.

Unser Verständnis von Beleuchtung und Wohlbefinden neu definieren

Der Beitrag beschreibt eine sich abzeichnende „zweite Revolution“ im Verständnis von Licht und Gesundheit. Während die erste Welle der Forschung vor allem die circadiane Wirkung von Licht (Zeitpunkt, Intensität und insbesondere blaues Licht) und deren Einfluss auf Schlaf, Wachheit und hormonelle Signale in den Mittelpunkt stellte, rücken nun zusätzliche, nicht‑visuelle Wirkmechanismen in den Fokus. Auf Bevölkerungsebene liefern große epidemiologische Datensätze Hinweise, dass eine höhere Lichtexposition am Tag langfristig mit günstigen Gesundheitswirkungen assoziiert ist – darunter weniger psychiatrische Diagnosen, geringere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie niedrigere Krebs- und Sterblichkeitsraten. Gleichzeitig wird die bislang dominante Erklärung über Vitamin‑D als alleinige Ursache zunehmend hinterfragt, da Supplementierungsstudien die erwarteten Effekte nicht in gleichem Maß reproduzieren konnten.

Eine Pilotstudie zu Tageslicht in Innenräumen deutet zudem darauf hin, dass bereits wenige Tage Arbeit in einem tageslichtdurchfluteten Büro messbare, wenn auch subtile Verbesserungen metabolischer Parameter bei älteren Erwachsenen mit Diabetes bewirken können. Darüber hinaus diskutiert der Text mögliche Beiträge von Spektralanteilen jenseits des Sichtbaren: Nahinfrarot (NIR), das in der Photobiomodulation intensiv genutzt wird und auch bei Umgebungsdosen physiologische Effekte zeigen könnte, sowie ultraviolette Anteile, deren Reduktion in modernen Gebäuden durch LED‑Beleuchtung und Low‑E‑Verglasung unbeabsichtigte Folgen haben kann (u. a. im Kontext der Kurzsichtigkeitsepidemie). Insgesamt wird deutlich: Viele „Puzzleteile“ – insbesondere zur wirksamen und sicheren Dosierung – fehlen noch. Bis präzisere Empfehlungen vorliegen, lautet die praxisnahe Schlussfolgerung, den Aufenthalt bei ungefiltertem Tageslicht am Tag zu erhöhen und Tageslicht in Innenräumen stärker als gesundheitliche Ressource zu berücksichtigen.

Warum ungefiltertes Tageslicht?

Wirkungen von Nahinfrarot auf die Physiologie und auf das Auge

Ein Blick in die Abbildungen des Artikels zeigt deutlich, in welchem Maße das Licht im Innern der Gebäude durch die Verglasung verändert wird, wenn man statt Klarglas wie einst beschichtete Gläser i.S. einer Energieeffizienz einsetzt.

Im ersten Bild geht es um den sichtbaren Bereich und um Nahinfrarot. Wie die Kurven zeigen, sind die Gläser alles andere als transparent, sie sehen nur so aus.

Das Klarglas, das bei einscheibiger Anwendung noch über einen Transmissionsgrad von über 0,9 verfügt, liegt im visuellen Bereich bei ca. 0,82. Die modernste Form der Silberbeschichtung lässt nur noch 53% Licht durch. Richtig dramatisch wird es bei Nahinfrarot. Bei einer dreifachen Silberbeschichtung kommt praktisch nichts mehr durch.

Dasselbe passiert, wenn man eine Glühlampe durch eine LED ersetzt. Sie emittiert kaum IR. Dadurch kommt ja ihre große Energieeffizienz zustande.

Ob man den Umstand Effizienz nennen darf, stellt Heschong indes in Frage. Denn eine von ihr interpretierte Studie hat gezeigt, dass nach einer Stunde NIR-Exposition die Forscher jedoch signifikante Verbesserungen sowohl der kardiovaskulären als auch der emotionalen Funktion feststellten, die mindestens eine weitere Stunde anhielten. (s. dazu Beitrag: Ist LED-Beleuchtung effizienter als die Glühlampenbeleuchtung? Eine physiologische Betrachtung. Die Nahinfrarot-Bestrahlung bewirkt zudem, wie in dem zitierten Beitrag ausgeführt, dass auch die visuelle Leistung durch Nahinfrarot verbessert wird. Heschong verweist auf eine weitere Studie mit dem Ergebnis: Längere Wellenlängen im Sonnenlicht durchdringen den menschlichen Körper und haben eine systemische Wirkung, die das Sehvermögen verbessert.[1]

Man muss daher den Anspruch einer Energieeinsparung durch Isoliergläser oder LEDs relativieren. Zusammen genommen deuten diese und andere Studien darauf hin, dass die NIR-Exposition ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Raumklimas sein könnte. In den letzten Jahrzehnten hat sich die NIR-Exposition in Innenräumen jedoch durch zwei wesentliche technologische Veränderungen stark verringert:

  • eine Reduzierung der Verwendung von Glühlampen, einschließlich Kerzen und offenen Feuern, die auf natürliche Weise NIR-Strahlung abgeben; zunächst zugunsten von Leuchtstofflampen und in jüngerer Zeit zugunsten von LED-Lichtquellen
  • die zunehmende Verwendung von Low-E-Beschichtungen (Low-Emissivity) an Fenstern, die das Spektrum des durch sie hindurchtretenden Tageslichts einschränken.

Der Wandel bei den elektrischen Lichtquellen hat im Internet eine Kontroverse darüber ausgelöst, ob LEDs neu konzipiert werden sollten, um eine stärkere NIR-Strahlung zu erzeugen. Ebenso entsteht eine Kontroverse darüber, ob energieeffiziente Fenster überdacht werden sollten, um einen größeren Teil des Sonnenspektrums durchzulassen.

Wirkungen von Utraviollett

Erst seit kurzem werden die möglichen gesundheitlichen Folgen einer Verringerung der Exposition gegenüber Sonnenwellenlängen jenseits des sichtbaren Spektrums in Innenräumen thematisiert. Nicht nur das nahe Infrarot (NIR) gibt Anlass zur Sorge, sondern auch sehr kurze Wellenlängen bis hin in den ultravioletten Bereich.

Seit den 1980er Jahren und verstärkt seit den 2000er Jahren wurden Wohn- und Arbeitsräume mit neuen, energieeffizienteren Fenstern mit Low-E-Beschichtungen ausgestattet. Diese transparenten Beschichtungen, die größtenteils aus Silberoxiden bestehen, optimieren die Lichtdurchlässigkeit im Bereich um 550 Nanometer (nm) innerhalb des für den Menschen sichtbaren Spektrums, während sie andere Sonnenwellenlängen, insbesondere im NIR- und im ultravioletten Bereich, als unnötige „Energieverschwendung“ reflektieren.

In welchem Maße diese Fenster die Sonnenstrahlung filtern, zeigt das untere Bild

Hier sieht man ganz deutlich, dass auch die UVA-Strahlung kräftig beschnitten wird. Dies betrifft auch die Lichtstrahlung, die circadian wirksam ist. Das Endergebnis der heutigen energieeffizienten Fenster ist jedoch, dass 50 bis 95 % sowohl der einfallenden NIR- als auch der UV-Sonnenstrahlung aus dem Inneren von Gebäuden ferngehalten werden.

Heschong zitiert zu diesem Punkt eine Studie aus Edinburgh, UK, die zeigt, dass die höhere UV-Intensität die Mortalität in Ländern mit moderaten Sonnenscheindauern reduziert.[2]

Folgen der verminderten Lichtexposition

Heschong befürchtet, dass die insgesamt verminderte Lichtexposition (weniger Licht im Innenraum, kürzerer Aufenthalt im Freien) die Entwicklung des Menschen in den frühen Jahren negativ beeinflusst: Eine der besorgniserregendsten Folgen der verminderten Lichtexposition in Innenräumen könnte eine Beeinträchtigung der Sehentwicklung im Kindesalter sein. Eine normale Entwicklung im Mutterleib führt zu funktionsfähigen Augen bei der Geburt, die sich in den ersten Lebensjahren zu einer perfekten Sehschärfe von 20/20 entwickeln. Doch bei der Augenentwicklung von Kindern scheint etwas grundlegend schiefzulaufen, sodass immer mehr Kinder kurzsichtig werden. Anstatt eine perfekte Form für klares Sehen zu erreichen, wächst ein kurzsichtiges Auge weiter und verlängert sich, wodurch es immer schwieriger wird, in die Ferne zu fokussieren. In den USA werden mittlerweile 35 bis 40 % der Kinder für den Rest ihres Lebens kurzsichtig, verglichen mit 2 bis 5 % vor einigen Generationen. In Asien ist das Problem noch gravierender und betrifft in einigen der größeren Städte bis zu 90 % der Jugendlichen. Angesichts des raschen Generationswechsels handelt es sich hier eindeutig um eine Krankheit mit umweltbedingten Ursachen.

Dieses Thema wurde in Licht-formt-leben.de in einem getrennten Beitrag ausführlich diskutiert: Zurück in die Höhle Dank iPhone & Co? Der damals behandelte Artikel liest sich das Ergebnis wie eine Horrormeldung: In urbanen Teilen von Süd- und Ostasien sind Heranwachsende derzeit zu  80% bis 90% kurzsichtig.

Dazu Heschong: Kurzsichtigkeit ist typischerweise eine Kinderkrankheit, deren Fortschreiten in der späten Jugend oder im frühen Erwachsenenalter zum Stillstand kommt. Viele Menschen kommen schnell zu dem Schluss, dass der derzeitige weltweite „Kurzsichtigkeitsboom“ mit der zunehmenden Bildschirmzeit bei Kindern zusammenhängen muss. Eines der ersten Anzeichen für die Kurzsichtigkeitsepidemie zeigte sich jedoch bei den Inuit-Stämmen in Kanada, die in den 1940er und 1950er Jahren von der Regierung aggressiv in westlich geprägte Häuser und Schulen umgesiedelt wurden. So wechselten diese indigenen Völker von einem Leben, das selbst während der langen Dämmerungszeiten des arktischen Winters überwiegend im Freien stattfand, zu einem Leben in Innenräumen unter Glüh- und Leuchtstofflampen. In den 1970er Jahren stellten Optiker fest, dass Inuit-Kinder im Vergleich zu den vernachlässigbaren Raten ihrer Großeltern in alarmierendem Ausmaß Kurzsichtigkeit entwickelten, was zeigt, dass die Kurzsichtigkeitsepidemie schon lange vor der Verbreitung von Computern und Mobiltelefonen im modernen Leben festgestellt wurde.[3]

Seitdem liefern epidemiologische Studien eindeutige Belege dafür, dass es Kindern in ländlichen Gebieten besser geht als denen, die in Städten aufwachsen. Ein geringeres Risiko für Kurzsichtigkeit wurde zudem eindeutig mit Kindern in Verbindung gebracht, die mehr Zeit im Freien verbringen, sei es bei sportlichen Aktivitäten oder beim ruhigen Lesen. Dies lässt vermuten, dass die visuelle Umgebung im Freien etwas an sich hat, das die normale Augenentwicklung fördert. Eine Hypothese, die Beachtung gefunden hat, besagt, dass das Spektrum des Tageslichts diese schützende Wirkung hat, insbesondere durch Wellenlängen außerhalb des sichtbaren Spektrums.[4]

Der Rat von Lisa Heschong: Heute beginnen Wissenschaftler, die zugrunde liegenden molekularen Mechanismen genauer zu untersuchen und ihre evolutionäre Entwicklung über verschiedene Arten hinweg nachzuzeichnen. Zudem wurden Projekte ins Leben gerufen, um detaillierte Daten zur Lichtexposition von verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf allen Kontinenten zu sammeln, um besser zu verstehen, wie die Lichtexposition im Alltag tatsächlich aussieht. Vielleicht werden wir bald in der Lage sein, genauere Empfehlungen für die tägliche Lichtexposition zu geben, um die Gesundheit der Menschen zu fördern. Bis es so weit ist, lautet der derzeit beste Ratschlag wohl, einfach mehr Zeit im Freien bei ungefiltertem Tageslicht zu verbringen.[5]

Literaturverweise der Autorin

1 Angus C. Burns et al. “Day and Night Light Exposure Are Associated with Psychiatric Disorders: An Objective Light Study in >85,000 People.” Nature Mental Health, vol. 1, 2023.

2 Daniuel P. Windred et al. “Brighter Nights and Darker Days Predict Higher Mortality Risk: A Prospective Analysis of Personal Light Exposure in 88,000 Individuals.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, vol. 121, no. 43, Oct. 2024.

3 Andrew C. Stevenson et al. “Higher Ultraviolet Light Exposure Is Associated with Lower Mortality: An Analysis of Data from the UK Biobank Cohort Study.” Health & Place, vol. 89, Sept. 2024.

4 Richard B. Weller. “Sunlight: Time for a Rethink?” Journal of Investigative Dermatology, vol. 144, no. 8, Aug. 2024.

5 Jan-Frieder Harmsen et al. “Natural Daylight during Office Hours Improves Glucose Control and Whole-Body Substrate Metabolism.” Cell Metabolism, vol. 38, no. 1, Jan. 2026.

6 Ioannis G. Lempesis and Frank A. J. L. Scheer. “Illuminating the Influence of Natural Daylight on Human Metabolism.” Cell Metabolism, vol. 38, no. 1, Jan. 2026.

7 Pooja Shivappa et al. “From Light to Healing: Photobiomodulation Therapy in Medical Disciplines.” Journal of Translational Medicine, vol. 23, 2025.

8 Charlotte M. Roddick et al. “Effects of NearInfrared Radiation in Ambient Lighting on Cognitive Performance, Emotion, and Heart Rate Variability.” Journal of Environmental Psychology, vol. 100, Nov. 2024.

9 Glen Jeffery et al. “Longer Wavelengths in Sunlight Pass through the Human Body and Have a Systemic Impact Which Improves Vision.” Scientific Reports, vol.15, no. 1, July 2025.

10 Aamer Saleem et al. “Near Infrared Transmission through Various Clothing Fabrics.” Journal of Textile Science & Engineering, vol. 3, no. 2, 2013.

11 Kevin W. Houser, Lisa Heschong, and Richard A. Lang. “Buildings, Lighting, and the Myopia Epidemic.” LEUKOS, vol.19, no. 1, Jan. 2023.

12 Jos J. Rozema et al. “Reappraisal of the Historical Myopia Epidemic in Native Arctic Communities.” Ophthalmic and Physiological Optics, vol. 41, no. 6, Sept. 2021.

13 Lisa Heschong, Richard A. Lang, and Shruti Vemaraju. “New Dimensions of Daylight and Health: How Opsin Biology May Inform Lighting Standards in the Near Future.” Lighting Research & Technology, vol. 57, no. 6–7, 2025.

14 Johannes Zauner, Steffen Hartmeyer, and Manuel Spitschan. “LightLogR: Reproducible analysis of personal light exposure data.” The Journal of Open Source Software, vol. 10, no. 107, Mar. 2025

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[1] Glen Jeffery et al. “Longer Wavelengths in Sunlight Pass through the Human Body and Have a Systemic Impact Which Improves Vision.” Scientific Reports, vol.15, no. 1, July 2025.

[2] Andrew C. Stevenson et al. “Higher Ultraviolet Light Exposure Is Associated with Lower Mortality: An Analysis of Data from the UK Biobank Cohort Study.” Health & Place, vol. 89, Sept. 2024.

[3] Jos J. Rozema et al. “Reappraisal of the Historical Myopia Epidemic in Native Arctic Communities.” Ophthalmic and Physiological Optics, vol. 41, no. 6, Sept. 2021.

[4] Lisa Heschong, Richard A. Lang, and Shruti Vemaraju. “New Dimensions of Daylight and Health: How Opsin Biology May Inform Lighting Standards in the Near Future.” Lighting Research & Technology, vol. 57, no. 6–7, 2025.

[5] 14 Johannes Zauner, Steffen Hartmeyer, and Manuel Spitschan. “LightLogR: Reproducible analysis of personal light exposure data.” The Journal of Open Source Software, vol. 10, no. 107, Mar. 2025

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