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Anonymus
Eine neue Perspektive für Lichtwirkungen, kurzgefasst
Die Lichttechnik hat sich über Jahrzehnte vor allem „pathogenetisch“ entwickelt: Sie fragt danach, was stört, blendet, schädigt oder vermieden werden muss. Beleuchtungsstärke, Blendungsbegrenzung, matte Oberflächen, Farbwiedergabe nach Mindestwerten und photobiologische Sicherheit bilden daher den Kern vieler Normen. Diese Sicht ist unverzichtbar, wenn klar definierte Gefahren bestehen, etwa bei UV-Strahlung, Lasern oder akuter Blendung.
Sie greift jedoch zu kurz, wenn Licht nicht nur Schäden verhindern, sondern Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität fördern soll. Hier setzt die salutogenetische Perspektive an. Sie fragt nicht primär, was krank macht, sondern welche Lichtumgebungen Menschen stärken, orientieren, aktivieren und ihnen Handlungsspielraum geben.
Dazu gehören visuelle Klarheit, lebendige Farben, Glanz als positive Qualität, Tageslichtbezug, individuelle Steuerbarkeit und eine zeitlich passende biologische Lichtdosis. Besonders deutlich wird dies bei UV-Licht und circadian wirksamer Beleuchtung: Nicht jede Exposition ist gefährlich, und nicht jede pauschale Empfehlung ist praktisch sinnvoll. Entscheidend ist die angemessene Dosis zur richtigen Zeit, angepasst an Menschen, Tätigkeiten und Lebensrhythmen.
Während die bestehenden Regeln künstliche Beleuchtung meist zeitlos und statisch behandeln, sind die nichtvisuellen Wirkungen des Lichts längst als tageszeitabhängig bekannt. Eine moderne Lichtplanung müsste daher pathogenetische Schutzprinzipien mit salutogenetischer Gestaltung verbinden. Ziel wäre nicht eine störungsfreie, aber freudlose Umgebung, sondern Licht, das Sehen ermöglicht, Ressourcen stärkt und den Menschen in seinem biologischen und psychischen Alltag unterstützt. Hier ist das Individuum besonders gefragt, weil niemand sonst seine circadiane Rhythmik erfolgreicher beeinflussen kann.
Warum wir eine neue Perspektive für Lichtwirkungen brauchen
Die Lichttechnik hat sich seit rund 100 Jahren im Wesentlichen damit beschäftigt, Helligkeit zu erzeugen. Das erkennt man vor allem daran, dass die Basis aller ihrer Größen die V(λ)-Kurve ist, die die Hellempfindung beschreibt, die die optische Strahlung mit den Wellenlängen von 380 nm bis 780 nm hervorruft. Nicht ohne Grund wollte die CIE die Einheit des Lichtstroms, Lumen, zu einer Basiseinheit des internationalen SI-Systems anerkennen lassen. Die Menge an „Lumen“, die auf eine beleuchtete Fläche fällt, die Beleuchtungsstärke, ist bei Weitem das meistgenutzte Wort in der lichttechnischen Literatur und die Basis aller Beleuchtungsnormen.
Man kann dies einerseits dadurch verstehen, dass das Helle für den Menschen immer etwas Positives bedeutet. Den Menschen nannte Carl von Linné in seinem Werk Systema Naturae homo diurnus (Tagmensch). Die Schöpfungsgeschichte der Bibel beginnt ja mit Licht; die Dunkelheit folgt danach.
Man kann es andererseits auch dadurch verstehen, dass das verfügbare künstliche Licht dem Bedarf an Licht für viele Sehaufgaben nicht ausreichte. Fast über die gesamte Geschichte der Menschheit herrschte in Arbeitsräumen ein Lichtmangel vor. Seit 2021 behaupten die Chronobiologen, existierende Beleuchtungen würden nicht hinreichend viel Vertikalbeleuchtungsstärke erzeugen, um den circadianen Rhythmus des Menschen zu aktivieren. Diese sind nicht etwa Randfiguren, die sich mit esoterischen Fragen beschäftigen, sondern eine Elite der medizinischen Forschenden, die die Chronobiologie vorwärtsgebracht hat. Somit darf die Lichttechnik des Segens der Medizin sich sicher fühlen.
Wenn man einen Schritt weitergeht und der Vorstellung folgt, dass der Mensch täglich eine bestimmte Lichtdosis braucht, unabhängig davon, wo er sich aufhält, kann man auch verstehen, dass man in Innenräumen Licht in ähnlicher Größenordnung wie draußen erzeugen wollte. Allerdings bin ich mir sicher, dass die Wahl der Vorbilder nicht glücklich war. (s. Falsche Vorbilder – Die Sonne und der Himmel.)
Das Vorgehen wurde allerdings zum einen durch die Blendung gebremst, die bereits Edison kannte. Er hatte, wie immer zu Beginn eines Projekts, sein Ziel in seinem Notizbuch präzise skizziert: Ich will ein Licht erfinden, das so wenig kostet, dass nur reiche Leute sich Kerzen leisten wollen. Und das Licht wird nicht blenden. So sind die Bemühungen um eine Begrenzung der Blendung fast so alt wie das elektrische Licht, leider bis heute nicht sehr erfolgreich. (s. Kapitel Blendung – Was ich schon immer wusste und nie nachfragen wollte)
Der fehlende Erfolg für eine Frage von zentraler Bedeutung, Blendung, trotz aller Bemühungen kann eine Folge davon sein, dass der Begriff falsch gesetzt ist. In dem oben zitierten Kapitel habe ich detailliert ausgeführt, was falsch sein kann bzw. vermutlich ist. Das Vorgehen kann aber ebenso fundamental falsch sein, weil die Sichtweise fehlerhaft ist. Denn genau dieselben physikalischen Merkmale, die zu einer Blendung führen, können positive Emotionen auslösen. Nicht nur die gesamte Beleuchtung von Jahrmärkten oder Konzerthallen ist pure „Blendung“. Alles, was glänzt, kann man als Störung bezeichnen oder ebenso als schönen Glanz, der einem Freude macht. Ein Kollege hatte dies auf einen klaren Nenner gebracht: Beim Make-up beträgt der Abstand zwischen Positiv (Lipgloss) und Negativ (glänzende Nasenspitze) nur wenige Millimeter. So kann es sein, dass man in dem Bemühen, störungsfreies Sehen zu ermöglichen, alles verhindert, was positive Wirkungen entfalten kann. Man lebt ungestört, aber nicht gerade glücklich.
Die mächtigere Bremse, die die Lichttechnik davon abhielt, im Innenraum ähnlich hohe Beleuchtungsstärken wie draußen zu generieren, war die Energie. Zum einen war die elektrische Energie recht teuer. Zum anderen wandelten die Lampen sie nur zu einem Teil in Licht um. Der Rest lastete als Wärmestrahlung auf den Benutzern. So war es mit Glühlampen kaum möglich, eine Allgemeinbeleuchtung mit mehr als 500 lx zu erzeugen. Die Grenze lag bei Leuchtstofflampen deutlich höher, aber die Strahlungsbelastung war schon bei 2000 lx merklich. Diese Beleuchtungsstärke entspricht aber nicht unserer Vorstellung von einem heiteren Himmel, sondern nicht einmal einem trüben Novembertag in Hamburg.
So leben wir mit einem künstlichen Licht, das für viele Fachleute unzureichend ausfällt. Nicht nur Fachleuten ist das Problem der Blendung bewusst, die trotz über 100 Jahren Forschung wenig verstanden ist. Heute sagt die medizinische Forschung dazu auch noch, die künstliche Beleuchtung müsse ganz anders werden. Sollen wir etwa in Trauer versinken, weil etwas, was wir dringend brauchen, auch Probleme verursacht?
Ich will in diesem Beitrag die zwei Perspektiven in der Medizin gegenüberstellen, die allerdings keine Alternativen sind: Pathogenese und Salutogenese. Diese behandeln Störungen, Probleme, Krankmacher u. Ä. auf zweierlei Art. Daraus kann man eine Antwort auf die obige Frage geben.
Die Konzepte und ihre Unterschiede
Die Pathogenese (páthos (Leiden/Krankheit) und génesis (Entstehung)) reflektiert die Sichtweise der klassischen Medizin, die nach Faktoren sucht, die Menschen krank machen. Die Suche erfolgt mit dem Ziel, die Faktoren ausfindig zu machen und ggf. zu eliminieren. Bei Licht müssen die gesuchten Faktoren nicht unbedingt krank machen. Es genügt, wenn es die Menschen sich krank fühlen lässt, statt ihnen eine Freude zu bereiten.
Zumindest dann, wenn ein untersuchter Faktor ein biologischer Krankheitserreger war, war die Pathogenese äußerst erfolgreich. So hatte Robert Koch einwandfrei festgestellt, dass Krankheiten nicht etwa durch Myasmen entstehen, die den Menschen schwächen und mürbe machen, sondern durch jeweils einen Erreger. Zwar kann ein bestimmter Erreger einem anderen das Feld ebnen, damit auch dieser zum Zuge kommt, aber ein Tuberkuloseerreger wird nie Malaria erzeugen. Das ist seit Robert Koch bekannt, war aber nicht immer selbstverständlich. Allein dieser Erkenntnis dürfte ein erheblicher Teil der Menschheit seine Existenz verdanken.
Während die Pathogenese eine historisch lange (erfolgreiche) Tradition hat, ist die Salutogenese noch sehr jung. Sie bedeutet Entstehung und Erhaltung von Gesundheit. Das Wort setzt sich aus dem lateinischen salus (Gesundheit/Wohlbefinden) und dem griechischen génesis (Entstehung) zusammen. Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky als Gegenmodell zur Pathogenese entwickelt. Es fragt nicht, warum Menschen krank werden, sondern warum sie trotz Belastungen gesund bleiben. Der fundamentale Unterschied zwischen den beiden Modellen liegt in der Blickrichtung. Während die klassische Medizin (Pathogenese) den Blick auf das Defizit und die Ursache von Krankheiten richtet, fokussiert die Salutogenese die Ressourcen und die Entstehung von Gesundheit.
Antonovsky kam zu seiner Vorstellung, als er den Gesundheitszustand von Frauen untersuchte, die das Schlimmste überlebt hatten, dem Menschen vermutlich begegnen können: Trotz der unvorstellbaren Grauen und Traumata des Holocausts wurden 29 % der früher im KZ internierten Frauen als psychisch „völlig gesund“ und beschwerdefrei eingestuft (in der Kontrollgruppe „gesunde Frauen“ waren es 51 %), also nicht einmal doppelt so hoch. Das hat selbst einen Medizinsoziologen überrascht. So entstand die Vorstellung, dass Menschen nicht gesund oder krank sind, sondern sich auf einem Zustand zwischen völliger Gesundheit und schwerer Krankheit bewegen. Die Salutogenese zielt nicht auf völlige Gesundheit, sondern auf eine – möglichst hohe – Verbesserung weg von Krankheit.
Zum Verständnis für meinen Beitrag stelle ich die besonderen Merkmale der Konzepte gegenüber:
| Merkmal | Pathogenese | Salutogenese |
| Zentralfrage | Was macht den Menschen krank? | Was hält den Menschen gesund? |
| Verständnis von Gesundheit | Zustand: Die Abwesenheit von Krankheit (Dichotomie: gesund oder krank). | Dynamischer Prozess: Ein Kontinuum zwischen völliger Gesundheit und schwerer Krankheit. |
| Hauptfokus | Risikofaktoren, Defizite, Erreger, Symptome und Anomalien. | Schutzfaktoren, Ressourcen, Resilienz und Bewältigungsstrategien. |
| Rolle des Menschen | Eher passiv: Patient leidet unter einer Störung und wird therapiert/„repariert“. | Aktiv: Mensch reguliert sich ständig selbst und gestaltet seine Gesundheit mit. |
| Ziel der Maßnahme | Kuration & Schadensbegrenzung: Beseitigung von Krankheitsursachen, Schmerzlinderung. | Prävention & Stärkung: Aufbau von Widerstandsressourcen und Erhöhung des Kohärenzgefühls. |
| Umgang mit Stress | Stressoren sind primär schädlich, pathogen und müssen vermieden werden. | Stressoren sind normaler Teil des Lebens; entscheidend ist die erfolgreiche Bewältigung. |
Um den Unterschied zu verdeutlichen, nutzte Aaron Antonovsky das Bild eines wilden Flusses:
- Der pathogenetische Ansatz: Der Mensch ist in den Fluss gefallen und droht zu ertrinken. Die Pathogenese konzentriert sich darauf, den Ertrinkenden mit hohem technischem Aufwand aus dem Wasser zu retten (Therapie) oder Warnschilder an reißenden Stellen aufzustellen (klassische Risikovermeidung).
- Der salutogenetische Ansatz: Da der Fluss des Lebens ohnehin voller Gefahren und unvorhersehbarer Strömungen ist, fragt die Salutogenese nicht nur, wie man jemanden herausholt. Sie fragt: „Wie lernt der Mensch, in diesem Fluss ein guter Schwimmer zu werden?“ (Ressourcenstärkung).
Dieses Modell war mir bereits als Kind aus einer anderen Welt bekannt: In der Türkei findet man an unendlich vielen Stellen am Wasser Schilder, die dort das Schwimmen verbieten. Sie werden aufgestellt, nachdem dort ein Mensch ertrinkt. Das Verbot bleibt ewig bestehen. Trotzdem oder gerade deswegen ertrinken viele Menschen, weil man nirgendwo vernünftig schwimmen lernen kann.
Beide Modelle schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich in der modernen Medizin und Arbeitswissenschaft. Während die Pathogenese in der Akutmedizin unverzichtbar ist, bildet die Salutogenese das Fundament für nachhaltige Prävention, ganzheitliche Ergonomie und Gesundheitsförderung. Kurz gesagt, bedeutet eine salutogenetische Orientierung eine Ausrichtung auf attraktive Gesundheitsziele und Erschließen bzw. Schaffen hilfreicher Ressourcen.
Ist die Betrachtungsweise der Lichttechnik eher pathogenetisch?
Nach meiner obigen Darstellung der Blendung ist zumindest die Betrachtung der Blendung eher pathogenetisch. Vermeide Blendung – und du bist ungestört. Dass man eine physikalische Erscheinung, die die Lichttechnik Blendung nennt, auch positiv sehen kann und für anregend halten, bleibt anderen überlassen. Die beiden Vorstellungen kollidieren insbesondere dort, wo Arbeitnehmer, die man vor Blendung schützen soll, mit Menschen zusammenkommen, für die der Arbeitsbereich der anderen als “stimmungsbetonter” Raum gestaltet wird. So etwa große Verkaufsräume, Restaurants oder Opernfoyers.
Eine Welt ohne Glanz, damit man nie gestört werde
Viel problematischer ist der Umgang mit dem Glanz in der Lichttechnik. Seit Jahrzehnten predigen die Beleuchtungsnormen, dass alles matt sein müsste, damit die Beleuchtung keine Störungen durch Glanz oder Reflexblendung erzeugen kann. Am schlimmsten kam es mit der DIN 5035-7:1988. Dort werden für alles im Raum Reflexionsgrade und Glanzgrade vorgegeben. Besonders restriktiv sind die Vorgaben bezüglich der Dinge, die sich im Bildschirm spiegeln könnten (Wände, Stellwände, Betriebseinrichtungen).
Die letztere Idee ist eigentlich nicht falsch oder auch nur problematisch, wenn man sie in einem eingerichteten Raum an einem existierenden Arbeitsplatz ausführt. Man kann gleich sehen, was dort stört, und eine Lösung finden. Manchmal dreht man den Bildschirm um 20° und schon ist man das Problem los. Wenn man aber Räume plant, muss man dafür sorgen, dass die Bedingungen immer eingehalten werden. So wird niemand damit glücklich werden, dass die Reflexionen auf seinem Bildschirm weniger geworden sind, aber dafür alle Wände einen Reflexionsgrad von 0,3 bis 0,5 haben müssen, wie die Norm es empfiehlt. Sie müssten auch matt bis halbmatt ausgeführt sein. Sollte irgendwo ein Bild hinter dem Bildschirm hängen, dürfte es nicht in einem Glasrahmen sein. In einem solchen Raum möchte aber niemand sitzen.
Die Norm ist derart rigoros, dass sie selbst helle Oberbekleidung zu Dingen zählt, die sich im Bildschirm spiegeln können. Einen salutogenetischen Umgang mit der Arbeitsumgebung stellt man sich besser anders vor.
Man stelle sich ein Haus, einen Laden oder ein Opernfoyer vor, wo sämtliche Gegenstände matt sind, damit sich nichts in einem Bildschirm spiegeln kann, der sich heute in allen Lebenslagen finden lässt. Der Bildschirm heißt heute Display, aber ansonsten spiegelt er immer noch. Man müsste sich selbst seine Hemden danach aussuchen. Eine freudlosere Umgebung lässt sich schwer vorstellen. Dem Menschen werden die Lösungen normativ vorgegeben, auch wenn die Probleme ihn gar nicht berühren.
Farben zählen nicht zur Sehleistung …
Den Umgang mit der Farbe kann ich nicht richtig einordnen. Hierzu gehört zum einen die Tatsache, dass das Farbenerkennen nicht als Sehleistung zählt und daher nicht zu den Zielen der Beleuchtungstechnik gehört. Man beleuchtet eine Umgebung, um die Welt zu sehen, wie sie ist. Dabei soll es egal sein, wie ihre Farben erscheinen?
Zum Glück ist es nicht egal. Denn da Licht ohne Farbwiedergabe so gut wie wertlos ist, verlangen die Normen immerhin einen CRI ≥ 80 für viele Arbeitsplätze. Selbst wenn dieser Wert 100 beträgt und nicht mehr gesteigert werden kann, muss eine Beleuchtung keine einzige gesättigte Farbe wiedergeben können. Gefragt sind nur 8 Pastellfarben wie Altrose, Senfgelb oder Fliederviolett. Wenn ein Mensch seine Umgebung so beleuchtet, dass er von lauter solchen Farben umgeben ist, ist es kaum wahrscheinlich, dass Freude aufkommt. Daher würde ich den Umgang mit Farbe pathogenisch nennen.
Ob eine Beleuchtung die erforderliche Farbwiedergabe erreicht, prüft indes niemand, da die Anforderung nur für die Lampen gilt. Das Farbklima in einem Raum wird aber von den Leuchten und von dem Raum selbst mitbestimmt. Die einzige Anforderung an die Erkennung von Farben betrifft die Sicherheitsfarben. Ihre Erkennbarkeit muss jede Beleuchtung gewährleisten.
Etwas verkürzt gesagt, gewährleistet die Beleuchtung das Erkennen von Objekten, aber nicht deren Farben. So hilft sie Formen in Graustufen erkennen. Wenn es mehr ist, ist es eher dem Zufall zu verdanken. Glanz wird eher verboten denn gefördert. Einen Anlass zur Freude bietet eine Beleuchtung kaum, wenn sie nur ihre Pflicht tut.
Selbstverständliches ausgespart, obwohl als wichtig bekannt
Eine Spezialität, die nur wenige kennen, hat mir sehr angetan. Die seit den 1960er Jahren bis heute geltenden Bestimmungen für die Festlegung der Farbwiedergabeeigenschaften der Lampen berücksichtigen die Wirkung von UV auf die Wiedergabe von Farben in einem Raum systematisch nicht. Die UV-Strahlung wirkt sich auf die “Weißmacher“ aus und sorgt für frische Farben. Das kennt die Menschheit länger als den Namen und die Bedeutung der Strahlung, die UV genannt wird. Der Effekt wurde einst mit dem Sud der Roßkastanie erreicht. Ansonsten wirkt z.B. Weiß leicht vergilbt.
Optische Aufheller (auch bekannt als fluoreszierende Weißmacher oder „optische Aufheller“) werden überall dort eingesetzt, wo Materialien von Natur aus einen leichten Gelbstich haben, aber strahlend weiß, sauber oder brillant wirken sollen. Sie funktionieren, indem sie unsichtbares UV-Licht absorbieren und als sichtbares, bläuliches Licht wieder abgeben, was das menschliche Auge als „schneeweiß“ wahrnimmt. Sie sind in allen Wasch- und Reinigungsmitteln enthalten. Viele Textilien (weiße Kleidung (T-Shirts, Hemden, Socken), Bettwäsche, Handtücher, Gardinen und Vorhänge) enthalten optische Aufheller wie auch Wandanstriche, Lacke, Papier, Kartonagen u.Ä. In der Kosmetikbranche wird davon fleißig Gebrauch gemacht.
Während der Farbwiedergabeindex Ra der Lampen ohne eine Berücksichtigung ihrer Wirkung auf die optischen Aufheller erfolgt, also ohne UV, haben alle neu definierten Normlichter der CIE (D50, D65, D75) einen UV-Anteil. Weil eine Abmusterung von Farben von Oberflächen ohne UV wenig Sinn macht, musste die CIE wider die eigene Definition des Lichts handeln und eben die neuen Tageslicht(er) festlegen. Ansonsten wären die Normlichtarten der CIE wertlos für die Farbabmusterung.
Frische Farben, schneeweiße Bettwäsche, aufregendes Make-up – alles bei der Herstellung geprüft und gut gefunden. Ob man sie so sieht, wie der Hersteller es annimmt, ist dem Zufall überlassen. Manche LEDs haben UV, andere nicht. Das steht aber auf keiner Lampenverpackung. Man merkt es erst, wenn es Nacht wird und die Umgebung eigenartig traurig ausschaut.
Um die Psyche sollen sich andere kümmern
Beim Umgang mit Farbe gehören die psychische Wirkung von Farben und ihre kulturelle Bedeutung dazu. Die Technik (Lichtechnik, Farbmesstechnik) betrachtet Farben physikalisch und neutral. Ihre Methoden sind weltweit gleich, die Bewertung der Ergebnisse auch. Hingegen besitzen manche Farben kulturell unabhängig bestimmte Bedeutungen, andere sind hingegen stark kulturabhängig. So die Farbe Rot, die als Zeichen immer Gefahr bedeutet. Die Farbe Rot ist aber psychologisch und kulturell wohl die intensivste Farbe überhaupt. Weil sie evolutionär sofort unsere Aufmerksamkeit fesselt (Blut, Feuer, reife Früchte), hat fast jede Kultur ihr eine starke Bedeutung zugeschrieben – die sich allerdings drastisch unterscheiden können.
So ist Rot in Ostasien die Farbe für Glück, Wohlstand & Erfolg. In Indien oder Südasien bedeutet sie Reinheit & Ehe, in Südafrika aber Trauer & Opfer. Nichts von alledem gilt in der Technik. Sie überlässt alles der Architektur, dem Design oder der Innenarchitektur. Die Standardlichtfarbe für Lichtquellen ist Weiß. Sie sollen farbige Flächen angemessen beleuchten, so deren Farben existieren. Das Licht soll aber nicht in der Farbgebung intervenieren, außer wenn dies ausdrücklich beabsichtigt wird.
Dieser Umgang entspricht einer pathogenischen Betrachtung.
Sicher strahlen ist Pflicht
Die Behandlung von Lichtquellen bezüglich möglicher Strahlungsschäden (photobiologische Sicherheit von Lampen und Leuchten, DIN EN 62471) ist hingegen klar und deutlich pathogenisch. Dasselbe gilt auch für spezifische Normen für UV-Strahlung (z.B. UV-C-Strahler) oder Laser (DIN EN 60825-1 - Sicherheit von Lasereinrichtungen).
Da es sich um klar definierte Gefahren handelt, wäre eine Relativierung nicht zulässig.
Gesunde circadiane Beleuchtung
Die pathogene Betrachtungsweise wird bei den Regeln für die circadian wirksame Beleuchtung besonders deutlich erkennbar.
So legt ein internationaler Standard (CIE S026 CIE System for Metrology of Optical Radiation for ipRGC-Influenced Responses to Light) fest, dass die Basis aller Betrachtungen das Spektrum des Tageslichts sei. Da es viele Tageslicht(er) gibt, wählt man dazu die CIE-Normlichtart D65. Allerdings ist diese Lichtfarbe (6504 K) für die Beleuchtung von Innenräumen wenig oder gar nicht geeignet. So ist ausgerechnet die Basis eines Standards, der die lichttechnischen Größen stärker physiologisch ausrichtet, eine Lichtfarbe, die in der Architektur kaum vorkommt.
Weiterhin wird nach der Logik hinter dem Standard, Melatoninsuppression, die Berechnung der Beleuchtungsstärke nach dem Alter des Benutzers vorgenommen. Dies entspricht der längst bekannten Tatsache, dass ältere Menschen mehr Licht brauchen, und ist daher ausgesprochen logisch.
Weniger logisch indes ist, dass es sich um die Beleuchtungsstärke am Auge handelt, die bei Älteren eine viel höhere Blendung hervorruft als bei Jüngeren. Auch das war schon lange bekannt. Darum sollen sich wohl andere kümmern.
Während sich CIE S026 um die Messbarkeit kümmert, haben Chronobiologen starre Vorgaben für die Beleuchtungspraxis aufgestellt: In Innenräumen soll die Beleuchtungsstärke am Auge zwischen 06:00 Uhr morgens und 19:00 Uhr abends immer über 250 lx m-EDI betragen (zu m-EDI und deren Berechnung s. Wie circadian wirksam ist mein Licht?). Dazu müssten alle vorhandenen Beleuchtungen mehrfach verstärkt werden, weil 250 lx m-EDI eine Menge Licht ist. Wer statt D65 eine angenehme Lichtfarbe wählen will, müsste die Lichtanlage noch einmal etwa verdoppeln.
Während dies noch bewerkstelligt werden kann, muss ab 19:00 Uhr die Beleuchtungsstärke immer unter 10 lx bleiben. Bereits übliche Bildschirme produzieren aber mehr Licht. So müsste man mit gedimmtem Monitor und ausgeschaltetem Licht arbeiten. Ab 22:00 ist volle Dunkelheit angesagt. Jeder zehnte Arbeitnehmer in Deutschland müsste dann die Arbeit einstellen.
Können Menschen begreifen, dass die künstliche Beleuchtung für die Nutzung am Tage verstärkt werden soll, während sie in dem Zeitraum gedimmt und abgestellt werden soll, für den man die künstliche Beleuchtung überhaupt entwickelt hat?
Die Begründung der Empfehlungen ist nicht einmal falsch. Was fehlt, ist die Praktikabilität. Bei einer salutogenetischen Betrachtung würde man nach circadianer Toleranz der Individuen vorgehen und keine starren Vorgaben machen. (Anm.: Wenn man den Chronotypen von permanenten Nachtarbeitern ermittelt, findet man schnell heraus, dass dies auch ohne Wissenschaft und Regeln bereits erfolgt ist. Innerhalb bestimmter Berufsgruppen gibt es mehr Eulen als sonst in der Bevölkerung.)
Ein salutogenetischer Umgang mit Licht und Beleuchtung
Wie kann ein Umgang mit Licht die Perspektive verlassen, eine Mindestsehleistung (in Graustufen) bereitzustellen, glänzende Objekte zu vermeiden, damit sie den Sehvorgang nicht stören, und die Umwelt eher in Moll darzustellen, damit ja nichts blendet? Muss ich mich vor jedem Gang in die Sonne kräftig mit Sonnenschutz eincremen? Oft ist die Angst vor dem Schaden zerstörerischer als der Schaden selbst.
Ich will einen salutogenen Umgang mit Licht an zwei Beispielen erklären. An den Anfang stelle ich den salutogenen Ansatz mit UV-Licht, weil mir am meisten daran liegt. Allein deswegen bin ich gegen einen CIE-Standard vorgegangen: ISO/TR 21783 Light and lighting — Integrative lighting — Non-visual effects und habe einen ISO-Standard geschrieben, der für die nicht-visuellen Effekte die Berücksichtigung des gesamten optischen Spektrums (UV – Licht - IR) begründet: ISO/TR 9241-610:2022 Ergonomics of human-system interaction — Part 610: Impact of light and lighting on users of interactive systems. Dieser Standard erklärt die Fakten, zählt die zehn wichtigsten Erkenntnisse zu chronobiologischen Wirkungen der Beleuchtung auf den Menschen und erklärt, wie der einzelne Mensch damit umgehen kann.
UV-Licht salutogen betrachtet
Wie in dem Beitrag Zu Tode geschützt? Warum die UV-Exposition neu bewertet werden muss: dargelegt, gibt es seit mehr als 100 Jahren zwei diametral entgegengesetzte Vorgehensweisen. Die einen knallen sich auch mal in die Mittagssonne, um eine „gesunde“ Bräune zu bekommen. Das andere Extrem sind Hautärzte, die ab Ende März vor den Gefahren der Sonne warnen und empfehlen, sich mehrmals am Tage mit dem Sonnenschutzfaktor 50 vor Hautkrebs zu schützen.
Dabei weiß jeder, wie sich die Stimmung oder die Energie verändert, wenn man nach ein paar Tagen in geschlossenen Räumen wieder länger draußen in der Sonne ist. Soll man sich den Spaß mit düsteren Gedanken an den schwarzen Hautkrebs verderben lassen?
Die Salutogenese von UV-Licht ist ein spannender Ansatz! Während meistens über die Risiken von UV-Strahlung gesprochen wird (Pathogenese), blickt die Salutogenese auf die Faktoren, die unsere Gesundheit aktiv erhalten und fördern. UV-Strahlung hat nämlich wesentliche gesundheitsfördernde Eigenschaften, wenn sie richtig dosiert ist.
Hier sind die wichtigsten salutogenen Aspekte der UV-Strahlung im Überblick:
- Vitamin-D-Synthese: Rund 80–90 % des benötigten Vitamin D bildet der Körper selbst mithilfe von UVB-Strahlung in der Haut. Es ist essenziell für Knochen, Muskeln und das Immunsystem.
- Photoimmunologie und Entzündungsregulation: Eine moderate, chronisch-adaptierte Exposition induziert eine physiologische Immunmodulation (lokale Immunsuppression). Dieser Mechanismus dämpft überschießende autoimmune Prozesse.
- Botenstoffe und Psyche: Sonnenlicht stimuliert die Freisetzung von Serotonin (dem „Glücksmonolog“) und Melatonin, was den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert, und die Stimmung hebt. Die salutogenetische Wirkung von UV-Licht betrifft auch das Nervensystem und die hormonelle Achse.
- Neurobiologische Effekte und psychisches Wohlbefinden: UV-Strahlung auf der Haut stimuliert die Synthese von Proopiomelanocortin (POMC). Daraus entsteht nicht nur das hautbräunende Hormon MSH, sondern auch -Endorphin, das zu einer direkten Stimmungsaufhellung und Schmerzlinderung beiträgt.
- Blutdrucksenkung: UVA-Strahlung setzt Stickstoffmonoxid (NO) in den Blutgefäßen frei, was zu einer Weitung der Gefäße und somit zu einer Senkung des Blutdrucks führen kann.
All dies lässt sich unter dem Prinzip Hormesis zusammenfassen (die Dosis-Wirkungs-Beziehung, bei der ein an sich schädlicher Stoff in geringer Dosierung eine positive biologische Reaktion hervorruft). Die Hormesis ist das Kernprinzip der Salutogenese beim UV-Licht.
Während die Pathogenese sich auf DNA-Schäden (Cyclobutan-Pyrimidin-Dimere) und das Karzinomrisiko bei Überdosierung konzentriert, betont die Salutogenese die biologische Notwendigkeit des Reizes zur Aufrechterhaltung der Homöostase. Das Erreichen einer optimalen Balance – angepasst an den individuellen Hauttyp (Phänotyp) und den solaren UV-Index – ist die Voraussetzung für die körpereigenen Widerstandsressourcen.
Licht salutogen betrachtet
Wenn wir die Brücke schlagen zwischen der Definition der Salutogenese – also der Frage, wie wir im „Fluss des Lebens“ zu guten Schwimmern werden – und der Lichtwissenschaft, wird schnell klar, dass Licht einer der mächtigsten externen Taktgeber für unsere Widerstandsressourcen ist. Also nicht nur Taktgeber für die Körperfunktionen, sondern auch für die individuellen Widerstandsressourcen.
Zu diesem Schluss war ich am Ende der Studien gekommen, die zu dem Forschungsbericht Licht und Gesundheit geführt hatten. Zum einen lag der ermittelte Einfluss der Beleuchtung auf die Gesundheit weit jenseits meiner Erwartungen. Ein üblicher Umweltfaktor wie Akustik wirkte sich bei Weitem nicht so stark aus wie Licht, obwohl sich Menschen über die Akustik im Büro stets mehr beschweren als über Licht. Mich hatte vor allem überrascht, dass sich Menschen selbst bei Fehlen von Sonnenschutz an südlichen Fenstern besser fühlten als weiter im Rauminnern. Zum andern hatte sich eine Kombination von zwei für sich genommen störenden Elementen (Deckenbeleuchtung und Tischbeleuchtung) als die beste Lösung herausgestellt, was die gesundheitlichen Wirkungen anging. Das war weniger gut verstehbar als der erstgenannte Befund. Erklärbar indes ist beides, wenn man annimmt, dass eine gute Beleuchtung die Widerstandsreserven des Menschen schont oder gar stärkt, die damit für die Arbeit aufgewendet werden können.
Im biologischen Sinne ist die Evolution des Menschen darauf ausgerichtet, im Rhythmus des natürlichen Tageslichts zu funktionieren. Moderne Lebens- und Arbeitswelten entziehen uns jedoch oft dieses natürliche Umfeld. Die Salutogenese des Lichts setzt genau hier an: Sie repariert nicht primär Schäden, sondern stärkt die biologische Resilienz.
Betrachten wir das Konzept der Salutogenese – die drei Säulen des Kohärenzgefühls (SOC) – konkret angewendet auf die Lichtumgebung:
Das Kohärenzgefühl im Spiegel der Lichtarchitektur
Verstehbarkeit (Comprehensibility) durch visuelle Klarheit
Ein Raum, der visuell diffus, flach oder extrem kontrastreich (Blendung) und ohne fühlbare Lichtrichtung beleuchtet ist, erzeugt im Gehirn unbewusst Stress, weil die visuelle Exploration erschwert wird. Auch wenn ein Mensch die Aufgabe nicht bewusst wahrnimmt, versucht sein Gehirn, sich in Raum und Zeit zu orientieren. (Für diesen Aspekt gibt es bei Cyberlux eine wunderbare Abhandlung von dem Lichtdesigner Heinrich Kramer: ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM NEUEN „LIGHTING CODE“)
- Salutogener Ansatz: Eine klare Lichtarchitektur schafft visuelle Hierarchien. Ein ausgewogenes Verhältnis von gerichtetem Licht (Erzeugung von Schatten für dreidimensionale Tiefenwahrnehmung und gute Gesichtserkennung) und diffusem Lichtanteil hilft dem Gehirn, Räume sofort kognitiv zu „verstehen“.
- Technische Komponente: Der Ausschluss von Störfaktoren wie temporalen Lichtartefakten (Flimmern, Stroboskopeffekte, gemessen an niedrigen SVM-Werten) schützt das Nervensystem vor unbewusster visueller Ermüdung.
Handhabbarkeit (Manageability) durch physiologische Unterstützung
Hier geht es darum, ob die Umwelt den Menschen in seinem Tun unterstützt oder ihn behindert. Licht liefert die biologische Energie und Sehleistung für den Alltag.
- Salutogener Ansatz: Die Bereitstellung von hoher visueller Qualität – exzellente Farbwiedergabe (z.B. nach IES TM-30-20), ausreichende Beleuchtungsstärken auf der Arbeits- und Nutzebene. Die Farbwiedergabe ist nicht mehr ein nebensächlicher Faktor, sondern Ziel der Beleuchtung und gehört zur Sehleistung.
- Nutzerautonomie: Die Möglichkeit, Lichtverhältnisse individuell anpassen zu können (Einstellung der Lichteinfallsrichtung, Dimmen, Verändern der Farbtemperatur etc.), gibt dem Individuum die Kontrolle über seine unmittelbare Umgebung zurück. Das stärkt die psychische Selbstwirksamkeit.
Wie wichtig die Nutzerautonomie ist, zeigt sich zum einen bei einem oben erklärten Befund (eine störende Deckenbeleuchtung und eine ebenfalls störende Tischleuchte ergeben zusammen die beste Beleuchtung, weil der Benutzer Herr (oder Frau) der Lichtquellen ist. Weitere Aspekte werden in dem Kapitel Entmündigung des Benutzers und des Planers detailliert diskutiert.
Sinnhaftigkeit (Meaningfulness) durch den circadianen Bezug
Der Mensch empfindet Umgebungen dann als sinnvoll und stimmig, wenn sie im Einklang mit seiner inneren Natur stehen. Monotones, statisches Kunstlicht über 12 Stunden bricht diesen Sinnbezug. Das Ideal der sog. Intelligent Buildings, in denen überall auf der Welt 24 Stunden am Tag der milde Sommertag herrscht, ist für den Menschen nicht sinnhaft.
- Salutogener Ansatz (integrierte Beleuchtungsplanung): Tageslicht und Kunstlicht werden gemeinsam geplant. Das Tageslicht liefert die primäre Beleuchtung. Die zeitliche Dynamik des Lichts spiegelt den natürlichen Tagesverlauf wider. Dynamische Wechsel der Farbtemperatur und Helligkeit synchronisieren die innere Uhr (ipRGCs im Auge).
- Biophile Qualität: Auch die visuelle Verbindung zum Außenraum (Sichtverbindung nach draußen, Wahrnehmung von Wetter und Tageszeit) bedient das tief sitzende Bedürfnis nach Naturbezug und stützt die psychische Stabilität elementar.
Den letzteren Aspekt habe ich in einem getrennten Beitrag behandelt: Der längste Kampf des deutschen Angestellten – Ein Plätzchen an der Sonne. Dieser hat sich bis in die Gesetzgebung durchgesetzt, die eine Sichtverbindung nach draußen für jeden deutschen Arbeitnehmer vorschreibt und selbst bei einer fehlenden physikalischen Realisierbarkeit eine Kompensation verlangt.
Die biologische Dosis: Melanopische Lichtdosimetrie
Im pathogenetischen Modell fragt man: Ab wie viel Lux oder bei welcher Bestrahlungsstärke treten Augenschäden oder unzulässige Blendung auf? (Schadensvermeidung). Im salutogenetischen Modell fragt man: Wie viel biologisch wirksames Licht benötigt der Körper über den Tag verteilt, um gesund zu bleiben?
Hier rückt die Lichtdosimetrie in den Fokus. Licht wird wie ein aufgenommener Wirkstoff verstanden:
- Der Tag (biologische Aktivierung): Eine hohe Beleuchtungsstärke und ein hohes Angebot an kurzwelligem (blauem) Licht am Vormittag unterdrücken die Melatoninausschüttung und fördern die Ausschüttung von Cortisol. Das stärkt die akute Leistungsfähigkeit und stabilisiert das Immunsystem.
- Die Nacht (zelluläre Regeneration): Die konsequente Reduktion von melanopisch wirksamem Licht am Abend bereitet den Körper auf eine ungestörte Melatoninsynthese in der Nacht vor. Melatonin ist nicht nur ein Schlafhormon, sondern einer der stärksten körpereigenen Radikalfänger und damit essenziell für die zelluläre Regeneration bzw. Krebsvermeidung gemäss der Kausalkette: Licht in der Nacht verhindert die Melatoninausschüttung. →Da Melatonin als „Krebszellenkiller“ gilt, bedeutet ein längerer Zeitraum mit weniger Melatonin im Blut als zu Zeiten ohne künstliches Licht eine größere Krebsgefahr.
Nach meiner Kenntnis sprechen wissenschaftliche Erkenntnisse für eine bestimmte Lichtdosis, zu bestimmten Zeiten aufgenommen, um die erwünschte circadiane Regulierung zu erzielen.
Fazit:
Während die Lichttherapie (z.B. 10.000 Lux bei SAD) als kurative, also pathogenetische Intervention bei bereits bestehender Störung genutzt wird, ist die Salutogenese des Lichts ein präventiver Gestaltungsansatz. Sie schafft Lebens- und Arbeitsräume, die durch ihre visuelle und biologische Qualität den Menschen dauerhaft widerstandsfähig gegen chronischen Stress und circadiane Degradation machen.
Wenn man eine circadian wirksame Beleuchtung über eine Dosis definiert, statt sie mit einer Dauerbestrahlung über den ganzen Tag realisieren zu wollen, bekommen Individuen mehr Möglichkeiten, ihr individuelles Regime zu realisieren. Es ist ohnehin fragwürdig, eine über den Tag gleichbleibende Beleuchtungsstärke zu fordern, um eine Rhythmik anzuregen.
Wo Recht und Ordnung derzeit versagen
Das oben dargelegte salutogenetische Vorgehen in Sachen Beleuchtung lässt sich im Bereich des Privatlebens realisieren. Im Bereich des Arbeitslebens wird man hingegen auf ein Hindernis stoßen, das eigentlich nicht mehr existieren sollte: Sowohl die Beleuchtungsnormen als auch das staatliche Regelwerk (hier ASR A 3.4 Beleuchtung und Sichtverbindung) geben Beleuchtungsstärken für die künstliche Beleuchtung ohne Zeitbezug vor. Sie gelten für alle 24 Stunden des Tages und 365 Tage. Hingegen ist seit mindestens 20 Jahren allen relevanten Stakeholdern bekannt:
- Nicht-visuelle Wirkungen der Beleuchtung sind abhängig von der Tageszeit
- Nächtliches Licht kann ernstzunehmende Gefahren für die Gesundheit bedeuten.
Ad 1: Spätestens seit der Planung des PLACAR-Projekts (s. Kapitel PLACAR – Die letzte Plasmalampe) wussten die Vertreter der Industrie von den tageszeitlich unterschiedlichen Wirkungen der Beleuchtung und von den Gefahren. Daher versuchten sie, eine “Morgenlampe” und eine “Abendlampe” zu entwickeln. Die – anzunehmende – Gefahr war die karzinogene Wirkung des abendlichen Lichts: Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) stufte 2007 die Schichtarbeit in der Nacht als „wahrscheinlich karzinogen“ ein und benannte als wesentlich ursächlichen Teilaspekt die Unterdrückung von Melatonin durch Licht. (s. Straif K, Baan R, Grosse Y et al. (2007). Carcinogenicity of shift-work, fire-fighting. Lancet Oncology 8:1065 - 1066.)
In 2015 veröffentlichte die CIE ein Memorandum mit einem unmissverständlichen Ziel: CIE Statement on Non-Visual Effects of Light - RECOMMENDING PROPER LIGHT AT THE PROPER TIME (CIE-Stellungnahme zu den nicht-visuellen Auswirkungen von Licht – EMPFEHLUNG FÜR DIE RICHTIGE BELEUCHTUNG ZUR RICHTIGEN ZEIT). Spätestens 2015 hatte also die Weltorganisation lichttechnischer Gesellschaften anerkannt, dass die gleiche Beleuchtung bei Tage physiologisch anders wirkt als bei Nacht.
Ad 2: Die Wirkungen nächtlicher Beleuchtung auf Organismen sind seit mehreren Jahrzehnten Forschungsgegenstand. Hierbei wird zum einen auf die Unterdrückung des Melatonins abgehoben, das als Radikalenfänger gilt. D.h., das Fehlen des Melatonins im Blut zu einem Zeitpunkt, wo es vorhanden sein sollte, erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs von Krebszellen. Daher sucht man seit Jahrzehnten nach Beleuchtungen, bei denen die Melatoninsuppression möglichst unterbleibt. An dieser Suche sind auch Arbeitschutzorganisationen beteiligt.
Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) – insbesondere über ihre Spitzeninstitute wie das IPA (Institut für Prävention und Arbeitsmedizin) und das IFA (Institut für Arbeitsschutz) sowie in Kooperation mit der KAN (Kommission Arbeitsschutz und Normung) – beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den sogenannten nichtvisuellen (biologischen) Wirkungen von Licht. (s. auch Kantermann, T.; Schierz, C.: Gesicherte arbeitsschutzrelevante Erkenntnisse über die nichtvisuelle Wirkung von Licht auf den Menschen, KAN, 2017, DGUV Information 215-220 („Nichtvisuelle Wirkungen von Licht auf den Menschen“) und DGUV Information 215-211 („Tageslicht am Arbeitsplatz“)
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) beschäftigt sich seit langem mit diesem Themenkreis. Für die Festlegung eines Forschungsprogramms hat sie einen Forschungsauftrag an uns und an die Universität Ilmenau vergeben (s. Çakir, A., Çakir, G., Kramer, H., Schierz, C., Wunsch, A. (2011). Der Stand von Wissenschaft und Technik bei neuen Beleuchtungstechnologien am Arbeitsplatz und ihre Auswirkungen. BAuA, Dortmund). Das auf dieser Basis begonnene Programm wird bis 2029 fortgesetzt: Visuelle und nicht visuelle Lichtwirkungen mit dem Ziel konsistenter Anforderungen an die Arbeitsplatzgestaltung .
All dies hat nicht dazu führen können, dass die Arbeitsstätten tageszeitlich unterschiedlich beleuchtet werden, obwohl die drohende Gefahr nicht vernachlässigbar ist. Die europäische Beleuchtungsnorm EN 12464-1 wurde in dem fraglichen Zeitraum zweimal revidiert (2011 und 2021). Die physiologischen Wirkungen der Beleuchtung haben es gerade mal zu einem informativen Anhang geschafft: “Anhang C (informativ) Zusätzliche Informationen zu visuellen und nichtvisuellen Lichteffekten”. Aber auch in einem untergeordneten Anhang wird das Thema, das die Fachwelt für eine revolutionäre Entwicklung hält, in drei kleinen Absätzen abgehandelt. Deren Tenor lautet mehr oder weniger: Wichtig, aber zu einem späteren Zeitpunkt:
"Es ist auch wichtig, dass die Bedeutung von Dunkelheit und Tageslichtrhythmen anerkannt wird, insbesondere vor, nach und während der Schlafenszeit. Darüber hinaus können bestimmte Änderungen in der Verteilung des Lichtspektrums zu verschiedenen Tageszeiten hilfreich sein, um circadiane Rhythmen zu fördern. Um dies als allgemeinen Grundsatz zu festzulegen sind jedoch weitere Beweise erforderlich. Eine Analyse der Beteiligung der verschiedenen Photorezeptoren wäre essentiell, um zu verstehen, wie Effekte mit Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit zustande kommen.”
Weiterhin heißt es:
„Die biologischen nichtvisuellen Effekte von Licht wirken sich direkt auf die menschliche Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden aus, mit großen Konsequenzen für die verwendete Architektur, Innenarchitektur und Beleuchtung sowie das Sozial- und Arbeitsleben. Die Integration dieser nichtvisuellen Effekte in Beleuchtungsanwendungen und -designs erfordert neue Messgrößen zur Quantifizierung von Licht.“
Darüber hinaus werden Empfehlungen für eine gute Umsetzung der Beleuchtung gegeben, einschließlich visueller und nichtvisueller Beleuchtungsanforderungen.“
Nicht nur, dass solche Empfehlungen für die nichtvisuellen Wirkungen fehlen, ist zu beanstanden, sondern auch, dass die Norm diesbezüglich das wichtigste Erkenntnis ignoriert.

