Wenn die Farben täuschen – Ein altes Problem mit neuer Bedeutung

Die Technik liefert uns die Werkzeuge,
aber die Weisheit, sie zu gebrauchen,
hinkt eine Generation hinterher.

William F. Ogburn in Cultural Lag

Dieser Beitrag handelt von einem Phänomen, das nicht nur die Wissenschaft beschäftigt. Es war schon immer im Alltag relevant und wurde durch den Online-Handel noch wichtiger als einst.

Kurzfassung

Metamerie bezeichnet das Phänomen, dass Farben unter bestimmten Bedingungen gleich erscheinen, obwohl sie physikalisch unterschiedlich sind. Besonders relevant ist dies bei Beleuchtungs‑Geometrie‑ und Beobachtermetamerie, bei denen sich der Farbeindruck je nach Lichtquelle, Betrachtungswinkel oder Person ändert. Im Alltag führt das häufig zu Fehlurteilen, etwa beim Kauf von Kleidung, Möbeln oder Autos, da kleine Muster, Displays und Kameras Farben verfälschen. Digitale Darstellungen können das reale Farbspektrum nicht korrekt wiedergeben und verstärken die Unsicherheit. Wirtschaftlich wirkt sich Metamerie vor allem im Onlinehandel aus, wo sie einen erheblichen Teil der Retouren verursacht. Händler versuchen gegenzusteuern, etwa durch bessere Darstellung oder virtuelle Anproben, eine vollständige Lösung gibt es jedoch nicht. 

Zum Begriff

Unter Metamerie versteht man in der Farblehre das Phänomen, dass zwei Farbmuster unter einer bestimmten Lichtquelle identisch erscheinen, obwohl sie eine unterschiedliche chemische oder physikalische Zusammensetzung (und damit unterschiedliche Reflexionseigenschaften) haben. Metamer heißt bedingt gleich.

Einfach gesagt: Die Farben sehen (unter Umständen) gleich aus, sind es aber „substanziell“ nicht.

Wo wird Metamerie relevant?

Die häufigste Form ist die Beleuchtungsmetamerie: Der Farbeindruck ändert sich beim Wechsel der Lichtquelle (z. B. von Kunstlicht zu Tageslicht). Man kauft im Laden mit hellem LED- oder Leuchtstofflampenlicht zwei Kleidungsstücke (z. B. eine dunkelblaue Hose und ein dazu passendes Sakko), die perfekt harmonieren. Sobald man jedoch ins natürliche Sonnenlicht tritt, wirkt die Hose plötzlich rötlicher oder das Sakko gräulicher. Die optische Übereinstimmung bricht zusammen.

Während man die Hose und das Sakko notfalls entsorgen kann, kommt der Metamerie bei Zahnprothesen eine große Bedeutung zu. In der Zahnmedizin arbeitet man sogar noch wissenschaftlich an der Vermeidung der Metamerie (Beispiel hier). Das dient insbesondere dazu, dass die "falschen" Zähne, die beim Zahnarzt noch wie die eigenen aussehen, im UV-Licht der Disco oder bei Kerzenschein im Restaurant als „Fremdkörper“ hervorstechen können.

Viel tückischer macht es die Geometriemetamerie: Der Farbeindruck ändert sich je nach Betrachtungswinkel oder Beleuchtungswinkel (häufig bei Metallic-Lacken oder Seidenstoffen). Die kann bei Autolacken gewollt sein, bei der Abnahme einer Druckvorlage hingegen sehr tückisch. Man prüft 5.000 Flyer gewissenhaft, ob die Farben gut gelungen sind. Schon vor der Druckerei sehen die Objekte nicht mehr so gut aus. Das Problem kann aber bereits bei der Auftragserteilung eingetreten sein, wenn der Lichteinfall bei dem Auftraggeber anders war als beim Drucker.

Eine dritte Form ist die Beobachtermetamerie: Zwei Menschen betrachten dieselbe Farbe unter demselben Licht. Aufgrund individueller Unterschiede im Auge (Dichte der Sehpigmente, Alterung der Linse) sieht Person A eine Übereinstimmung, während Person B einen Farbunterschied erkennt.

Es gibt sogar eine Theorie, wonach diese Erscheinung geschlechtspezifisch ist, Frauen sehen Farben aus genetischen Gründen anders als Männer.

Ähnlich wie Metamerie, aber (heim)tückischer …

Nicht mit der Metamerie zu verwechseln ist die Abhängigkeit der erkannten Farbe von der absoluten Größe des Musters, z.B. beim Möbel- oder Autokauf im Internet. Hierbei kommen sämtliche Gemeinheiten der falschen Farbwahrnehmung zusammen. Man glaubt, man sieht ein elegantes Anthrazit, und geliefert wird ein Wagen, der im Sonnenlicht plötzlich einen Stich ins Bräunliche oder Violette hat.

Zunächst zum Problem der Fläche. Selbst wenn alle Betrachtungsbedingungen perfekt wären, kann kaum ein Mensch von einem kleinen Farbmuster auf eine große Fläche schließen. Wenn die gesehene Fläche kleiner wird, verschwindet die Farbwirkung langsam aber sicher. Dies zeigt das nachfolgende Bild. Die dicken Striche sehen richtig rot aus. Der Farbeindruck wird blasser, je dünner der Strich wird. Etwa dasselbe passiert, wenn man sich die Farbe seines künftigen Autos aus einer Tabelle mit Farbmustern aussucht.

Wenn man das Auto auf dem Bildschirm aussucht, kommen mindestens die Qualität des Monitorpanels, die Einstellung der Wiedergabe (Farbprofil) und das Betriebssystem hinzu. Ein Bildschirm (Smartphone oder Laptop) kann physikalisch das echte Farbspektrum des Autos gar nicht anzeigen. Wobei man gleich in Frage stellen muss, ob es die echte Farbe geben kann. Denn das Bild des Autos wird unter einem bestimmten Licht erzeugt. Wenn es mit einer Handykamera aufgenommen wird, verfälscht diese wegen ihrer “Optimierung”: Wenn ein blaues Auto vor einer grauen Wand steht, korrigiert die Software den Weißabgleich so extrem, dass der Lack auf dem Foto lebendiger wirkt, als er in der Realität ist.

Die wirtschaftliche Bedeutung

Solange man wichtige Dinge wie Kleidung oder Möbel nach physikalischer Inspektion kaufte, war das Problem relativ einfach lösbar. Man ging mit der Ware kurz aus dem Laden und ließ sich vom Erscheinungsbild überzeugen. Frühere Schneider haben den Stoff, die Nähseide, die Knöpfe und Reißverschlüsse immer fein drapiert und unter der künstlichen und natürlichen Beleuchtung beurteilt. Heute kann man nicht einmal davon ausgehen, ob der Näher eines Sakkos auch dessen Knöpfe kennt, die möglicherweise in einem anderen Land angebracht werden.

Ein Großteil der gekauften Ware wird online gekauft und kommt mit der Post. Es wird häufig am Abend ausgepackt. Die Rolle der Metamerie schlägt bei Modeartikeln voll zu. Ein großer Teil der Retouren von 40% bis 60% geht vermutlich auf die Metamerie zurück. Bei Elektronikartikeln, wo die Farbe praktisch keine Rolle spielt, betragen die Retouren nur 5% bis 10%.

Einige Farben sind extrem anfällig:

Navy / Dunkelblau → kann violett oder grau wirken
Beige / Taupe → wirkt mal warm, mal kühl
Weiß / Off-White → kann gelblich oder bläulich erscheinen

Da die Rolle der Metamerie insbesondere bei Modeartikeln bekannt ist, versuchen Händler die Farbverfälschungen möglichst zu reduzieren. Das geht bis zur virtuellen Anprobe: Über die Smartphone-Kamera wird das Kleidungsstück virtuell „angezogen“. Moderne AR-Software versucht dabei, die aktuelle Lichtsituation im Raum des Nutzers zu berechnen, um die Farbe realistisch anzupassen. Ehrliche Teppichversandhäuser warnen gar vor Farbverfälschungen durch den Blickwinkel auf den Bildschirm.

Aber selbst sehr gut klingende Ratschläge helfen zuweilen  nicht. So klingt dieser Ratschlag recht passabel: “Beurteilen Sie Farben immer am Fenster bei indirektem Tageslicht, bevor Sie das Etikett entfernen.”Das Fensterglas entfernt das UV-Licht fast vollständig, dadurch entfällt die Wirkung der Weißmacher. Diese aber bestimmen nicht selten die Frische der Farben bei der Kleidung. Andererseits ist es unsinnig, Unterwäsche und Schlafbekleidung bei Tageslicht zu beurteilen.

Die möglichen Fehler und Abhilfen beim Autokauf, insbesondere bei Gebrauchtwagenkauf, sind abendfüllend. Diese erläutere ich in einem getrennten Beitrag.

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