Die dümmste Erfindung, seit es Scheinwerfer gibt

Fernlicht bedeutet
nicht immer Weitblick.

Anonymus

Dieser Beitrag handelt von einer Plage im Straßenverkehr, die nicht trotz, sondern wegen einer intelligenter Technik zun einer noch größeren Plage zu werden droht.

Kurzfassung

Der Beitrag beleuchtet die Entwicklung der Fahrzeugbeleuchtung von der BiLux-Lampe bis zu Matrix-LED-Scheinwerfern und stellt deren ursprüngliches Ziel – die Vermeidung von Blendung – der heutigen Realität gegenüber. Trotz hoher technischer Komplexität und intelligenter Steuerung führen moderne Systeme weiterhin zu Blendung, insbesondere für Fußgänger. Der Text kritisiert den Widerspruch zwischen technologischem Fortschrittsversprechen und tatsächlichem Sicherheitsgewinn im Straßenverkehr. 

Noten zur Geschichte der Fahrzeugbeleuchtung

Als die Erfindung nur eine Erfindung war, hörte sie sich gut an. Man ersetze das „dumme“ System aus einer Bilux-Lampe und einem Schalter durch eine LED-Matrix und einen Computer – und schon muss man nicht immer daran denken, ob man mit seinem Fernlicht andere blendet.

Das übliche Auto fuhr in Europa mit einer Zweifadenlampe für kombiniertes Fern- und Abblendlicht, daher Bi-Lux, seit 1925, bis man die Halogenlampen erfand. So gab es ab 1966 die Zweifaden-Halogenlampe vom Typ H4 für Fern- und Abblendlicht, die aber erst im Herbst 1971 auf dem Markt erschien (Mercedes-Benz 350 SL). Die vorerst letzte Entwicklung waren die Scheinwerfer mit Gasentladungslampen (Xenonlicht), die ab 1991 die teuren Autos verzierten. Bereits damals fuhr denen ein übler Ruf voraus, Dränglerlicht. Nicht etwa weil das Licht drängelt, sondern die Herrschaften, die viel Geld investierten, um ein viel helleres Licht auf die Autobahn zu bringen.

LEDs kamen zuerst als Rückstrahler auf die Straße, noch unter dem Namen Laserlicht, weil die LED bis dato Laserdiode hießen, bis das Lichtmarketing sie in Lampe taufte. Zuvor waren alle lichtemittierenden Dioden (LED) als Laser klassifiziert, die als Beleuchtung benutzten in der Gefahrenklasse 0 eingestuft. Im Jahr 2008 durfte das erste Auto mit einem Voll-LED-Scheinwerfer dank einer Sondergenehmigung der EU zugelassen werden. Allerdings nicht in einer Familienkutsche, sondern in einem Audi R8, einem Sportwagen. Von da ab konnten nur noch “intelligente” Lösungen als Fortschritt gelten.Dazu gehört die Gattung Scheinwerfer, die das Thema dieses Beitrags bildet: Matrix-LED-Scheinwerfer.

Matrix-LED-Scheinwerfer – kurz beleuchtet

Zur Erfindung

Eine wichtige Anlaufstelle von Autofans, MeinAUTO.de im Internet erklärt, was diese sind: “Matrix-LED-Scheinwerfer sind eine moderne Form der Fahrzeugbeleuchtung. Statt eines einzigen Lichtkegels setzen sie sich aus vielen kleinen, einzeln steuerbaren LEDs zusammen. So kann das Licht ganz gezielt gesteuert und angepasst werden – zum Beispiel, um bestimmte Bereiche auszuleuchten und andere gezielt im Dunkeln zu lassen.”

Etwas gezielt Steuern bedingt, dass man weiß, worauf man abzielt. Warum soll man bestimmte Bereiche ausleuchten und andere auslassen? Das wichtigste Ziel lag der Erfindung der BiLux-Lampe zugrunde – die Vermeidung der Blendung des Gegenverkehrs. Wie gut es 100 Jahre danach ausschaut, kann man in dem Beitrag „Warum LED-Scheinwerfer blenden - Auch der ADAC will es wissen lesen: Über 90 % der Autofahrer fühlen sich laut ADAC nachts mehr oder weniger stark geblendet. (Mehr hier Gefahr durch Blendung: Viele Autofahrer sind betroffen oder da So stark blenden LED-Scheinwerfer wirklich

Im Sommer 2019 wurde auf der LASER* World of PHOTONICS (hier) eine Entwicklung vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik für Autoscheinwerfer präsentiert. Sie basiert auf einem Projektor mit LED, wobei das Leuchtmittel nicht eine einzige (große) Lampe ist, sondern eine Vielzahl von LEDs, die man wie bei einem Beamer an- und abschalten kann. 200.000 Mikrooptiken bündeln das Licht in Fahrtrichtung und lassen sich so steuern, dass nicht nur eine Blendung des Gegenverkehrs vermieden werden soll, sondern auch die Blendung einzelner Fußgänger.

Wenn heute, ich meine heute Nacht, ein einzelner Fußgänger in Berlin unterwegs ist, kann es passieren, dass ihm mehrere Autos mit aufgeblendeten Scheinwerfern entgegenkommen. Der Fußgänger fühlt sich nicht geblendet, nein, er fühlt sich terrorisiert. Und das liegt an den Scheinwerfern, die pro Seite bis zu 5.000 € kosten können.

Was soll ein intelligenter Scheinwerfer leisten

Die Funktionsweise der modernsten Scheinwerfer leuchtet jedem auf Anhieb ein:

Anstatt einfach nur einen starren Lichtkegel auf die Straße zu werfen, passen sie die Lichtverteilung in Echtzeit an die Umgebung, den Verkehr und die Wetterbedingungen an. Das Ziel: maximale Sicht für mich, ohne andere zu blenden.

Das Herzstück ist meist eine Kombination aus einer Frontkamera, einem Steuergerät und speziellen Leuchteinheiten (meist LEDs).

  1. Erkennung: Die Kamera registriert entgegenkommende Fahrzeuge oder vorausfahrende Autos anhand ihrer Rückleuchten.
  2. Berechnung: Das Steuergerät berechnet in Millisekunden, welche Bereiche der Straße ausgeleuchtet werden dürfen.
  3. Reaktion: Anstatt das komplette Fernlicht auszuschalten, werden nur die Segmente deaktiviert oder gedimmt, die den anderen Fahrer blenden würden. Der Rest der Straße bleibt taghell erleuchtet.

Das Ganze kann man auch anders nennen: Dauerfernlicht (Matrix): Ich fahre permanent mit Fernlicht; andere Verkehrsteilnehmer werden präzise „ausgespart“.

Wo die Intelligenz in Dummheit umschlägt

Wenn einem keine entgegenkommenden Fahrzeuge begegnen und auch keine Fahrzeuge voranfahren, denkt die Kamera, sie hat freie Bahn. Das ist z.B. der Fall an Straßen mit breiten Mittelstreifen. Und der Computer des Scheinwerfers, der pro Seite so viel kostet wie ein guter Gebrauchtwagen, schaltet auf Dauerfernlicht,  bis man sich einem Auto nähert.

Als Fußgänger, den der Computer präzise aussparen soll, müsste man schön leuchten wie ein Bremslicht, damit die Kamera einen wahrnimmt. Die tut ihn schon wahrnehmen. Was sie danach macht, liest sich in der Funktionsbeschreibung des intelligenten Scheinwerfers so: “Das Markierungslicht erkennt Fußgänger am Straßenrand und blitzt diese kurz an, um den Fahrer zu warnen.” Die Beschreibung erinnert irgendwie an Wildwechsel. Das Wild wird nicht angeblinkt, damit es nicht erschreckt. Der Fußgänger erstarrt wohl beim Anblick des Unsinns vor Ehrfurcht und darf deswegen angeblinkt werden.

Bereits lange bevor diese intelligenten Scheinwerfer verbaut werden konnten, hatte sich die Bevölkerung von Berlin über die ausgelassen. Ich hatte die damals in Januar 2019 zitiert und kommentiert:

Was der Volksmund so alles über blendende LEDs sagt …

Blenden als moderner Sport

Asphalt Cowboys und LED

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