Phantome, die unser Wissen beherrschen VI

Wo das Licht am hellsten ist,
ist der Schatten am tiefsten.

J.W.v. Goethe

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt.

Sonnenlicht ist gesund

Der Beitrag beschreibt das „Phantom“, die bis heute verbreitete Vorstellung, dass Sonnenlicht grundsätzlich gesund sei. Diese Idee entstand im Zuge der Industriellen Revolution, als Städte im Dunkel von Smog lagen und Menschen das Bedürfnis nach Licht hatten. Lichttechniker nutzten dies für künstliches „Tageslicht“, während Reformbewegungen wie die Progressiven versuchten, natürliche Helligkeit in Städte und Wohngebiete zu bringen. Dadurch wandelte sich weltweit das Schönheitsideal: Gebräunte Haut wurde zum Zeichen von Wohlstand.

Heute besteht ein Spannungsfeld zwischen den Vorteilen und Gefahren der Sonne. UV-Strahlung ist lebenswichtig für die Vitamin‑D‑Produktion, kann aber gleichzeitig schädlich wirken und Haut- sowie Augenerkrankungen auslösen. Besonders im Sommer führt übermäßige Sonnenexposition zu akuten Belastungen wie Sonnenbrand, Hitzeerschöpfung oder Sonnenstich. Arbeitgeber müssen Beschäftigte vor UV-Strahlen schützen.

Zur Geschichte des Phantoms

Dieses Phantom ist vermutlich so alt wie die Geschichte der menschlichen Zivilisation. In vielen alten Religionen galt die Sonne sogar als Gottheit. Seine heutige Ausprägung verdanken wir der Industriellen Revolution, die die Zentren der wichtigsten Industriestaaten derart in Finsternis hüllte, dass man den Tag kaum von der Nacht unterscheiden konnte. Dadurch setzte eine Pilgerfahrt zur Sonne ein bzw. eine Flucht aus den Industriezentren. Wer nicht verreisen konnte, wollte wenigstens die heilenden Strahlen der Sonne ins Haus holen. Selbst Reisebusse und Bahnzüge wurden mit UV-durchlässigen Fenstern ausgestattet, damit der Mensch den Segen der Natur empfangen konnte. Man erfand komplexe Lampen, die die heilenden Strahlen der Sonne gleich in der Wohnung produzieren sollten.

Den Beginn der Entstehung des Sonnenwahns erzählt das Kapitel Krankheiten der Finsternis – Geschichten aus New York und Chicago. Bei diesen Ereignissen spielten zwei Gruppen eine besondere Rolle. Zum einen waren es die Lichttechniker, die geschickt die historische Strömung für ihr Geschäft nutzten. Wenn Sonnenlicht gesund ist, aber leider nicht immer und nicht überall verfügbar ist, dann  erzeugen wir es eben elektrisch. Und wir machen es besser als die Natur. Deswegen wimmelt es in der Geschichte von Lichttechnik nur so von Tageslichtlampen. Licht mit einer Farbe, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, heißt auch noch tageslichtweiß. Das gesamte Buch Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne dient eigentlich der Erklärung dieses Narrativs der Techniker.

Eine andere Gruppe, die Progressiven, wollten das Licht der Natur in die Siedlungen und Häuser der Menschen holen. Ihrem Bestreben verdanken wir z.B. die Gartenstädte dieser Welt. In dem Buch werden die Bemühungen der US-amerikanischen Progressiven dargelegt, die nicht wenig von deren Kollegen und Weggefährten aus Deutschland profitierten. Was in Deutschland in dieser Richtung passierte, erzählt das Kapitel Meanwhile in Old Germany …

All dies führte zu einer Änderung des Schönheitsideals weltweit. Hat einst der Adel die blasse Haut stolz getragen, um zu demonstrieren, dass er nicht arbeiten muss wie die armen Bauern, deren Haut die Sonne gerbt, wurde die gebräunte Haut zum Symbol der neuen Reichen, des gehobenen Bürgertums. Die neue Hautfarbe signalisierte, dass man nicht zu den armen Schichten gehörte, die den Sonnentag bei der Arbeit verbringen und den Rest ihres Lebens in lichtarmen Behausungen. Tan wurde nicht etwa in den Adelsstand erhoben, sondern gleich zu den Gottheiten gezählt: Great God Tan!

Vor und in den 1920ern kehrte sich diese Vorstellung aufgrund der hier dargestellten Vorgänge ins Gegenteil um. Was einst nobel und edel aussah, sah jetzt eher wie ein Opfer der Schwindsucht aus. Irgendwie erinnert das Ganze an Effi Briest, eine junge Adlige vom Land, die in Berlin an einer „diffusen“ Krankheit stirbt, die ihr Arzt Dr. Rummschüttel als Schwindsucht bezeichnet. Ein halbes Jahrhundert vor Fontanes Protagonistin war „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas d. J. aus der Welt geschieden, einer anderen Welt in Paris, aber an derselben Malaise.

Nicht nur Effie Briest und die Kameliendame verblassten ohne Sonne. Auch das indigene Mädchen Wildflower siechte dahin, bis eine Krähe sie rettete, indem sie ein Loch in den Himmel pickte. Die himmlische Medizin („The Great Sky Medicine“) verhinderte das Welken der armen Wildblume. Der Spruch der Autorin Elisabeth Jenkins zum Abschluss der Geschichte der Wildflower liest sich beinah herzzerreißend: „Jedes kleine Mädchen, das dahinsiecht und verblasst, wie es die Wildblume tat, kann gesund und glücklich gemacht werden durch die Große Himmlische Medizin, die große, warme und wundervolle Sonne.“

Auf zur Sonne? Brüder, zur Sonne, zur Freiheit – Die deutsche Version des russischen Lieds wurde etwa zur gleichen Zeit gesungen, als die Wildflower-Story erschien.

Ist das Sonnenlicht etwa nicht gesund?

Ein Jahrhundert danach, in unserer Zeit, besteht immer noch dieselbe Vorstellung, die sich damals entwickelt hat. Allerdings herrscht heute ein gnadenloser Kampf zwischen denen, die die Vorteile der UV-Strahlung hervorheben, und jenen, die immer wieder mit dem kommenden Frühling beginnend vor den Gefahren der Sonne warnen. Man hat nämlich in der Zwischenzeit gelernt, dass die UV-Strahlung ein „Agens“ ist, was so viel bedeutet wie ein Krankheiten hervorrufender Faktor.[i]

Eigentlich ist ein Agens „eine treibende Kraft“ oder „einwirkendes Prinzip“. Woraus sich die Rolle der UV-Strahlung bestens erklärt: Zu Urzeiten verhinderte sie die Entwicklung des Lebens überhaupt, weshalb es sich deswegen im Wasser entfalten musste. Später war sie durch Erzeugung von Mutationen an der Evolution beteiligt. Für den Menschen ist sie aufgrund der Vitamin-D-Produktion lebenswichtig. Ebenso kann sie für Organismen schädlich bis tödlich sein und wird seit Langem zur Desinfektion und Entkeimung eingesetzt. Zu Beginn der Evolution war die UV-Strahlung der Sonne tödlich, bis sich die Ozonschicht in der Atmosphäre ausbildete. Eine Schicht aus tödlichem Gas, die dem Leben auf der Erde die Freiheit zur Entfaltung schenkte.

Das Melatonin, von dem in diesen Tagen viel die Rede ist, ist vermutlich in diesen Urzeiten entstanden, die etwa 3 Milliarden Jahre zurückliegen. Es ist das Langzeitgedächtnis des Lebens, das in jenen Zeiten das Signal gab, sich vor der Sonne zu verstecken. Dass es beim heutigen Menschen das Startsignal für die Ruhezeit gibt, ist kein Paradox. Lebewesen beginnen mit der Melatoninproduktion am Ende des Tages. Die tagaktiven Wesen leiten daraus ab, dass sie sich auf die Ruhe vorbereiten sollen, die nachtaktiven verstehen das Gegenteil. So fehlt dem Menschen heute scheinbar die Warnung vor dem Licht. Der Mensch als Lichtwesen (homo diurnus) strebt nach dem Hellen. Und das Helle kommt von der Sonne.

Allerdings hat die Evolution des Menschen nicht in offenen Wüstenlandschaften oder Prärien stattgefunden, wo er große Teile des Tages der Sonne ausgesetzt war. Die Empfindlichkeitskurve des menschlichen Auges, die genau bei den Wellenlängen am höchsten ist, bei denen die Pflanzen das meiste Licht abweisen oder durchlassen, lässt vermuten, dass der Mensch unter dem Blätterdach von Bäumen entstanden sein muss. In solchen Umgebungen herrschen keine 100.000 lx Beleuchtungsstärke. Man ist auch nicht ungefiltertem UV-Licht ausgesetzt, außer durch den natürlichen Filter der Atmosphäre.

Wenn man gesund mit den Bedingungen der Evolution in Harmonie versteht, kann man daraus nur ableiten, dass das Sonnenlicht bei geringen Intensitäten mit Sicherheit gesund ist. Und ohne Dauerbestrahlung.

Heute empfängt die Mittelmeerregion jährlich etwa 360 bis 440 Millionen internationale Gäste, meist aus nördlicheren Ländern. Das entspricht rund einem Drittel aller Touristen weltweit. Great God Tan heißt, sich in die Sonne zu knallen, um möglichst schnell die “gesunde” Bräune zu erwerben. Was sich viele dabei unabsichtlich erwerben, bezeichnen Dermatologen als Acne aestivalis, a.k.a. Mallorca-Akne. Die Sonne ist auch an der Salzwasser-Dermatitis beteiligt. Wenn Salzwasser auf der Haut trocknet, können die Salzkristalle wie kleine Brenngläser wirken und die Haut reizen oder austrocknen.

Eine Erkrankung, mit der Dermatologen einem häufig Angst machen, Hautkrebs, lasse ich lieber weg. Hierzu gibt es erstens genügend Warnungen. Und zweitens, stehen bestimmte Hautschäden auch ohne Krebsentstehung auf dem Plan. UVB-Strahlen verursachen den Sonnenbrand und direkte DNA-Schäden. UVA-Strahlen dringen tiefer ein, sorgen für Hautalterung und bilden freie Radikale, die indirekt Krebs fördern.

Das Sonnenlicht belastet den Körper allein durch den sichtbaren Anteil von etwa 45% der Gesamtenergie. Wenn man unbeschattet in der Sonne steht, kommt etwa dieselbe Energiemenge (48%) hinzu. Bei den Temperaturen, die in der Ferienzeit in Mittelmeerländern herrschen, stellt die direkte Bestrahlung allein eine große Belastung dar. Auswirkungen von einer solchen Belastung können sein:

  • Flüssigkeitsmangel (auch ohne Durstgefühl)
  • Unwohlsein (Hitzeerschöpfung)
  • Sonnenstich
  • Hitzekollaps bis zum lebensbedrohlichen Hitzschlag.

 

Arbeitgeber müssen ihre nicht freiwillig in der Sonne weilenden Mitarbeitenden vor Strahlung schützen. Das gilt selbst für die Verglasung von Fahrzeugen. Seit 2019 ist heller Hautkrebs als Berufskrankheit anerkannt. Was das Sonnenlicht sonst an Sachäden verursachen kann, wird in der DGUV-I 203-085 “Arbeiten unter der Sonne” wie folgt aufgelistet:

Unmittelbar auftretende Schäden sind beispielsweise:

  • Sonnenbrand (Rötung bis zur Blasenbildung)
  • Allergien, die durch Sonne mitausgelöst oder verstärkt werden, phototoxische und photoallergische Reaktionen (Photodermatosen)
  • Augenschäden wie Binde- und Hornhautentzündung

 

Chronische Schäden (Spätfolgen) können sein:

  • Hautkrebs einschließlich Frühstadien, z. B. aktinische Keratosen
  • Linsentrübung des Auges (Grauer Star)
  • Vorzeitige Hautalterung (u. a. übermäßige Faltenbildung, Altersflecken)

Das Sonnenlicht ist die ursprüngliche Quelle allen Lebens. Wie diese Darstellungen zeigen, kann es jedoch auch als Gefahr angesehen werden. Die Natur ist weder gut noch böse.

Mittelbare Schäden durch Schutzmaßnahmen

Immer zu dieser Jahreszeit erscheinen in der ganzen Presse Artikel mit Warnungen vor den Gefahren der Sonne, die meist von der einschlägigen Industrie  „gesponsert“ werden. Häufig werden sie von besorgten Dermatologen verfasst oder stammen aus Berufsverbänden wie der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. Sie kulminieren in Empfehlungen, wie man sich im Sommer täglich mehrmals mit einem Lichtschutzfaktor 50 schützen müsse. Es drohe sonst Hautkrebsgefahr.

Andere Leute halten solche Warnungen für eine Aufforderung zum Selbstmord in Raten, weil man damit die Axt an eine vitale Funktion der Haut legt: an die Vitamin-D-Produktion. Diese Substanz ist kein Vitamin, sondern ein Hormon. Dessen Produktion erfolgt in der Haut unter dem Einfluss der UV-Strahlung. Vitamine kann der Körper nicht selbst produzieren. Man muss sie einnehmen. Vitamin D kann man auch durch die Nahrung aufnehmen. Das ist aber nicht sehr effizient.

Das Vitamin D steuert biochemische Reaktionen im gesunden Körper. Es unterstützt den Aufbau von Knochen und Muskulatur, stärkt das Immunsystem, hat eine Schutzfunktion für die Nervenzellen des Gehirns und des Herz-Kreislauf-Systems, senkt den Blutdruck und schützt auch vor Krebserkrankungen. Die Aufnahme von Vitamin D erfolgt zu 90 Prozent über die Sonne, nämlich mithilfe der UV-B-Strahlung, zu 10 Prozent über die Ernährung. Lebensmittel, die besonders viel Vitamin D enthalten, sind beispielsweise Seefische wie Lachs oder Makrele. Man müsste aber schon sehr viel Fisch essen, um Ihren Vitamin-D-Haushalt aufrechtzuerhalten. Besser ist es, viel Sonne zu tanken.

Eine Langzeitfolge des Vitamin-D-Mangels ist Osteoporose. Hierdurch werden die Knochen porös und brüchig. Schon einfache Stürze können dann zu schweren Brüchen führen (besonders Oberschenkelhals oder Wirbelkörper). Ein Oberschenkelhalsbruch in hohem Alter bedeutet meist ein Todesurteil. Vitamin D wirkt nicht nur auf den Knochen selbst, sondern ist auch entscheidend für die Muskelfunktion. Ein Mangel führt zu Muskelschwäche und Gangunsicherheit. Schwache Muskeln können den Körper schlechter stabilisieren ➩ das Sturzrisiko steigt  ➩ die bereits geschwächten Knochen brechen schneller.

Vitamin D  spielt eine entscheidende Rolle bei den Reizübertragungen der Nervenzellen:

Schutz der Myelinschicht (die Isolierung): Nervenleitungen funktionieren wie elektrische Kabel. Damit der Impuls schnell und ohne Verluste ans Ziel kommt, sind sie mit einer Isolierschicht umhüllt, dem Myelin. Vitamin D regt die Produktion von Proteinen an, die für die Bildung und Reparatur dieser Myelinschicht verantwortlich sind. Eine beschädigte Myelinschicht führt dazu, dass Nervensignale langsamer oder fehlerhaft übertragen werden.

Kalzium-Haushalt in der Nervenzelle: Damit eine Nervenzelle einen Impuls abfeuern kann, müssen Ionen (vor allem Kalzium) durch die Zellmembran fließen. Vitamin D reguliert die Kalziumkanäle in den Neuronen. Ist zu wenig Vitamin D vorhanden, gerät das elektrische Gleichgewicht der Zelle durcheinander. Dies kann sich in Missempfindungen wie Kribbeln („Ameisenlaufen“), Taubheitsgefühlen oder Muskelzucken äußern.

Produktion von Neurotransmittern: Vitamin D beeinflusst Enzyme, die für die Herstellung wichtiger Botenstoffe zuständig sind, darunter Dopamin & Serotonin (Stimmung und Signalübertragung im Gehirn) und Acetylcholin, der Hauptbotenstoff für die Steuerung von Muskelbewegungen.

Nervenschutz (Neuroprotektion): Vitamin D wirkt antioxidativ und entzündungshemmend im Nervengewebe. Es hilft dabei, Neurotrophine zu bilden – das sind körpereigene Lockstoffe, die Nervenzellen beim Überleben helfen und das Wachstum neuer Nervenverbindungen fördern.

Rezeptoren für Vitamin D finden sich fast im gesamten Gehirn, besonders in Regionen, die für die Planung von Bewegungen und die Gedächtnisbildung zuständig sind (wie der Hippocampus).

Die lange Aufzählung der Funktionen von Vitamin D sollte verständlich machen, wovor man in jedem Frühling gewarnt wird. Man kann sogar solche Statements lesen: “Tatsächlich zeigen die vorherrschenden Studien, dass Menschen, die täglich Sonnenschutzmittel verwenden, ihren Vitamin-D-Spiegel aufrechterhalten können.” Dumm nur, dass man in Mitteleuropa im Winter auch ohne Sonnenschutzmittel seinen Vitamin-D-Spiegel nicht halten kann.

Das Thema ist höchst umstritten, seit die Vorstellung entstanden ist, dass UV-Licht für das Leben wichtig ist. So wurde auch das Buch von Luckiesh und Pacini Light and Health bereits bei Erscheinen 1926 heftig kritisiert, und zwar von keinem Geringeren als Emery R. Hayhurst, der als Pionier auf dem Gebiet der Arbeitsmedizin (Industrial Hygiene) gilt.

Der Rezensent stellt, wie hier erkennbar, in Frage, ob UV überhaupt so wichtig für ein gesundes Leben sei, wenn die Inder im Schnitt 25 Jahre alt werden, während der Durchschnittsamerikaner 55 wird. Ergo? Wenn es nach dem Rezensenten ginge, sollte man die Quintessenz des Buches gar nicht zur Kenntnis nehmen. Rayhurst fand das Buch dennoch höchst interessant, weil darin die Entstehung des Menschen mit der Sonnenstrahlung erklärt wurde: “Die Sonnenstrahlung war ein wichtiger Umweltfaktor in der Evolution des Lebens, die schließlich in dem Menschen gipfelte. Offenbar sind Strahlungen bestimmter Wellenlängen für die Gesundheit biologischer Wesen, einschließlich des Menschen, ebenso wichtig wie Sauerstoff.” [1]

Es blieb meist nicht bei dezenter Kritik. Dem großen Protagonisten Michael Holick wurde infolge eines solchen Streits auch seine Professur in der Dermatologie entzogen. Dieser war Professor an der Boston University in der Dermatologie-Abteilung. Holick veröffentlichte das Buch „The UV Advantage“, in dem er „maßvolles Sonnenbaden“ (ca. 5 bis 15 Minuten mehrmals pro Woche ohne Sonnenschutz) empfahl, um die Vitamin-D-Produktion anzuregen. In der Welt der Dermatologie, die konsequente Sonnenvermeidung zur Vorbeugung von Hautkrebs predigt, galt dies als „Häresie“. Die damalige Leiterin der Dermatologie, Dr. Barbara Gilchrest, warf ihm vor, die öffentliche Gesundheit zu gefährden, und verglich seine Empfehlungen sogar damit, das Rauchen zur Entspannung zu bewerben. Holick musste die Dermatologie verlassen.

Seit dem Eklat um Michael Holick im Jahr 2004 hat sich die wissenschaftliche Sicht auf Vitamin D dennoch massiv gewandelt. Man hat erkannt, dass er mit der Bedeutung des "Sonnenvitamins" recht hatte. die Debatte um die richtige Dosierung und den Sonnenschutz bleibt jedoch bis heute ein Drahtseilakt.

Fazit

Dieses Phantom, das wir den Umweltfolgen der Industriellen Revolution verdanken, wird uns wohl sehr lange begleiten. Das liegt an dem “Täter”, der Sonne, der wir alles Leben verdanken. In Maßen genossen, gibt es nichts Besseres als ihr Licht für Leib und Seele. Sie kann aber auch schädlich bis zerstörerisch werden.

Zu dem Thema hat sich 1926 der Pionier der Arbeitsmedizin gemeldet, als das Buch Light and Health eines Lichttechnikers erschien. Im Jahre 2026 haben 5 der 17 Beiträge des Symposiums Licht und Gesundheit sich vornehmlich mit UV beschäftigt. Auf den 84 Seiten der Dokumentation der Veranstaltung erscheint “UV” 96-mal.

[1] Emery R. Hayhurst, Rezension in The American Journal of Public Health, S. 635, 1926

[i] Zum Begriff agens siehe Begriffsbestimmung hier . Ein Agens kann eine wirksame Substanz sein, aber auch negativ beladen. Die neutrale Auffassung entspricht eher der Rolle von Stoffen und Strahlung in der Natur. Luft und Wasser, beide unerlässlich für Leben, können u.U. einen schnellen Tod verursachen. UV kann Zellen angreifen und Mutationen bewirken, Und Mutationen sind nach der Vererbungslehre Grundstein für die Entwicklung der Natur.

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