Salutogenes Licht – Sinnhaftigkeit in die Praxis umgesetzt

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Anonymus

Salutogenes Licht - Sinnhaftigkeit in die Praxis umgesetzt, kurzgefasst

Sinnhaftige Lichtplanung geht über Sehkomfort und Funktionalität hinaus: Sie schafft eine emotionale, ästhetische und biophile Verbindung zwischen Mensch, Raum und Tätigkeit. Entscheidend sind Tageslicht und Ausblick, ein dynamischer Lichtverlauf, natürliche Farbwiedergabe, passende Farbtemperaturen sowie gezielte Schatten, Akzente und Lichtzonen. Dadurch werden Räume verständlicher, atmosphärisch ansprechender und als bedeutsamer erlebt. Praxisbeispiele zeigen zudem, dass angenehm empfundene und spektral geeignete Beleuchtung Beschwerden verringern, die Aufenthaltsqualität verbessern und häufiger genutzt werden kann. So unterstützt gutes Licht Wohlbefinden, Motivation und Gesundheit im Sinne der Salutogenese.

Salutogenes Licht - Sinnhaftigkeit in die Praxis umgesetzt

Unter der Vorstellung Gutes Licht verstehe ich eine visuelle Umgebung, in der man sich wohlfühlt, gerne lebt und arbeitet. Licht ist die vierte Dimension der Architektur, die sie überhaupt erlebbar macht.Was das bedeutet, kann man an den folgenden Bildern leicht verstehen:

Das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) nach Aaron Antonovsky ist das Herzstück der Salutogenese und besteht aus drei Komponenten: Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit (Meaningfulness).

Die Sinnhaftigkeit gilt als die wichtigste, motivationale Komponente. Sie beschreibt das Gefühl, dass das Leben und die Herausforderungen es wert sind, Energie in sie zu investieren, dass sie emotional bedeutsam sind und einen Sinn ergeben.

Übertragen auf die Lichtplanung bedeutet dies: Eine Beleuchtung, die Sinnhaftigkeit fördert, geht über bloße Funktion und Ergonomie hinaus. Sie schafft eine emotionale Verbindung, biophile Relevanz und ästhetische Wertschätzung für die Umgebung und das eigene Tun darin.

Hier sind die spezifischen Eigenschaften von Licht und Beleuchtung, die zur Sinnhaftigkeit beitragen, unterteilt nach Wirkmechanismen:

  1. Biophile Anbindung und Naturverbundenheit

Diese Lichtqualitäten verbinden den Menschen mit seinen evolutionären Wurzeln und natürlichen Rhythmen, was intuitiv als sinnvoll wahrgenommen wird.

  • Tageslichtverfügbarkeit: Die stärkste biophile Eigenschaft. Tageslicht ist nie statisch und verbindet uns direkt mit der Außenwelt, dem Wetter und den Jahreszeiten.
  • Dynamischer Lichtverlauf (Tunable White): Künstliches Licht, das den Tageslichtverlauf in Farbtemperatur (z. B. warmweiß am Morgen, kaltweiß am Mittag, sehr warmweiß am Abend) und Intensität nachbildet. Dies stärkt das Gefühl, Teil eines größeren, natürlichen Ganzen zu sein.
  • Ausblick ins Freie (View out): Ein Fenster mit Blick in die Natur ermöglicht nicht nur die Wahrnehmung von Tageslicht, sondern auch von biologisch relevanten Informationen (Wetter, Tageszeit, Vegetation), was Stress reduziert und Sinnhaftigkeit stiftet. Nachgewiesenermaßen fördert der Ausblick ins Freie die Heilung von Patienten bei gleichzeitiger Reduzierung des Schmerzmittelkonsums.

 

  1. Atmosphärische Qualität und Emotionale Resonanz

Licht erzeugt Stimmung. Eine als angenehm, warm und geborgen empfundene Lichtumgebung wertet einen Raum emotional auf und macht ihn "belebenswert".

  • Farbwiedergabe (CRI): Ein hoher Farbwiedergabeindex (CRI > 90, ideal > 95) sorgt dafür, dass Farben von Gesichtern, Essen und Materialien natürlich und lebendig wirken. Dies steigert die ästhetische Wertschätzung der Umgebung.
  • Farbtemperatur (CCT): Warmweißes Licht (2700 K–3000 K) wird oft mit Gemütlichkeit, Entspannung und Geborgenheit assoziiert. Ein Raum, der Geborgenheit vermittelt, wird als emotional bedeutsamer empfunden.
  • Schattigkeit und Brillanz: Vollständig diffuses Licht wirkt oft monoton und "tot". Gezielte Schattenbildung (Modellierung) und brillante Lichtpunkte (z. B. durch Kristallglas oder gezielte Strahler) verleihen Räumen Tiefe, Charakter und "Leben", was die motivationale Anziehungskraft erhöht.

 

  1. Hierarchie und Akzentuierung (Visuelles Storytelling)

Licht kann führen und interpretieren. Es zeigt uns, was in einer Umgebung wichtig ist, und hilft uns, eine emotionale Hierarchie aufzubauen.

  • Akzentbeleuchtung: Durch gezieltes Hervorheben von Kunstwerken, architektonischen Details oder besonderen Objekten wird diesen Bedeutsamkeit verliehen. Der Betrachter versteht: "Das ist es wert, angesehen zu werden."
  • Lichtzonierung: Die Unterteilung eines Raumes in verschiedene Lichtzonen (z. B. ein heller Arbeitsbereich, eine gemütliche Leseecke, ein sanft beleuchteter Verkehrsweg) hilft, die unterschiedlichen Bedeutungen und Nutzungsarten eines Raumes intuitiv zu erfassen.

Zusammenfassung im salutogenetischen Kontext

Licht-Eigenschaft  Wirkmechanismus für Sinnhaftigkeit
Tageslicht, Ausblick Biophile Verbindung, Gefühl der Teilhabe an Natur
Dynamischer Lichtverlauf Circadiane Synchronisation, evolutionäre Vertrautheit
Hohe Farbwiedergabe Ästhetische Aufwertung, Lebendigkeit
Gezielte Akzentuierung Visuelle Hierarchie, Verleihung von Bedeutung
Warme Farbtemperatur Emotionale Geborgenheit, Raum für Entspannung

Was ändert sich durch eine verbesserte Beleuchtung?

Um Bemühungen für eine gesündere Beleuchtung zu motivieren, führe ich hier zwei Übersichten an, die das Ausmaß der Verbesserungen zeigen, die man mit relativ einfachen Mitteln realisiert hat.

Das erste Bild zeigt eine Bilanz aus dem Projekt Licht und Gesundheit hinsichtlich gesundheitlicher Beschwerden bei der Arbeit. An 1500 Arbeitsplätzen in mehreren Betrieben wurde eine neue Beleuchtung eingeführt, die die alte Deckenbeleuchtung durch eine Indirektbeleuchtung mit (optionalen) Arbeitsplatzleuchten ersetzte. So änderte sich das Befinden der Mitarbeitenden zwei Monate nach der Änderung:

Das nächste Bild zeigt, worauf die Menschen die Verbesserung zurückführen. Die offenbar aus Sicht der Mitarbeitenden gelungene Verbesserung der Beleuchtungsbedingungen hat den Raum viel angenehmer gemacht, ohne dass etwas anderes an dem Raum geändert wurde.

Interessanter sind die Bewertungen von Tageslicht. Sowohl die Beschwerden über zu viel Tageslicht als auch über zu wenig Tageslicht sind zurückgegangen, obwohl die Tageslichtsituation gar nicht geändert wurde. Dieser Umstand war allen bekannt.
Beim nächsten Bild geht es um das richtige Spektrum. Rikard Küller hat eine Lampe mit verbessertem Spektrum (hier als “Tageslicht” bezeichnet) gegen die übliche Beleuchtung getestet und die Augenbeschwerden[1] ermittelt.

An dieser Stelle sei ein nicht gut dokumentiertes Ergebnis meiner Studien erwähnt, dessen Bedeutung aber fundamental ist: Eine angenehm empfundene Beleuchtung wird im Tagesschnitt länger betrieben. Dadurch bekommen die Menschen in den Arbeitsräumen mehr Licht als bei unangenehmen Beleuchtungen, die sie so oft abschalten, wie sie ohne Beleuchtung auskommen. Dabei herrscht in Arbeitsräumen immer viel weniger Licht als in der Natur. Die Differenz beträgt nicht etwa ein paar Prozent, sondern eher etwa 99%.[2]

Nach einhelliger Meinung der Chronobiologen gibt es in Innenräumen aus biologischer Sicht tagsüber zu wenig Licht. Ihre Empfehlung läuft auf mindestens eine Verdreifachung des Lichtniveaus hinaus. Daher ist eine baldige Realisierung der Empfehlung eher unwahrscheinlich. Zudem nützt die Installation von mehr Lampen nichts, wenn sie ausgeschaltet bleiben. Daher wirkt eine angenehm empfundene Beleuchtung allein durch mehr Licht gesundheitsförderlich.

[1] Man kann Augenermüdung nicht messen. Diese manifestiert sich in diversen Beschwerden wie Trockenheit, Rötung oder Brennen.

[2] Das Tageslichtquotient, das den Unterschied zwischen einem Punkt im Innenraum und im Freien angibt, liegt in den meisten Arbeitsplätzen bei 1 % und weniger. Daher die Angabe von 99%.

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