Sehen mit den Ohren – Hören mit den Augen?

Spezialisierung ist der Prozess,
bei dem man die Welt
durch ein Schlüsselloch betrachtet und
behauptet, man sähe den ganzen Raum..

Anonymus

Kurzfassung

Der Beitrag diskutiert neuere Hinweise darauf, dass auditive Wahrnehmung durch visuelle Faktoren mitgeprägt wird, und verknüpft diese Beobachtung mit klassischer Forschung zur Wechselwirkung von Lärm und Blendung. Ausgehend von Berichten zur klanglichen „Färbung“ von Konzertsälen in Abhängigkeit von deren Farbgestaltung werden historische Befunde (u. a. Östberg sowie Untersuchungen an der TU Berlin) herangezogen, die eine wechselseitige Verstärkung sensorischer Stressoren zeigen. Im Rahmen der Handlungsregulationstheorie werden Lärm und Blendung als Regulationshindernisse beschrieben, deren kombinierte Wirkung Leistungsfähigkeit und Fehlerraten überproportional beeinflussen kann. Abschließend wird die begrenzte Erklärungsleistung rein technischer Parameter (z. B. in der Büroakustik) als Argument für eine zurückhaltendere, interdisziplinäre Gestaltungspraxis herausgestellt.

Eine Meldung aus der Welt der akustischen Kommunikation

Meine verstörenden Kenntnisse über die Funktion des Auges sind seit heute um eine Facette reicher geworden. Floris Kiezebrink beschreibt im heutigen Tagesspiegel, wie die Farben eines Konzertsaals das Hörerlebnis mitbestimmen. Um falsche Deutungen zu vermeiden, verlinke ich den Beitrag. „Raumakustik wird nicht eindimensional wahrgenommen. Wir hören, ob ein Saal eher laut oder leise, hallig oder trocken ist, aber auch, welche klangliche Färbung er hat“, sagt Stefan Weinzierl, Studienautor und Akustikforscher an der Technischen Universität Berlin. Ein Raum könne beispielsweise warm, brillant oder metallisch klingen. Und das hänge mitunter von der Farbgestaltung ab.“ (download Artikel) Der Berliner Tagesspiegel, dessen Büro zu Fuß nur 4,2 km von der TU Berlin entfernt liegt, meldete die kleine Sensation etwa zwei Monate später als die amerikanische Quelle AIP Publishing (hier)

Irgendwie erinnert mich der Artikel an die Eröffnung von Elphi, von der ich u.a. dieses Foto gemacht hatte. Als ich mein erstes Konzert dort besuchte, klang alles dröge. Hingegen höre ich in der Berliner Philharmonie anders. Vielleicht liegt es an Stefan Weinzierl, dem Autor, der, wie Prof. Cremer, der die erste Akustik der Philharmonie gestaltete, nicht nur Professor an der TU Berlin ist, sondern auch Musiker. Cremer war Violinist, Weinzierl ist Pianist. Was er sonst ist und war, kann man hier lesen. Er war als Musiker in vielen Konzerthallen unterwegs, auch als Begleitung von Größen wie Hildegard Knef.

Frühere Erkenntnisse, die nicht ganz passten

Kann man mit den Augen hören? Vor Jahren hatte ein blinder Mann in einer Fernsehsendung vorgeführt, wie man mit den Ohren sehen kann. Zwar nicht so hochauflösend wie das Auge, aber er konnte die Größe und die Form von Objekten beschreiben, die ein Geräusch produzierten. Dass man mit den Augen hört, ist hingegen recht neu.

Etwa 1975 hatte der schwedische Psychologe Olov Östberg empirisch nachgewiesen, dass Lärm die Blendung steigert, die eine Beleuchtung erzeugt. Umgekehrt lässt eine stärkere Blendung den Lärm lauter wahrnehmen, als das Lärmmessgerät es anzeigt. Östberg demonstrierte auch, dass eine Erhöhung der Blendung bei konstant gehaltener Qualität der Sehaufgabe sich in einer subjektiv höher eingeschätzten Schwierigkeit der Sehaufgabe niederschlägt.

Etwa zur gleichen Zeit fand an der TU Berlin ein Versuch statt, bei dem ein Zusammenhang zwischen Blendung und Lärmstörungen ermittelt wurde. Einer der Forschenden war Walter Volpert, der sich intensiv mit der Handlungsregulationstheorie und den Auswirkungen von Umgebungsfaktoren auf die menschliche Arbeit beschäftigt hat. Nach Volpert sind Lärm und Blendung nicht nur physische Störfaktoren, sondern Regulationshindernisse. Lärm erhöht die kognitive Last, da das Gehirn Kapazitäten aufwenden muss, um relevante Informationen (z. B. Sprache) von Störgeräuschen zu trennen. Blendung erschwert die visuelle Informationsaufnahme und führt zu einer schnelleren Ermüdung der Augenmuskulatur sowie der zentralnervösen Verarbeitung. Ein wesentlicher Aspekt dieser Forschung ist, dass Lärm und Blendung selten isoliert wirken. Volpert und Kollegen stellten fest: Wenn beide Stressoren gleichzeitig auftreten, addieren sich die negativen Effekte nicht nur, sie können sich potenzieren. Die Fehlerrate steigt bei kombinierter Belastung überproportional an, da die „psychische Energie“ zur Kompensation der Hindernisse schneller erschöpft ist. Volpert untersuchte, wie diese Faktoren den Arbeitsfluss stören:

  • Erhöhter Aufwand: Um das gleiche Leistungsniveau zu halten, muss die Testperson mehr Willensanstrengung aufbringen.
  • Verkürzung der Planung: Unter Lärm und Blendung neigen Menschen dazu, Handlungspläne zu verkürzen. Man arbeitet „gehetzter“ und weniger vorausschauend, was die Unfallgefahr erhöht.
  • Somatische Folgen: Langfristig führen diese Regulationshindernisse zu psychosomatischen Beschwerden (Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen).

 

Die hier skizzierten Erkenntnisse sind in diverse Vorstellungen zum Arbeitsschutz eingeflossen, die man kurz so zusammenfassen kann: Die Ressourcen eines Menschen für die Bewältigung von Belastungen sind begrenzt. Werden diese von einem Umgebungsfaktor in Anspruch genommen, wirken weitere Faktoren viel stärker aus.

Was das mit der Blendungsforschung zu tun hat …

Hier sei an das Versagen der Blendungsforschung erinnert, bei der ein Proband völlig frei von Belastungen jedweder Art in einem ruhigen Raum beurteilt, ob eine Leuchte ihn stört. (s. z.B. Blendung – Was ich schon immer wusste und nie nachfragen wollte oder Beim ersten Ziel schon die Zähne ausgebissen

Untersuchungen dieser Art, die in den 1940ern und 1950ern durchgeführt wurden, bilden die Grundlage unserer heutigen Blendungsbewertung, nach der Leuchten mit dreistelligen Zahlen gekennzeichnet werden. Dann kommt noch ein Akustiker dazu, der nachweist, dass das Hörerlebnis in einem Raum von den Farben des Raums abhängt.

Je tiefer man sich in die Wahrnehmung der Umwelt einarbeitet, desto weniger scheint man  zu wissen. Das beschränkt sich nicht auf die Lichttechnik. Für mich viel aufschlussreicher war eine VDI-Richtlinie Schallschutz und akustische Gestaltung in Büros, VDI 2569:2019. Früher hatten solche Richtlinien apodiktisch bestimmte Vorgaben gemacht, und gut war es. Die besagte Ausgabe sagt hingegen: “5 Lärmwirkung im Büro – Anspruch und Realität: … Abschließend muss erwähnt werden, dass nur zirka 30 % bis 40 % der Belästigungswirkung aus Lärm durch technisch-akustische Faktoren erklärbar sind.” So ist man seit Jahrzehnten in 60% bis 70% der Fälle einem Phantom nachgejagt, als man den Bürolärm mit Mitteln der technischen Akustik bekämpfen wollte.

Die neue Bescheidenheit spricht gegen das Expertenwesen, wonach man für eine Gestaltungsaufgabe wie ein Großraumbüro lauter Fachexperten, Akustiker, Lichttechniker und Klimatechniker heranzieht, die dann die Fach-Normen anwenden, die ihresgleichen geschrieben hatten.

 

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