Warum Blendung nicht einfach eine Störung des Sehens ist

Der Sinn der Wissenschaft ist,
dem Wissen einen Sinn zu geben.

d. Blogger

Warum Blendung nicht einfach eine Störung des Sehens ist, kurzgefasst

Blendung wird häufig als bloße Unannehmlichkeit des Sehens betrachtet. Mein Beitrag zeigt dagegen, dass visuelle Störungen am Arbeitsplatz auch körperliche und kognitive Belastungen auslösen können. Entscheidend ist nicht allein, ob eine Erscheinung lichttechnisch als Blendung gilt, sondern wie sie das Sehen und die Arbeitsausführung beeinflusst.

Beschäftigte reagieren auf schlecht erkennbare Schrift, Reflexionen oder störende Helligkeitsverteilungen oft unbewusst mit Veränderungen ihrer Haltung. Sie verkürzen die Sehentfernung, neigen den Kopf oder verdrehen den Oberkörper, um ihre Sehaufgabe weiterhin bewältigen zu können. Kleine Schrift und ungeeignete Brillen können den verfügbaren Bewegungsspielraum zusätzlich einschränken. Die Verbesserung des Sehens erfolgt damit auf Kosten einer günstigen Körperhaltung.

Als Beispiel führe ich meine Untersuchungen an 1021 Bildschirmarbeitsplätzen an: Bei Personen mit Nahbrille lag der Anteil orthopädischer Behandlungen bei 49 Prozent, gegenüber 32 Prozent ohne Brille oder mit Fernbrille und 23 Prozent mit Bifokalbrille. Auch glänzende Tastaturen können Ausweichhaltungen und Beschwerden begünstigen. Aus kurzfristigen Anpassungen können dauerhafte Belastungen werden.

Zugleich beanspruchen die Aufrechterhaltung der Ausweichposition und die fortlaufende visuelle Orientierung zusätzliche Ressourcen. Der Zusammenhang zwischen Sehbedingungen und Beschwerden bleibt dabei häufig unerkannt. Die Quintessenz lautet: Eine angemessene Bewertung muss visuelle Störungen, motorische Kompensation und deren Folgen gemeinsam betrachten. Eine isolierte traditionelle Blendungsbewertung erfasst diese Wirkungskette nach meiner Auffassung unzureichend.

Warum Blendung nicht einfach eine Störung des Sehens ist

Zum Thema

Blendung wird hauptsächlich von Lichttechnikern betrachtet und als Unannehmlichkeit angesehen. Dass man daraus keine tieferen Schlussfolgerungen zieht, hängt u.a. auch damit zusammen, dass die Blendungsforschung ohne die Berücksichtigung von Arbeit betrieben wird (s. Von einem, der auszog, zu lernen, was UGR = 19 ist)

Im Kontext von Arbeitsstätten hat die so untersuchte Blendung kaum eine Bedeutung, weil die Forschenden wie auch die Literatur zwischen Blendung und vielen anderen Erscheinungen unterscheidet, die für den Menschen am Arbeitsplatz dasselbe bedeuten (Störung des Sehens). Dieser Aspekt wird im Kapitel Lichtforschung tritt auf der Stelle, weil … ausführlich behandelt. Nicht aber alle Folgen für den arbeitenden Menschen. Diese will ich mit diesem Beitrag verdeutlichen.

Was ist, wenn man bei der Arbeit geblendet wird?

Unbemerkt von den Probanden aufgenommene Arbeitsabläufe zeigten diverse Folgen einer Störung des Sehens, die nicht einmal den Probanden bewusst waren. Man kann sie ermitteln, wenn man die Haltung arbeitender Menschen  analysiert, die sich unbeobachtet fühlen.

Leider kann man solche Studien heutzutage kaum durchführen. Es war früher möglich, die Mitarbeitenden in einem Raum um Genehmigung zu bitten, sie zu einem nicht vorbestimmten Zeitpunkt aufzunehmen. So wurden die Arbeitshaltungen von manchen von ihnen nach einer Vorwarnung aufgezeichnet. Ziel waren aber die Nachbararbeitsplätze, bei denen die Mitarbeitenden ihre natürliche Haltung weiter behielten, während die im Vordergrund sich ihrer Vorstellung von der Untersuchung entsprechend verhielten.

Mit solchen Aufnahmen konnten wir z.B. ergründen, wieso Menschen mit schwachen Augen am Bildschirm dennoch erfolgreich arbeiten konnten, obwohl sie sehr schlecht sahen. Sie haben ihre Haltung derart verändert, dass sie die Schrift am besten erkennen konnten. Die daraus entstehenden Folgen schlugen sich aber später in der Statistik der Besuche beim Orthopäden nieder. Am Arbeitsplatz selbst erlebten solche Leute mehr körperliche Beschwerden. Dass sie dadurch auch mehr Kopfschmerzen hatten, war nicht einmal den Betriebsärzten bewusst. Die Wissenschaft weiß auch heute noch nicht in jedem einzelnen Detail, was Kopfschmerzen auf molekularer und neuronaler Ebene auslöst – auch wenn das Bild in den letzten Jahren extrem viel genauer geworden ist.

Wie es Menschen mit guten Augen ergeht, zeigt das nachfolgende Bild, das die Sehentfernungen anzeigt, die sie beim Lesen relativ gut gestalteter Schrift einnehmen, wenn die Schrift unterschiedlich groß ist (N = 140 Probanden). (aus Çakir, A., Beleggestaltung für Bildschirmarbeitsplätze, BAU, Dortmund, 1982)

Ist diese nur etwa 1,3 mm hoch, beträgt die Sehentfernung im Mittel 300 mm und variiert sehr wenig. Man kann daher von einer Zwangshaltung sprechen. Diese nehmen übrigens heute Jugendliche beim Lesen ihres Smartphones ein. Ist die Schrift größer, können die Menschen ihre Haltung relativ frei wählen oder stärker variieren. Bei Schriftgrößen von 3 mm variierte die Haltung zwischen 480 mm und über 700 mm.

Mitarbeitende mit Brillen können ihre Sehentfernung nicht so frei wählen. Als dieses Bild entstand, verschrieben Augenärzte älteren Mitarbeitenden „Lesebrillen“ mit einer Sehentfernung von 330 mm. Da diese eine eingeschränkte Tiefenschärfe (= Bereich, in dem scharf gesehen wird) haben, müssen sie sich entsprechend biegen und krümmen, je nachdem, wo sie lesen. Benutzen sie ein Papierdokument, beugen sie sich darüber. Müssen sie auf einem festen Bildschirm lesen, gehen sie näher heran. Ist der Bildschirm beweglich, halten sie ihn unter die Nase.

Übrigens, die Sehentfernung von 330 mm (1/3 Meter) bzw.  hat ihren historischen und physikalischen Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die moderne Augenheilkunde und Refraktionslehre durch Pionierarbeiten wissenschaftlich begründet wurden. Das änderte sich erst, als wir nachwiesen, dass eine solche Sehentfernung ergonomisch nicht vertretbar war.

Bei ungünstigen Sehbedingungen findet also eine Optimierung des Sehens zu Lasten der Körperhaltung statt. Das unvermeidliche Ergebnis davon ist eine höhere Anfälligkeit für Haltungsprobleme. So waren von 1021 befragten Personen, die über einen längeren Zeitraum am Tag am Bildschirm tätig waren, diejenigen mit der ungünstigen vorgegebenen Sehentfernung der Brille am häufigsten beim Orthopäden gewesen. (aus Çakir, A.; Reuter; H.-J.; V. Schmude, L.; Armbruster, A., Anpassung von Bildschirmarbeitsplätzen an die physische und psychische Funktionsweise des Menschen, Der Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, Bonn, 1978)

 
 Brille  Behandlungen beim Orthopäden
 Keine 32 %
 Fernbrille 32 %
 Bifokalbrille 23 %
 Nahbrille 49 %

(Anm.: Die Zahlen aus dieser Tabelle haben 1980 dazu geführt, dass die sog. „Bildschirmbrille“ eingeführt wurde.)

Den Effekt, den diese Zahlen verdeutlichen sollen, kann man experimentell vorführen, wenn man an einem Arbeitsplatz die Lesbarkeit der Schrift langsam verschlechtert (z.B. geringerer Kontrast, kleinere Schrift, verschnörkelte Schriftarten). Die Menschen reagieren immer mit einer Verkürzung der Sehentfernung. Man kann ein ähnliches Verhalten sogar bei Autofahrern feststellen, die im Nebel fahren. Denen nützt die Änderung der Sehentfernung zwar wenig, aber sie bewegen sich näher an die Windschutzscheibe, wenn sie das Gefühl haben, schlechter zu sehen.

Auch Erscheinungen, die nicht zu Blendung zählen (s. Was nicht als Blendung zählt, aber dennoch belastet), führen zu unbeabsichtigten  Haltungswechseln. So kann man bei  glänzender Tastatur andere Körperhaltungen beobachten als solche, die die Mitarbeitenden ohne diese Störung einnehmen würden. Zwar merkt der Mitarbeitende dies nicht immer, aber man kann die Wirkungen schon feststellen. So hat Glanz auf Tastaturen nicht nur etwa gestört, sondern vielfältige Belastungen nach sich gezogen.

Man kann sich zwar vorstellen, dass einem die Augen häufiger brennen, wenn das Sehen gestört ist. Warum man Spannung am Rücken heftiger verspüren soll, wenn die Tastatur nicht matt ist, konnte man Designern oder Computerherstellern nur schlecht erklären.

Das obige Diagramm zeigt noch eine Erkenntnis, die die traditionelle Blendungsbewertung in Frage stellt: Die Blendung durch die künstliche Beleuchtung wurde bei den 1021 befragten Probanden eher durch die Tastatur verursacht als direkt durch die Beleuchtung selber.

Ich halte es für unzulässig, wenn sich Hersteller von Beleuchtung auf die direkte Blendung konzentrieren und dabei andere Störungen ignorieren, obwohl diese und deren Bedeutung ihnen schon immer bekannt gewesen sind. Denn alle Beleuchtungsnormen, spätestens seit DIN 5035: 1956-02, geben vor, dass die relevanten Oberflächen am Arbeitsplatz matt sein sollen. Irgendwann mal muss jeder einsehen, dass dies einfach nicht möglich ist. Auch die Alternative. Indirektbeleuchtung, war lange bekannt, wenn nicht länger als die Geschichte der Beleuchtungsnormen zurückreicht. Leffingwell hat sie in den 1920er Jahren angeführt.

Von der Wirkungskette: Visuelle Störung  Motorische Kompensation  Biomechanischer Schaden

Wenn das visuelle System gestört wird – etwa durch Direktblendung, Reflexblendung auf dem Bildschirm oder extrem ungleichmäßige Leuchtdichteverteilungen –, hat das visuelle System im Gehirn oberste Priorität: Es erpicht sich darauf, das Sehziel scharf und blendfrei zu erfassen.

  1. Die Ausweichbewegung: Um der Blendquelle zu entgehen oder den Reflexionswinkel auf dem Glas/Bildschirm zu brechen, weichen die Augen nicht alleine aus – der gesamte Kopf und der Oberkörper folgen.
  2. Die statische Verdrehung: Die Beschäftigten nehmen unbewusst dauerhafte Fehlhaltungen ein: schief gezogene Schultern, nach vorne gestreckter Hals („Head-Forward-Posture“), verdrehter Oberkörper oder permanente Kopfneigung.
  3. Die Zwangshaltung als Dauerbelastung: Was als kurzfristiger Schutzreflex gegen Blendung gedacht ist, wird über 8 Stunden hinweg zu einer massiven biomechanischen Zwangshaltung.

 

Solche Änderungen der menschlichen Haltung wurden typisch auf die Computerabeit bezogen, wie folgende Darstellung der Entwicklung des Menschen zeigt.

Die letzte Phase der Entwicklung der Menschheit stammt aus einem Buch von mir. In dem die oben beschriebenen Folgen angezeigt wurden:

Warum der Gang zum Orthopäden die logische Folge ist

Das Tückische daran ist die Verschleierung der Ursache:

  • Der Mitarbeitende spürt primär: „Mein Licht blendet mich.“ Was wirklich blendet, ist sekundär. Er analysiert ja keinen Arbeitplatz, sondern er will den nächsten Arbeitsschritt angehen.
  • Er spürt nach einigen Wochen möglicherweise  schwere Spondylosen, HWS-Syndrome, Einklemmungen oder chronische Myogelosen (Muskelverhärtungen) im Nacken- und Schulterbereich. Zum HWS-Syndrom gehören auch Kopfschmerzen, die man kaum auf eine Tastatur oder etwas anderes Glänzendes zurückführen kann.
  • Der Arzt bzw. Orthopäde diagnostiziert eine orthopädische Erkrankung und verschreibt Physiotherapie oder Spritzen – während die ursächliche Blendquelle am Arbeitsplatz ungehindert weiterwirkt.

 

Die ursächliche Blendquelle, die Beleuchtung, würde sich viel weniger störend auswirken. Die weitere Blendquelle, die sich störend auswirkt, das Tageslicht, wird ansonsten nicht einmal als Blendung identifiziert.

Ausweichen als eigenständige kognitive und physische Belastung

Das Vermeiden der Störung verbraucht selbst kontinuierlich Ressourcen:

  • Physikalisch/Biomechanisch: Permanente isometrische Muskelarbeit zur Aufrechterhaltung der Ausweichposition.
  • Kognitiv: Das Gehirn muss dauernd die visuelle Orientierung unter erschwerten Bedingungen nachkorrigieren und den Störreiz ausblendend verarbeiten.

 

Wer glaubt, dass die hier beschriebenen Erscheinungen in die Historie gehören, aber in unserem modernen Arbeitsalltag keine Rolle mehr spielen, der sollte sich das folgende BIld angucken:

Quintessenz:

Blendung und andere Sehstörungen sind mehr als nur ein visuelles Ärgernis: Wer ihnen ausweichen muss, verändert oft unbewusst seine Körperhaltung. Daraus können zusätzliche körperliche und kognitive Belastungen entstehen. Entscheidend ist deshalb, die Sehbedingungen am Arbeitsplatz zusammen mit ihren Folgen für Haltung und Arbeitsabläufe zu betrachten.

Diese Feststellung ist ein weiterer Beweis dafür, warum die traditionelle Blendungsbewertung keine validen Ergebnisse liefern kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.