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nicht vom Produkt,
sondern von der Sehnsucht,
die sein Bild erzeugt..
Anonymus
Health Washing , kurzgefasst
Die aktuelle Renaissance des „gesunden Lichts“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Fortschritt: Endlich soll Beleuchtung mehr können als sichtbar machen. Doch dieser Beitrag zeigt die Bewegung als Symptom eines Glaubwürdigkeitsproblems, das die Lichttechnik seit ihren frühen Heilsversprechen begleitet. „Health Washing“ – in deutlicher Analogie zum Greenwashing – bezeichnet hier nicht bloß ein bisschen Marketing-Übertreibung, sondern eine strategische Verschiebung: Statt die Grenzen künstlicher Beleuchtung nüchtern zu benennen, wird mit Naturbildern, Sonnenmetaphorik und wissenschaftlich klingenden Etiketten ein moralischer Mehrwert behauptet. Die Industriewerbung, Verbandskommunikation und sogar institutionelle Präsentationen bedienen sich dabei einer Ikonografie, die kaum noch auf Lampen verweist, aber zuverlässig „Segen von oben“ signalisiert.
An konkreten Beispielen wird gezeigt, wie sich diese Rhetorik fortpflanzt: vom Recycling historischer Slogans („hell wie der lichte Tag“) über die Etikettierung billiger Spektren als „Vollspektrum“ bis zur Umdeutung von Human Centric Lighting in ein austauschbares Produktversprechen, das biologische Wirkung behauptet, ohne die dafür nötigen Bedingungen (Programm, Intensität, Einfallswinkel) einzulösen. Hinzu kommt ein zweites Geschäftsmodell: die Monetarisierung von Angst – etwa über den „Blue Light Hazard“ und Filterlösungen, deren Nutzen und Risiken in der Praxis differenziert betrachtet werden müssten. Selbst Tageslicht wird in dieser Logik zum Verkaufsargument und endet in technischen Phantasmen, die „die Sonne ins Haus holen“ wollen, ohne die physikalischen Grenzen (Leistungsdichte, Mittelwerte, Realbedingungen) ernst zu nehmen.
Health Washing – nach Art des Hauses?
Das Kapitel Die Legende vom gesunden Licht reloaded fängt mit dem Statement an: Das grandiose Versagen der Bemühungen um Licht und Gesundheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat in der Lichttechnik vermutlich eine kollektive Amnesie bewirkt. Diese Aussage beruht auf der Erfahrung, dass sich niemand hinter dem Titel „Licht und Gesundheit“, den wir für unseren Forschungsbericht von 1990 gewählt hatten, eine wesentlich ältere Arbeit mit identischem Titel, Licht and Health, von einem echten Pionier der Lichttechnik vermutete. Auch das ansonsten spektakuläre Buch von John Ott, Health and Light, von 1973 nimmt kein Bezug auf die 100 Jahre alte Publikation, obwohl nicht nur der Titel übereinstimmt.
Da nimmt es kein Wunder, dass die um etwa das Jahr 2000 plötzlich wiederaufgeflammte Liebe zu gesundem Licht in Anlehnung an Greenwashing jetzt Health Washing genannt wird. Am deutlichsten erkennt man die Sache an den Bildern aus der Natur, mit denen sich die Industrielobby (z.B. LightingEurope) schmückt. Das ist nicht etwa ein neuer Trend, sondern eher uralt, wie das Bild aus der Osram-Werbung hier zeigt.

Dieser Spruch aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders hat selbst den Verkauf von Osram durch Siemens und alle konventionellen Leuchtmittel überlebt und leuchtete in 2021 am Müncher Stachus in LED-Schrift.

Eine Unternehmung, die ein ehemaliger Vorstand von LightingEurope gegründet hat, schmückt sich gar mit Szenen aus der Natur.

Die Good Light Group folgte mit diesen Bildern der etwas älteren Werbung für HCL, das sich Human Centric Lighting nennt. Dort kann man aber keine Lampe entdecken. Dafür aber eine Szene, die von Sonnenschutzmitteln bis Wellness Hotels viele benutzen, um einen Segen von oben zu symbolisieren.

Ganz im Sinne eines Mitgliedunternehmens von LightingEurope, das Leuchten produziert. Sie hatte früher ihre Tätigkeit sogar noch enger gefasst und nur Langfeldleuchten erstellt. Warum nicht?

Ja, warum denn nicht? Diese Firma ist im Gesundheitswesen ganz zu Hause, und das nicht nur mit Beleuchtung. Sie hätte z.B. propagieren können, dass ein guter Ausblick aus dem Krankenzimmer unglaublich wirksam auf die Heilung von Patienten ist (dazu s. Beitrag Wunden, die Licht heilt). Sie benutzt das Licht in der Natur lieber, um ihre Lichtprodukte zu promoten.
Manche gehen sogar noch weiter und wollen ihre Produkte noch über die Natur stellen. Ganz i.S. von Matthew Luckiesh, der das Sonnenlicht über alles lobte, um die Überlegenheit seiner Lampen über die Natur zu proklamieren.

Nicht nur Firmen, die ihr Geschäft mit künstlichem Licht machen, instrumentalisieren die Natur und das Licht der Sonne, um Produkte zu verkaufen. Auch ein wissenschaftliches Institut holt scheinbar die Natur ins Haus, um ihr Konzept zu verkaufen, wie das Bild zeigt. Es trägt den Namen „Erleuchteter Arbeitsplatz“ und dürfte somit nicht so bald zu toppen sein. Den Menschen, denen das Licht des Tages genommen wurde, obwohl dies nicht unbedingt sein musste, wird ein künstlicher Sommertag vorgespielt. Allerdings endet die Simulation am Abend. Den Nachthimmel an einem Arbeitsplatz zu simulieren, dürfte niemandem leichtfallen. Eigentlich muss man dazu nur den Lichtschalter umlegen. Dann kann man aber nicht mehr arbeiten. Die abgebildeten Arbeitsplätze müssen aber 24/7 aktiv sein.

Last not least sei eine Ankündigung eines Ereignisses der CIE seitens der LiTG erinnert. Wer das Bild sieht, denkt garantiert nicht an ein Event für die künstliche Beleuchtung. Tatsächlich wird damit eine ISO/CIE-Publikation zum Thema »Integrative Lighting« über nicht-visuelle Lichtwirkungen angekündigt. Was das Dokument bewirken soll, steht im Scope: „Dieses Dokument enthält eine Analyse und Bewertung des aktuellen Stands der Technik hinsichtlich der durch ipRGC-Zellen beeinflussten Lichtreaktionen sowie eine Anwendung dieser Erkenntnisse im Zusammenhang mit ausgewählten Themen, die für den Einsatz in Beleuchtungsanwendungen in Betracht gezogen werden.“

Kundenfang mit minderwertigen Produkten
Obwohl die oben angeführten Beispiele nicht gerade vertrauenerweckend sind, bewirken andere Aktivitäten einen Verlust an Glaubwürdigkeit. An erster Stelle steht wohl die Kopie des uralten Osram-Slogans „Hell wie der lichte Tag“: Hersteller werben oft mit Licht, das „genau wie die Sonne“ sei. Was soll denn genau so sein wie die Sonne? Die Energiedichte wohl hoffentlich nicht. Den Sonnentag simulieren die Produkte auch nicht. Bleibt übrig, das Spektrum. Während die Sonne ein kontinuierliches Spektrum hat, nutzen viele günstige „Vollspektrum-LEDs“ lediglich eine violette Anregung statt einer blauen. Und schon hat man ein Vollspektrum.
Dabei habe ich mich immer geweigert, die Wirkung von Vollspektrumlampen in der Praxis zu untersuchen. Und dies aus zwei Gründen. Der erste Grund ist positiv: Alle Anwender von solchen Lampen waren von deren Wirkung überzeugt. Leider ist das keine gute Ausgangsbasis für eine wissenschaftliche Studie. Der zweite Grund war aber eher negativ: Wenn man die angebotenen Produkte unter die Lupe nahm, konnte man ehrliche Anbieter, die an ihre Produkte glaubten, nicht von Quacksalbern unterscheiden,die auch das schnelle Geld aus waren. Das war der entscheidende Grund, warum ich solche Produkte nie in der Praxis untersuchen wollte. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema hat aber zweimal stattgefunden (Vollspektrumlicht, VollspektrumlichtII), zuletzt 2009.
Seitdem hat sich die Diskussion zunehmend auf LED verlagert. Während manche Forschende diese Leuchtmittel eher für schädlich halten, beten andere ihre Produkte gesund, gerade weil sie LED enthalten. Dabei dürfte man gar nicht von einer LED reden, weil sich die diversen Produkte nur noch das Lichterzeugungsprinzip gemeinsam haben.
Ähnlich geht es in dem abgebildeten Beispiel einer Arbeitsplatzleuchte. Nach unseren Studien würde ich jedem solchen Produkt eine positive Wirkung unterstellen. Die hier angeführte Leuchte zeichnet sich auch noch durch ein gutes Design aus. Warum muss man für sie mit dem Argument werben, dass sie einem einen langen und tiefen Schlaf bescheren soll?
Andere Hersteller bemühen gar HCL. Dieses soll eigentlich ein Konzept sein und keine Leuchte. HCL soll den Biorhythmus unterstützen, indem es u.a. Farbtemperatur und Helligkeit im Tagesverlauf anpasst. Dass nicht jede Leuchte, die mal die Farbtemperatur und mal die Helligkeit ändert, eine biologische Wirkung auslösen kann, dürfte außer Frage stehen. Zu einer echten Wirkung gehören ein Programm und eine bestimmte Lichtleistung. Damit das Licht biologisch wirksam ist, muss es hell genug sein und im richtigen Winkel auf die unteren Netzhautbereiche treffen. Eine schwache Schreibtischlampe, die auch mal „blau“ leuchtet, ist kein HCL – sie ist nur eine blaue Lampe. Man weiß nicht einmal, ob die Leuchte biologisch wirksam sein sollte, denn Arbeitsplatzleuchten sind am wirksamsten, wenn sie biologisch unwirksam sind, also deren Licht nicht ins Auge fällt.
Andere Trittbrettfahrer wollen sogar mit Hilfe der Angst vor dem blauen Licht der LED Geld verdienen. Es wird oft suggeriert, dass blaues Licht von LED-Lampen die Netzhaut schädige („Blue Light Hazard“). Deswegen müsse man Blaulicht-Filter tragen. Zwar schaden diese Filter jemandem mit üblichen Aufgaben am Bildschirm nicht, aber wer professionell mit farbigen Objekten arbeitet, so etwa ein Grafiker, muss sich häufig Gedanken um seine Gesundheit machen, und zwar um die Augen, die sein wichtigstes Arbeitsmittel sind.[1]
Eigentlich wird jeder Experte eins empfehlen: Das beste „Human Centric Lighting“ ist immer noch der Gang nach draußen. Selbst an einem bewölkten Tag ist die Lichtintensität im Freien (ca. 5.000 bis 10.000 Lux) um ein Vielfaches höher als in jedem optimal beleuchteten Büro (ca. 500 Lux).
Was ist, wenn man die Sonne ins Haus holt?
Das Health Washing beschränkt sich nicht auf das künstliche Licht. Auch das Tageslicht ist kräftig dabei. Und so kräftig, dass ich es unter Phantomen der Lichttechnik abgehandelt habe: Phantom: Sonnenlicht ist gesund.
Die ganz Klugen holen sich die Sonne ins Haus. So auch die Autoren dieses Bildes. Man kann es in diversen Formen seit Jahrzehnten in vielen Publikationen finden. Das spezifische Bild habe ich ausgewählt, weil es auf einem internationalen Kongress als Lösung vorgetragen wurde. Zudem wurde eine ähnliche Installation nicht nur bei einem lichttechnischen Institut vorgenommen, sondern auch bei einem Leuchtenhersteller.
Ein Spiegel (Heliostat) auf dem Dach wird der Sonne nachgeführt und fängt deren Licht ein, das ein Netz aus (Licht-)Schläuchen durch das Haus verteilt. Dumm nur, dass Spiegel im besten Fall weniger als 1 kW Leistung pro Quadratmeter einfangen können. Jenseits der Erdatmosphäre bringt die Sonnenstrahlung es auf 1.361 Watt pro Quadratmeter (W/m²). Davon kommen mittags ca. 1.000 W/m² auf Meereshöhe an (man spricht hier von "Standard-Testbedingungen" für Photovoltaik). Über Tag und Nacht sowie über alle Breitengrade verteilt, liegt die durchschnittliche Einstrahlung am Boden in Deutschland bei etwa 115 W/m². Das reicht vielleicht für ein Zimmer in dem Gebäude, vielleicht auch nicht. (Weitere Kommentare zu der Idee unter Lichtgestalten im Wolkenkuckucksheim.
Die Bescheideneren begnügen sich damit, das Tageslicht tief in den Raum zu holen. Im symbolisierten Bild sieht die Sache sehr hübsch aus. Man fängt die Sonne mit Umlenkprismen ein und leitet sie in das Rauminnere.
Da die Sonne mitnichten daran denkt, immer an der gleichen Stelle zu weilen, muss man ihr Licht dort holen, wo es am konstantesten ist. So holt man es hoch im Zenit. Dort ist das Licht aber meistens blau oder grau. Zudem sehen die technischen Einrichtungen, die man dazu benötigt, nicht immer anmutig aus.

Hier sieht man ein Umlenkschwert, das etwa in Augenhöhe beim Stehen etwa einen Meter in den Raum hineinragt, dessen Reflexionen von einer Spiegelbatterie an der Decke ins Rauminnere geleitet werden. Die innere Hälfte des abgebildeten Raums entspricht der Realität von echten Büros. Dort sitzt meistens niemand. Zudem darf der abgebildete Mitarbeiter seit etwa 50 Jahren nicht mehr so sitzen, weil er geblendet wird.
Health Washing – Wundert sich jemand, dass niemand einem glauben will?
Wer bei Health Washing mit gesundem Licht nur an Werbung oder Marketing denkt, liegt reichlich daneben. Während man Werbung klar als solche erkennt und seine Schlüsse zieht, schleichen andere Ideen auf Samtpfoten an uns heran.
Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu informieren. Am besten bei mehreren Quellen.
[1] Ob blaueres Licht in der Umgebung und in den Arbeitsmitteln (Bildschirme) auf Dauer zu einer ernsthaften Schädigung der Augen führen (Makuladegeneration), ist unbekannt. Die Wirkung lässt sich empirisch nur schlecht ermitteln.

