Beleuchtungswissen der allgemeinen Bevölkerung

Es gibt eine Art von Bildung,
die darin besteht, dass man alles Mögliche weiß,
außer dem, was man wissen müsste.
Giacomo Leopardi

Beleuchtungswissen der allgemeinen Bevölkerung, kurzgefasst

Der Beitrag fasst eine österreichische Studie zum Beleuchtungswissen der Bevölkerung zusammen. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen Lichtwirkungen zwar für relevant halten, ihr tatsächliches Wissen über gesundheitliche, visuelle, energetische und ökologische Folgen von Beleuchtung jedoch lückenhaft ist. Besonders groß ist die Wissenslücke bei Umweltwirkungen, etwa bei Lichtverschmutzung und ihren Folgen für Pflanzen, Tiere und Biodiversität.

Daraus leite ich ab, dass bisherige Informationsangebote der Lichttechnik trotz jahrzehntelanger Bemühungen die breite Öffentlichkeit nur unzureichend erreicht haben. Wirksamer könnten künftig Kooperationen mit Fachverbänden, Umweltorganisationen, Forschungseinrichtungen und praxisnahen Projekten sein, um Wissen über gesundes und umweltverträgliches Licht verständlicher und breiter zu vermitteln.

Beleuchtungswissen der allgemeinen Bevölkerung

Zu der Studie

Forschende aus Österreich haben eine Lücke im Wissen der Forschenden über das Wissen in der Allgemeinheit zu Lichtwirkungen entdeckt. Johannes Weninger und Maximilian Dick, Bartenbach GmbH, sind der Frage nachgegangen, was der Mann auf der Straße oder der Durchschnittsösterreicher über Lichtwirkungen weiß. Die Ergebnisse gelten nicht nur für die Durchschnittsösterreicherin, sondern vermutlich auch für den fachlich nicht gebildeten Deutschen. Denn ich erkenne in der Studienbeschreibung keine speziellen Bedingungen für Österreich.[1]

Motivation der Forschenden

Die Motivation für diese Forschungsarbeit wird in dem Artikel ausführlich erläutert. Ich kann sie zunächst ganz kurz fassen: Viele nicht-visuelle Wirkungen von Beleuchtung, deren Existenz seit mindestens 40 Jahren dokumentiert ist, kommen mit einer langen zeitlichen Latenz zur Geltung. So wirkt sich die Beleuchtung am Arbeitsplatz am Morgen auf das nächtliche Schlafen aus. Umgekehrt kann die Beleuchtung in der Nacht die Arbeit am nächsten Tag beeinträchtigen. Daher gibt es keine Instanz, die Regeln aufstellen und durchsetzen kann, die ein „gesundes“ circadianes Licht in die Praxis umsetzt, außer dem Menschen selbst. Daher sind das Wissen und das Bewusstsein über Lichtwirkungen für den Menschen lebenswichtig. Der Arbeitgeber kann nur die Beleuchtung in der Arbeitszeit regeln. Der Arbeitnehmer kann für diesen Anteil des Tages keine Ansprüche an die Beleuchtung stellen, weil diese rechtlich geregelt ist. Es kommt daher wesentlich auf das Wissen und das Bewusstsein des Einzelnen an.

Allerdings ist das nur die halbe Miete. Denn Licht in der Nacht, das man mit geringem Aufwand herstellen darf und kann, birgt nicht nur gesundheitliche Risiken für den Einzelnen, sondern verursacht auch Probleme für die Natur durch Lichtverschmutzung. So ist zwischen 1989 und 2016 die Gesamtmasse (das reine Gewicht) der fliegenden Insekten in den untersuchten Schutzgebieten in Deutschland um rund 76 Prozent (lokal in der Spitze sogar um bis zu 80 Prozent) zurückgegangen. In welchem Maße dies auf die nächtliche Beleuchtung zurückzuführen ist, wäre eine Untersuchung wert. Lichtverschmutzung, verstanden als großräumige Aufhellung des Nachthimmels, wird inzwischen als signifikanter Faktor im globalen Biodiversitätsverlust eingeordnet.[2] Denn zumindest geht der Verlust der Insekten mit dem Verlust der Vögel einher, die von ihnen leben. Zudem kann nächtliches Kunstlicht die Blühzeitpunkte von Pflanzen verschieben, Bestäubungsinteraktionen stören und infolgedessen Ernteerträge um bis zu 20–40 % mindern. (s. dazu Lichtverschmutzung verlängert die Vegetationsperiode von Stadtpflanzen)

All dies und viel mehr können durch ein allgemeines Bewusstsein über Lichtwirkungen gemildert oder gar vermieden werden.

Art und Umfang der Fragen

Der finale Fragebogen umfasste drei Abschnitte:

  • Soziodemographische Angaben (Alter, Geschlecht, Bildung, Bundesland, Ortsgröße, lichtbezogene Ausbildung oder Beruf),
  • Selbsteinschätzung der wahrgenommenen Relevanz (Rangordnung) sowie des eigenen Wissensstandes (6-stufige Likert-Skala) für die vier Themenbereiche und
  • einen objektiven Wissenstest.

 

Die im Fragebogen abgebildeten Themenbereiche und zugehörigen Unterthemen umfassten:

  • gesundheitliche Aspekte im Zusammenhang mit dem zirkadianen Rhythmus, Schlaf sowie körperlicher und psychischer Gesundheit,
  • visuelle Aspekte in Bezug auf Komfort, Leistungsfähigkeit, Stimmung und Aufmerksamkeit,
  • energetische Aspekte, einschließlich Angaben auf Lampenverpackungen, Einsparpotenziale, energieeffiziente Beleuchtung im Haushalt sowie die Nachhaltigkeit von LEDs, und
  • Umweltauswirkungen in Bezug auf Lichtverschmutzung, Effekte auf Pflanzen und Tiere sowie die Aufhellung des Nachthimmels.

Resultate

Gesundheitliche Aspekte wurden von den Befragten als mit Abstand relevantester Themenbereich eingestuft:

  • Gesundheitliche Aspekte: 40 % platzierten diesen Bereich auf Rang 1.
  • Energieeffizienz folgte auf Platz 2 (25 % Erstplatzierungen),
  • visuelle Qualität und Umweltauswirkungen belegten gemeinsam die hintersten Ränge (mehr als 30 % der Befragten rangierten beide Bereiche an letzter Stelle).

 

Über alle vier Themenbereiche hinweg hatten die Teilnehmer ein insgesamt moderates Wissensniveau gezeigt. Kein einziger der 1.004 Teilnehmenden beantwortete alle 16 Fragen korrekt. Im Median wurden pro Bereich nur 1 von 4 Fragen vollständig richtig beantwortet. Trotz hoher Antwortkonfidenzen (60 % der Befragten gaben beispielsweise an, bei Gesundheitsfragen sicher zu sein) belegen diese Befunde erhebliche faktische Wissenslücken in allen untersuchten Bereichen.

Im Bereich Gesundheit wurde die Frage zur psychischen Gesundheit am häufigsten korrekt beantwortet, während Fragen zur körperlichen Gesundheit, etwa zu Augenschäden oder chronischen Erkrankungen, deutlich schwieriger waren. Im Bereich visueller Aspekte erzielte die Frage zur visuellen Leistungsfähigkeit den höchsten Wert, während Fragen zum Einfluss von Licht auf Aufmerksamkeit und Stimmung vergleichsweise schlecht abschnitten.

Im Bereich Energieeffizienz war das Wissen über allgemeine Einsparpotenziale und sparsamen Umgang mit Licht im Haushalt am besten ausgeprägt, während Fragen zur Nachhaltigkeit von LED-Produkten und zu Verpackungsangaben schwächere Ergebnisse zeigten. Innerhalb des Themenfelds Umweltauswirkungen waren die Unterschiede am deutlichsten ausgeprägt. Während Auswirkungen auf Tiere noch am ehesten richtig eingeschätzt wurden, konnten Auswirkungen auf Pflanzen mit kaum besser als Zufall beantwortet werden.

Die Ergebnisse der Befragung zeigten deutlich, dass das Beleuchtungswissen der Bevölkerung insgesamt niedrig, ungleich verteilt und stark von der öffentlichen Kommunikation der jeweiligen Themen abhängig ist. Gesundheitliche Aspekte werden von der Bevölkerung als hochrelevant empfunden und Themen wie Schlaf und zirkadianer Rhythmus sind zunehmend im öffentlichen Diskurs präsent. Das tatsächliche Wissen erweist sich jedoch lückenhafter als das Bewusstsein. Viele der Befragten ahnen, dass Licht die Gesundheit beeinflusst, verstehen aber die zugrunde liegenden physiologischen Mechanismen nicht.

Am deutlichsten erweist sich die Lücke im Bereich der Umweltauswirkungen. Trotz hoher Selbsteinschätzung wurden hier die schlechtesten Testergebnisse erzielt. Insbesondere die Auswirkungen von Kunstlicht auf Pflanzen sind nahezu unbekannt. Ökologische Systemzusammenhänge bleiben für die meisten Menschen abstrakt und kognitiv schwer zugänglich.

Was man aus dieser Studie lernen sollte

Die Ergebnisse dieser Studie sind keineswegs überraschend. Gerade aus diesem Befund sollte man daher zuerst lernen. Denn die Bemühungen der lichttechnischen Industrie, das Licht und seine Anwendungen der Allgemeinheit nahezubringen, sind uralt und reichen bis kurz nach dem 2. Weltkrieg zurück. Die gewählten Mittel sind nicht einmal schlecht oder unwirksam gewesen. Eher war das Gegenteil der Fall.

Wer wollte, hatte seit spätestens 1970 die Möglichkeit zu lernen, was das Licht so alles bewirkt. Das folgende Bild stammt aus einer Broschüre aus dem Jahr 1970, mit der Studenten schon lange vor diesem Jahr ausgebildet wurden.

Dazu stand im Text noch geschrieben:

Wenn über ein halbes Jahrhundert danach ein allgemein verbreitetes Unwissen zu dem Thema vorgefunden wird, das die Befragten als am wichtigsten einstufen, muss die Kommunikation versagt haben.

Zu dieser Diagnose zu kommen, war nicht schwer. Hingegen gestaltete es sich zumindest bei mir schwer, die richtige Kommunikation zu finden. Meine öffentlich verfügbaren Medien sind zwar mit 27 Jahren (Cyberlux.de) bzw. 17 Jahren (Licht und Gesundheit) recht alt und umfangreich. Sie haben wohl genauso versagt wie noch ältere und umfangreichere Angebote wie licht.de und dessen analoger Vorgänger FGL – Fördergemeinschaft Gutes Licht mit sehr guten Broschüren (heute licht.wissen).

Hilfreich hat sich in der Vergangenheit erwiesen, andere Organisationen als Partner zu gewinnen. So wurde unser Forschungsbericht Licht und Gesundheit von 1990 über die Fachverbände von Sicherheitsingenieuren gezielt an diese verteilt. Die Inhalte habe ich etwa 25 Jahre lang  über Sicherheitsseminare von Berufsgenossenschaften vermittelt, an denen Sicherheitsfachkräfte und Betriebsräte teilnahmen.

Das Wissen um die nicht-visuellen Wirkungen wurde über DIN-Expertenveranstaltungen den Stakeholdern vermittelt, bevor daraus eine Norm wurde. Die Vortragenden dieser Veranstaltungen selbst haben die Beiträge weiter verbreitet. Offenbar war das alles nicht hinreichend.

Bei Umweltwirkungen  lief es anscheinend anders. Hier gibt es interessierte Gruppierungen wie die Dark Sky International, die schon sehr lange mitmachen. Aber auch ganz unverdächtige Mitwirkende wie die Deutsche Bahn AG betreiben erfolgreiche Projekte wie BALIN - Insektenschutz an Bahnhöfen durch insektenfreundliche Beleuchtung. Das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei führt seit 2019 das Projekt Artenschutz durch umweltverträgliche Beleuchtung (AuBe) durch. Möglicherweise verdanken wir diesen und ähnlich agierenden Organisationen, dass in Europa der Nachthimmel nicht ständig heller wurde, obwohl der Rest der Welt fröhlich den Nachthimmel anstrahlt. Dazu schrieb die Berliner taz: „Immer mehr künstliche Lichtquellen verhindern weltweit natürliche Dunkelheit. Ausgerechnet Europa zeigt, dass das keine unumkehrbare Entwicklung ist.“ Anlass war ein Bericht in NATURE, dass die Lichtemissionen in einigen Regionen der Welt insgesamt um 34 Prozent zunahmen, während sie anderenorts um 18 Prozent rückläufig waren. (Nature, 08. April 2026, download)

Wie viel professionelle Arbeit hinter solchen Bemühungen steckt, macht das Black Marble Projekt der NASA deutlich (hier). Der Name bezieht sich auf Blue Marble, eine Bezeichnung der Erde bei Tage. Black Marble spürt alle Lichtquellen auf, die die Nacht erhellen. Der Unterschied zu früheren Projekten der NASA ist frappierend, die noch vor einem halben Jahrhundert die Welt mit einer Wolke aus Kupferkristallen umgeben wollte, die die Nacht aufhellen, damit die Kriminalität in den Städten der USA besser bekämpft werden sollte.

[1]  Johannes Weninger, Maximilian Dick: Beleuchtungswissen in Österreich: Ergebnisse einer repräsentativen Online-Befragung, LTG Wien, Lichttechnischer Kongress 2026 

[2] Gaston, K. J., & Sánchez de Miguel, A. (2022). Environmental impacts of artificial light at night. Annual Review of Environment and Resources, 47(1), 373-398.

 

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