Salutogenese des Lichts: Wirkungsmodell

Der sicherste Ort für Schiffe ist der Hafen.
Dafür werden die Schiffe aber nicht gebaut.
Anonymus

Salutogenese des Lichts: Wirkungsmodell , kurzgefasst

Die Salutogenese des Lichts versteht Lichtgestaltung als Beitrag zu Gesundheit, Wohlbefinden und Anpassungsfähigkeit. Im Mittelpunkt steht die Stärkung des Kohärenzgefühls: Licht soll Sinnhaftigkeit durch Geborgenheit und Naturverbundenheit fördern, Verstehbarkeit durch räumliche und zeitliche Orientierung unterstützen und Handhabbarkeit durch individuelle Kontrolle ermöglichen. Ein salutogenetisches Lichtdesign verbindet deshalb biologische, psychologische, atmosphärische und visuelle Wirkungen, ohne Gesundheit und Befinden der reinen Sichtbarkeit unterzuordnen

Salutogenese des Lichts: Wirkungsmodell

Da mir die salutogenetische Anwendung des Lichts sehr am Herzen liegt, unternehme ich einen weiteren Versuch, den Ansatz zu erklären. Die Frage, warum wir eine neue Betrachtungsweise für Lichtwirkungen brauchen, wurde in einem früheren Beitrag behandelt (Warum wir eine neue Perspektive für Lichtwirkungen brauchen). In einem weiteren Beitrag erkläre ich, was uns daran hindert, Licht aus einer solchen Perspektive zu sehen (Eine salutogenetische Betrachtung von Licht – Umsetzungshindernisse und Chancen).

Das Bild zeigt im Banner darüber, was die Salutogenese des Lichts will. Es skizziert die drei Komponenten, die die beabsichtigte Wirkung erzielen solleN. Gestärktes Kohärenzgefühl mit der Umwelt, bessere Gesundheit und Anpassungsfähigkeit auch bei widrigen Umständen.

Auf diesem Bild sind die drei Komponenten des Kohärenzgefühls links abgebildet:

  • Sinnhaftigkeit (Meaningfulness)
  • Verstehbarkeit (Comprehensibility)
  • Handhabbarkeit (Manageability)

 

Das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC) bildet das Zentralelement der Salutogenese, eines Modells, das untersucht, wie Gesundheit entsteht und erhalten bleibt. Vereinfacht ausgedrückt ist das Kohärenzgefühl eine grundlegende Lebenseinstellung. Es beschreibt das tiefe Vertrauen eines Menschen, dass das eigene Leben und die Welt um einen herum verstehbar, bewältigbar und sinnvoll sind. Je stärker dieses Gefühl ausgeprägt ist, desto resilienter ist ein Mensch gegenüber Stress und Krankheiten.

Diese Lebenseinstellung kann durch die Gestaltung der Lebensumstände gestört oder gezielt gestärkt werden. Nach diesem Bild bedeutet bezüglich Licht:

Sinnhaftigkeit (Meaningfulness) Alles, was das Gefühl der Geborgenheit und Verbundenheit unterstützt, stärkt oder erhält. So geben Tageslicht und Ausblick das Gefühl der Teilhabe an der Natur.

Verstehbarkeit (Comprehensibility) wird durch Massnahmen unterstützt, die eine Orientierung im Raum und in der Zeit verbessern. So synchronisiert die Sichtverbindung nach außen die individuelle Körperzeit mit der Sonnenzeit. Die Klarheit der Lichtarchitektur baut das Gefühl auf, dass man sich in der vertrauten Umgebung befindet, und verstärkt es.

Handhabbarkeit (Manageability) wird durch die individuelle Kontrolle der eigenen Arbeitsumgebung gestärkt, durch Faktoren, denen man hilflos ausgesetzt ist, wie Blendung, gemindert. Während der organisierte Arbeitsschutz Maßnahmen bewirken kann, die alle betreffen, bedeutet individuelle Kontrolle, dass man das Heft in der Hand behält, auch wenn man in einem großen Raum mit vielen anderen sitzt.

Auf der rechten Seite des Bildes sind die erzielbaren Wirkungen abgebildet. Hierbei habe ich die übliche Reihenfolge der Aufzählung umgedreht, die an anderer Stelle mit der visuellen Wirkung der Beleuchtung beginnt. Das will nicht heißen, dass die visuelle Wirkung nachrangig sein soll. Arbeitsstätten wie auch der Wohnraum werden seit der Erfindung der Öllampe, deren älteste Exemplare rund 17.000 Jahre alt sind, stets mit dem Ziel beleuchtet, das die CIE bis 2011 in die Definition der Beleuchtung geschrieben hatte: “…Beleuchtung einer Szene, von Objekten oder ihrer Umgebung, damit diese sichtbar werden.“ Ein salutogenetisches Lichtdesign will dieses Ziel nicht auf Kosten der Gesundheit oder zu Lasten des Befindens erreichen, sondern in der Reihenfolge, in der die Wirkungen erscheinen: ➤ biologische Wirkung (z.B. melanopische Wirkung) ➤ psychologische Wirkung (z.B. Motivation durch Farbgebung) ➤ Atmosphäre (ästhetische Wirkungen).

Eine solche Denke scheint neu zu sein. Man kann sie aber fast direkt aus den Zielen ableiten, die in der ersten Beleuchtungsnorm von 1935 deklariert wurden: „Die künstliche Beleuchtung von Innenräumen muß den Forderungen der Gesundheit und Schönheit entsprechen, dabei zweckmäßig und wirtschaftlich sein.” In dieser Aufzählung kommt Gesundheit als Erstes, die Ästhetik als Nächstes, und die visuelle Wirkung (Zweckmäßigkeit) als Letztes.

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