Zu Tode geschützt? Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss

Oft ist die Angst vor dem Schaden
zerstörerischer als der Schaden selbst.
Anonymus

Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss, kurzgefasst

Dieser Beitrag diskutiert ultraviolette Strahlung (UV) im Spannungsfeld zwischen physikalischer Definition und gesellschaftlicher Praxis. Obwohl UV im engeren Sinn nicht zum sichtbaren Licht gehört, ist es historisch und kulturell eng an das „Licht der Sonne“ gekoppelt. Früh wurde versucht, gesundheitsförderliche Anteile des Sonnenlichts in die technisierte Innenwelt zu übertragen – bis hin zu Konzepten einer „elektrischen Sonne“ und einer Beleuchtung mit doppeltem Zweck (Sehen und Gesundheit). Dieses Vorhaben gilt im Rückblick als weitgehend gescheitert: Moderne Gebäudehüllen und Fenstergläser filtern UV nahezu vollständig, LED-Lichtquellen lassen sich zudem so auslegen, dass sie fast ausschließlich im sichtbaren Bereich emittieren. Damit verbringen viele Menschen in Industriegesellschaften den Großteil ihres Alltags in spektral verarmten Innenräumen; Forschung zu Licht und Gesundheit fokussiert entsprechend häufig auf okulares, sichtbares Licht und circadiane Effekte.

Im Gegensatz zur eher sachlich geführten Debatte um Infrarotanteile werden UV-Wirkungen nahezu dogmatisch verhandelt – nachvollziehbar, da UV zugleich lebenswichtig (u. a. über Vitamin-D-Synthese) und potenziell tödlich (Hautkrebsrisiko) sein kann. Entsprechend stehen Empfehlungen zu intensiver Abschirmung (bis hin zu täglichem Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor) Forderungen nach maßvoller Exposition gegenüber, die vor „Über-Schutz“ warnen. Empirische Klärung ist schwierig, weil Beobachtungsstudien unvermeidlich unter Störfaktoren leiden (z. B. Klima, Verhalten, sozioökonomische Unterschiede, „Healthy-User-Effekt“). Einzelbefunde – etwa zu höherer Mortalität bei konsequenter Sonnenmeidung oder zur fehlenden Mortalitätsreduktion durch Sonnenschutz in manchen Studien – bleiben daher interpretationsbedürftig. Als methodischer Gegenpol werden Übersichtsarbeiten herangezogen. Eine narrative 10-Jahres-Übersicht (Publikationszeitraum 2015–2025) sichtete 148 Arbeiten und schloss 28 Studien ein; die Mehrzahl berichtete inverse Zusammenhänge zwischen UV-Exposition und ungünstigen Outcomes bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen, inneren Malignomen sowie teils der Gesamtmortalität. Beispielhaft wurde für eine höhere jährliche Sonnenexposition (plus 2000 kJ/m²) ein um 12 % geringeres Gesamtmortalitätsrisiko beschrieben; für Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome wurden reduzierte Risiken berichtet. Insgesamt plädiert das Kapitel für eine ausgewogene Gesundheitsaufklärung, die etablierte Hautrisiken ernst nimmt, potenzielle systemische Vorteile jedoch nicht ausblendet.

Zu Tode geschützt? Warum UV-Exposition neu bewertet werden muss

Die Beschäftigung mit den Wirkungen von UV in diesem Buch nimmt einen großen Raum ein, das sich eigentlich mit Licht und Gesundheit befassen soll. Wenn UV kein Licht ist, erübrigt sich das Ganze. Dem ist leider nicht so. Zum einen ist der Allgemeinheit egal, wie Licht definiert ist. Sie kennt das Licht der Sonne seit Ewigkeiten und das der elektrischen Sonne seit über einem Jahrhundert. Die Person, die ich als den wahren Schöpfer der elektrischen Sonne beschreibe, Matthew Luckiesh (siehe Auftritt Matthew Luckiesh – Von der Überlegenheit der elektrischen Sonne), sah Licht im Sinne von Tageslicht, zu dem UV unbedingt gehörte. Daher der Versuch, eine Lampe mit einer doppelten Funktion einzuführen (dual purpose light hier). Davor lagen viele Jahrzehnte, in denen die Menschen versucht haben, gesundes Sonnenlicht in ihre Umgebungen zu holen, in den Städten, die die industrielle Revolution verdunkelt hatte. Man sprach von himmlischer Medizin oder von heilenden Strahlen der Sonne und wollte UV nicht nur in Wohnungen locken, sondern selbst in Züge oder Schiffe.

Das Buch beschreibt, wie das Anliegen grandios gescheitert ist, woran auch spätere Freunde des UV-Lichts wie John Ott nicht viel ändern konnten, der ein Spektrum nur dann als „voll“ ansah, wenn es UV enthielt (meine Stellungnahmen dazu Vollspektrumlicht hier und VollspektrumlichtII da). So schneiden heute alle Fenstergläser in energetisch sanierten Gebäuden das UV komplett ab und dämpfen sogar etwas im blauen Bereich. Im roten Bereich wird die Strahlung ebenso vollständig abgeschnitten mit der Begründung, sie sei nur „Wärmestrahlung“. Leuchtmittel auf LED-Basis können so getrimmt werden, dass sie ihre gesamte Strahlung im sichtbaren Bereich erzeugen. Heute verbringen in Industriegesellschaften viele Menschen ihre Zeit bis zu 90% in solchen Umgebungen. Ein Großteil der Forschenden zu Licht und Gesundheit beschränkt die Wirkungen des Lichts auf solche, die durch das sichtbare Licht erzeugt werden, das in das Auge eintritt, also auf circadiane Wirkungen durch okulares Licht.

Die Bedeutung des weggelassenen Lichts im Bereich Infrarot für die Gesundheit und auch für das Sehen selbst wird in dem Beitrag „Ist LED-Beleuchtung effizienter als die Glühlampenbeleuchtung? Eine physiologische Betrachtung behandelt. Diese Diskussion verläuft im Allgemeinen sachlich und ohne große Kontroversen. Hingegen wird über UV-Wirkungen mit nahezu dogmatischen Ansichten diskutiert. Aus gutem Grund, denn UV ist einerseits lebenswichtig für das menschliche Leben und andererseits auch potenziell  tödlich. So sehen die einen großen Vorteil für Gesundheit und Befinden in der UV-Bestrahlung, während  die anderen jedem raten, von März bis November sich mehrfach am Tag mit Lichtschutzfaktor 50 einzucremen. Die Gegner argumentieren hingegen, man dürfe niemanden zu Tode schützen.

Es fehlt nicht an kleinen und großen Studien, die Klarheit verschaffen wollen. Leider kann es Studien ohne methodische Probleme nicht geben. So hat ein Team um P.G- Lindquist 2014 eine viel beachtete Studie zu Pro und Contra Sonnenlicht veröffentlicht, die zeigte, dass die Sterblichkeit bei Frauen, die die Sonne meiden, doppelt so hoch ausfällt wie bei denen, die sie suchen (Avoidance of sun exposure is a risk factor for all-cause mortality: results from the Melanoma in Southern Sweden cohort): „Die Ergebnisse dieser Studie liefern Beobachtungsdaten dafür, dass das Vermeiden von Sonneneinstrahlung ein Risikofaktor für die Gesamtmortalität ist. Die Befolgung sehr restriktiver Empfehlungen zum Sonnenschutz in Ländern mit geringer Sonneneinstrahlung könnte sich tatsächlich nachteilig auf die Gesundheit von Frauen auswirken.“ Allerdings stammt die Studie aus Schweden, einem Land, das nicht für tropische Sommertage bekannt ist.

Bei anderen Studien, die gezeigt haben, dass die Benutzung von Sonnenschutzmitteln hinsichtlich der Mortalität an typischen Krebserkrankungen (Hautkrebs) keine Wirkung hat, kann man beanstanden, dass die Personen, die sich gut schützen, sich auch länger in die Sonne begeben als andere. Daher würde die Schutzwirkung durch die längere Bestrahlung kompensiert werden.

Eigentlich brauchen Kritiker nach Schwachstellen von Studien jedweder Art nicht zu suchen, denn gute Autoren liefern sie immer mit der Studie selbst. Ich habe als Editor keine wissenschaftliche Studie akzeptiert, die ihre methodischen Mängel nicht deklariert hat. Es ist eher eine Auszeichnung für Autoren, die Schwachstellen ihrer Methode präzise zu beschreiben. Eine Lösung gegen methodische Probleme liefern sog. Reviewartikel, also Übersichtsartikel, die eine Großzahl von Studien zu einem Thema evaluieren.

Ein solcher Artikel zu den Wirkungen von Sonnenlicht ist im April 2026 erschienen: Systemic effects of sunlight: 10-year review of cardiovascular, infection and cancer outcomes. Die Autoren, Jasira A. ZiglarRebecca L. QuiñonezLydiah Fridah M. MpyisiIndermeet KohliYolanda GilaberteHenry W. Lim, haben 148 Studien aus den letzten 10 Jahren evaluiert. Das Endergebnis beruht auf 28 Studien.

Die Erklärungen der Autoren zur Studie:

Warum wurde die Studie durchgeführt?

Um den Zusammenhang zwischen UV-Exposition und der Gesamtmortalität zu untersuchen, lag der Schwerpunkt auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionskrankheiten und malignen Erkrankungen der inneren Organe.

Was ist der Beitrag dieser Studie?

Diese Übersichtsarbeit umfasst epidemiologische und klinische Belege, die die positiven gesundheitlichen Auswirkungen der UV-Exposition untersuchen, darunter ein verringertes Risiko für Hodgkin-Lymphom (OR 0,77, 95 % KI 0,68–0,87) und Non-Hodgkin-Lymphom (OR 0,88, 95 % KI 0,81–0,95), wobei die allgemein anerkannten negativen Auswirkungen auf die Haut berücksichtigt werden.

Einleitung der Studie

Über seine weithin anerkannten biologischen Wirkungen auf die Haut hinaus ist Sonnenlicht ein entscheidender Umweltfaktor für die menschliche Physiologie. Obwohl ultraviolette (UV) Strahlung als Risikofaktor für Hautkrebs gilt, deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass Sonnenlicht und UV-Exposition systemische gesundheitliche Vorteile haben.

Neben der Anregung der Vitamin-D-Synthese kann UV-Strahlung die Gesundheit auch über andere Wege verbessern. Einige Hinweise deuten darauf hin, dass UVA-Exposition Stickstoffmonoxid-Speicher in der Haut mobilisiert, wodurch die Gefäßerweiterung gefördert und der Blutdruck gesenkt werden, was sich positiv auf das kardiovaskuläre Risiko auswirkt. Zu den weiteren vorgeschlagenen Mechanismen gehört die UV-vermittelte Immunmodulation. UV-induzierte Proteinfragmente, sogenannte Neoantigene, können die adaptive Immunität stärken, indem sie B- und T-Zell-Reaktionen fördern und die Immundiversität erhöhen, was möglicherweise die Widerstandsfähigkeit gegen Infektionen und die Entstehung von Krebs verbessert.

Angesichts des wachsenden Interesses an den systemischen Auswirkungen der UV-Exposition fasst diese Übersicht die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre zum Zusammenhang zwischen Sonnenlicht, UV-Strahlung und Mortalität zusammen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf inneren Malignomen, kardiovaskulären Endpunkten und Infektionskrankheiten liegt.

Kurzfassung der Autoren der Studie

Sonnenlicht ist ein wichtiger umweltbedingter Einflussfaktor für die menschliche Physiologie, obwohl seine Auswirkungen auf die Gesundheit bislang vorwiegend im Zusammenhang mit Hauterkrankungen untersucht wurden. Während ultraviolette UV-Strahlung als Risikofaktor für Hautkrebs allgemein anerkannt ist, deuten Hinweise darauf hin, dass sie auch positive systemische Wirkungen haben könnte. Diese narrative Übersichtsarbeit fasst die Erkenntnisse der letzten zehn Jahre zu den Zusammenhängen zwischen der Exposition gegenüber Sonnenlicht und UV-Strahlung sowie mortalitätsbezogenen Endpunkten zusammen, wobei der Schwerpunkt auf inneren bösartigen Tumoren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infektionskrankheiten liegt. Es wurde eine umfassende Suche in PubMed und Embase nach englischsprachigen Artikeln durchgeführt, die zwischen Januar 2015 und Juni 2025 veröffentlicht wurden. Von den 148 identifizierten Artikeln wurden zwei Duplikate entfernt. Nach einer Vorauswahl anhand von Titeln und Abstracts wurden 64 Artikel im Volltext auf ihre Eignung geprüft; insgesamt erfüllten 28 Studien die Einschlusskriterien und wurden in die abschließende Auswertung aufgenommen. Von den einbezogenen Studien untersuchten vier kardiovaskuläre Endpunkte, 12 befassten sich mit Infektionskrankheiten, sechs konzentrierten sich auf bösartige Tumoren und sechs bewerteten die Gesamtmortalität. Insgesamt berichteten die meisten Studien über inverse Zusammenhänge zwischen UV-Exposition und negativen Gesundheitsergebnissen, was auf potenzielle schützende Wirkungen hindeutet. So ergab beispielsweise eine große Kohortenstudie, dass Personen mit einer um 2000 kJ/m² höheren jährlichen Sonnenexposition ein um 12 % geringeres Risiko für die Gesamtmortalität aufwiesen. Die Vergleichsgruppe verlor im Durchschnitt 26 Lebenstage während des 15,7-jährigen Nachbeobachtungszeitraums. Diese Übersicht identifiziert ein Muster potenziell vorteilhafter Zusammenhänge zwischen UV-Strahlenexposition und systemischen Gesundheitsergebnissen, wenn auch unter dem Einfluss verschiedener Störfaktoren, darunter der „Healthy-User-Effekt“ und sozioökonomische Unterschiede. Wenn man die Vorteile neben den gut belegten schädlichen Hautauswirkungen der UV-Exposition betrachtet, unterstreichen diese Ergebnisse die Notwendigkeit einer ausgewogenen Gesundheitsaufklärung, die sowohl die Risiken als auch die potenziellen Vorteile der Sonnenexposition berücksichtigt.

Die Kurzfassung in Bildform wurde mit deepl übersetzt:

Ergänzende Zahlen und Fakten

Die nachfolgenden Daten stammen nicht von den Autoren der Studie. Diese habe ich aus verschiedenen Statistiken zusammengestellt. Die Zahlen dienen der Illustration. Der betrachtete Effekt (Mortalität) ist nur ein Indikator für die Gefährlichkeit einer Krebsart. Andere Indikatoren sind Erkrankungsrate, 5-Jahres-Überlebensrate, 10-Jahres-Überlebensrate etc.

Bei jährlich etwa 10 Millionen Krebstoten weltweit entfallen nur ca. 1,2 % bis 1,3 % auf Hautkrebs. In Deutschland entfällt fast jeder vierte Todesfall auf eine Krebserkrankung. Anteil an der Gesamtmortalität: ca. 22,9 % (Stand 2024). Hautkrebs ist für etwa 0,4 % bis 0,5 % aller Todesfälle in Deutschland verantwortlich.

Es besteht seit Längerem ein wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Vitamin D eine wichtige Rolle bei der Zellregulation spielt. Ein Mangel an Vitamin D wird mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung sowie einer höheren Mortalität (Sterblichkeitsrate) bei bestimmten Krebsarten in Verbindung gebracht. Diese sind in der Reihe der Bedeutung geordnet: Darmkrebs, Brustkrebs, Prostatakarzinom und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Beim letztgenannten Fall ist die Datenlage nicht eindeutig. Daher erfolgen keine Angaben.

Darmkrebs (Kolorektales Karzinom)

Dies ist die Krebsart mit der stärksten Evidenz. Studien zeigen konsistent, dass Patienten mit einem höheren Vitamin-D-Spiegel zum Zeitpunkt der Diagnose eine signifikant bessere Überlebenschance haben.

  • Der Mechanismus: Vitamin D hemmt das Zellwachstum und fördert die Differenzierung von Zellen im Dickdarm.
  • Mortalität: Ein schwerer Mangel ist mit einem deutlich höheren Risiko verbunden, an den Folgen von Darmkrebs zu versterben.
  • Mortalitätsrate: (Daten des Statistischen Bundesamtes und des Robert Koch-Instituts (RKI)  Im Jahr 2023 starben rund 24.100 Menschen an Darmkrebs. Das sind etwa 17 % weniger als noch vor 20 Jahren (2003: 28.900 Fälle).

Brustkrebs

Bei Frauen mit Brustkrebs korrelieren niedrige Vitamin-D-Werte häufig mit aggressiveren Tumoren und einer schlechteren Prognose.

  • Einfluss: Vitamin D kann die Proliferation (Ausbreitung) von Brustkrebszellen bremsen.
  • Beobachtung: Patientinnen, die zum Zeitpunkt der Diagnose ausreichenden Speicher hatten, weisen oft eine geringere Rate an Metastasenbildungen auf. Die Mortalität geht seit Langem zurück.
  • Mortalitätsrate: Im Jahr 2023 verstarben in Deutschland 18.527 Frauen und 186 Männer an Brustkrebs.

Prostatakarzinom

Obwohl die Datenlage hier etwas komplexer ist, deutet vieles darauf hin, dass ein Vitamin-D-Mangel das Fortschreiten von Prostatakrebs beschleunigen kann. Prostatakrebs ist primär eine Erkrankung des hohen Lebensalters.

  • Mortalität: Männer in nördlichen Breiten (mit weniger Sonneneinstrahlung) haben statistisch gesehen ein höheres Risiko für tödlich verlaufende Prostatakrebserkrankungen.

Andere Wirkungen von Vitamin-D-Mangel auf den Menschen

Ein Vitamin-D-Mangel ist in Deutschland insbesondere in den Wintermonaten weit verbreitet, da die körpereigene Synthese über die Haut eine ausreichende UVB-Strahlung benötigt. Da Vitamin D eigentlich kein klassisches Vitamin, sondern ein Prohormon ist, wirkt es auf fast alle Organsysteme.

Hier sind die zentralen Auswirkungen eines Mangels auf die Gesundheit:

Skelettsystem und Knochenstoffwechsel

Dies ist die am besten belegte Wirkung. Vitamin D ist essenziell für die Aufnahme von Kalzium aus dem Darm.

  • Osteomalazie & Osteoporose: Bei Erwachsenen führt ein Mangel an Vitamin-D zur Erweichung der Knochen und zum Abbau von Knochensubstanz, was das Risiko für Brüche massiv erhöht.
  • Rachitis: Bei Kindern führt ein schwerer Mangel zu bleibenden Verformungen des Skeletts.
  • Zahngesundheit: Ein Mangel kann die Mineralisierung des Zahnschmelzes schwächen und die Anfälligkeit für Karies und Parodontitis erhöhen.

Muskelfunktion und Sturzrisiko

Vitamin D spielt eine direkte Rolle in der Muskelfaserschaltung.

  • Myopathie: Muskelschwäche und Muskelschmerzen (oft diffus im Bereich der Oberschenkel und des Beckens).
  • Sturzgefahr: Besonders bei Senioren korreliert ein niedriger Spiegel mit Gangunsicherheit und einer erhöhten Sturzfrequenz.

Immunsystem und Entzündungen

Vitamin D wirkt modulierend auf die Immunantwort.

  • Infektanfälligkeit: Ein Mangel wird mit einer höheren Anfälligkeit für Atemwegsinfekte (Grippe, Erkältungen) in Verbindung gebracht.
  • Autoimmunerkrankungen: Es gibt Hinweise darauf, dass ein chronischer Mangel die Entstehung von Krankheiten wie Multipler Sklerose (MS), Typ-1-Diabetes oder rheumatoider Arthritis begünstigen kann.

Psychische Gesundheit und Kognition

  • Saisonale Depression (SAD): Der "Winterblues" steht oft in direktem Zusammenhang mit sinkenden Vitamin-D-Spiegeln, da das Hormon die Serotoninsynthese beeinflusst.
  • Kognitiver Abbau: Studien deuten darauf hin, dass ein niedriger Spiegel mit einem höheren Risiko für Demenz und kognitive Einschränkungen im Alter assoziiert ist.

Literaturverweise der Autoren

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Wirkung von UV auf Mortalität

Wer das Licht der Wahrheit sehen will,
muss erst durch den Tunnel
der Ungewissheit kriechen..

Anonymus

UV-Studie zu Mortalität, kurzgefasst

Dieser Beitrag ordnet die verbreitete Annahme „Sonnenlicht ist gesund“ kritisch ein und fasst zentrale Ergebnisse einer aktuellen Auswertung der UK Biobank zusammen. Ausgangspunkt ist die Spannung zwischen dermatologischen Warnungen vor UV-bedingten Hautschäden (insbesondere Melanomrisiko) und der biologischen Notwendigkeit von UV-Strahlung für verschiedene Körperfunktionen. Die Studie von Stevenson et al. (Health & Place, 2024) untersucht bei älteren Erwachsenen im Vereinigten Königreich, wie UV-Exposition mit Gesamt- und ursachenspezifischer Mortalität zusammenhängt. Dazu werden zwei unterschiedliche, voneinander unabhängige Expositionsmaße verwendet, die über gemessene Serum-Vitamin-D-Spiegel als Biomarker validiert werden: (1) Solariumnutzung und (2) die jährliche durchschnittliche kurzwellige Strahlung am Wohnort. Die Zusammenhänge werden als adjustierte Hazard Ratios für Gesamtmortalität sowie Mortalität durch Herz Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und andere Ursachen analysiert; zusätzlich dienen negative Kontrollergebnisse der Plausibilitätsprüfung. In der ausgewerteten Kohorte (vollständige Daten für 395.086 Personen; mediane Nachbeobachtung 12,7 Jahre) zeigen beide Expositionsmaße konsistent inverse Assoziationen mit der Gesamtmortalität sowie mit kardiovaskulärer und krebsbedingter Mortalität; Solariumnutzung ist zudem mit geringerer Mortalität durch Nicht HKE/Nicht Krebs assoziiert. Als mögliche Mechanismen werden neben Vitamin D Synthese auch UV A vermittelte Effekte über Stickstoffmonoxid (Gefäßerweiterung, Blutdrucksenkung, immunmodulatorische Pfade) diskutiert. Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass in Regionen mit geringer Sonneneinstrahlung potenzielle Vorteile moderater UV-Exposition die Risiken überwiegen könnten, ohne die Notwendigkeit kontextabhängiger Schutzmaßnahmen zu negieren.

UV gesund oder eher gefährlich - Eine epidemiologische Studie

Der Beitrag Phantome, die unser Wissen beherrschen VI - Sonnenlicht ist gesund zeigt das Für und Wider für die Sonne als Quelle gesunder Strahlung. Diesen habe ich unter Phantome der Lichttechnik eingereiht, weil Millionen von Leuten glauben, das Licht der Sonne sei gesund. Das ist sie ohne Zweifel. Allerdings nicht immer und zu allen Bedingungen. Das Sonnenlicht war in der Urzeit der Erde tödlich, weil seine UV-Strahlung ungehindert die Atmosphäre passierte und alles Leben vernichtete, bis sich ein Ozongürtel bildete, der die energiereichsten Strahlen (UV-C) absorbiert. Seitdem durfte das Leben auch ohne den Schutz der Atmosphäre aus dem Wasser an Land gehen. Aber im Melatonin lebt das Gedächtnis des Lebens weiter. Nachts steigen aus der Tiefsee, wo kein Tageslicht zu sehen ist, viele Lebewesen nach oben. Die größte Migration von Biomasse.

Auf der Erde kommen immer noch die UV-B- und UV-A-Strahlen an, die nicht mehr so gefährlich sind. Allerdings ist die Strahlung noch so gefährlich, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter, die im Freien arbeiten, davor schützen müssen. Daher warnen die Dermatologen vor den Gefahren. Man kann jedes Jahr im Frühjahr Dutzende Artikel finden, in denen empfohlen wird, sich mehrmals am Tag mit Sonnencreme mit einem Sonnenschutzfaktor 50 zu schützen.

Auf der anderen Seite ist UV für das Leben des Menschen unerlässlich. Das gilt nicht nur für die Knochen, für deren Aufbau UV gebraucht wird, sondern für viele andere vitale Funktionen auch. Seit etwa 100 Jahren ist eine Art Glaubenskrieg entbrannt, wobei sich die einen längere Zeit in die Sonne knallen, weil gebräunte Haut als ein Zeichen von Gesundheit und Wohlergehen gilt. Auf der anderen Seite stehen die Warner, allen voran die Dermatologen.

Ein britisches Team hat sich der Frage angenommen, ob die Warner oder die Gegenseite recht haben. Die Studie Eine höhere UV-Strahlenbelastung steht mit einer geringeren Sterblichkeit in Zusammenhang: Eine Analyse von Daten aus der UK-Biobank-Kohortenstudie (Original: Higher ultraviolet light exposure is associated with lower mortality: An analysis of data from the UK biobank cohort study) von Stevenson und anderen wurde im September 2024 in Health & Place publiziert. (Originaltext download PDF)

Der folgende Text fasst die wichtigsten Aspekte der Studie (übersetzt mit deepl) zusammen. Es gelten jedoch immer die Aussagen der Autoren in der Originalstudie.

Die Autoren fassen ihre Studie wie folgt zusammen: “Unser Ziel war es, Zusammenhänge zwischen der UV-Exposition und der Mortalität bei älteren Erwachsenen im Vereinigten Königreich (UK) zu untersuchen. Wir verwendeten Daten von Teilnehmern der UK Biobank, bei denen zwei Arten der UV-Exposition vorlagen, die anhand gemessener Vitamin-D-Spiegel validiert wurden: Solariumbesuche und die jährliche durchschnittliche kurzwellige Strahlung am Wohnort. Die Zusammenhänge zwischen den UV-Expositionen, der Gesamtmortalität und der ursachenspezifischen Mortalität wurden als adjustierte Hazard Ratios untersucht. Die UV-Expositionen standen in umgekehrtem Zusammenhang mit der Gesamtmortalität, der Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) und der Krebsmortalität. Solariumnutzer wiesen zudem ein geringeres Risiko für die Mortalität aufgrund von Nicht-HKE- und Nicht-Krebserkrankungen auf. In Ländern mit geringer Sonneneinstrahlung könnten die Vorteile der UV-Exposition die Risiken überwiegen.”

In der Gesundheitsaufklärung im Vereinigten Königreich (UK) und anderen Ländern mit einem hohen Anteil an Bevölkerung europäischer Abstammung wurden die Risiken der UV-Exposition immer hervorgehoben. Der bekannte Zusammenhang zwischen UV-Strahlung und der Entstehung von Melanomen gibt Anlass zu besonderer Sorge. In den Jahren 2017–2019 war die Melanomsterblichkeit jedoch relativ gering und machte nur 1 % aller Krebstodesfälle aus (Cancer Research UK, 2022). Jüngste Erkenntnisse deuten aber darauf hin, dass die Vorteile der UV-Exposition die Risiken überwiegen könnten, insbesondere in Umgebungen mit geringer Sonneneinstrahlung. In einer Kohorte schwedischer Frauen lebten Teilnehmerinnen mit höherer Sonnenexposition länger als diejenigen, die die Sonne mieden (Lindqvist et al., 2016). Der Mortalitätsvorteil wurde hauptsächlich auf eine geringere Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) sowie von Nicht-HKE- und Nicht-Krebserkrankungen zurückgeführt.

Die Autoren geben an, dass es mehrere biologisch plausible Mechanismen gibt, die einen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber Ultraviolett-A- (UV-A) und Ultraviolett-B-Strahlung (UV-B) und der Gesundheit erklären. UV-B-Strahlung bewirkt die Synthese von Vitamin D in der exponierten Haut (Holick, 2016). In Beobachtungsstudien werden höhere Vitamin-D-Spiegel mit niedrigeren Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungsraten in Verbindung gebracht (Chowdhury et al., 2014). Jüngste randomisierte kontrollierte Studien zur Vitamin-D-Supplementierung und Mendelsche-Randomisierungsstudien stützen jedoch keine kausale Rolle von Vitamin D bei einer Reihe von gesundheitlichen Endpunkten außerhalb des Skelettsystems (Pilz et al., 2016; Manson et al., 2019).

Die Autoren geben an, dass UV-A-Photonen längere Wellenlängen haben und tiefer in die Haut dringen (Holick, 2016). Die UV-A-Exposition der Haut löst eine durch Stickstoffmonoxid (NO) vermittelte Gefäßerweiterung aus, die den Blutdruck senkt (Liu et al., 2014). NO ist zudem ein negativer Regulator des NLRP3-Inflammasoms, das mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Verbindung gebracht wird, darunter Typ-II-Diabetes und Atherosklerose (Mao et al., 2013). Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass UV-A unabhängig von UV-B vor Herzinfarkt (Mackay et al., 2019) und COVID-19-Sterblichkeit (Cherrie et al., 2021) schützt.

Ziel dieser Studie war es, anhand von Daten von Teilnehmern der UK Biobank zu ermitteln, inwieweit die UV-Exposition mit der Gesamtmortalität und der ursachenspezifischen Mortalität assoziiert ist. Die Autoren verwendeten zwei unterschiedliche Expositionsschätzungen, die anhand der Serum-Vitamin-D-Spiegel – einem Biomarker für die UV-Exposition – validiert wurden, sowie ein negatives Kontrollergebnis, um diese Frage zu untersuchen.

Materialien und Methoden

Die UK Biobank ist eine prospektive, bevölkerungsbasierte Kohorte mit über 500.000 Teilnehmern, die zum Zeitpunkt der Rekrutierung (2006 und 2010) zwischen 37 und 73 Jahre alt waren und in der Nähe von 22 Rekrutierungszentren in ganz England, Wales und Schottland wohnten (Sudlow et al., 2015). Es wurden soziodemografische Daten, Gesundheitsdaten sowie Ergebnisse der körperlichen Untersuchung mit Blut-, Urin- und Speichelproben erhoben. Die ethische Genehmigung für die UK Biobank erteilte das North West Centre for Research Ethics Committee (11/NW/0382). Die genetisch bedingte Hautpigmentierung spielt eine wichtige Rolle bei den biologischen Reaktionen auf UV-Exposition (Brenner und Hearing, 2008). Um den potenziellen Störeffekt von UV-Exposition, Hautpigmentierung und Mortalität zu begrenzen, beschränkten die Autoren sich in der vorliegenden Analyse auf Teilnehmer weißer europäischer Abstammung, wobei sie eine Kombination aus selbst angegebenem ethnischem Hintergrund und genetischen Informationen verwendeten.

Studiendesign

Die Autoren geben Folgendes an: “Um die Kausalität besser beurteilen zu können, verwendeten wir: [i] zwei aus unabhängigen Prozessen geschätzte Expositionen, die separat modelliert wurden (was eine Triangulation ermöglichte (Lawlor et al., 2017)), [ii] gemessene Vitamin-D-Serumspiegel, einen Biomarker für die UV-Exposition, zur Validierung der Expositionen und [iii] ein negatives Kontrollergebnis, um die Angemessenheit der Anpassung zu überprüfen.”

Interessante Untersuchungsgegenstände

Die Gesamtmortalität sowie die ursachenspezifische Mortalität (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Nicht-Herz-Kreislauf-Erkrankungen/Nicht-Krebs) waren die primären Auswirkungen, die studiert wurden. Jeder Teilnehmer der UK Biobank wurde zum Zeitpunkt seiner Aufnahme in die Studie mit einem nationalen Sterberegister verknüpft (Sudlow et al., 2015). Eine Liste der für jedes Mortalitätsergebnis verwendeten ICD-10-Codes ist in der Zusatzdatei 2 verfügbar. Der Zusammenhang zwischen UV-Exposition und Melanominzidenz hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen; frühere Forschungsarbeiten haben jedoch auf ein komplexes Zusammenspiel zwischen UV-bedingter Melanominzidenz und Mortalität hingewiesen (Adamson et al., 2022; Maduka et al., 2023). Um dies zu überprüfen, verglichen wir in Sekundäranalysen die Melanominzidenz und -mortalität. Wir verglichen zudem die Inzidenz und Mortalität von Nicht-Hautkrebserkrankungen.

(Rest der Methodik bitte dem Originaltext entnehmen.)

Ergebnisse

An der UK-Biobank-Kohorte nahmen 502.412 Teilnehmer teil, von denen 49.386 keine weiße europäische Abstammung hatten. Von den in Frage kommenden Teilnehmern lagen für 395.086 vollständige Informationen vor (Abb. 1). Die Gesamtnachbeobachtungszeit betrug 4.912.032 Personenjahre, mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 12,7 Jahren. Die vollständigen Teilnehmerdaten und fehlenden Daten sind in Tabelle 1 beschrieben. Die fünf häufigsten Ursachen für kardiovaskuläre, krebsbedingte und nicht-kardiovaskuläre/nicht-krebsbedingte Todesfälle unter den Teilnehmern sind in der Zusatzdatei 4 beschrieben.

Wir stellen fest, dass Teilnehmer der UK Biobank, die Solarien nutzen und an Orten mit einer höheren jährlichen durchschnittlichen kurzwelligen Strahlung (SWR) leben, ein geringeres Risiko für die Gesamtmortalität sowie für die Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs aufweisen. Solariumnutzer haben zudem ein geringeres Risiko für die Mortalität aufgrund von anderen Ursachen als Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Diese Ergebnisse zeigen sich bei zwei sehr unterschiedlichen Arten der Exposition, wobei eine Anpassung vorgenommen und die Angemessenheit dieser Anpassung durch die Überprüfung eines negativen Kontrollergebnisses bestätigt wurde.

Diese Ergebnisse ergänzen die wachsende Literatur, die darauf hindeutet, dass UV-Exposition mit einer geringeren Mortalität assoziiert ist. Ergebnisse aus prospektiven Kohortenstudien in Schweden, das auf einem ähnlichen Breitengrad wie das Vereinigte Königreich liegt, zeigen eine inverse Beziehung zwischen aktiverem Sonnenverhalten und der Gesamtmortalität (Lindqvist et al., 2014; Yang et al., 2011) sowie inverse dosisabhängige Zusammenhänge zwischen der Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nicht-kardiovaskulären/nicht-krebsbedingten Ursachen und Krebs (Lindqvist et al., 2016). Mehrere Studien deuten zudem auf einen Zusammenhang zwischen Breitengrad und Mortalität hin, wobei ein Leben näher am Äquator mit einer höheren Lebenserwartung, einer geringeren Mortalität aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer geringeren Mortalität bei verschiedenen Krebsarten assoziiert war (Grant, 2010; Borisenkov, 2011; Müller-Nordhorn et al., 2008).

Die Nutzung von Solarien war nicht mit der Inzidenz von Nicht-Hautkrebs assoziiert, wohl aber mit einer niedrigeren Mortalität durch Nicht-Hautkrebs. Ein höherer jährlicher durchschnittlicher SWR-Wert war mit einer niedrigeren Inzidenz und Mortalität von Nicht-Hautkrebs assoziiert, wobei der Effekt auf die Mortalität größer war als auf die Inzidenz. Eine mögliche Erklärung für diesen Unterschied könnte.”

Literaturhinweise der Autoren

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Minds in Motion – Bewegter Verstand

Wenn man weiß „wie“,
sieht das Schwere
plötzlich leicht aus.

Anonymus

Minds in Motion, kurzgefasst

Mariana G. Figueiros jüngere Arbeiten am Lighting Research Center lesen sich wie eine stille Revolution des Alltags: als Erinnerung daran, dass gebaute Umgebung den Geist beruhigen – oder ihn systematisch stören – kann. Der Text folgt ihrer „tailored lighting intervention“ (TLI) nicht als greller Therapiestrahler, sondern als bewohnbarer Rhythmus aus Helligkeit und Dämmerung: tagsüber genügend zirkadian wirksames Licht (CS-Ziel etwa 0,3 oder höher), am Abend dagegen eine bewusst gedämpfte Beleuchtung (unter ca. 0,1), damit Dunkelheit wieder zum biologischen Signal wird. Bemerkenswert ist die Pragmatik des Ansatzes: warmes Licht um 3000K und ein moderates Niveau von rund 300–400 lx – kompatibel mit gewöhnlichen Tisch- und Stehlampen statt klinischer Apparatur. Von Pflegeheimen, in denen der Tag oft zu dunkel und die Nacht zu hell ist, bis zu Gruppen unter Extremstress wie den World-Trade-Center-Rettungs- und Bergungskräften laufen die berichteten Effekte auf dasselbe Menschliche hinaus: besserer Schlaf, stabilere Stimmung, weniger Unruhe, teils messbare kognitive Gewinne, die sich mit der Dauer der Intervention zu verstärken scheinen. Am Ende steht eine Gestaltungsmaxime statt eines Luxusprodukts: helle Tage, gedämpfte Abende und wirklich dunkle Nächte..

Minds in Motion

Mariana G. Figueiro, Professor für Architektur am Lighting Research Center, Troy, New York, und Direktor der Licht- und Gesundheitsforschung, summierte in April 2026 ihre Forschungsergebnisse über die Heilwirkungen des Lichts bei wirklich harten Fällen Alzheimer-Patienten oder Überlebenden von 9/11 (Rettungskräfte, die die Katastrophe gemanagt hatten). Viele von ihnen können kaum schlafen.

Figueiro beschreibt Forschungsergebnisse über die Entwicklung und Erprobung einer maßgeschneiderten Lichtintervention (TLI), die darauf ausgelegt ist, tagsüber einen CS-Wert[1] von mindestens 0,3 zu erzielen – ein Niveau, das sich in klinischen Studien als wirksam erwiesen hat –, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass der CS-Wert am Abend unter 0,1 bleibt.

Anders als Arbeiten, die die circadiane Wirkung mit dem blauen Licht in Verbindung sehen, arbeitet TLI mit warmem Licht mit einer Farbtemperatur von 3000 K. Eine andere Besonderheit ist das Lichtniveau, das etwa 300 – 400 lx beträgt. Die Therapieleuchten erzeugen hingegen bis 10.000 lx.

Die hier beschriebene Methode lässt sich also in jeder Wohnung anwenden, auch wenn man nicht krank oder malade ist. Die wissenschaftliche Begründung kann man hier oder da lesen. Den Originalbeitrag finden Sie hier.

Licht für Patienten mit Alzheimer-Krankheit und verwandten Demenzerkrankungen

Figueiro sieht hier den größten Bedarf, weil das Licht in Pflegeheimen selten dem Ideal entspricht: hell tagsüber, gedämpft am Abend und dunkel in der Nacht. Fazit: „Unsere früheren Studien, die in Pflegeheimen durchgeführt wurden, zeigten den tiefgreifenden Einfluss der TLI auf Menschen mit Alzheimer-Krankheit und verwandten Demenzerkrankungen. Die TLI verbesserte die Schlafqualität, die Stimmung und das Verhalten signifikant. Bemerkenswerterweise konnten wir zeigen, dass der Einfluss des Lichts auf diese Ergebnisse kumulativ war; je länger die Dauer der TLI (d. h. bis zu 6 Monate in unserer Studie), desto größer waren die beobachteten Verbesserungen… Diese Ergebnisse stimmten mit denen von Eus van Someren und Kollegen überein, die zeigten, dass die Exposition gegenüber hellem Tageslicht (>1.000 Lux am Auge) über einen Zeitraum von 3,5 Jahren den Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus konsolidierte, die kognitiven Fähigkeiten verbesserte und Depressionen reduzierte.“

Solche Wirkungen wurden mit einfachen Tisch- und Stehlampen erzielt, die in die Lebensumgebung passen.

Rettungs- und Bergungskräfte, Freiwillige und Parkinson-Patienten

Hierzu schreibt Figueiro „Die Vorteile der TLI gehen über ältere Erwachsene und Menschen mit Demenz hinaus und unterstreichen die weitreichende Bedeutung der circadianen Synchronisation für die Gesundheit des Gehirns. Rettungs- und Bergungskräfte aus dem World Trade Center sind aufgrund des extremen Stresses und der Umweltbelastungen während des 11. September nach wie vor besonders anfällig für circadiane Störungen und Neuroinflammation, und viele leiden immer noch unter kognitiven Beeinträchtigungen und Schlafstörungen.

Unsere Untersuchung ergab, dass eine zweimonatige tägliche TLI-Intervention – eine Stunde innerhalb von zwei Stunden nach dem Aufwachen – den Schlaf und die kognitiven Fähigkeiten in dieser Gruppe signifikant verbesserte. Wir beobachteten einen eindeutigen Zusammenhang: Eine stärkere morgendliche Exposition gegenüber circadian wirksamem Licht sagte eine bessere kognitive Leistungsfähigkeit voraus. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Lichttherapie eine nicht-invasive Möglichkeit bieten könnte, die langfristige kognitive Gesundheit und die Schlafqualität bei Personen zu fördern, die von schweren Traumata und Umweltstress betroffen sind.

Patienten mit Parkinson-Krankheit (PD) leiden häufig unter motorischen und nicht-motorischen Symptomen, darunter häufige Schlafstörungen, die oft mit einer Störung des zirkadianen Rhythmus zusammenhängen. Müdigkeit ist ein weiteres schwieriges Symptom, für das es nur wenige evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten gibt.“

Fazit

Es ist nicht gesagt, dass Mittel und Methoden, die man für Therapiezwecke anwendet, auch bei gesunden Menschen im Alltag funktionieren. Dafür spricht nicht zuletzt die Verschreibungspflicht für wirksame Medizin. Bei Licht gilt dies wohl nicht. Hierzu führt die Autorin aus: „Unsere Arbeit bestätigt, dass Licht die menschliche Gesundheit auf eine Weise positiv beeinflusst, wie wir es uns vorgestellt hatten, und auf eine Weise, die wir uns zuvor nur vorstellen konnten. Für Lichtdesigner ist die entscheidende Erkenntnis nicht die Wahl der zu verwendenden Messgröße [CS oder Tageslichtäquivalent, d. Übersetzer], sondern die nachgewiesenen Vorteile einer validierten, nicht-pharmakologischen Intervention, die Schlaf, Stimmung, Verhalten und kognitive Fähigkeiten bei gefährdeten Bevölkerungsgruppen verbessert. Die Herausforderung besteht nun darin, die Debatte hinter uns zu lassen und uns auf die Umsetzung zu konzentrieren. „Circadian Lighting“ ist kein Nischen- oder Premiumprodukt, sondern eine grundlegende Voraussetzung für die Gestaltung einer gesunden gebauten Umwelt. Bei der Zukunft der Beleuchtung geht es nicht nur ums Sehen, sondern auch darum, „helle Tage, gedämpfte Abende und dunkle Nächte“ zu schaffen, um die menschliche Gesundheit und das Wohlbefinden zu fördern.“

Literaturverweise der Autorin

1 George C. Brainard et al. “Action Spectrum for Melatonin Regulation in Humans: Evidence for a Novel Circadian Photoreceptor.” Journal of Neuroscience, vol. 21, no. 16, 2001.

2 Khushwant Thapan, Josephine Arendt, and Debra J. Skene. “An Action Spectrum for Melatonin Suppression: Evidence for a Novel Non-Rod, NonCone Photoreceptor System in Humans.” Journal of Physiology, vol. 535, 2001.

3 Sat Bir S. Khalsa et al. “A Phase Response Curve to Single Bright Light Pulses in Human Subjects.” Journal of Physiology, vol. 549, 2003.

4 Mark S. Rea, Rohan Nagare, and Mariana G. Figueiro. “Modeling Circadian Phototransduction: Quantitative Predictions of Psychophysical Data.” Frontiers in Neuroscience, vol. 15, 2021.

5 Mark S. Rea, Rohan Nagare, and Mariana G. Figueiro. “Modeling Circadian Phototransduction: Retinal Neurophysiology and Neuroanatomy.” Frontiers in Neuroscience, vol. 14: 2021.

UL Standards and Engagement. Design Guideline for Promoting Circadian Entrainment with Light for Day-Active People, Design Guideline 24480, Edition 1. Northbrook, IL: Underwriters Laboratories, 2019.

7 Mariana G. Figueiro et al. “Tailored Lighting Intervention (TLI) for Improving Sleep-Wake Cycles in Older Adults Living with Dementia.” Frontiers in Physiology, vol. 14, 2023.

8 Mariana G. Figueiro et al. “Long-Term, All-Day Exposure to Circadian-Effective Light Improves Sleep, Mood, and Behavior in Persons with Dementia.” Journal of Alzheimer’s Disease Reports, vol. 4, no. 1, 2020.

9 Eus J. W. van Someren et al. “Indirect Bright Light Improves Circadian Rest-Activity Rhythm Disturbances in Demented Patients.” Biological Psychiatry, vol. 41, no. 9, 1997.

10 Rixt F. Riemersma-van der Lek et al. “Effect of Bright Light and Melatonin on Cognitive and Noncognitive Function in Elderly Residents of Group Care Facilities: A Randomized Controlled Trial.” Journal of the American Medical Association, vol. 299, no. 22, 2008.

11 Paul K. Crane et al. “Glucose Levels and Risk of Dementia.” New England Journal of Medicine, vol. 369, no. 15, 2013.

12 Ola A. Alsalman et al. “Tailored Light Intervention for Sleep and Cognition in World Trade Center (WTC) Cohort.” Archives of Environmental and Occupational Health, vol. 80, no. 9, 2025.

[1] CS = circadian stimulus. wissenschaftliche Kennzahl, die beschreibt, wie stark eine Lichtquelle das menschliche zirkadiane System (unsere "innere Uhr") anspricht. Er wurde am Lighting Research Center (LRC) des Rensselaer Polytechnic Institute entwickelt.

 

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Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit von Lisa Heschong

Nichts ist energetisch ineffizienter
als ein kranker Körper.

Anonymus

Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit, kurzgefasst

Der Beitrag fasst zentrale Thesen von Lisa Heschong (14. April 2026) zu einer „zweiten Revolution“ im Verständnis von Licht und Gesundheit zusammen. Während die erste Forschungswelle vor allem die circadiane Wirkung (Zeitpunkt, Intensität, blaues Licht) betonte, rücken nun weitere nicht visuelle Mechanismen in den Fokus. Große epidemiologische Datensätze deuten darauf hin, dass höhere Lichtexpositionen am Tag langfristig mit besseren Gesundheitsoutcomes assoziiert ist (u. a. weniger psychiatrische Diagnosen sowie geringere Herz Kreislauf , Krebs und Mortalitätsraten). Zugleich wird die Erklärung über Vitamin D als alleinige Ursache relativiert, weil Supplementierungsstudien die erwarteten Effekte nur begrenzt replizieren. Der Beitrag diskutiert zudem spektrale Anteile jenseits des Sichtbaren: Nahinfrarot (NIR), das in der Photobiomodulation genutzt wird und auch bei Umgebungsdosen physiologische Effekte zeigen könnte, sowie ultraviolette Strahlung (UV), die durch moderne LED Beleuchtung und Low E Verglasung in Innenräumen stark reduziert wird. Diese technischen Veränderungen können unbeabsichtigte Folgen haben, etwa im Kontext der Myopie Epidemie. Insgesamt bleibt die Evidenz zur wirksamen und sicheren Dosierung lückenhaft; als pragmatische Konsequenz wird empfohlen, tagsüber mehr Zeit bei ungefiltertem Tageslicht im Freien zu verbringen und Tageslicht in Innenräumen stärker als Gesundheitsressource zu berücksichtigen.

Eine zweite Revolution in Sachen Licht und Gesundheit von Lisa Heschong

Die bekannte US-Architektin Lisa Heschong schreibt in einem Beitrag vom 14. April, 2026 über eine neue Phase der Erkenntnisgewinnung zu nicht-visuellen Wirkungen von Licht. Hierbei geht es nicht primär um circadiane Wirkungen. Der Gesamtbeitrag ist hier abrufbar. Die zitierten Teile wurden mit deepl übersetzt.

Unser Verständnis von Beleuchtung und Wohlbefinden neu definieren

Der Beitrag beschreibt eine sich abzeichnende „zweite Revolution“ im Verständnis von Licht und Gesundheit. Während die erste Welle der Forschung vor allem die circadiane Wirkung von Licht (Zeitpunkt, Intensität und insbesondere blaues Licht) und deren Einfluss auf Schlaf, Wachheit und hormonelle Signale in den Mittelpunkt stellte, rücken nun zusätzliche, nicht‑visuelle Wirkmechanismen in den Fokus. Auf Bevölkerungsebene liefern große epidemiologische Datensätze Hinweise, dass eine höhere Lichtexposition am Tag langfristig mit günstigen Gesundheitswirkungen assoziiert ist – darunter weniger psychiatrische Diagnosen, geringere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie niedrigere Krebs- und Sterblichkeitsraten. Gleichzeitig wird die bislang dominante Erklärung über Vitamin‑D als alleinige Ursache zunehmend hinterfragt, da Supplementierungsstudien die erwarteten Effekte nicht in gleichem Maß reproduzieren konnten.

Eine Pilotstudie zu Tageslicht in Innenräumen deutet zudem darauf hin, dass bereits wenige Tage Arbeit in einem tageslichtdurchfluteten Büro messbare, wenn auch subtile Verbesserungen metabolischer Parameter bei älteren Erwachsenen mit Diabetes bewirken können. Darüber hinaus diskutiert der Text mögliche Beiträge von Spektralanteilen jenseits des Sichtbaren: Nahinfrarot (NIR), das in der Photobiomodulation intensiv genutzt wird und auch bei Umgebungsdosen physiologische Effekte zeigen könnte, sowie ultraviolette Anteile, deren Reduktion in modernen Gebäuden durch LED‑Beleuchtung und Low‑E‑Verglasung unbeabsichtigte Folgen haben kann (u. a. im Kontext der Kurzsichtigkeitsepidemie). Insgesamt wird deutlich: Viele „Puzzleteile“ – insbesondere zur wirksamen und sicheren Dosierung – fehlen noch. Bis präzisere Empfehlungen vorliegen, lautet die praxisnahe Schlussfolgerung, den Aufenthalt bei ungefiltertem Tageslicht am Tag zu erhöhen und Tageslicht in Innenräumen stärker als gesundheitliche Ressource zu berücksichtigen.

Warum ungefiltertes Tageslicht?

Wirkungen von Nahinfrarot auf die Physiologie und auf das Auge

Ein Blick in die Abbildungen des Artikels zeigt deutlich, in welchem Maße das Licht im Innern der Gebäude durch die Verglasung verändert wird, wenn man statt Klarglas wie einst beschichtete Gläser i.S. einer Energieeffizienz einsetzt.

Im ersten Bild geht es um den sichtbaren Bereich und um Nahinfrarot. Wie die Kurven zeigen, sind die Gläser alles andere als transparent, sie sehen nur so aus.

Das Klarglas, das bei einscheibiger Anwendung noch über einen Transmissionsgrad von über 0,9 verfügt, liegt im visuellen Bereich bei ca. 0,82. Die modernste Form der Silberbeschichtung lässt nur noch 53% Licht durch. Richtig dramatisch wird es bei Nahinfrarot. Bei einer dreifachen Silberbeschichtung kommt praktisch nichts mehr durch.

Dasselbe passiert, wenn man eine Glühlampe durch eine LED ersetzt. Sie emittiert kaum IR. Dadurch kommt ja ihre große Energieeffizienz zustande.

Ob man den Umstand Effizienz nennen darf, stellt Heschong indes in Frage. Denn eine von ihr interpretierte Studie hat gezeigt, dass nach einer Stunde NIR-Exposition die Forscher jedoch signifikante Verbesserungen sowohl der kardiovaskulären als auch der emotionalen Funktion feststellten, die mindestens eine weitere Stunde anhielten. (s. dazu Beitrag: Ist LED-Beleuchtung effizienter als die Glühlampenbeleuchtung? Eine physiologische Betrachtung. Die Nahinfrarot-Bestrahlung bewirkt zudem, wie in dem zitierten Beitrag ausgeführt, dass auch die visuelle Leistung durch Nahinfrarot verbessert wird. Heschong verweist auf eine weitere Studie mit dem Ergebnis: Längere Wellenlängen im Sonnenlicht durchdringen den menschlichen Körper und haben eine systemische Wirkung, die das Sehvermögen verbessert.[1]

Man muss daher den Anspruch einer Energieeinsparung durch Isoliergläser oder LEDs relativieren. Zusammen genommen deuten diese und andere Studien darauf hin, dass die NIR-Exposition ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Raumklimas sein könnte. In den letzten Jahrzehnten hat sich die NIR-Exposition in Innenräumen jedoch durch zwei wesentliche technologische Veränderungen stark verringert:

  • eine Reduzierung der Verwendung von Glühlampen, einschließlich Kerzen und offenen Feuern, die auf natürliche Weise NIR-Strahlung abgeben; zunächst zugunsten von Leuchtstofflampen und in jüngerer Zeit zugunsten von LED-Lichtquellen
  • die zunehmende Verwendung von Low-E-Beschichtungen (Low-Emissivity) an Fenstern, die das Spektrum des durch sie hindurchtretenden Tageslichts einschränken.

Der Wandel bei den elektrischen Lichtquellen hat im Internet eine Kontroverse darüber ausgelöst, ob LEDs neu konzipiert werden sollten, um eine stärkere NIR-Strahlung zu erzeugen. Ebenso entsteht eine Kontroverse darüber, ob energieeffiziente Fenster überdacht werden sollten, um einen größeren Teil des Sonnenspektrums durchzulassen.

Wirkungen von Utraviollett

Erst seit kurzem werden die möglichen gesundheitlichen Folgen einer Verringerung der Exposition gegenüber Sonnenwellenlängen jenseits des sichtbaren Spektrums in Innenräumen thematisiert. Nicht nur das nahe Infrarot (NIR) gibt Anlass zur Sorge, sondern auch sehr kurze Wellenlängen bis hin in den ultravioletten Bereich.

Seit den 1980er Jahren und verstärkt seit den 2000er Jahren wurden Wohn- und Arbeitsräume mit neuen, energieeffizienteren Fenstern mit Low-E-Beschichtungen ausgestattet. Diese transparenten Beschichtungen, die größtenteils aus Silberoxiden bestehen, optimieren die Lichtdurchlässigkeit im Bereich um 550 Nanometer (nm) innerhalb des für den Menschen sichtbaren Spektrums, während sie andere Sonnenwellenlängen, insbesondere im NIR- und im ultravioletten Bereich, als unnötige „Energieverschwendung“ reflektieren.

In welchem Maße diese Fenster die Sonnenstrahlung filtern, zeigt das untere Bild

Hier sieht man ganz deutlich, dass auch die UVA-Strahlung kräftig beschnitten wird. Dies betrifft auch die Lichtstrahlung, die circadian wirksam ist. Das Endergebnis der heutigen energieeffizienten Fenster ist jedoch, dass 50 bis 95 % sowohl der einfallenden NIR- als auch der UV-Sonnenstrahlung aus dem Inneren von Gebäuden ferngehalten werden.

Heschong zitiert zu diesem Punkt eine Studie aus Edinburgh, UK, die zeigt, dass die höhere UV-Intensität die Mortalität in Ländern mit moderaten Sonnenscheindauern reduziert.[2]

Folgen der verminderten Lichtexposition

Heschong befürchtet, dass die insgesamt verminderte Lichtexposition (weniger Licht im Innenraum, kürzerer Aufenthalt im Freien) die Entwicklung des Menschen in den frühen Jahren negativ beeinflusst: Eine der besorgniserregendsten Folgen der verminderten Lichtexposition in Innenräumen könnte eine Beeinträchtigung der Sehentwicklung im Kindesalter sein. Eine normale Entwicklung im Mutterleib führt zu funktionsfähigen Augen bei der Geburt, die sich in den ersten Lebensjahren zu einer perfekten Sehschärfe von 20/20 entwickeln. Doch bei der Augenentwicklung von Kindern scheint etwas grundlegend schiefzulaufen, sodass immer mehr Kinder kurzsichtig werden. Anstatt eine perfekte Form für klares Sehen zu erreichen, wächst ein kurzsichtiges Auge weiter und verlängert sich, wodurch es immer schwieriger wird, in die Ferne zu fokussieren. In den USA werden mittlerweile 35 bis 40 % der Kinder für den Rest ihres Lebens kurzsichtig, verglichen mit 2 bis 5 % vor einigen Generationen. In Asien ist das Problem noch gravierender und betrifft in einigen der größeren Städte bis zu 90 % der Jugendlichen. Angesichts des raschen Generationswechsels handelt es sich hier eindeutig um eine Krankheit mit umweltbedingten Ursachen.

Dieses Thema wurde in Licht-formt-leben.de in einem getrennten Beitrag ausführlich diskutiert: Zurück in die Höhle Dank iPhone & Co? Der damals behandelte Artikel liest sich das Ergebnis wie eine Horrormeldung: In urbanen Teilen von Süd- und Ostasien sind Heranwachsende derzeit zu  80% bis 90% kurzsichtig.

Dazu Heschong: Kurzsichtigkeit ist typischerweise eine Kinderkrankheit, deren Fortschreiten in der späten Jugend oder im frühen Erwachsenenalter zum Stillstand kommt. Viele Menschen kommen schnell zu dem Schluss, dass der derzeitige weltweite „Kurzsichtigkeitsboom“ mit der zunehmenden Bildschirmzeit bei Kindern zusammenhängen muss. Eines der ersten Anzeichen für die Kurzsichtigkeitsepidemie zeigte sich jedoch bei den Inuit-Stämmen in Kanada, die in den 1940er und 1950er Jahren von der Regierung aggressiv in westlich geprägte Häuser und Schulen umgesiedelt wurden. So wechselten diese indigenen Völker von einem Leben, das selbst während der langen Dämmerungszeiten des arktischen Winters überwiegend im Freien stattfand, zu einem Leben in Innenräumen unter Glüh- und Leuchtstofflampen. In den 1970er Jahren stellten Optiker fest, dass Inuit-Kinder im Vergleich zu den vernachlässigbaren Raten ihrer Großeltern in alarmierendem Ausmaß Kurzsichtigkeit entwickelten, was zeigt, dass die Kurzsichtigkeitsepidemie schon lange vor der Verbreitung von Computern und Mobiltelefonen im modernen Leben festgestellt wurde.[3]

Seitdem liefern epidemiologische Studien eindeutige Belege dafür, dass es Kindern in ländlichen Gebieten besser geht als denen, die in Städten aufwachsen. Ein geringeres Risiko für Kurzsichtigkeit wurde zudem eindeutig mit Kindern in Verbindung gebracht, die mehr Zeit im Freien verbringen, sei es bei sportlichen Aktivitäten oder beim ruhigen Lesen. Dies lässt vermuten, dass die visuelle Umgebung im Freien etwas an sich hat, das die normale Augenentwicklung fördert. Eine Hypothese, die Beachtung gefunden hat, besagt, dass das Spektrum des Tageslichts diese schützende Wirkung hat, insbesondere durch Wellenlängen außerhalb des sichtbaren Spektrums.[4]

Der Rat von Lisa Heschong: Heute beginnen Wissenschaftler, die zugrunde liegenden molekularen Mechanismen genauer zu untersuchen und ihre evolutionäre Entwicklung über verschiedene Arten hinweg nachzuzeichnen. Zudem wurden Projekte ins Leben gerufen, um detaillierte Daten zur Lichtexposition von verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf allen Kontinenten zu sammeln, um besser zu verstehen, wie die Lichtexposition im Alltag tatsächlich aussieht. Vielleicht werden wir bald in der Lage sein, genauere Empfehlungen für die tägliche Lichtexposition zu geben, um die Gesundheit der Menschen zu fördern. Bis es so weit ist, lautet der derzeit beste Ratschlag wohl, einfach mehr Zeit im Freien bei ungefiltertem Tageslicht zu verbringen.[5]

Literaturverweise der Autorin

1 Angus C. Burns et al. “Day and Night Light Exposure Are Associated with Psychiatric Disorders: An Objective Light Study in >85,000 People.” Nature Mental Health, vol. 1, 2023.

2 Daniuel P. Windred et al. “Brighter Nights and Darker Days Predict Higher Mortality Risk: A Prospective Analysis of Personal Light Exposure in 88,000 Individuals.” Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, vol. 121, no. 43, Oct. 2024.

3 Andrew C. Stevenson et al. “Higher Ultraviolet Light Exposure Is Associated with Lower Mortality: An Analysis of Data from the UK Biobank Cohort Study.” Health & Place, vol. 89, Sept. 2024.

4 Richard B. Weller. “Sunlight: Time for a Rethink?” Journal of Investigative Dermatology, vol. 144, no. 8, Aug. 2024.

5 Jan-Frieder Harmsen et al. “Natural Daylight during Office Hours Improves Glucose Control and Whole-Body Substrate Metabolism.” Cell Metabolism, vol. 38, no. 1, Jan. 2026.

6 Ioannis G. Lempesis and Frank A. J. L. Scheer. “Illuminating the Influence of Natural Daylight on Human Metabolism.” Cell Metabolism, vol. 38, no. 1, Jan. 2026.

7 Pooja Shivappa et al. “From Light to Healing: Photobiomodulation Therapy in Medical Disciplines.” Journal of Translational Medicine, vol. 23, 2025.

8 Charlotte M. Roddick et al. “Effects of NearInfrared Radiation in Ambient Lighting on Cognitive Performance, Emotion, and Heart Rate Variability.” Journal of Environmental Psychology, vol. 100, Nov. 2024.

9 Glen Jeffery et al. “Longer Wavelengths in Sunlight Pass through the Human Body and Have a Systemic Impact Which Improves Vision.” Scientific Reports, vol.15, no. 1, July 2025.

10 Aamer Saleem et al. “Near Infrared Transmission through Various Clothing Fabrics.” Journal of Textile Science & Engineering, vol. 3, no. 2, 2013.

11 Kevin W. Houser, Lisa Heschong, and Richard A. Lang. “Buildings, Lighting, and the Myopia Epidemic.” LEUKOS, vol.19, no. 1, Jan. 2023.

12 Jos J. Rozema et al. “Reappraisal of the Historical Myopia Epidemic in Native Arctic Communities.” Ophthalmic and Physiological Optics, vol. 41, no. 6, Sept. 2021.

13 Lisa Heschong, Richard A. Lang, and Shruti Vemaraju. “New Dimensions of Daylight and Health: How Opsin Biology May Inform Lighting Standards in the Near Future.” Lighting Research & Technology, vol. 57, no. 6–7, 2025.

14 Johannes Zauner, Steffen Hartmeyer, and Manuel Spitschan. “LightLogR: Reproducible analysis of personal light exposure data.” The Journal of Open Source Software, vol. 10, no. 107, Mar. 2025

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[1] Glen Jeffery et al. “Longer Wavelengths in Sunlight Pass through the Human Body and Have a Systemic Impact Which Improves Vision.” Scientific Reports, vol.15, no. 1, July 2025.

[2] Andrew C. Stevenson et al. “Higher Ultraviolet Light Exposure Is Associated with Lower Mortality: An Analysis of Data from the UK Biobank Cohort Study.” Health & Place, vol. 89, Sept. 2024.

[3] Jos J. Rozema et al. “Reappraisal of the Historical Myopia Epidemic in Native Arctic Communities.” Ophthalmic and Physiological Optics, vol. 41, no. 6, Sept. 2021.

[4] Lisa Heschong, Richard A. Lang, and Shruti Vemaraju. “New Dimensions of Daylight and Health: How Opsin Biology May Inform Lighting Standards in the Near Future.” Lighting Research & Technology, vol. 57, no. 6–7, 2025.

[5] 14 Johannes Zauner, Steffen Hartmeyer, and Manuel Spitschan. “LightLogR: Reproducible analysis of personal light exposure data.” The Journal of Open Source Software, vol. 10, no. 107, Mar. 2025

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Health Washing – Wie man an Glaubwürdigkeit verliert

Der Geschäftemacher lebt
nicht vom Produkt,
sondern von der Sehnsucht,
die sein Bild erzeugt..

Anonymus

Health Washing , kurzgefasst

Die aktuelle Renaissance des „gesunden Lichts“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Fortschritt: Endlich soll Beleuchtung mehr können als sichtbar machen. Doch dieser Beitrag zeigt die Bewegung als Symptom eines Glaubwürdigkeitsproblems, das die Lichttechnik seit ihren frühen Heilsversprechen begleitet. „Health Washing“ – in deutlicher Analogie zum Greenwashing – bezeichnet hier nicht bloß ein bisschen Marketing-Übertreibung, sondern eine strategische Verschiebung: Statt die Grenzen künstlicher Beleuchtung nüchtern zu benennen, wird mit Naturbildern, Sonnenmetaphorik und wissenschaftlich klingenden Etiketten ein moralischer Mehrwert behauptet. Die Industriewerbung, Verbandskommunikation und sogar institutionelle Präsentationen bedienen sich dabei einer Ikonografie, die kaum noch auf Lampen verweist, aber zuverlässig „Segen von oben“ signalisiert.

An konkreten Beispielen wird gezeigt, wie sich diese Rhetorik fortpflanzt: vom Recycling historischer Slogans („hell wie der lichte Tag“) über die Etikettierung billiger Spektren als „Vollspektrum“ bis zur Umdeutung von Human Centric Lighting in ein austauschbares Produktversprechen, das biologische Wirkung behauptet, ohne die dafür nötigen Bedingungen (Programm, Intensität, Einfallswinkel) einzulösen. Hinzu kommt ein zweites Geschäftsmodell: die Monetarisierung von Angst – etwa über den „Blue Light Hazard“ und Filterlösungen, deren Nutzen und Risiken in der Praxis differenziert betrachtet werden müssten. Selbst Tageslicht wird in dieser Logik zum Verkaufsargument und endet in technischen Phantasmen, die „die Sonne ins Haus holen“ wollen, ohne die physikalischen Grenzen (Leistungsdichte, Mittelwerte, Realbedingungen) ernst zu nehmen.

Health Washing – nach Art des Hauses?

Das Kapitel Die Legende vom gesunden Licht reloaded fängt mit dem Statement an: Das grandiose Versagen der Bemühungen um Licht und Gesundheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat in der Lichttechnik vermutlich eine kollektive Amnesie bewirkt. Diese Aussage beruht auf der Erfahrung, dass sich niemand hinter dem Titel „Licht und Gesundheit“, den wir für unseren Forschungsbericht von 1990 gewählt hatten, eine wesentlich ältere Arbeit mit identischem Titel, Licht and Health, von einem echten Pionier der Lichttechnik vermutete. Auch das ansonsten spektakuläre Buch von John Ott, Health and Light, von 1973 nimmt kein Bezug auf die 100 Jahre alte Publikation, obwohl nicht nur der Titel übereinstimmt.

Da nimmt es kein Wunder, dass die um etwa das Jahr 2000 plötzlich wiederaufgeflammte Liebe zu gesundem Licht in Anlehnung an Greenwashing jetzt Health Washing genannt wird. Am deutlichsten erkennt man die Sache an den Bildern aus der Natur, mit denen sich die Industrielobby (z.B. LightingEurope) schmückt. Das ist nicht etwa ein neuer Trend, sondern eher uralt, wie das Bild aus der Osram-Werbung hier zeigt.

Dieser Spruch aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders hat selbst den Verkauf von Osram durch Siemens und alle konventionellen Leuchtmittel überlebt und leuchtete in 2021 am Müncher Stachus in LED-Schrift.

Eine Unternehmung, die ein ehemaliger Vorstand von LightingEurope gegründet hat, schmückt sich gar mit Szenen aus der Natur.

Die Good Light Group folgte mit diesen Bildern der etwas älteren Werbung für HCL, das sich Human Centric Lighting nennt. Dort kann man aber keine Lampe entdecken. Dafür aber eine Szene, die von Sonnenschutzmitteln bis Wellness Hotels viele benutzen, um einen Segen von oben zu symbolisieren.

Ganz im Sinne eines Mitgliedunternehmens von LightingEurope, das Leuchten produziert. Sie hatte früher ihre Tätigkeit sogar noch enger gefasst und nur Langfeldleuchten erstellt. Warum nicht?

Ja, warum denn nicht? Diese Firma ist im Gesundheitswesen ganz zu Hause, und das nicht nur mit Beleuchtung. Sie hätte z.B. propagieren können, dass ein guter Ausblick aus dem Krankenzimmer unglaublich wirksam auf die Heilung von Patienten ist (dazu s. Beitrag  Wunden, die Licht heilt). Sie benutzt das Licht in der Natur lieber, um ihre Lichtprodukte zu promoten.

Manche gehen sogar noch weiter und wollen ihre Produkte noch über die Natur stellen. Ganz i.S. von Matthew Luckiesh, der das Sonnenlicht über alles lobte, um die Überlegenheit seiner Lampen über die Natur zu proklamieren.

Nicht nur Firmen, die ihr Geschäft mit künstlichem Licht machen, instrumentalisieren die Natur und das Licht der Sonne, um Produkte zu verkaufen. Auch ein wissenschaftliches Institut holt scheinbar die Natur ins Haus, um sein Konzept zu verkaufen, wie das Bild zeigt. Es trägt den Namen „Erleuchteter Arbeitsplatz“ und dürfte somit nicht so bald zu toppen sein. Den Menschen, denen das Licht des Tages genommen wurde, obwohl dies nicht unbedingt sein musste, wird ein künstlicher Sommertag vorgespielt. Allerdings endet die Simulation am Abend. Den Nachthimmel an einem Arbeitsplatz zu simulieren, dürfte niemandem leichtfallen. Eigentlich muss man dazu nur den Lichtschalter umlegen. Dann kann man aber nicht mehr arbeiten. Die abgebildeten Arbeitsplätze müssen aber 24/7 aktiv sein.

Last not least sei eine Ankündigung eines Ereignisses der CIE seitens der LiTG erinnert. Wer das Bild sieht, denkt garantiert nicht an ein Event für die künstliche Beleuchtung. Tatsächlich wird damit eine ISO/CIE-Publikation zum Thema »Integrative Lighting« über nicht-visuelle Lichtwirkungen angekündigt. Was das Dokument bewirken soll, steht im Scope: „Dieses Dokument enthält eine Analyse und Bewertung des aktuellen Stands der Technik hinsichtlich der durch ipRGC-Zellen beeinflussten Lichtreaktionen sowie eine Anwendung dieser Erkenntnisse im Zusammenhang mit ausgewählten Themen, die für den Einsatz in Beleuchtungsanwendungen in Betracht gezogen werden.“

Kundenfang mit minderwertigen Produkten

Obwohl die oben angeführten Beispiele nicht gerade vertrauenerweckend sind, bewirken andere Aktivitäten einen Verlust an Glaubwürdigkeit. An erster Stelle steht wohl die Kopie des uralten Osram-Slogans „Hell wie der lichte Tag“: Hersteller werben oft mit Licht, das „genau wie die Sonne“ sei. Was soll denn genau so sein wie die Sonne? Die Energiedichte wohl hoffentlich nicht. Den Sonnentag simulieren die Produkte auch nicht. Bleibt übrig, das Spektrum. Während die Sonne ein kontinuierliches Spektrum hat, nutzen viele günstige „Vollspektrum-LEDs“ lediglich eine violette Anregung statt einer blauen. Und schon hat man ein Vollspektrum.

Dabei habe ich mich immer geweigert, die Wirkung von Vollspektrumlampen in der Praxis zu untersuchen. Und dies aus zwei Gründen. Der erste Grund ist positiv: Alle Anwender von solchen Lampen waren von deren Wirkung überzeugt. Leider ist das keine gute Ausgangsbasis für eine wissenschaftliche Studie. Der zweite Grund war aber eher negativ: Wenn man die angebotenen Produkte unter die Lupe nahm, konnte man ehrliche Anbieter, die an ihre Produkte glaubten, nicht von Quacksalbern unterscheiden, die auf das schnelle Geld aus waren. Das war der entscheidende Grund, warum ich solche Produkte nie in der Praxis untersuchen wollte. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema hat aber zweimal stattgefunden (Vollspektrumlicht, Vollspektrumlicht II), zuletzt 2009.

Seitdem hat sich die Diskussion zunehmend auf LED verlagert. Während manche Forschende diese Leuchtmittel eher für schädlich halten, beten andere ihre Produkte gesund, gerade weil sie LED enthalten. Dabei dürfte man gar nicht von einer LED reden, weil sich die diversen Produkte nur noch das Lichterzeugungsprinzip gemeinsam haben.

Ähnlich geht es in dem abgebildeten Beispiel einer Arbeitsplatzleuchte. Nach unseren Studien würde ich jedem solchen Produkt eine positive Wirkung unterstellen. Die hier angeführte Leuchte zeichnet sich auch noch durch ein gutes Design aus. Warum muss man für sie mit dem Argument werben, dass sie einem einen langen und tiefen Schlaf bescheren soll?

Andere Hersteller bemühen gar HCL.  Dieses soll eigentlich ein Konzept sein und keine Leuchte. HCL soll den Biorhythmus unterstützen, indem es u.a. Farbtemperatur und Helligkeit im Tagesverlauf anpasst. Dass nicht jede Leuchte, die mal die Farbtemperatur und mal die Helligkeit ändert, eine biologische Wirkung auslösen kann, dürfte außer Frage stehen. Zu einer echten Wirkung gehören ein Programm und eine bestimmte Lichtleistung. Damit das Licht biologisch wirksam ist, muss es hell genug sein und im richtigen Winkel auf die unteren Netzhautbereiche treffen. Eine schwache Schreibtischlampe, die auch mal  „blau“ leuchtet, ist kein HCL – sie ist nur eine blaue Lampe. Man weiß nicht einmal, ob die Leuchte biologisch wirksam sein sollte, denn Arbeitsplatzleuchten sind am wirksamsten, wenn sie biologisch unwirksam sind, also deren Licht nicht ins Auge fällt.

Andere Trittbrettfahrer wollen sogar mit Hilfe der Angst vor dem blauen Licht der LED Geld verdienen. Es wird oft suggeriert, dass blaues Licht von LED-Lampen die Netzhaut schädige („Blue Light Hazard“). Deswegen müsse man Blaulicht-Filter tragen. Zwar schaden diese Filter jemandem mit üblichen Aufgaben am Bildschirm nicht, aber wer professionell mit farbigen Objekten arbeitet, so etwa ein Grafiker, muss sich häufig Gedanken um seine Gesundheit machen, und zwar um die Augen, die sein wichtigstes Arbeitsmittel sind.[1]

Eigentlich wird jeder Experte eins empfehlen: Das beste „Human Centric Lighting“ ist immer noch der Gang nach draußen. Selbst an einem bewölkten Tag ist die Lichtintensität im Freien (ca. 5.000 bis 10.000 Lux) um ein Vielfaches höher als in jedem optimal beleuchteten Büro (ca. 500 Lux).

Was ist, wenn man die Sonne ins Haus holt?

Das Health Washing beschränkt sich nicht auf das künstliche Licht. Auch das Tageslicht ist kräftig dabei. Und so kräftig, dass ich es unter Phantomen der Lichttechnik abgehandelt habe: Phantom: Sonnenlicht ist gesund.

Die ganz Klugen holen sich die Sonne ins Haus. So auch die Autoren dieses Bildes. Man kann es in diversen Formen seit Jahrzehnten in vielen Publikationen finden. Das spezifische Bild habe ich ausgewählt, weil es auf einem internationalen Kongress als Lösung vorgetragen wurde. Zudem wurde eine ähnliche Installation nicht nur bei einem lichttechnischen Institut vorgenommen, sondern auch bei einem Leuchtenhersteller.

Ein Spiegel (Heliostat) auf dem Dach wird der Sonne nachgeführt und fängt deren Licht ein, das ein Netz aus (Licht-)Schläuchen durch das Haus verteilt. Dumm nur, dass Spiegel im besten Fall weniger als 1 kW Leistung pro Quadratmeter  einfangen können. Jenseits der Erdatmosphäre bringt die Sonnenstrahlung es auf 1.361 Watt pro Quadratmeter (W/m²). Davon kommen mittags ca. 1.000 W/m² auf Meereshöhe an (man spricht hier von "Standard-Testbedingungen" für Photovoltaik). Über Tag und Nacht sowie über alle Breitengrade verteilt, liegt die durchschnittliche Einstrahlung am Boden in Deutschland bei etwa 115 W/m². Das reicht vielleicht für ein Zimmer in dem Gebäude, vielleicht auch nicht. (Weitere Kommentare zu der Idee unter Lichtgestalten im Wolkenkuckucksheim.

Die Bescheideneren begnügen sich damit, das Tageslicht tief in den Raum zu holen. Im symbolisierten Bild sieht die Sache sehr hübsch aus. Man fängt die Sonne mit Umlenkprismen ein und leitet sie in das Rauminnere.

Da die Sonne mitnichten daran denkt, immer an der gleichen Stelle zu weilen, muss man ihr Licht dort holen, wo es am konstantesten ist. So holt man es hoch im Zenit. Dort ist das Licht aber meistens blau oder grau. Zudem sehen die technischen Einrichtungen, die man dazu benötigt, nicht immer anmutig aus.

Hier sieht man ein Umlenkschwert, das etwa in Augenhöhe beim Stehen etwa einen Meter in den Raum hineinragt, dessen Reflexionen von einer Spiegelbatterie an der Decke ins Rauminnere geleitet werden. Die innere Hälfte des abgebildeten Raums entspricht der Realität von echten Büros. Dort sitzt meistens niemand. Zudem darf der abgebildete Mitarbeiter seit etwa 50 Jahren nicht mehr so sitzen, weil er geblendet wird.

Etwas außerhalb unseres Themas würde die obige Lösung ohnehin verbieten. Das Spiegelkabinett reflektiert den Schall hervorragend. Dummerweise heißt Problem #1 im Büro nicht Tageslicht in der Raumtiefe, sondern Lärm im Büro.

Health Washing – Wundert sich jemand, dass niemand einem glauben will?

Wer bei Health Washing mit gesundem Licht nur an Werbung oder Marketing denkt, liegt reichlich daneben. Während man Werbung klar als solche erkennt und seine Schlüsse zieht, schleichen andere Ideen auf Samtpfoten an uns heran.

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu informieren. Am besten bei mehreren Quellen.

[1] Ob blaueres Licht in der Umgebung und in den Arbeitsmitteln (Bildschirme) auf Dauer zu einer ernsthaften Schädigung der Augen führen (Makuladegeneration), ist unbekannt. Die Wirkung lässt sich empirisch nur schlecht ermitteln.

Eine Antwort aus der Antike zur Beleuchtung unserer Tage

Wer glaubt, durch bloße Helligkeit die Finsternis der Unwissenheit zu vertreiben, der hat weder das Wesen des Lichts noch das der Seele verstanden.
Anonymus

Sokrates zu Lichtideen, kurzgefasst

Der Beitrag fragt—im Ton eines platonischen Gesprächs—, was geschieht, wenn Normen das Licht zur Zahl verengen. Ausgehend von der Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1 und ihrer Fixierung auf 500 lx zeichnet er das Bild eines Einheitslichts, das für Hunderte Tätigkeiten denselben Helligkeitswert ausgibt und dabei den Raum wie den Menschen nivelliert. Dem gegenüber steht das Wissen der Physiologie: Der Körper lebt in Rhythmen; Licht wirkt nicht nur aufs Sehen, sondern—melanopisch, spektral, altersabhängig—auf Wachheit, Stimmung und Zeitgefühl. Die Norm gesteht diese Wahrheit in Anhängen ein, hält aber zugleich am Wartungswert als eiserner Untergrenze fest und macht Anpassung damit zur Rhetorik. In vier sokratischen Prüfungen (Gerechtigkeit, Handwerksanalogie, Schein und Sein, Mäßigung) wird die Maßlosigkeit des „ewigen Sommertags“ im Büro als Verlust an Lebensqualität gedeutet. Am Ende steht ein Plädoyer: Lichtplanung ist keine Tabellenexegese, sondern eine Kunst, die Differenz, Zeit und menschliches Maß wieder sichtbar macht. v

Wie kompliziert darf es sein?

Wie würde Sokrates unsere jüngsten Regeln zur Beleuchtung von Arbeitsstätten beurteilen, wenn er erführe, dass in der derzeit gültigen Norm DIN EN 12464-1 die Zahl 500 i.S. von 500 lx 234 Mal vorkommt? Diese Beleuchtungsstärke wird vielen Arbeitsplätzen verordnet. Und der Arbeitsschutz meint dazu, diese Beleuchtungsstärke dürfe zu keiner Zeit an keinem Arbeitsplatz unterschritten werden. Und wenn in einem großen Raum an einem einzigen Arbeitsplatz eine Arbeit verrichtet wird, für die diese Beleuchtungsstärke verschrieben werden muss, gilt das für alle Arbeitsplätze in diesem Raum. (Wer diese Aussage für Unsinn hält, sollte sich die Bestimmungen lesen, die für die Allgemeinbeleuchtung galten. Diese heiß neuerdings raumbezogene Beleuchtung, aber an dem Verständnis ändert sich nichts.)

Während die Erkenntnisse aus der medizinischen Forschung dringend dazu raten, die Beleuchtung tageszeitlich zu ändern und insbesondere abends und nachts mit weitaus geringeren Beleuchtungsstärken zu arbeiten, hat die Lichttechnik im Jahr 2025 eine „globale“ Beleuchtungsnorm hervorgebracht (ISO/CIE 8995-1), die trotzdem an Beleuchtungsstärken festhält, die rund um die Uhr gelten: „Der in 7.3 angegebene Wert Ēm ist ein Mindestwert für normale Betriebsbedingungen.“ 7.3 ist die Sammlung von 62 Tabellen, und Ēm ist die mittlere Beleuchtungsstärke. Wie gehabt. Wenn es nur bei Ēm geblieben wäre! Die Norm macht jeweils 9 Vorgaben für 325 Typen von Arbeitsplätzen. Davon sind 5 Beleuchtungsstärken.

Dann erklärt die Norm auch noch in einem Anhang, dass man neben all diesem noch die Physiologie des Menschen berücksichtigen müsse, die ihm einen Tagesrhythmus zuweist, der auch noch einem Jahresrhythmus unterliegt. Was sie nicht verrät, steht an anderer Stelle: Alle 5 Beleuchtungsstärken für die 325 Arbeitsplatztypen haben „melanopische“ Pendants, die vom Spektrum des Lichts und dem Alter der Benutzer abhängen. Diese sind nicht etwa Ersatz, sie gelten dazu.

Verbal predigt die neue Norm (ISO/CIE 8995-1:2025) eine Anpassbarkeit der Beleuchtung an persönliche Bedürfnisse und Präferenzen. Allerdings muss halt immer der Wartungswert eingehalten werden. Deswegen kann man sich die ganzen Abhandlungen in der Norm schenken, weil das Ausmaß der Veränderungen, die eine Person vornehmen kann, aus diversen Gründen zu gering ist (s. Ingenieure sind listig – die Natur ist aber listiger). In diesem Kapitel wird u.a. erklärt, warum das Konzept der „dynamischen“ Beleuchtung, die die Firma Philips in den 1980ern entwickelt hatte, nicht recht Fuß fassen konnte.

In einem platonischen Dialog würde Sokrates die Frage nach dem Einheitslicht (der gleichmäßigen 500-Lux-Beleuchtung für über 200 Tätigkeiten in Büro und Industrie) mit seiner typischen Methode der Prüfung (Elenktik) zerlegen. Er käme zu dem Schluss, dass Einheitslicht die Lebensqualität massiv verringert, da es eine Form von „Ignoranz gegenüber der menschlichen Natur“ darstellt.

Hier ist die sokratische Analyse dieses Problems:

  1. Das Argument der „Gerechtigkeit“ (Jedem das Seine)

Sokrates definierte Gerechtigkeit oft als den Zustand, in dem jeder Teil das bekommt, was ihm zusteht.

  • Einheitslicht: Zwingt jedem Auge und jeder Tätigkeit (Programmieren, Schneiden, Vergolden, Lesen, Spinnen, Stricken …) dieselbe Helligkeit auf.
  • Sokrates' Urteil: Das ist „ungerechtes“ Licht. Ein Auge, das ruhen will, wird vom Einheitslicht gewaltsam zur Wachheit gezwungen. Lebensqualität entsteht erst, wenn das Licht der Bestimmung des Augenblicks entspricht.

 

  1. Die Analogie zum Handwerk

Sokrates verglich das Leben oft mit dem Handwerk (Techne).

  • Ein Schuhmacher nutzt verschiedene Messer für verschiedene Schnitte. Würde er nur ein einziges Einheitsmesser für alles nutzen, wäre das Ergebnis minderwertig.
  • Übertragung: Wer nur eine Beleuchtungsart für alle Lebenslagen nutzt, führt ein „stumpfes“ Leben. Die Differenzierung (Licht und Schatten) ist das Werkzeug für ein geschärftes Bewusstsein und damit für höhere Lebensqualität.

 

  1. Der Unterschied zwischen „Schein“ und „Sein“

In seinem berühmten Höhlengleichnis beschrieb Sokrates, wie Menschen Schatten für die Realität halten.

  • Das moderne Einheitslicht erschafft eine künstliche Welt, die keine Tageszeiten mehr kennt. Es täuscht dem Körper ein ewiges „Jetzt“ vor. Im modernen Büro herrscht ewig der milde Sommertag – und zwar Tag und Nacht.
  • Sokrates' Kritik: Einheitslicht ist eine „schöne Lüge“. Es trennt den Menschen von der Wahrheit der Natur (dem Rhythmus von Tag und Nacht). Wahre Lebensqualität (Eudaimonia) findet man aber nur, wenn man im Einklang mit der Wahrheit und der eigenen Biologie lebt.

 

  1. Die „Mäßigung“ (Sophrosyne

Einheitslicht ist oft maßlos – es ist zu viel Licht zur falschen Zeit. (s. dazu die Erklärung der CIE  Das richtige Licht zur richtigen Zeit)

  • Für Sokrates ist das Maß entscheidend. Ständiges Flutlicht im Wohnraum ist eine Form von Maßlosigkeit, die den Geist abstumpft.
  • Lebensqualität bedeutet für ihn, das Licht so zu dosieren, dass es die Seele nicht blendet, sondern sie einlädt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

 

Fazit nach Sokrates:

Weniger (Einheitslicht) ist mehr Lebensqualität. Die „richtige“ Beleuchtung für alle wäre für Sokrates eine, die Bescheidenheit im Hintergrund (indirektes Licht) mit Präzision im Detail (Akzentlicht) verbindet.

Wer die Antike verlässt und die Norm ISO/CIE 8995-1 sehr sorgfältig liest, kann darin viel von den Vorstellungen von Sokrates nachvollziehen. Neuere Normen führen zwar die seit dem Jahr 1913 üblichen Tabellen mit Werten für Beleuchtungsstärke für diverse Arbeitsaufgaben in aufgeblähter Form weiter. Sie berücksichtigen aber auch die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte. Allerdings nicht in ihren Empfehlungen. Die Aufgabe eines Lichtplaners besteht aber nicht im Lesen und Umsetzen von Tabellen, sondern in „einer Kunst gerechten Umsetzung des lichttechnischen Wissens“, das jetzt in einer Form vorliegt, die für Normen ungewöhnlich ausführlich ausfällt.

Ob der Lichtplaner seiner Aufgabe gerecht werden kann, wenn er dazu  113 Seiten Norm lesen und verstehen muss, wozu er noch die Begriffesammlung von DIN EN 12665:2024 mit 72 Seiten und das internationale Wörterbuch der Lichttechnik CIE S 017:2020 250 Seiten benötigt, kann ich mir schlecht vorstellen. Um Licht zu schaffen, das dem Auge und der Seele gerecht wird, braucht es wahre Künstler, die eine akademische Bildung hinter sich haben, um alle zu verstehen.

Die Phantome der anderen

Alles Wissen besteht
in einer sicheren und klaren Erkenntnis,
bis es Neues gibt.
Anonymus

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt. 

Die Phantome der anderen, kurzgefasst

Der Beitrag beschreibt „Phantome“ als hartnäckige Denkmodelle und Festlegungen mit historischen Hintergründen, die unser heutiges Wissen unbewusst prägen. Beispiele sind die willkürlich definierte technische Stromrichtung (Plus→Minus) trotz realem Elektronenfluss (Minus→Plus), das anschaulich problematische, aber nützliche Konzept „wandernder Löcher“ in Physik und Halbleitern, sowie der lange geglaubte Licht-Äther als notwendiges Medium für die Wellenausbreitung. Darüber hinaus kritisiert der Beitrag irreführende Bilder und Metaphern wie den linearen „Fortschritt“ der Evolution, das Gehirn als Computer, die Vier-Temperamente-Lehre und das mechanistische Weltbild (Welt als Maschine), weil sie komplexe Zusammenhänge vereinfachen und Denken in falsche Bahnen lenken. 

Phantome der anderen

Heute habe ich das Dutzend Phantome voll gemacht – Geister von gestern, die unser Wissen von heute beherrschen, ohne dass wir davon bewusst Notiz nehmen. Doch das Phänomen ist nicht auf die Lichttechnik begrenzt. Bei anderen Disziplinen kann das lästige Erbe noch älter sein und noch tiefer im Unterbewusstsein stecken. Ob es sich bei einem Betrachtungsgegenstand um ein lästiges Erbe oder um eine wichtige Lebensgrundlage handelt, kann nicht immer gesagt werden.

Das unsinnigste Phantom – Plus ist Minus, Minus ist Plus

Jeder Ingenieur muss Physik lernen, um ein solcher zu werden. Manche Ingenieure studieren auch Elektrotechnik, wobei man häufig nicht einmal wahrnimmt, was zu Elektrotechnik gehört und was zu Physik. Man kann aber ein böses Erwachen erleben, wenn man vergisst, ob man gerade bei der Physik weilt oder bei der Technik. Man verwechselt die Pole und verursacht einen Kurzschluss.

Im 18. Jahrhundert wusste man zwar, dass Strom fließt, aber man hatte keine Ahnung von Elektronen. Benjamin Franklin (ja, der mit dem Drachen) vermutete, dass Strom eine Art unsichtbare Flüssigkeit sei. Er legte fest: Strom fließt von Plus nach Minus. Dort, wo „zu viel“ von dieser Flüssigkeit ist, ist Plus. Diese Festlegung wurde zum Standard in der Elektrotechnik. Alle Schaltpläne, Symbole und Regeln (wie die Rechte-Hand-Regel) basieren bis heute darauf. Man nennt das die technische Stromrichtung.

Die physikalische Realität (die Elektronenstromrichtung) ist genau das Gegenteil. Erst viel später entdeckte man das Elektron. Dabei stellte man fest: In metallischen Leitern sind es die negativ geladenen Elektronen, die sich bewegen. Da sich negative Ladungen zum Pluspol hingezogen fühlen, fließen sie eigentlich von Minus nach Plus. Das ist die sogenannte physikalische Stromrichtung. Als man den Fehler bemerkte, war die Elektrotechnik schon eine etablierte Wissenschaft.

So müssen Ingenieure zuweilen in ihren Büchern Weisheiten wie diese lesen: Der technische Strom fließt physikalisch gesehen in umgekehrter Richtung wie die physikalische.

Für die Berechnung eines Stromkreises ist es völlig egal, in welche Richtung die Ladungsträger fließen, solange man sich innerhalb einer Rechnung für eine Richtung entscheidet. Wer so denkt, sollte besser die Batterie seines Autos nicht selber anschließen. Als Helfer zu bevorzugen sind Laien, die keine Ahnung von diesem Phantom haben.

Wandernde Löcher

Als die Transistoren groß wie Fingerkuppen waren, konnte man sich vorstellen, wie Löcher durch sie wanderten. Jedenfalls dachten die Studenten so, wenn der Professor es ihnen erklärte. Ob sich der Professor Löcher in einem Kristall wirklich vorstellen konnte, weiß niemand. Auf jeden Fall beruht das Funktionieren von Transistoren auf dem Herauslösen eines Elektrons von seiner Stelle im Kristall, dessen unbesetzte Stelle man nunmehr als Loch bezeichnete. Die Anschaulichkeit der Löcher verschwand vollends, als man bis 290 Millionen Transistoren auf einem mm² unterbringen konnte. Da gehen auf eine Fingerkuppe ein bis zwei Milliarden Transistoren.

Physiker scherzen oft, dass ein Loch eigentlich ein Teilchen ist, das eine Identitätskrise hat – es existiert nur durch das, was nicht da ist. Was nicht da ist, kann aber nicht wandern. Eigentlich ist die Quelle des Lochs Kurt Tucholski. In seinem berühmten Text „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ (erschienen 1931 unter seinem Pseudonym Kaspar Hauser) schreibt er: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“ Er stellt fest, dass das Loch ein „ewiger Begleiter“ des Nicht-Lochs (der Materie) ist. Tucholsky beobachtet messerscharf, wie sich Löcher verhalten, wenn man sie bewegt: Wenn man ein Loch verschiebt (etwa durch das Umsetzen eines Rohrs), bekommt man kein neues Loch – das alte Loch wandert einfach mit. Wenn man zwei Löcher zusammengießt, hat man am Ende nicht zwei Löcher, sondern ein großes. Die Logik der Addition versagt hier völlig. Wenn man ein Loch auffüllt, verschwindet es nicht einfach, es bewegt sich seitwärts in die Materie.

Es ist fast unheimlich: Tucholsky schrieb diesen Text 1931 – genau in dem Jahr, in dem Paul Dirac seine Theorie über die Löcher im „Elektronen-See“ (Antimaterie) konkretisierte. Dirac vermutete anfangs noch zaghaft, dass diese Löcher vielleicht Protonen sein könnten, doch die Masse passte nicht. 1931 erkannte er, dass es sich um ein völlig neues Teilchen handeln musste: das Antielektron (heute Positron genannt). Obwohl Dirac über das Vakuum sinnierte, ist die mathematische Beschreibung fast identisch mit dem, was man heute in der Halbleiterphysik nutzt.

Es ist wenig anschaulich, etwas zu beschreiben, das sich dadurch auszeichnet, dass es nicht existiert. Jedes Stück Elektronik zeigt aber, dass dies real ist. Ähnlich erging es den Zahlensystemen. Das römische System kennt kein “Nichts”, es enthält keine Null. Die Erfindung der Null bedeutete einen großen Sprung für die Wissenschaft. Sonst würden wir ein großes Ereignis der Weltgeschichte so datieren: XII. X. MCDXCII. Das ist der Tag der Entdeckung Amerikas durch Europäer.

Der unmögliche Stoff – der Äther

Schon um 1678 stellte der niederländische Astronom Christiaan Huygens die Hypothese auf, dass Licht eine Welle sei, die sich in einem Medium (dem sogenannten Äther) ausbreitet. Huygens hatte zwei Dinge beobachtet: Licht fliegt ungestört durch den Raum und die Planeten bewegen sich ebenso ungebremst durch den Raum, durch den sich das Licht ausbreitet.

Um die beobachtete Wirkung mit dem damaligen Wissen in Harmonie zu bringen, wurden dem Äther die hierfür notwendigen Eigenschaften zugesprochen:

  • Äther ist elastischer als der beste Federstahl und dämpft keine Bewegungen der Planeten, aber auch härter.
  • Äther ist transparent für die Planeten, d.h. trotz seiner „Härte“ durfte der Äther dem Lauf der Planeten keinen Widerstand entgegensetzen.
  • Der Äther ist also masselos oder extrem dünn– ein „geisterhaftes“ Medium, durch das Materie völlig ungehindert hindurchgleiten kann.
  • Der Äther füllt alles aus – den leeren Weltraum genauso wie das Innere von festen Objekten, Glas oder Wasser. Er galt als ein allgegenwärtiges Hintergrundmedium, das das gesamte Universum durchspannt.
  • Der Äther war also ein „fester“, aber gleichzeitig völlig „reibungsloser“ Stoff.

 

Den Spuk beendete Albert Einstein, der den Äther einfach für „überflüssig“ erklärte. Licht braucht kein Medium – es ist ein eigenständiges Feld, das sich im leeren Raum ausbreiten kann. Was Huygens und späteren Gläubigen, unter denen auch der größte Physiker aller Zeiten, Sir Isaac Newton, befand, nicht bekannt war, war die Natur von Wellen, die keine Materie benötigen. Die Liste der großen Namen, die an den Äther glaubten, liest sich wie Who's Who der Wissenschaft, James Clerk Maxwell (1831–1879), Lord Kelvin (1824–1907), Hendrik Lorentz (1853–1928), Nikola Tesla (1856–1943). Für diese brillanten Köpfe war der Raum ohne Äther „leer“. Und die Vorstellung, dass sich etwas (eine Welle oder eine Kraft) durch das absolute Nichts ausbreiten kann, erschien ihnen damals völlig unlogisch und fast schon magisch.

Es ist undenkbar, dass rohe unbelebte Materie ohne die Vermittlung von etwas anderem, das nicht materiell ist und ohne direkte Berührung auf andere Materie wirkt und sie beeinflusst…” – Sir Isaac Newton, an Bentley, 25.2.1692

Sogar Albert Einstein gab 1920 in einer Rede in Leiden zu, dass man den Raum ohne Äther kaum denken könne, auch wenn sein „neuer Äther“ (die Raumzeit) nichts mehr mit dem mechanischen Medium von früher zu tun hatte.

Der Begriff Äther blieb uns bis heute erhalten und gab einer genialen Erfindung den Namen: Als Robert Metcalfe und sein Team 1973 bei Xerox PARC das Ethernet entwickelten, suchten sie nach einem passenden Namen für das Medium, das Daten überträgt. So wie die Physiker des 19. Jahrhunderts dachten, dass der Äther überall vorhanden sei und Lichtwellen trage, sollte das Ethernet-Kabel das universelle Medium sein, das Datenpakete an alle angeschlossenen Stationen „ausstrahlt“. Das 1973 erfundene System sieht heute auch nicht viel komplizierter aus als bei seiner Entstehung.

Der eigentliche Geist hinter diesem Phantom bildet das Bemühen, Beobachtungen mit dem vorhandenen Wissen zu erklären. Diesem Geist entsprechen Modelle, mit deren Hilfe wir komplexe Dinge versuchen zu verstehen. Modelle sind nie richtig oder falsch, sondern immer in gewisser Hinsicht hilfreich. Über Licht gibt es sogar zwei Modelle, die jeweils bestimmte Erscheinungen erklären, für andere aber falsch sind. Die „Dualität der Lichtmodelle“ – besser bekannt als Welle-Teilchen-Dualismus – ist eine der provokantesten Erkenntnisse der modernen Physik. Sie markiert den Moment, in dem das kartesische Denken (Entweder-oder) an seine Grenzen stieß und durch die Quantenmechanik abgelöst wurde. Seit 1927 betrachten Physiker die Dualität nicht mehr als ungelöstes Problem, sondern als faktischen Zustand. Sie besteht also seit fast 100 Jahren als Standardmodell.

Der „Stammbaum“ der Evolution (Der Marsch des Fortschritts)

Gemeint ist das berühmte Bild, auf dem ein gebeugter Affe langsam aufsteht, bis er zum aufrechten Menschen wird. Es suggeriert, Evolution sei eine gerade Linie hin zur „Perfektion“ (dem Menschen). In Wahrheit ist Evolution ein wild wuchernder Busch mit unzähligen ausgestorbenen Seitenlinien. Das Bild befeuert das Missverständnis, dass wir „vom Affen abstammen“ (wir haben lediglich gemeinsame Vorfahren) und dass Evolution ein Ziel verfolgt. Die Letzterere Glaube wirkt am schlimmsten. Während man Sprüche wie “Gott würfelt nicht” (Albert Einstein) doch widerlegen konnte, glauben unendlich viele Menschen, die Evolution verfolge Ziele.

Ich bin stolz darauf, dass meine Arbeiten eine letzte Phase diesem Bild hinzugefügt haben.

Das Original von dem letzten Menschen stammt aus einem Foto von meinem Buch, das 1976 in Hamburg geschossen wurde.

Das Gehirn als „Computer“

Seit der Aufklärung vergleichen wir das Gehirn immer mit der neuesten Technologie: Früher war es eine hydraulische Maschine, dann eine Telegrafenstation, heute ist es eine Festplatte mit Prozessor. Das Gehirn speichert aber Daten nicht in Binärcode an festen Adressen. Es ist ein biologisches Netzwerk, das sich bei jeder Benutzung physisch verändert. Begriffe wie „neu verdrahten“ (rewiring) oder „Daten verarbeiten“ prägen unsere gesamte Psychologie und die Entwicklung der KI, obwohl die Biologie ganz anders funktioniert.

Der Begriff KI wie künstliche Intelligenz suggeriert, die Anwendung habe was mit der Intelligenz zu tun. Diese Annahme scheint plausibel, weil wir viel früher das Gehirn als Computer vorgestellt haben.

Die vier Temperamente (Humoralpathologie)

Das Bestreben, Menschen in Kategorien einzuordnen, hat nicht nur zu der Irrlehre des Rassismus geführt. Eine besondere Form bestand durch die Einordnung der Charaktere als Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker oder Phlegmatiker. Diese beruht auf der Säftelehre der Antike. Die Säftelehre (Humoralpathologie) prägte über 2.000 Jahre lang das medizinische Denken im Abendland und im Orient. Sie basierte auf der Annahme, dass die Gesundheit von einem Gleichgewicht der vier Körpersäfte abhängt: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle.

In der Renaissance und im Barock war das Wissen um die Säfte Allgemeingut. Shakespeare, Molière und andere Autoren gestalteten ihre Charaktere oft exakt nach den Vorgaben der Temperamentenlehre, um dem Publikum sofort verständlich zu machen, wie eine Figur reagieren würde. Über Jahrhunderte wurden psychische Leiden (wie Depressionen) als rein physisches Problem der "schwarzen Galle" gesehen, was eine psychotherapeutische Auseinandersetzung mit Traumata oder Lebensumständen oft verhinderte.

Die Säftelehre beeinflusste nicht nur die Medizin, sondern auch die Psychologie. Man glaubte, dass der dominierende Saft den Charakter eines Menschen bestimmt. Diese Begriffe verwenden wir teilweise heute noch:

  • Sanguiniker (Blut): Heiter, lebhaft, sorglos.
  • Phlegmatiker (Schleim): Ruhig, langsam, schwerfällig.
  • Choleriker (gelbe Galle): Aufbrausend, jähzornig, energisch.
  • Melancholiker (schwarze Galle): Traurig, nachdenklich, schwermütig.

Diese Denke blockierte den medizinischen Fortschritt über Jahrhunderte.

In der wissenschaftlichen Psychologie spielt die Säftelehre heute keine Rolle mehr. Dennoch sind die Begriffe "Choleriker" oder "Sanguiniker" im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert, um menschliches Verhalten intuitiv zu beschreiben.

Das mechanistische Weltbild (Die Welt als Maschine)

Dieses Modell entstand in der frühen Neuzeit (Descartes, Newton). Es stellt sich das Universum und den menschlichen Körper wie ein komplexes Uhrwerk vor. Unsere gesamte moderne Medizin und Technik basieren weitgehend darauf, ohne dass wir es merken. Wenn etwas „kaputt“ ist (ein Organ oder ein Motor), wird es repariert oder ausgetauscht. Wir neigen dazu, komplexe Systeme in Einzelteile zu zerlegen, um sie zu verstehen. Der Nachteil ist, dass ganzheitliche Zusammenhänge oft übersehen werden.

Der größte Einfluss geht dabei von Descartes aus (“kartesisches” Diagramm, kartesische Koordinaten). Dass kartesische Diagramme (das klassische x-y-Koordinatensystem) bei komplexen Aufgaben oft in die Irre führen, liegt an der fundamentalen Art und Weise, wie sie Informationen filtern. René Descartes schuf damit zwar die Basis der modernen Geometrie, doch für komplexe Systeme ist dieses Modell oft zu unterkomplex. Die Vorstellung nährt die Illusion der Mono-Kausalität: “Das kommt davon!” Wer nicht erkennt, dass es sich um eine Illusion handelt, versucht den einen Grund zu ermitteln, auch wenn es diesen nicht gibt.

In einem Koordinatensystem sind die Achsen unabhängig voneinander (orthogonal). In der Realität komplexer Aufgaben sind die Variablen jedoch oft interdependent – sie beeinflussen sich gegenseitig. Beispiel: In einem Diagramm für „Arbeitszeit vs. Produktivität“ wird oft eine Gerade erwartet. In der Realität beeinflusst die Arbeitszeit aber die Ermüdung, die wiederum die Fehlerquote erhöht, was die effektive Produktivität sinkt. Diese Dynamik lässt sich auf zwei starren Achsen nur schwer abbilden. Dennoch streitet sich die große Politik in Deutschland um die Frage, ob man hierzulande genug arbeitet. Mancher sieht die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme erreicht, wenn die Wochenarbeitszeit um 5 Stunden verlängert wird. Wäre der Mensch eine Maschine, würde der Sprung von 35 h/Woche auf 40 h/Woche zu einer mathematisch berechenbaren Mehrleistung von 14,29 %. Allerdings gilt diese Berechnung nur für Maschinen, die wartungsfrei sind. Ob Menschen bei einer längeren Arbeitszeit auch tatsächlich mehr leisten, ist nicht sicher.

Um eine komplexe Aufgabe in ein x-y-Diagramm zu pressen, müssen wir Daten massiv reduzieren. Dabei geht oft der Kontext verloren. Das kartesische Denken ist meist linear: von links nach rechts. Komplexe Systeme funktionieren aber zirkulär: Ein Ergebnis wirkt häufig auf die Ursache zurück (Feedback-Loop). Ein Standard-Diagramm stellt diese Kreisläufe meist nur als wirre Zick-Zack-Linien dar, anstatt die zugrunde liegende Struktur des Kreislaufs zu verdeutlichen.

Die Denke von Descartes beherrscht uns bis in die Geschehnisse des Alltags, ohne dass wir dies wahrzunehmen imstande sind. Dabei beweisen uns mächtige Katastrophen wie der Klimawandel die Schwachstellen unserer Denke. Aber selbst Leuten, die diese erkennen, fällt es schwer, gegen die kulturellen Einflüsse aktiv vorzugehen. Wer in einem System hängt, kann dessen Bewegungen nur selten erfassen. So merken wir z.B. nicht, dass wir uns ständig bewegen, schneller als Schall am Äquator durch die Erdrotation und mit 600 km/s durch das Weltall mit der MIlchstraße.

Die dümmste Erfindung, seit es Scheinwerfer gibt

Fernlicht bedeutet
nicht immer Weitblick.

Anonymus

Dieser Beitrag handelt von einer Plage im Straßenverkehr, die nicht trotz, sondern wegen einer intelligenter Technik zun einer noch größeren Plage zu werden droht.

Kurzfassung

Der Beitrag beleuchtet die Entwicklung der Fahrzeugbeleuchtung von der BiLux-Lampe bis zu Matrix-LED-Scheinwerfern und stellt deren ursprüngliches Ziel – die Vermeidung von Blendung – der heutigen Realität gegenüber. Trotz hoher technischer Komplexität und intelligenter Steuerung führen moderne Systeme weiterhin zu Blendung, insbesondere für Fußgänger. Der Text kritisiert den Widerspruch zwischen technologischem Fortschrittsversprechen und tatsächlichem Sicherheitsgewinn im Straßenverkehr. 

Noten zur Geschichte der Fahrzeugbeleuchtung

Als die Erfindung nur eine Erfindung war, hörte sie sich gut an. Man ersetze das „dumme“ System aus einer Bilux-Lampe und einem Schalter durch eine LED-Matrix und einen Computer – und schon muss man nicht immer daran denken, ob man mit seinem Fernlicht andere blendet.

Das übliche Auto fuhr in Europa mit einer Zweifadenlampe für kombiniertes Fern- und Abblendlicht, daher Bi-Lux, seit 1925, bis man die Halogenlampen erfand. So gab es ab 1966 die Zweifaden-Halogenlampe vom Typ H4 für Fern- und Abblendlicht, die aber erst im Herbst 1971 auf dem Markt erschien (Mercedes-Benz 350 SL). Die vorerst letzte Entwicklung waren die Scheinwerfer mit Gasentladungslampen (Xenonlicht), die ab 1991 die teuren Autos verzierten. Bereits damals fuhr denen ein übler Ruf voraus, Dränglerlicht. Nicht etwa weil das Licht drängelt, sondern die Herrschaften, die viel Geld investierten, um ein viel helleres Licht auf die Autobahn zu bringen.

LEDs kamen zuerst als Rückstrahler auf die Straße, noch unter dem Namen Laserlicht, weil die LED bis dato Laserdiode hießen, bis das Lichtmarketing sie in Lampe taufte. Zuvor waren alle lichtemittierenden Dioden (LED) als Laser klassifiziert, die als Beleuchtung benutzten in der Gefahrenklasse 0 eingestuft. Im Jahr 2008 durfte das erste Auto mit einem Voll-LED-Scheinwerfer dank einer Sondergenehmigung der EU zugelassen werden. Allerdings nicht in einer Familienkutsche, sondern in einem Audi R8, einem Sportwagen. Von da ab konnten nur noch “intelligente” Lösungen als Fortschritt gelten.Dazu gehört die Gattung Scheinwerfer, die das Thema dieses Beitrags bildet: Matrix-LED-Scheinwerfer.

Matrix-LED-Scheinwerfer – kurz beleuchtet

Zur Erfindung

Eine wichtige Anlaufstelle von Autofans, MeinAUTO.de im Internet erklärt, was diese sind: “Matrix-LED-Scheinwerfer sind eine moderne Form der Fahrzeugbeleuchtung. Statt eines einzigen Lichtkegels setzen sie sich aus vielen kleinen, einzeln steuerbaren LEDs zusammen. So kann das Licht ganz gezielt gesteuert und angepasst werden – zum Beispiel, um bestimmte Bereiche auszuleuchten und andere gezielt im Dunkeln zu lassen.”

Etwas gezielt Steuern bedingt, dass man weiß, worauf man abzielt. Warum soll man bestimmte Bereiche ausleuchten und andere auslassen? Das wichtigste Ziel lag der Erfindung der BiLux-Lampe zugrunde – die Vermeidung der Blendung des Gegenverkehrs. Wie gut es 100 Jahre danach ausschaut, kann man in dem Beitrag „Warum LED-Scheinwerfer blenden - Auch der ADAC will es wissen lesen: Über 90 % der Autofahrer fühlen sich laut ADAC nachts mehr oder weniger stark geblendet. (Mehr hier Gefahr durch Blendung: Viele Autofahrer sind betroffen oder da So stark blenden LED-Scheinwerfer wirklich

Im Sommer 2019 wurde auf der LASER* World of PHOTONICS (hier) eine Entwicklung vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik für Autoscheinwerfer präsentiert. Sie basiert auf einem Projektor mit LED, wobei das Leuchtmittel nicht eine einzige (große) Lampe ist, sondern eine Vielzahl von LEDs, die man wie bei einem Beamer an- und abschalten kann. 200.000 Mikrooptiken bündeln das Licht in Fahrtrichtung und lassen sich so steuern, dass nicht nur eine Blendung des Gegenverkehrs vermieden werden soll, sondern auch die Blendung einzelner Fußgänger.

Wenn heute, ich meine heute Nacht, ein einzelner Fußgänger in Berlin unterwegs ist, kann es passieren, dass ihm mehrere Autos mit aufgeblendeten Scheinwerfern entgegenkommen. Der Fußgänger fühlt sich nicht geblendet, nein, er fühlt sich terrorisiert. Und das liegt an den Scheinwerfern, die pro Seite bis zu 5.000 € kosten können.

Was soll ein intelligenter Scheinwerfer leisten

Die Funktionsweise der modernsten Scheinwerfer leuchtet jedem auf Anhieb ein:

Anstatt einfach nur einen starren Lichtkegel auf die Straße zu werfen, passen sie die Lichtverteilung in Echtzeit an die Umgebung, den Verkehr und die Wetterbedingungen an. Das Ziel: maximale Sicht für mich, ohne andere zu blenden.

Das Herzstück ist meist eine Kombination aus einer Frontkamera, einem Steuergerät und speziellen Leuchteinheiten (meist LEDs).

  1. Erkennung: Die Kamera registriert entgegenkommende Fahrzeuge oder vorausfahrende Autos anhand ihrer Rückleuchten.
  2. Berechnung: Das Steuergerät berechnet in Millisekunden, welche Bereiche der Straße ausgeleuchtet werden dürfen.
  3. Reaktion: Anstatt das komplette Fernlicht auszuschalten, werden nur die Segmente deaktiviert oder gedimmt, die den anderen Fahrer blenden würden. Der Rest der Straße bleibt taghell erleuchtet.

Das Ganze kann man auch anders nennen: Dauerfernlicht (Matrix): Ich fahre permanent mit Fernlicht; andere Verkehrsteilnehmer werden präzise „ausgespart“.

Wo die Intelligenz in Dummheit umschlägt

Wenn einem keine entgegenkommenden Fahrzeuge begegnen und auch keine Fahrzeuge voranfahren, denkt die Kamera, sie hat freie Bahn. Das ist z.B. der Fall an Straßen mit breiten Mittelstreifen. Und der Computer des Scheinwerfers, der pro Seite so viel kostet wie ein guter Gebrauchtwagen, schaltet auf Dauerfernlicht,  bis man sich einem Auto nähert.

Als Fußgänger, den der Computer präzise aussparen soll, müsste man schön leuchten wie ein Bremslicht, damit die Kamera einen wahrnimmt. Die tut ihn schon wahrnehmen. Was sie danach macht, liest sich in der Funktionsbeschreibung des intelligenten Scheinwerfers so: “Das Markierungslicht erkennt Fußgänger am Straßenrand und blitzt diese kurz an, um den Fahrer zu warnen.” Die Beschreibung erinnert irgendwie an Wildwechsel. Das Wild wird nicht angeblinkt, damit es nicht erschreckt. Der Fußgänger erstarrt wohl beim Anblick des Unsinns vor Ehrfurcht und darf deswegen angeblinkt werden.

Bereits lange bevor diese intelligenten Scheinwerfer verbaut werden konnten, hatte sich die Bevölkerung von Berlin über die ausgelassen. Ich hatte die damals in Januar 2019 zitiert und kommentiert:

Was der Volksmund so alles über blendende LEDs sagt …

Blenden als moderner Sport

Asphalt Cowboys und LED

Der Glanz ohne Gloria – Wie wir unter dem Glanz von gestern und heute leiden

Was wir im Überfluss haben,
wissen wir selten zu schätzen..

Lilli U. Kreßner

In dem Beitrag Glanzleiche - Oder vom Elend des Physikers beim Umgang mit Empfindungen wird der Glanz als eine janusköpfige Erscheinung dargestellt, sehr positiv hier, sehr negativ dort. Nicht immer kann man handeln wie Fotografen oder Innenarchitekten, die Glanzlichter setzen, um Gesichter oder Räume schöner scheinen zu lassen. Es gibt einen Glanz, den nie jemand haben wollte, den Glanz der Bildschirme. Diesen gab es bereits beim ersten Monitor, der freilich noch nicht so hieß. Ihn gibt es in vielen Variationen jetzt milliardenfach.

Meine erste Bekanntschaft mit dem Glanz von Bildschirmen machte ich 1970 als Mitarbeiter von Siemens. Die Kollegen aus dem Bereich IT – damals noch respektlos EDV genannt – fragten bei mir nach, wie man einen Bildschirm entspiegeln könne. Die Methoden waren in der Physik bestens bekannt, in der Optik noch besser. Aber deren Linsen waren klein und im Objektivgehäuse gut geschützt. Ein Bildschirm im Büro war was anderes. Siemens wollte Bildschirme ohne Probleme bieten.

Die Macher der EDV, die amerikanischen Firmen, wollten das Problem nicht kennen. Die Haltung fiel ihnen leicht, weil etwa 60% amerikanischer Büros keine Fenster haben. Ihnen kamen 1974 schwedische Forscher entgegen, die für eine Verdunkelung der Büros empfahlen (Hultgren, V. , Knave, B. : Disc. glare and disturbance from lightning reflections. Applied Ergonomics, 1974, S. 1-8). Ab 1975 war ich offiziell mit dem Problem befasst als Auftragnehmer des Arbeitsministeriums. Das Ergebnis wurde sehr bekannt (Anpassung von Bildschirmarbeitsplätzen an die physische und psychische Funktionsweise des Menschen, Çakir, u.a. 1978, BMAS) und wurde in acht DIN-Normen zur Bildschirmarbeit verarbeitet. Später folgten rund 80 weitere rund um die Bildschirmarbeit. (mehr hier)

Kurz gesagt, habe ich empfohlen, den Bildschirmen die optischen Eigenschaften von Papier zu geben, angefangen bei dem hellen Hintergrund. Ihre Oberflächen sollten ebenso mattiert werden. So sollten sie unabhängig von der Umgebung werden. Allerdings waren gute optische Behandlungen schon immer sehr teuer. So bezahlte die Industrie nur Peanuts, weil sie ganze Bildschirmröhren für 10 DM kaufte. Also war die Entspiegelung die zweitrangige Maßnahme, aber ebenso unerlässlich. Niemand wollte in die Qualität der Bildschirme investieren.Kurz gesagt, habe ich empfohlen, den Bildschirmen die optischen Eigenschaften von Papier zu geben, angefangen bei dem hellen Hintergrund. Ihre Oberflächen sollten ebenso mattiert werden. So sollten sie unabhängig von der Umgebung werden. Allerdings waren gute optische Behandlungen schon immer sehr teuer. So bezahlte die Industrie nur Peanuts, weil sie ganze Bildschirmröhren für 10 DM kaufte. Also war die Entspiegelung die zweitrangige Maßnahme, aber ebenso unerlässlich. Niemand wollte in die Qualität der Bildschirme investieren.

Was an den Bildschirmen sonst ändern sollte, war ihre Handhabung. Diese sollte ebenso wie die eines Blattes Papier sein, leicht beweglich, überall lesbar. Allerdings schien dies damals angesichts des Gewichts der Bildschirme (bis zu 40 kg) eher unwahrscheinlich. So konnte man die gewünschten Eigenschaften nur nach einem langen Plan entwickeln. Daher enthielten die ersten Vorschriften (Sicherheitsregeln für Bildschirm-Arbeitsplätze im Bürobereich, VBG 1980), an denen ich maßgeblich mitwirkte, eine großzügige Übergangsperiode von fünf Jahren.

Die fünf Jahre waren 1985 um, heute sind wir 40 Jahre weiter. Bildschirme kann man mittlerweile tatsächlich so dünn wie Papier bauen (OLED-Technologie), sie sind alle hell im Hintergrund und manche so klein, dass man sie in die Hand nehmen kann. Gerade diese haben allen anderen den Rang abgelaufen. Es gibt mehr Mobilfunkanschlüsse als Menschen, und alle diese werden über einen Monitor bedient, der jetzt allgemein Display heißt. Andere Bildschirme sind groß wie einst Leinwände. In Las Vegas hat man sogar eine ganze Straße überdacht, um sie als Monitor zu benutzen. In Autos werden Monitore ins Cockpit eingebaut, die die Größe von Fernsehern von einst haben.

Wie sieht es mit ihrem Glanz aus? Sind sie unabhängig von der Umgebung geworden? Und so leicht handhabbar wie Papier? Jeder, der in einem Straßencafé versucht, einen Stadtplan auf seinem Smartphone zu lesen, wird traurig den Kopf schütteln. Menschen im Büro werden die Frage bejahen, aber nur, wenn sie senkrecht auf ihren Monitor gucken können. Ein Monitor, den man seitlich betrachten muss, hat entweder kein Bild oder er spiegelt wie seine 50 Jahre älteren Vorgänger. Am schlimmsten ergeht es Menschen, die qualitativ hochwertige Bilder (HDR) bearbeiten. Ihre Bildschirme geben den Dynamikumfang nur in der Dunkelheit voll wieder.

(Anm.: Dynamik beschreibt den Umfang der Wiedergabe, beispielsweise den Lautstärkebereich eines Schallereignisses oder Audiosignals. Bei Bildern ist sie as Verhältnis zwischen dem hellsten und dem dunkelsten darstellbaren Tonwert (Helligkeitswert) in einer Szene oder in einem erfassten Bild. Ist eine Umgebung laut, so kann ein Gerät nur das hörbar machen, was lauter ist. Bei Monitoren ist sie das Verhältnis zwischen dem hellsten und dem dunkelsten darstellbaren Tonwert (Helligkeitswert) in einer Szene oder in einem erfassten Bild.)

Man beachte bei diesem Foto die Erscheinung des Displays, das für den Benutzer davor nahezu glanzfrei ist, und des Papiers.

Wer im Alltag in allen Lebenslagen mit Monitoren umgehen muss, erleidet – meist völlig unbemerkt – diverse Unbill. Das Wichtigste davon ist die eingeschränkte Körperhaltung. Diese hatte ich bereits 1975 festgestellt und die Folgen mit Feldstudien ermittelt: Je nach Intensität der Arbeit am Bildschirm hatten die Benutzer bis zu 85 % Rückenbeschwerden, und je nach Alter besuchten sie bis zu 50% einen Orthopäden auf. Bezeichnend für die Probleme war dieses Bild, das 1976 entstand.

Die beiden Personen sind in der Größe fast einen halben Meter unterschiedlich, sie halten aber etwa den gleichen Abstand zu ihrem Monitor. Was das Bild nicht zeigt, ist das Verhalten der Menschen im Falle einer Störung des Sehens. Dieses konnte ich mit Videoaufnahmen erfassen. Sie versuchen, die bestmögliche Situation einzunehmen, in der der Glanz am wenigsten stört.

Dieses Verhalten kann man mittlerweile jeden Tag in öffentlichem Raum beobachten. Für die unten gezeigte Haltung sind drei Ursachen maßgeblich:

  • Die Schrift ist zu klein (daher die kurze Sehentfernung).
  • Das Display muss senkrecht betrachtet werden, weil es sonst spiegelt.
  • Das Display muss senkrecht betrachtet werden, weil das Bild stark an Kontrast verliert.

Medizinische Studien zeigen, dass in bestimmten Ländern praktisch der gesamte Nachwuchs in der Gefahr ist, kurzsichtig zu werden. Dies habe ich in einem gesonderten Beitrag thematisiert (Zurück in die Höhle Dank iPhone reloaded)

Während man ein kleines Display noch in der Hand unterschiedlich halten kann, ist man beim Büro nicht so frei. Daher kommt es auf die möglichst günstige Aufstellung des Monitors an. Die richtige Aufstellung wurde in der Norm DIN EN ISO 9241-5 bereits im letzten Jahrhundert beschrieben. Diese sieht so aus:

Leider verfolgt uns das Erbe der Vergangenheit fast über 50 Jahre. Damals wollten wir hoch aufgestellte Bildschirme vermeiden und deswegen vorgegeben, dass die oberste Kante des Bildschirms unter Augenhöhe sein muss. Das Bild, das diese Vorstellung illustrieren sollte, erschien ohne den Erklärungstext, dass dies die maximal zulässige Höhe sei. Die Erklärung war paar Seiten untergebracht:

Obgleich zur Erzielung einer entspannten Kopfhaltung die Blicklinie um etwa 35° aus der Waagerechten abgesenkt werden sollte und eine zu dieser Blickrichtung annähernd senkrechte Bildschirmneigung anzustreben wäre, ist eine derartige Anordnung der bislang überwiegend verwendeten Bildschirme bei gleichzeitiger Vermeidung von störenden Reflexionen und Spiegelungen nicht immer möglich. Bei diesen Gegebenheiten kann eine optimale Reflexionsminderung vielfach nur durch eine lotrechte oder hierzu leicht geneigte Bildschirmanordnung erzielt werden. Die oberste verwendbare Zeile auf dem Bildschirm soll jedoch nicht oberhalb der waagerechten Blicklinie liegen.

Die richtige, später in DIN EN ISO 9241-5 genormte, Haltung wurde in diesem Dokument ohne Bildschirm dargestellt, weil dies die damaligen Bildschirme wegen ihrer Größe nicht zuließen. Diese Haltung sah so aus:

So entstand ein weltweit verbreiteter Irrtum, der Bildschirm müsse mit der obersten Zeile in Augenhöhe stehen. Diesen kann man selbst in Wikipedia finden. Dieses Bild aus dem Jahr 1976 wird in 2025 von der Betriebsärztin der HU Berlin als Beispiel eines ergonomisch gestalteten Bildschirm-Arbeitsplatzes empfohlen. Wikipedia hat vor einem Jahr ein etwa 30 Jahre altes Bild eines Bildschirmarbeitsplatzes neu zeichnen lassen. Jetzt sieht es so aus

Unter diesem Bild steht als Erstes: Die Bildschirmoberkante befindet sich auf Augenhöhe und hat mindestens 50 cm Abstand.

Ende gut, alles gut? Trotz eines unerwartet hohen Fortschritts in der Technik sind die Bildschirme (Displays oder Monitore) nicht dem Papier ähnlich geworden. Maßnahmen, die einst gedacht waren, um dem Glanz auszuweichen, haben fast 50 Jahre überlebt, obwohl sie nicht einmal mehr Sinn machen. Da wir heute nicht nur beruflich mit ihnen umgehen, sondern in allen Lebenslagen rund um die Uhr, verursachen sie enorme gesundheitliche Probleme.

 

 

Der blauere Planet

Was wir im Überfluss haben,
wissen wir selten zu schätzen..

Lilli U. Kreßner

Licht in der Nacht (ALAN)

Die Lichtverschmutzung in der Nacht ist recht gut bekannt. Ob sie in ihrem wahren Ausmaß auch bekannt und bewusst wird? Die Antwort ist ein klares Nein. Sie lässt sich mit rein technischen Mitteln belegen. Nicht so leicht zu belegen sind leider die Folgen für die menschliche Gesundheit und für Fauna und Flora. Und das liegt an der –angeblichen – Definition des Lichts, die es so nicht geben darf. Sie ist aber Realität und führt dazu, dass die Wirkungen gravierend unterschätzt werden. Diese betreffen nicht nur das Sehen, sondern auch die elementaren Lebensvorgänge auf der Welt.

Die verhängnisvolle Entwicklung begann 1924, als der Weltverband der lichttechnischen Gesellschaften CIE die V(λ)-Kurve normte. Diese sollte das Licht messbar machen. Es war aber bereits messbar durch physikalische Geräte, die die Intensität der Strahlung maßen. Solche Geräte können aber nicht bewerten, wie das Licht den Menschen beeinflusst. Dessen Einflüsse - neben Sehen - können vom Erzeugen eines Strahlungsschadens (UV-C-Strahlung) bis zu einem Wärmegefühl (IR-Strahlung) reichen.

Neben diesen direkten Wirkungen gibt es umfangreiche biologische Wirkungen, deren Ausmaß man z.B. an medizinischen Heilmethoden erkennen kann, die mit Licht arbeiten. Was heilen kann, kann aber auch schädigen. Es kommt insbesondere auf die Dosis an. Kategorien wie “nützlich” oder “schädlich” kennt die Natur nicht. Aber ohne jeden Zweifel findet jeder Mensch eine Wirkung von Licht positiv: Helligkeit. Der Mensch ist ein Lichtwesen und profitiert von der Helligkeit. Genau deswegen sollte der Maßstab für Licht die Hellempfindung sein. Die V(λ)-Kurve sollte die Empfindung des menschlichen Auges für die Helligkeit nachbilden. So ganz schafft sie es nicht, weil die Helligkeit nicht nur von dem Objekt abhängt, das man betrachtet. Was die Kurve abbildet, ist die Hellempfindung. Besser gesagt, die spektrale Abhängigkeit der Helligkeitswirkung.

Diese Kurve, die sog. V(λ) - Kurve ignoriert die roten und blauen Teile des Lichts und lässt zudem die gesundheitlich wichtigsten Teile (Ultraviolett – UV – wie Infrarot - IR) vollkommen außer Acht. Daher scheinen die blauen und roten Teile unwichtig, UV + IR werden erst gar nicht gemessen.

Nichts gegen klare Verhältnisse. Es ist legitim und auch sinnvoll, wenn eine Wissenschaft ihr Anwendungsgebiet einschränkt. Die Lichttechnik ist aber nicht eine Wissenschaft, sondern auch eine Technik. Zudem beschäftigt sie sich mit einem Produkt, das meiner Meinung nach einer der wichtigsten Autoren der Industriegeschichte ist. So wirkte sich die Behauptung der CIE, sie habe Licht definiert, z.T. verheerend aus und tut es heute noch. Denn sie hat nicht Licht definiert, sondern ihre Betrachtungen auf einen bestimmten Bereich der Strahlung beschränkt, auf den das Auge mit einer Hellempfindung reagiert.

Übrigens, diese Behauptung teilen nicht alle Lichttechniker. Die US-amerikanische IES erklärte richtigerweise, die V(λ)-Kurve definiere Licht für die Zwecke der Beleuchtungstechnik. Dies muss man sogar weiter einschränken auf die Beleuchtungstechnik mit dem Fokus auf den Menschen. Denn man beleuchtet auch Pflanzen und Tiere, die das Licht ganz anders “sehen”. Das “Sehen” der Pflanzen, die Wirkungskurve für die Photosynthese, die die Basis allen Lebens bildet, entspricht einer “umgekehrten” V(λ)-Kurve.

Dies sieht man u.a. daran, dass die meisten Pflanzenblätter grün aussehen, weil sie das grüne Licht reflektieren. Dafür sind sie an den beiden Enden der V(λ)-Kurve am empfindlichsten. Deswegen sieht das optimale Licht für die Photosynthese ganz anders aus.

In welchem Maße man sich dabei irrt, zeigt das Bild über den Vergleich der Kurven für Licht für den Menschen (CIE-Version) und für die Pflanzen. Hierbei ist zu beachten, dass die Letztere links nicht bei 400 nm aufhört, sondern weitergeht. Aber bereits der Vergleich der roten Linie (Lichtempfindlichkeit für die Photosynthese) und der gelben macht deutlich, wie unterschiedlich Pflanzen und Menschen "sehen". Der Vergleich zeigt aber nicht den wahren Umfang, weil die Lichtmessgeräte bei 450 nm ihre größten Fehler haben.

Welche Wirkungen entfaltet ALAN auf Menschen, Fauna und Flora?

ALAN ist der Fachbegriff für die Betrachtung von Lichtwirkungen in der Nacht, die es in der Natur nicht gegeben hat. Es ist ein Akronym aus Artificial Light at Night. ALAN ist ein weit verzweigtes Forschungsgebiet. In Google Scholar findet man ca. 2 Millionen wissenschaftliche Artikel dazu. Die Auswirkungen betreffen den Menschen direkt und indirekt über die Beeinflussung der Flora.

Auswirkungen auf den Menschen

Die einfacheren Auswirkungen betreffen Schlaf und Gesundheit:

  • Schlafstörungen: Die Exposition gegenüber künstlichem Licht, insbesondere blauem Licht (wie es in vielen modernen LEDs enthalten ist), unterdrückt die Produktion des Schlafhormons Melatonin. Dies kann den Schlaf-Wach-Rhythmus stören.
  • Gesundheit: Chronische Störungen des zirkadianen Rhythmus werden mit erhöhten Risiken für bestimmte Krankheiten in Verbindung gebracht.

Diese Krankheiten sind nicht ohne, weil diverse Krebserkrankungen dazugehören. Es gibt eine wachsende wissenschaftliche Diskussion über einen möglichen Zusammenhang zwischen ALAN und einem erhöhten Krebsrisiko beim Menschen. Epidemiologische Studien, insbesondere zu den Auswirkungen von Schichtarbeit (die eine extreme Form der Lichtexposition bei Nacht darstellt), haben den Fokus auf hormonabhängige Krebsarten gelegt:

  • Brustkrebs (bei Frauen): Dies ist die am besten untersuchte Krebsart in diesem Kontext. Meta-Analysen deuten darauf hin, dass Frauen in Gebieten mit der höchsten nächtlichen ALAN-Exposition ein leicht erhöhtes Risiko aufweisen können.
  • Prostatakrebs (bei Männern): Auch hier wurden in einigen Studien Korrelationen mit nächtlicher Lichtexposition gefunden.
  • Kolorektales Karzinom (Darmkrebs): Es gibt auch Hinweise auf einen Zusammenhang mit Störungen des zirkadianen Rhythmus und Nachtschichtarbeit.

Eine Studie, die weltweit alle annehmbaren Wirkungen von LAN (Light at Night) ausgewertet hat, kam zu diesem Schluss: "“Artificial light at night is significantly correlated for all forms of cancer as well as lung, breast, colorectal, and prostate cancers individually.” In Deutsch, künstliche Beleuchtung in der Nacht ist signifikant korreliert mit allen Arten von Krebs, im Einzelnen mit Lungen-, Brust-, Dickdarm- und Prostata-Krebs." (Quelle: Al-Naggar, R. A., & Anil, S. (2016). Artificial Light at Night and Cancer: Global Study. Asian Pacific Journal of Cancer Prevention: APJCP). Seitdem sind runde 50.000 wissenschaftliche Artikel hinzugekommen. (abzurufen hier)

Wenn ein Thema derart relevant ist, müssten die Instrumente zur Feststellung und Überwachung des Verursachers umso präziser sein. Dass sie es nicht sind, liegt an der V(λ)-Kurve. So schrieb der Berliner Tagesspiegel im September 2022: “Die Umstellung von Straßenlampen auf LEDs in vielen Ländern Europas hat das Farbspektrum der nächtlichen Beleuchtung verändert – mit möglichen Folgen für Mensch und Tier. Das schreiben britische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „Science Advances“.

Sie hatten anhand von Fotos, die von der Internationalen Raumstation ISS aus aufgenommen wurden, festgestellt, dass durch LEDs insbesondere der Anteil der Emissionen im blauen Bereich des Spektrums zugenommen hat. Deutschland ist von diesem Effekt ebenfalls bereits betroffen, …"

Weiterhin schreiben die Forscher, was eigentlich alle wissen müssten: "Der Grund dafür liegt in den üblichen Satellitensensoren, die für die Messung der künstlichen Beleuchtung eingesetzt werden und die nur die Intensität des Lichts, aber nicht dessen Farbe registrieren.” Das betrifft, wie oben dargestellt, das blaue und rote Ende des Spektrums, das für die Pflanzen wichtig ist, und führt zu einer gravierenden Unterschätzung der unten dargestellten Wirkungen.

Auswirkungen auf die Flora

Die Hauptauswirkungen des Lichts in der Nacht beziehen sich auf die Störung des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus der Pflanzen, der deren Lebenszyklen steuert:

  • Verlängerte Vegetationsperiode: In städtischen Gebieten, wo die Lichtverschmutzung am stärksten ist, beginnen Bäume und andere Pflanzen im Frühjahr oft früher mit dem Knospen und Blühen und werfen ihre Blätter im Herbst später ab.
  • Verkürzung des Winters, sozusagen künstlich.
  • Die verlängerte Aktivität kann den Energie- und Wasserhaushalt belasten und die Pflanzen anfälliger für Frostschäden machen (wenn sie ihre Winterhärte verlieren, weil sie die kürzeren Tage nicht wahrnehmen).
  • Gestörte Blüte und Fruchtbarkeit: Nächtliches Kunstlicht kann die Blüte von Pflanzen hemmen oder den Zeitpunkt verfrühen. Wenn die Blüte verfrüht eintritt, fehlen möglicherweise noch die notwendigen Insekten für die Bestäubung.
  • Indirekte Auswirkungen durch Insektensterben: Viele Pflanzen sind auf nachtaktive Bestäuber angewiesen. Künstliches Licht lockt diese Insekten an oder stört ihr Verhalten massiv, was zu ihrem Tod oder einer Beeinträchtigung ihrer Fortpflanzung führt. Der Rückgang dieser Bestäuber (Teil des allgemeinen Insektensterbens) wirkt sich negativ auf die Reproduktionsfähigkeit und die gesamte Ökologie der betroffenen Pflanzenarten aus.
  • Einfluss auf Photosynthese und CO2-Bilanz: Obwohl Pflanzen nachts keine Photosynthese betreiben, führt die Störung des natürlichen Zyklus dazu, dass sie in der Nacht möglicherweise mehr ausstoßen. Einige Studien deuten darauf hin, dass die Lichtverschmutzung dadurch die Bilanz von Pflanzen und indirekt das Weltklima beeinflussen kann.

Was insbesondere die Lichtart LED betrifft:

Besonders Lichtquellen mit einem hohen Blauanteil (kaltweißes Licht) sind problematisch, da dieses Spektrum von Insekten besonders gut wahrgenommen wird. Das energiereiche, kurzwellige blaue Licht streut in der Atmosphäre (an Luftmolekülen, Staub und Wassertröpfchen) viel stärker als das langwelligere, gelbliche Licht älterer Lampentypen (wie Natriumdampflampen). Diese stärkere Streuung führt zu einer intensiveren Aufhellung des Nachthimmels, dem sogenannten Skyglow (Lichtglocke), der über den Städten weithin sichtbar ist und die Sicht auf die Sterne stark reduziert.

Dann kommt noch etwas, was die größte Besonderheit der LED betrifft: die Effizienz. Mehr Licht, weil es billig ist – Die Sache hat sogar einen wissenschaftlichen Namen, Rebound-Effekt. Noch eine weitere Besonderheit der LED macht die Sache schlimmer: die leichte Steuerbarkeit. Man kann LED mit billigsten Mitteln in der Farbe und in der Intensität steuern – und das sehr schnell.

Vor über einem Jahrhundert erfreute sich der Menschen Seele an den Lunaparks dieser Welt. So genannt, weil man unter dem Mondschein mehr Licht hatte als das des Mondes. Mittlerweile sind die Städte der Welt zu Jahrmärkten mutiert. Wer die von mir beispielsweise angeführten städtischen Bilder uns lieber ersparen will, sollte sich an die Regeln der International Dark-Sky Association IDA halten. (hier)

Die Verhunzung der Nacht habe ich in den folgenden Beiträgen kommentiert: