Wie verdient man sich einen schlechten Ruf? Fallstudien aus der Praxis I

Die Technik liefert uns die Werkzeuge,
aber die Weisheit, sie zu gebrauchen,
hinkt eine Generation hinterher.

William F. Ogburn in Cultural Lag

In dieser Reihe beschreibe ich in lockerer Folge die Entstehung des Gefühls bei den Benutzern, dass ein Arbeitsraum ohne künstliche Lichtquellen die beste Arbeitsumgebung wäre (Ergebnis einer LinkedIn-Studie). Diesen Ruf hat die Beleuchtungstechnik in enger Zusammenarbeit mit der Architektur redlich verdient. Manchmal war auch die Politik sehr hilfreich dabei …

Alte und neue Technologien

Dieser Beitrag untersucht anhand historischer und aktueller Fallstudien, wie bestimmte Handlungsweisen bei der künstlichen Beleuchtung ihren schlechten Ruf bei Nutzern erzeugten. Im Mittelpunkt stehen technische Fehlentwicklungen, ignorierte Nutzerbedürfnisse und politisch-industrielle Fehlentscheidungen. Beginnend bei den frühen Leuchtstofflampen mit Glimmstarter beschreibe ich, wie das störende Flackern und eine bestimmte Unzuverlässigkeit dieser Technik über Jahrzehnte hinweg trotz existierender Lösungen bestehen blieben. Anschließend beschreibe ich die Entstehung und Vermarktung der Kompaktleuchtstofflampe (KLL)– einschließlich der Probleme durch langsame Startzeiten, mangelhafte Lichtqualität, erhöhte Ausfallraten sowie die ökologisch umstrittene Verwendung von Quecksilber. Politische Entscheidungen und Industriekampagnen, die diese Technologie trotz ihrer Defizite als ökologische Innovation propagierten, verstärkten die Akzeptanzprobleme zusätzlich. Der Beitrag zeigt, wie wiederholtes Ignorieren von Nutzererwartungen und Umweltaspekten über Jahrzehnte hinweg zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust in bestimmte Lichttechnologien führte – und wie moderne LED-Technik diesen Ruf inzwischen teilweise rehabilitiert. 

In der guten alten Zeit, als der Glimmstarter regierte …

Edison hatte Wort gehalten und eine Lampe gebaut, die beim Drehen des Schalters sofort Licht gab. Das ist bis heute so geblieben: Niemand möchte stundenlang warten, bis Licht kommt. Genauer gesagt, es handelt sich um wenige Sekunden, die niemand abwarten will. Der einzige Unterschied zu 1890 ist, dass wir keinen Drehschalter mehr haben, jedenfalls in modernen Bauten. Dort geht es auf Knopfdruck.

Die so verwöhnten Menschen wurden an deren Arbeitsplatz mit einer Technik konfrontiert, die das Licht nach Meinung der Techniker “wirtschaftlich” lieferte, aber nicht sofort. In den frühen Tagen der Leuchtstofflampe (ca. 1930er/40er Jahre) war das Starten ein mechanischer Prozess. Der klassische Starter ist im Grunde eine kleine Glimmlampe mit einem Bimetall-Kontakt. Diesen fand die Technik wohl nicht so störend, dass eine meiner ersten Forschungsarbeiten dazu diente, bessere Glimmstarter auszusuchen, die die Lampe nicht mehr mehrfach flackern ließen.

Das war etwa 30 Jahre, nachdem mein Vater sich über die neue Beleuchtung in seinem Büro beschwert hatte. Er war nach Hause gekommen und hatte berichtet von der neuen Beleuchtung mit Leuchtstofflampen und seinen Kopfschmerzen. Es war üblich, solche Beschwerden ins Reich der Fabel zu verweisen und die Beschwerdeführer zum Nörgler zu erklären.

Dabei war die Lösung des Problems der flackernden Lampe längst bekannt, als ich Ende der 1960er die Starter untersuchte. Denn die Ingenieure wollten dieses unzuverlässige mechanische Bauteil (den Starter) schon immer loswerden. Der Starter war nämlich oft das erste Teil, das kaputtging. Nicht nur das. Wer damals den falschen Starter kaufte, stand zuweilen im Dunkeln oder erlebte eine Röhre, die nur an den Enden glühte, aber nie zündete. Ein Starter hielt zudem oft nur ein paar tausend Schaltvorgänge. Wenn er festklebte, glühten die Wendeln der Röhre dauerhaft durch, bis sie verbrannten. Deswegen hatte man die Rapidstartlampe erfunden. In den USA brachte die Firma General Electric (GE) im Jahr 1952 das erste kommerziell erfolgreiche Rapidstart-System auf den Markt.

Das Motiv der GE-Ingenieure war buchstäblich sehr einleuchtend: Das Startverhalten der Leuchtstofflampe war das größte Hindernis für die Akzeptanz im Wohnbereich und in gehobenen Büros. Das ständige Flackern der Glimmstarter (Preheat-Systeme) wurde als "billig" und unzuverlässig wahrgenommen. Und GE war das größte Unternehmen der Welt, was das künstliche Licht anbelangte. Dennoch dauerte die Flackerei bis in das neue Jahrhundert. Es wurde im Laufe der Zeit seltener.

Als ich mich mit den Glimmstartern beschäftigte, war mein Zimmernachbar an einer Technologie daran, die später Epoche machen würde, das elektronische Vorschaltgerät (EVG). Er bastelte an einem der ersten Exemplare. Das ist aber eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll. Hier geht es um ein Ignorieren des Nutzerverhaltens, das auch dann griff, als das mächtigste Unternehmen der Branche die Lösung längst präsentiert hatte.

Neuauflage des Ignorierens des Startverhaltens einer Lampengattung

Die gemeinte Lampengattung ist mit der Firma verbunden, von der oben die Rede ist. Ihre Geschichte beginnt bei General Electric (GE) in den USA. Mitten in der ersten großen Ölkrise sucht man verzweifelt nach Wegen, Strom zu sparen. Der Ingenieur Edward E. Hammer biegt eine lange, dünne Glasröhre in eine enge Spiralform, damit sie in die Größe einer normalen Glühlampe passt. GE entschied sich gegen die Produktion. Die Maschinen zur Herstellung der gebogenen Glasröhren wären zu teuer gewesen (geschätzte 25 Millionen Dollar). So legt GE das Patent auf Eis.

Während GE zögerte, sahen die Europäer ihre Chance. Philips präsentierte 1980 die erste marktreife Kompaktleuchtstofflampe: die Philips SL*. Sie sah aus wie eine klobige Marmeladenglas-Konstruktion. Sie war schwer (wegen des eingebauten magnetischen Vorschaltgeräts), groß und unhandlich. Dennoch wurde sie eine Sensation, weil sie 80% weniger Strom verbrauchte und 10-mal länger hielt.

Die Designer bei Osram und Philips entwickelten die "U-Form" (die typischen Finger-Röhren), die leichter zu produzieren waren als Hammers Spirale. In den späten 80ern ersetzten kleine Platinen die schweren, brummenden Kupferspulen. Die Lampen wurden leichter, flackerten beim Start nicht mehr und leuchteten sofort heller.

Dabei bedeutete sofort leider nicht gleich. Viele Modelle brauchten 1–2 Minuten, um ihre volle Helligkeit zu erreichen ("Geduldslicht"). Volle Helligkeit hieß leider immer noch nicht die geplante Lichtqualität. Wenn man um das Jahr 2007 eine solche Lampe im Labor messen wollte, musste sie volle 24 Stunden warm werden, damit ihre Daten stabil blieben. Dass sie zuvor noch zwei Wochen eingebrannt werden musste, bis sie ihre Eigenschaften einigermaßen festigte, gehört noch dazu.

Da die Lampen wegen ihrer meist schlechten Lichtfarbe (grünlich-gelb) und noch schlechteren Farbwiedergabe (mit erheblicher Mühe bei der Bewertung auf Ra 80 getrimmt) meist nur in Garagen oder Kellern zu Hause waren, hat vermutlich niemand die Kompaktleuchtstofflampe (KLL) mit ihrem labormäßigen Erscheinungsbild gesehen. Für professionelle Anwendungen gab es andere KLL mit externem elektronischem Vorschaltgerät, die man an dem Stecksockel erkennen konnte.  Die hier gemeinten KLL waren solche mit integriertem Vorschaltgerät, das im Sockel saß.

Als die Debatte um das Glühlampenverbot der EU 2007 begann, wurde die KLL zur Energiesparlampe hochbefördert. Und zwar nicht die Technologie, sondern die Form mit dem integrierten Vorschaltgerät. Es half nicht, dass die Gegner argumentierten, man könne eine ökologische Revolution, die in der Ökodesign-Richtlinie von 2008 kulminieren sollte, Verordnung (EG) Nr. 244/2009, mit einer Technik vorantreibt, die massensweise Elektroschrott produziert. Denn der neue Stern am ökologischen Himmel, die KLL mit integriertem Vorschaltgerät, ging schneller kaputt, weil sich der Sockel erwärmte, was der Elektronik selten guttut. Und die Elektronik war selten hochwertig, weil die Energiesparlampe mit der Glühlampe konkurrieren sollte.

War der Vorwurf der Förderung des Elektronikschrotts noch relativ harmlos, verstießen die Freunde der auf den Thron der Ökologie gesetzten Lampe gegen eine der wichtigsten ökologischen Grundlagen: das Verbot von Quecksilber. Diese Substanz, von der man zwar gerne, aber sehr schwer Abschied nahm, ist praktisch in allen Lebenslagen verboten bzw. geächtet, seit man Mitte der 1950er Jahre in der Minimata-Bucht in Japan schreckliche Entdeckungen gemacht hatte. Besonders grausam war die Entdeckung, dass Methylquecksilber die Plazentaschranke durchbricht. Mütter, die selbst kaum Symptome zeigten, brachten Kinder mit schwersten Fehlbildungen und geistigen Behinderungen zur Welt. Dies bewies, dass Quecksilber direkt in die Gehirnentwicklung von Ungeborenen eingreift. Und nun sollte die ökologische Revolution der EU mit einer Technologie beginnen, die auf eben diesem Material beruhte.

In dieser Situation wirkte die Argumentation der Industrie besonders perfide. Als der Umweltminister Gabriel mit der Energiesparlampe Wahlkampf betrieb (z.B. hier) und sein Vorgänger Jürgen Trittin ihm beistand, half ihm die Industrie mit dem Argument, die Wunderlampe würde Energie sparen und so ein kleines Kohlekraftwerk einsparen helfen. So erfuhr die Öffentlichkeit, dass Kraftwerke immer Quecksilber über das Land streuen. (zu lesen unter z.B. Quecksilber hin, Quecksilber her oder Quecksilber - noch einmal aus den Jahren 2009 und 2010)

Wenn die Politik solche Hämmer ignoriert und einer Technologie den Vorrang einräumt, die auf einem äußerst giftigen Material beruht, wie ernst mag man denn die Unannehmlichkeit des Anlaufs einer Lampe beim Einschalten nehmen? (Hier hilft unsere Studie zur Ökologie der Energiesparlampe Download weiter) Der EU bliebe allerdings die Peinlichkeit erspart geblieben, die Energiesparlampe aus dem Verkehr zu ziehen, weil sie keine Energiesparlampe war. Seit 1. September 2021 dürfen keine klassischen Energiesparlampen mit Schraubgewinde (E27/E14) in den Verkehr gebracht  werden. (s. Energiesparlampen verboten, weil nicht energieeffizient). Somit wurde die Energiesparlampe lange vor mancher Halogenglühlampe aus dem Verkehr gezogen.

Heute gehen die Lichter wieder sofort an wie zu Zeiten Edisons. Sie werden häufig in E27-Sockeln geschraubt, auch wie zu Zeiten Edisons. Allerdings hat das neue Licht mit den früheren Versionen nur noch wenig zu tun. Was neu ist und wie es dazu kam, habe ich in dem Kapitel Epochen der Kunst der Lichtmacher dargelegt. Wer Interesse hat, zu wissen, was mit der neuen LED-Technologie möglich ist, was früher nicht denkbar war, sollte sich alles angucken, was alles auf der Basis dieser Technologie möglich ist. Das kleinste Objekt, das mir einfällt, ist eine winzige LED, deren Licht hilft, Tumorzellen zu töten. Das bislang Größte war ein Display, das eine ganze Straße in Las Vegas überdacht.

Dazwischen liegen solche Objekte wie auf diesem Foto, das den Ruf der künstlichen Beleuchtung erklärt. Es gehört zu meinen liebsten Aufnahmen, weil viele “Gewerke” für dieses Erscheinungsbild verantwortlich sind. Wer alles da beteiligt war, habe ich in einem anderen Beitrag erläutert: Wie kommt das Grauen in deutsche Büros?.

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