Health Washing – Wie man an Glaubwürdigkeit verliert

Der Geschäftemacher lebt
nicht vom Produkt,
sondern von der Sehnsucht,
die sein Bild erzeugt..

Anonymus

Health Washing , kurzgefasst

Die aktuelle Renaissance des „gesunden Lichts“ wirkt auf den ersten Blick wie ein Fortschritt: Endlich soll Beleuchtung mehr können als sichtbar machen. Doch dieser Beitrag zeigt die Bewegung als Symptom eines Glaubwürdigkeitsproblems, das die Lichttechnik seit ihren frühen Heilsversprechen begleitet. „Health Washing“ – in deutlicher Analogie zum Greenwashing – bezeichnet hier nicht bloß ein bisschen Marketing-Übertreibung, sondern eine strategische Verschiebung: Statt die Grenzen künstlicher Beleuchtung nüchtern zu benennen, wird mit Naturbildern, Sonnenmetaphorik und wissenschaftlich klingenden Etiketten ein moralischer Mehrwert behauptet. Die Industriewerbung, Verbandskommunikation und sogar institutionelle Präsentationen bedienen sich dabei einer Ikonografie, die kaum noch auf Lampen verweist, aber zuverlässig „Segen von oben“ signalisiert.

An konkreten Beispielen wird gezeigt, wie sich diese Rhetorik fortpflanzt: vom Recycling historischer Slogans („hell wie der lichte Tag“) über die Etikettierung billiger Spektren als „Vollspektrum“ bis zur Umdeutung von Human Centric Lighting in ein austauschbares Produktversprechen, das biologische Wirkung behauptet, ohne die dafür nötigen Bedingungen (Programm, Intensität, Einfallswinkel) einzulösen. Hinzu kommt ein zweites Geschäftsmodell: die Monetarisierung von Angst – etwa über den „Blue Light Hazard“ und Filterlösungen, deren Nutzen und Risiken in der Praxis differenziert betrachtet werden müssten. Selbst Tageslicht wird in dieser Logik zum Verkaufsargument und endet in technischen Phantasmen, die „die Sonne ins Haus holen“ wollen, ohne die physikalischen Grenzen (Leistungsdichte, Mittelwerte, Realbedingungen) ernst zu nehmen.

Health Washing – nach Art des Hauses?

Das Kapitel Die Legende vom gesunden Licht reloaded fängt mit dem Statement an: Das grandiose Versagen der Bemühungen um Licht und Gesundheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat in der Lichttechnik vermutlich eine kollektive Amnesie bewirkt. Diese Aussage beruht auf der Erfahrung, dass sich niemand hinter dem Titel „Licht und Gesundheit“, den wir für unseren Forschungsbericht von 1990 gewählt hatten, eine wesentlich ältere Arbeit mit identischem Titel, Licht and Health, von einem echten Pionier der Lichttechnik vermutete. Auch das ansonsten spektakuläre Buch von John Ott, Health and Light, von 1973 nimmt kein Bezug auf die 100 Jahre alte Publikation, obwohl nicht nur der Titel übereinstimmt.

Da nimmt es kein Wunder, dass die um etwa das Jahr 2000 plötzlich wiederaufgeflammte Liebe zu gesundem Licht in Anlehnung an Greenwashing jetzt Health Washing genannt wird. Am deutlichsten erkennt man die Sache an den Bildern aus der Natur, mit denen sich die Industrielobby (z.B. LightingEurope) schmückt. Das ist nicht etwa ein neuer Trend, sondern eher uralt, wie das Bild aus der Osram-Werbung hier zeigt.

Dieser Spruch aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders hat selbst den Verkauf von Osram durch Siemens und alle konventionellen Leuchtmittel überlebt und leuchtete in 2021 am Müncher Stachus in LED-Schrift.

Eine Unternehmung, die ein ehemaliger Vorstand von LightingEurope gegründet hat, schmückt sich gar mit Szenen aus der Natur.

Die Good Light Group folgte mit diesen Bildern der etwas älteren Werbung für HCL, das sich Human Centric Lighting nennt. Dort kann man aber keine Lampe entdecken. Dafür aber eine Szene, die von Sonnenschutzmitteln bis Wellness Hotels viele benutzen, um einen Segen von oben zu symbolisieren.

Ganz im Sinne eines Mitgliedunternehmens von LightingEurope, das Leuchten produziert. Sie hatte früher ihre Tätigkeit sogar noch enger gefasst und nur Langfeldleuchten erstellt. Warum nicht?

Ja, warum denn nicht? Diese Firma ist im Gesundheitswesen ganz zu Hause, und das nicht nur mit Beleuchtung. Sie hätte z.B. propagieren können, dass ein guter Ausblick aus dem Krankenzimmer unglaublich wirksam auf die Heilung von Patienten ist (dazu s. Beitrag  Wunden, die Licht heilt). Sie benutzt das Licht in der Natur lieber, um ihre Lichtprodukte zu promoten.

Manche gehen sogar noch weiter und wollen ihre Produkte noch über die Natur stellen. Ganz i.S. von Matthew Luckiesh, der das Sonnenlicht über alles lobte, um die Überlegenheit seiner Lampen über die Natur zu proklamieren.

Nicht nur Firmen, die ihr Geschäft mit künstlichem Licht machen, instrumentalisieren die Natur und das Licht der Sonne, um Produkte zu verkaufen. Auch ein wissenschaftliches Institut holt scheinbar die Natur ins Haus, um ihr Konzept zu verkaufen, wie das Bild zeigt. Es trägt den Namen „Erleuchteter Arbeitsplatz“ und dürfte somit nicht so bald zu toppen sein. Den Menschen, denen das Licht des Tages genommen wurde, obwohl dies nicht unbedingt sein musste, wird ein künstlicher Sommertag vorgespielt. Allerdings endet die Simulation am Abend. Den Nachthimmel an einem Arbeitsplatz zu simulieren, dürfte niemandem leichtfallen. Eigentlich muss man dazu nur den Lichtschalter umlegen. Dann kann man aber nicht mehr arbeiten. Die abgebildeten Arbeitsplätze müssen aber 24/7 aktiv sein.

Last not least sei eine Ankündigung eines Ereignisses der CIE seitens der LiTG erinnert. Wer das Bild sieht, denkt garantiert nicht an ein Event für die künstliche Beleuchtung. Tatsächlich wird damit eine ISO/CIE-Publikation zum Thema »Integrative Lighting« über nicht-visuelle Lichtwirkungen angekündigt. Was das Dokument bewirken soll, steht im Scope: „Dieses Dokument enthält eine Analyse und Bewertung des aktuellen Stands der Technik hinsichtlich der durch ipRGC-Zellen beeinflussten Lichtreaktionen sowie eine Anwendung dieser Erkenntnisse im Zusammenhang mit ausgewählten Themen, die für den Einsatz in Beleuchtungsanwendungen in Betracht gezogen werden.“

Kundenfang mit minderwertigen Produkten

Obwohl die oben angeführten Beispiele nicht gerade vertrauenerweckend sind, bewirken andere Aktivitäten einen Verlust an Glaubwürdigkeit. An erster Stelle steht wohl die Kopie des uralten Osram-Slogans „Hell wie der lichte Tag“: Hersteller werben oft mit Licht, das „genau wie die Sonne“ sei. Was soll denn genau so sein wie die Sonne? Die Energiedichte wohl hoffentlich nicht. Den Sonnentag simulieren die Produkte auch nicht. Bleibt übrig, das Spektrum. Während die Sonne ein kontinuierliches Spektrum hat, nutzen viele günstige „Vollspektrum-LEDs“ lediglich eine violette Anregung statt einer blauen. Und schon hat man ein Vollspektrum.

Dabei habe ich mich immer geweigert, die Wirkung von Vollspektrumlampen in der Praxis zu untersuchen. Und dies aus zwei Gründen. Der erste Grund ist positiv: Alle Anwender von solchen Lampen waren von deren Wirkung überzeugt. Leider ist das keine gute Ausgangsbasis für eine wissenschaftliche Studie. Der zweite Grund war aber eher negativ: Wenn man die angebotenen Produkte unter die Lupe nahm, konnte man ehrliche Anbieter, die an ihre Produkte glaubten, nicht von Quacksalbern unterscheiden,die auch das schnelle Geld aus waren. Das war der entscheidende Grund, warum ich solche Produkte nie in der Praxis untersuchen wollte. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema hat aber zweimal stattgefunden (Vollspektrumlicht, VollspektrumlichtII), zuletzt 2009.

Seitdem hat sich die Diskussion zunehmend auf LED verlagert. Während manche Forschende diese Leuchtmittel eher für schädlich halten, beten andere ihre Produkte gesund, gerade weil sie LED enthalten. Dabei dürfte man gar nicht von einer LED reden, weil sich die diversen Produkte nur noch das Lichterzeugungsprinzip gemeinsam haben.

Ähnlich geht es in dem abgebildeten Beispiel einer Arbeitsplatzleuchte. Nach unseren Studien würde ich jedem solchen Produkt eine positive Wirkung unterstellen. Die hier angeführte Leuchte zeichnet sich auch noch durch ein gutes Design aus. Warum muss man für sie mit dem Argument werben, dass sie einem einen langen und tiefen Schlaf bescheren soll?

Andere Hersteller bemühen gar HCL.  Dieses soll eigentlich ein Konzept sein und keine Leuchte. HCL soll den Biorhythmus unterstützen, indem es u.a. Farbtemperatur und Helligkeit im Tagesverlauf anpasst. Dass nicht jede Leuchte, die mal die Farbtemperatur und mal die Helligkeit ändert, eine biologische Wirkung auslösen kann, dürfte außer Frage stehen. Zu einer echten Wirkung gehören ein Programm und eine bestimmte Lichtleistung. Damit das Licht biologisch wirksam ist, muss es hell genug sein und im richtigen Winkel auf die unteren Netzhautbereiche treffen. Eine schwache Schreibtischlampe, die auch mal  „blau“ leuchtet, ist kein HCL – sie ist nur eine blaue Lampe. Man weiß nicht einmal, ob die Leuchte biologisch wirksam sein sollte, denn Arbeitsplatzleuchten sind am wirksamsten, wenn sie biologisch unwirksam sind, also deren Licht nicht ins Auge fällt.

Andere Trittbrettfahrer wollen sogar mit Hilfe der Angst vor dem blauen Licht der LED Geld verdienen. Es wird oft suggeriert, dass blaues Licht von LED-Lampen die Netzhaut schädige („Blue Light Hazard“). Deswegen müsse man Blaulicht-Filter tragen. Zwar schaden diese Filter jemandem mit üblichen Aufgaben am Bildschirm nicht, aber wer professionell mit farbigen Objekten arbeitet, so etwa ein Grafiker, muss sich häufig Gedanken um seine Gesundheit machen, und zwar um die Augen, die sein wichtigstes Arbeitsmittel sind.[1]

Eigentlich wird jeder Experte eins empfehlen: Das beste „Human Centric Lighting“ ist immer noch der Gang nach draußen. Selbst an einem bewölkten Tag ist die Lichtintensität im Freien (ca. 5.000 bis 10.000 Lux) um ein Vielfaches höher als in jedem optimal beleuchteten Büro (ca. 500 Lux).

Was ist, wenn man die Sonne ins Haus holt?

Das Health Washing beschränkt sich nicht auf das künstliche Licht. Auch das Tageslicht ist kräftig dabei. Und so kräftig, dass ich es unter Phantomen der Lichttechnik abgehandelt habe: Phantom: Sonnenlicht ist gesund.

Die ganz Klugen holen sich die Sonne ins Haus. So auch die Autoren dieses Bildes. Man kann es in diversen Formen seit Jahrzehnten in vielen Publikationen finden. Das spezifische Bild habe ich ausgewählt, weil es auf einem internationalen Kongress als Lösung vorgetragen wurde. Zudem wurde eine ähnliche Installation nicht nur bei einem lichttechnischen Institut vorgenommen, sondern auch bei einem Leuchtenhersteller.

Ein Spiegel (Heliostat) auf dem Dach wird der Sonne nachgeführt und fängt deren Licht ein, das ein Netz aus (Licht-)Schläuchen durch das Haus verteilt. Dumm nur, dass Spiegel im besten Fall weniger als 1 kW Leistung pro Quadratmeter  einfangen können. Jenseits der Erdatmosphäre bringt die Sonnenstrahlung es auf 1.361 Watt pro Quadratmeter (W/m²). Davon kommen mittags ca. 1.000 W/m² auf Meereshöhe an (man spricht hier von "Standard-Testbedingungen" für Photovoltaik). Über Tag und Nacht sowie über alle Breitengrade verteilt, liegt die durchschnittliche Einstrahlung am Boden in Deutschland bei etwa 115 W/m². Das reicht vielleicht für ein Zimmer in dem Gebäude, vielleicht auch nicht. (Weitere Kommentare zu der Idee unter Lichtgestalten im Wolkenkuckucksheim.

Die Bescheideneren begnügen sich damit, das Tageslicht tief in den Raum zu holen. Im symbolisierten Bild sieht die Sache sehr hübsch aus. Man fängt die Sonne mit Umlenkprismen ein und leitet sie in das Rauminnere.

Da die Sonne mitnichten daran denkt, immer an der gleichen Stelle zu weilen, muss man ihr Licht dort holen, wo es am konstantesten ist. So holt man es hoch im Zenit. Dort ist das Licht aber meistens blau oder grau. Zudem sehen die technischen Einrichtungen, die man dazu benötigt, nicht immer anmutig aus.

Hier sieht man ein Umlenkschwert, das etwa in Augenhöhe beim Stehen etwa einen Meter in den Raum hineinragt, dessen Reflexionen von einer Spiegelbatterie an der Decke ins Rauminnere geleitet werden. Die innere Hälfte des abgebildeten Raums entspricht der Realität von echten Büros. Dort sitzt meistens niemand. Zudem darf der abgebildete Mitarbeiter seit etwa 50 Jahren nicht mehr so sitzen, weil er geblendet wird.

Health Washing – Wundert sich jemand, dass niemand einem glauben will?

Wer bei Health Washing mit gesundem Licht nur an Werbung oder Marketing denkt, liegt reichlich daneben. Während man Werbung klar als solche erkennt und seine Schlüsse zieht, schleichen andere Ideen auf Samtpfoten an uns heran.

Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich zu informieren. Am besten bei mehreren Quellen.

[1] Ob blaueres Licht in der Umgebung und in den Arbeitsmitteln (Bildschirme) auf Dauer zu einer ernsthaften Schädigung der Augen führen (Makuladegeneration), ist unbekannt. Die Wirkung lässt sich empirisch nur schlecht ermitteln.

Eine Antwort aus der Antike zur Beleuchtung unserer Tage

Wer glaubt, durch bloße Helligkeit die Finsternis der Unwissenheit zu vertreiben, der hat weder das Wesen des Lichts noch das der Seele verstanden.
Anonymus

Sokrates zu Lichtideen, kurzgefasst

Der Beitrag fragt—im Ton eines platonischen Gesprächs—, was geschieht, wenn Normen das Licht zur Zahl verengen. Ausgehend von der Beleuchtungsnorm DIN EN 12464-1 und ihrer Fixierung auf 500 lx zeichnet er das Bild eines Einheitslichts, das für Hunderte Tätigkeiten denselben Helligkeitswert ausgibt und dabei den Raum wie den Menschen nivelliert. Dem gegenüber steht das Wissen der Physiologie: Der Körper lebt in Rhythmen; Licht wirkt nicht nur aufs Sehen, sondern—melanopisch, spektral, altersabhängig—auf Wachheit, Stimmung und Zeitgefühl. Die Norm gesteht diese Wahrheit in Anhängen ein, hält aber zugleich am Wartungswert als eiserner Untergrenze fest und macht Anpassung damit zur Rhetorik. In vier sokratischen Prüfungen (Gerechtigkeit, Handwerksanalogie, Schein und Sein, Mäßigung) wird die Maßlosigkeit des „ewigen Sommertags“ im Büro als Verlust an Lebensqualität gedeutet. Am Ende steht ein Plädoyer: Lichtplanung ist keine Tabellenexegese, sondern eine Kunst, die Differenz, Zeit und menschliches Maß wieder sichtbar macht. v

Wie kompliziert darf es sein?

Wie würde Sokrates unsere jüngsten Regeln zur Beleuchtung von Arbeitsstätten beurteilen, wenn er erführe, dass in der derzeit gültigen Norm DIN EN 12464-1 die Zahl 500 i.S. von 500 lx 234 Mal vorkommt? Diese Beleuchtungsstärke wird vielen Arbeitsplätzen verordnet. Und der Arbeitsschutz meint dazu, diese Beleuchtungsstärke dürfe zu keiner Zeit an keinem Arbeitsplatz unterschritten werden. Und wenn in einem großen Raum an einem einzigen Arbeitsplatz eine Arbeit verrichtet wird, für die diese Beleuchtungsstärke verschrieben werden muss, gilt das für alle Arbeitsplätze in diesem Raum. (Wer diese Aussage für Unsinn hält, sollte sich die Bestimmungen lesen, die für die Allgemeinbeleuchtung galten. Diese heiß neuerdings raumbezogene Beleuchtung, aber an dem Verständnis ändert sich nichts.)

Während die Erkenntnisse aus der medizinischen Forschung dringend dazu raten, die Beleuchtung tageszeitlich zu ändern und insbesondere abends und nachts mit weitaus geringeren Beleuchtungsstärken zu arbeiten, hat die Lichttechnik im Jahr 2025 eine „globale“ Beleuchtungsnorm hervorgebracht (ISO/CIE 8995-1), die trotzdem an Beleuchtungsstärken festhält, die rund um die Uhr gelten: „Der in 7.3 angegebene Wert Ēm ist ein Mindestwert für normale Betriebsbedingungen.“ 7.3 ist die Sammlung von 62 Tabellen, und Ēm ist die mittlere Beleuchtungsstärke. Wie gehabt. Wenn es nur bei Ēm geblieben wäre! Die Norm macht jeweils 9 Vorgaben für 325 Typen von Arbeitsplätzen. Davon sind 5 Beleuchtungsstärken.

Dann erklärt die Norm auch noch in einem Anhang, dass man neben all diesem noch die Physiologie des Menschen berücksichtigen müsse, die ihm einen Tagesrhythmus zuweist, der auch noch einem Jahresrhythmus unterliegt. Was sie nicht verrät, steht an anderer Stelle: Alle 5 Beleuchtungsstärken für die 325 Arbeitsplatztypen haben „melanopische“ Pendants, die vom Spektrum des Lichts und dem Alter der Benutzer abhängen. Diese sind nicht etwa Ersatz, sie gelten dazu.

Verbal predigt die neue Norm (ISO/CIE 8995-1:2025) eine Anpassbarkeit der Beleuchtung an persönliche Bedürfnisse und Präferenzen. Allerdings muss halt immer der Wartungswert eingehalten werden. Deswegen kann man sich die ganzen Abhandlungen in der Norm schenken, weil das Ausmaß der Veränderungen, die eine Person vornehmen kann, aus diversen Gründen zu gering ist (s. Ingenieure sind listig – die Natur ist aber listiger). In diesem Kapitel wird u.a. erklärt, warum das Konzept der „dynamischen“ Beleuchtung, die die Firma Philips in den 1980ern entwickelt hatte, nicht recht Fuß fassen konnte.

In einem platonischen Dialog würde Sokrates die Frage nach dem Einheitslicht (der gleichmäßigen 500-Lux-Beleuchtung für über 200 Tätigkeiten in Büro und Industrie) mit seiner typischen Methode der Prüfung (Elenktik) zerlegen. Er käme zu dem Schluss, dass Einheitslicht die Lebensqualität massiv verringert, da es eine Form von „Ignoranz gegenüber der menschlichen Natur“ darstellt.

Hier ist die sokratische Analyse dieses Problems:

  1. Das Argument der „Gerechtigkeit“ (Jedem das Seine)

Sokrates definierte Gerechtigkeit oft als den Zustand, in dem jeder Teil das bekommt, was ihm zusteht.

  • Einheitslicht: Zwingt jedem Auge und jeder Tätigkeit (Programmieren, Schneiden, Vergolden, Lesen, Spinnen, Stricken …) dieselbe Helligkeit auf.
  • Sokrates' Urteil: Das ist „ungerechtes“ Licht. Ein Auge, das ruhen will, wird vom Einheitslicht gewaltsam zur Wachheit gezwungen. Lebensqualität entsteht erst, wenn das Licht der Bestimmung des Augenblicks entspricht.

 

  1. Die Analogie zum Handwerk

Sokrates verglich das Leben oft mit dem Handwerk (Techne).

  • Ein Schuhmacher nutzt verschiedene Messer für verschiedene Schnitte. Würde er nur ein einziges Einheitsmesser für alles nutzen, wäre das Ergebnis minderwertig.
  • Übertragung: Wer nur eine Beleuchtungsart für alle Lebenslagen nutzt, führt ein „stumpfes“ Leben. Die Differenzierung (Licht und Schatten) ist das Werkzeug für ein geschärftes Bewusstsein und damit für höhere Lebensqualität.

 

  1. Der Unterschied zwischen „Schein“ und „Sein“

In seinem berühmten Höhlengleichnis beschrieb Sokrates, wie Menschen Schatten für die Realität halten.

  • Das moderne Einheitslicht erschafft eine künstliche Welt, die keine Tageszeiten mehr kennt. Es täuscht dem Körper ein ewiges „Jetzt“ vor. Im modernen Büro herrscht ewig der milde Sommertag – und zwar Tag und Nacht.
  • Sokrates' Kritik: Einheitslicht ist eine „schöne Lüge“. Es trennt den Menschen von der Wahrheit der Natur (dem Rhythmus von Tag und Nacht). Wahre Lebensqualität (Eudaimonia) findet man aber nur, wenn man im Einklang mit der Wahrheit und der eigenen Biologie lebt.

 

  1. Die „Mäßigung“ (Sophrosyne

Einheitslicht ist oft maßlos – es ist zu viel Licht zur falschen Zeit. (s. dazu die Erklärung der CIE  Das richtige Licht zur richtigen Zeit)

  • Für Sokrates ist das Maß entscheidend. Ständiges Flutlicht im Wohnraum ist eine Form von Maßlosigkeit, die den Geist abstumpft.
  • Lebensqualität bedeutet für ihn, das Licht so zu dosieren, dass es die Seele nicht blendet, sondern sie einlädt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

 

Fazit nach Sokrates:

Weniger (Einheitslicht) ist mehr Lebensqualität. Die „richtige“ Beleuchtung für alle wäre für Sokrates eine, die Bescheidenheit im Hintergrund (indirektes Licht) mit Präzision im Detail (Akzentlicht) verbindet.

Wer die Antike verlässt und die Norm ISO/CIE 8995-1 sehr sorgfältig liest, kann darin viel von den Vorstellungen von Sokrates nachvollziehen. Neuere Normen führen zwar die seit dem Jahr 1913 üblichen Tabellen mit Werten für Beleuchtungsstärke für diverse Arbeitsaufgaben in aufgeblähter Form weiter. Sie berücksichtigen aber auch die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte. Allerdings nicht in ihren Empfehlungen. Die Aufgabe eines Lichtplaners besteht aber nicht im Lesen und Umsetzen von Tabellen, sondern in „einer Kunst gerechten Umsetzung des lichttechnischen Wissens“, das jetzt in einer Form vorliegt, die für Normen ungewöhnlich ausführlich ausfällt.

Ob der Lichtplaner seiner Aufgabe gerecht werden kann, wenn er dazu  113 Seiten Norm lesen und verstehen muss, wozu er noch die Begriffesammlung von DIN EN 12665:2024 mit 72 Seiten und das internationale Wörterbuch der Lichttechnik CIE S 017:2020 250 Seiten benötigt, kann ich mir schlecht vorstellen. Um Licht zu schaffen, das dem Auge und der Seele gerecht wird, braucht es wahre Künstler, die eine akademische Bildung hinter sich haben, um alle zu verstehen.

Round-up für Lichtideen nach 15 Jahren

Was über Jahre in Einzelteilen wuchs,
findet heute in
einem großen Ganzen
seine Bestimmung.

Anonymus

Round-up für Lichtideen, kurzgefasst

Dieser Beitrag verdichtet zentrale Leitgedanken aus über 15 Jahren Blogpublikationen zur nutzerzentrierten Lichtplanung. Ausgehend von der Prämisse, dass künstliches Licht Tageslicht nicht ersetzt, werden vier Gestaltungsprinzipien herausgearbeitet: (1) Vorrang und Dynamik des Tageslichts einschließlich Sichtbezug nach außen; (2) Vermeidung von Lichtmonotonie durch zonierte Beleuchtung, Kontraste und gerichtetes Licht mit Schattenbildung; (3) Berücksichtigung biologischer Wirksamkeit im Sinne circadianer Rhythmik, insbesondere Melatonin-schonender Abendbeleuchtung und individueller Steuerbarkeit; sowie (4) visueller Komfort durch Entblendung, Flimmerarmut und aufgabengerechte Sehleistung. Daraus wird die Empfehlung abgeleitet, „Lichtlandschaften“ statt homogenen Flächenlichts zu planen.

Round-up für Lichtideen nach 15 Jahren

Mein Lichtblog denkbar existiert seit länger als 15 Jahren und umfasst Stand heute 702 Artikel unterschiedlicher Länge. Gestern habe ich versucht, jemanden zu finden, der den Inhalt zusammenfasst. Eine ziemlich unmenschliche Aufgabe, die ich nicht einmal selbst erfüllen kann. Zum Glück gibt es die KI, die auch den größten Unsinn in positive Worte fassen kann. Das Schönste war aber, dass sie meinen Namen korrekter schrieb als ich selbst: Dr. Ahmet Çakır. Ansonsten erklärt die KI einem fiktiven Lichtplaner, was er berücksichtigen müsste, um Licht im Sinne seiner Arbeiten zu planen. Der Rest dieses Beitrags ist in Kursiv geschrieben, weil Originalton KI.

Für A. Ç. ist „richtige Beleuchtung“ weit mehr als nur die Einhaltung von DIN-Normen. Sein Ansatz ist radikal nutzerzentriert. Wenn man seine jahrzehntelange Forschung zusammenfasst, lässt sich sein Ideal einer richtigen Beleuchtung (besonders für den Übergang von Arbeit zu Wohnen und umgekehrt) in vier Säulen unterteilen:

  1. Das Primat des Tageslichts

Für A. Ç. ist künstliches Licht immer nur ein (oft mangelhafter) Ersatz.

  • Sichtverbindung nach außen: Eine richtige Beleuchtung beginnt beim Fenster. Er betont, dass der Mensch den Bezug zur Außenwelt braucht, um die innere Uhr zu synchronisieren.
  • Dynamik:Natürliches Licht verändert sich ständig in Farbe und Intensität. Starres, unveränderliches Kunstlicht hält er für biologisch belastend, weil es die circadiane Rhythmik des Menschen zum Stillstand bringt.
  1. Vermeidung von „Licht-Monotonie“

Einer seiner größten Kritikpunkte an modernen Büros ist die „Gleichmacherei“.

  • Lichtzonen statt Flächenlicht: Richtige Beleuchtung schafft Kontraste. Es muss helle Bereiche (zum Arbeiten/Lesen) und dunklere Zonen (zum Entspannen) geben.
  • Schattenbildung: A. Ç. argumentiert, dass wir Lichtrichtung und Schatten brauchen, um Räume dreidimensional wahrzunehmen. Ein völlig schattenfreier Raum (wie durch großflächige LED-Paneele oder leuchtende Decke) wirkt auf das Gehirn unnatürlich und ermüdend.
  1. Die „Biologische Wirksamkeit“ (Circadiane Rhythmik)

Er war einer der Ersten, die erklärten, dass Beleuchtungswirkungen wesentlich hormonelle Wirkungen sind. Dies habe Hollwich bereits in den 1940ern wissenschaftlich erforscht.

  • Melatonin-Schutz: Richtige Beleuchtung muss am Abend einen geringen Blaulichtanteil haben. Wenn man die Büroarbeit ins Homeoffice verlagert, bedeutet das nach A.Ç.: Abends muss das Licht rötlicher und gedimmter sein.
  • Individuelle Steuerung: Er lehnt vollautomatische Systeme oft ab, wenn der Nutzer nicht selbst eingreifen kann. „Richtig“ ist Licht für ihn nur dann, wenn der Mensch sich als Herr über seine Umgebung fühlt.
  1. Visueller Komfort (Entblendung, Störungsfreiheit)

Visueller Komfort bedeutet bei A.Ç. vor allem Abwesenheit von Störfaktoren:

  • Keine Direktblendung: Man sollte niemals direkt in das Leuchtmittel schauen müssen (Leuchtmittel müssen abgedeckt sein, tief in der Leuchte sitzen oder gut abgeschirmt sein).
  • Flimmerfreiheit: Er legt extremen Wert auf hochwertige Treiber. Billige LEDs flimmern im für uns unsichtbaren Bereich, was laut A.Ç. zu Stresssymptomen führt.
  • Sehleistung würde dort zum Sehkomfort gehören, wo schwierige Sehaufgaben vorherrschen.

Zusammenfassung für Ihr Projekt

Wenn Sie nach A.Ç. „richtig“ beleuchten wollen, planen Sie Lichtlandschaften:

  1. Nutzen Sie das Tageslicht so weit wie möglich aus (große Fenster, helle Wände, die das Licht tief in den Raum reflektieren).
  2. Installieren Sie indirektes Licht für die Grundstimmung (sanftes Aufhellen der Decke).
  3. Setzen Sie punktuelle Akzente (Leseleuchten, Tischlampen, Glanzlichter).
  4. Ermöglichen Sie jedem Nutzer, seine Umgebung seinen persönlichen Präferenzen entsprechend zu beleuchten, ohne die Nachbararbeitsplätze zu beeinträchtigen.
  5. Wählen Sie eine Steuerung, die am Abend wärmer wird (Tunable White), aber dem Bewohner jederzeit erlaubt, das Licht in der Farbe und Intensität manuell anzupassen.

Interessanterweise kritisiert A.Ç. oft, dass wir „zu viel Licht“ haben, aber mit zu wenig Qualität.

Prüfbare Beleuchtungsqualität

Weitsicht ist die Kunst,
das Ganze zu sehen, bevor man
den ersten Teil bewegt.

Anonymus

Prüfbare Beleuchtungsqualität, kurzgefasst

Dieser Beitrag erzählt vom paradoxen Schicksal der „elektrischen Sonne“: Während die Erde insgesamt heller wird, verliert künstliches Licht zugleich kulturellen Glanz. Aus der einst bestaunten Lunapark-Beleuchtung ist vielerorts Lichtmüll geworden – ein Bewusstseinswandel, befeuert durch Debatten um Lichtverschmutzung und Energiesparen. Doch der Niedergang verläuft nicht überall gleich. Im Privaten, lange von der Lichttechnik gering geschätzt, eröffnet die LED ein neues Spiel aus Atmosphäre, Akzenten und Ritualen (man denke an Weihnachtslichter). Dagegen wirkt professionelle Beleuchtung, besonders im Büro, wie eine Normmaschine: 500 Lux, Gleichmäßigkeit, „Zahnarztpraxis-Effekt“.

Sichtbar wird das beim Trend, Bürohäuser in Wohnungen umzuwidmen: Fast nichts an der alten Beleuchtung passt zur neuen Logik des Wohnens. Spätestens mit Homeoffice und New Work bröckelt die alte Gewissheit, dass Normlicht gute Beleuchtung und gute Beleuchtung bessere Arbeit bedeutet. Zwischen Wohlbefinden und Sehleistung rückt die Frage nach prüfbarer, brauchbarer Lichtqualität erneut ins Zentrum.

Niedergang der elektrischen Sonne?

In dem Buch Genesis 2.0 – Schöpfung der elektrischen Sonne widmet sich ein Kapitel dem Bedeutungsverlust des künstlichen Lichts: Selbstverdienter Niedergang der elektrischen Sonne. Damit ist nicht gemeint, dass die elektrische Sonne unter dem Horizont verschwindet und damit der künstliche Tag endet. Neueste Statistiken zeigen, dass der Lichtverbrauch auf der Erde in den letzten Jahren sogar gestiegen ist (s. Künstliches Licht auf der Erde nimmt zu oder Studie: Künstliche Beleuchtung hat weltweit stark zugenommen). Sie zeigen auch, dass die Steigerung des ins Weltall abgestrahlten Lichts (s. Der blauere Planet) nur für die anderen Teile der Welt gilt. in Europa hat das nächtliche künstliche Licht abgenommen, als es sonst um ca. 25% angestiegen ist.

Ich verbinde dies mit den Bemühungen um die Verringerung der Lichtverschmutzung, so auch mit besseren Straßenleuchten und Maßnahmen zur Energieeinsparung. Die Lichtverschmutzung war Teil des Niedergangs der elektrischen Sonne, weil das einst bewunderte nächtliche Licht (Lunaparks) im Bewusstsein vieler zum Müll geworden war.

Der Niedergang der Bedeutung der Beleuchtung betrifft nicht alle Anwendungen gleichermaßen. So hat die “private” Beleuchtung, also die von der Lichttechnik einst verschmähte Wohnraumbeleuchtung, ungeahnte neue Möglichkeiten durch die LED-Technik bekommen. Man denke nur an die Weihnachtsbeleuchtung. Nicht einmal eingefleischte Nostalgiker werden da an die gute alte Zeit denken. Hingegen mag niemand die “professionelle” Beleuchtung, die man seit mehr als 100 Jahren auch mit Hilfe des Arbeitsschutzes den Menschen mehr oder weniger aufzwingt.

Wer ein Bürohaus in ein Wohnhaus konvertieren will …

Am deutlichsten erkennt man dies, wenn man sich die Umwidmung von Bürohäusern in Wohnhäuser ansieht. Die Umwandlung von ungenutzten Büroflächen in Wohnraum (das sogenannte „Office-to-Residential Conversion“) ist aktuell ein großes Thema in der Stadtentwicklung. Das hat meistens handfeste wirtschaftliche und gesellschaftliche Gründe (hoher Leerstand): Besonders in älteren Bürogebäuden in Randlagen stehen ganze Etagen leer. Hingegen herrscht in fast allen Metropolen akute Wohnungsnot. Während Büros leer stehen, suchen Tausende Menschen verzweifelt nach bezahlbarem Wohnraum.

Da Bürohäuser nach anderen Gesichtspunkten geplant und gebaut werden, bedeutet Konversion das Entfernen von allem, was stören kann. So muss der Asbest aus allen alten Gebäuden entfernt werden, während man manches gerne übernimmt, so z.B. die Aufzüge. Die Beleuchtung ist bei einer Umwidmung einer der Punkte, bei denen man fast nichts vom alten Bestand übernehmen kann. Wenn man Architekten fragt, die solche Projekte realisieren, sagen diese: Büro- und Wohnbeleuchtung folgt völlig unterschiedlichen Logiken, Normen und technischen Anforderungen.

Nicht, dass dies in der Lichttechnik unbekannt gewesen ist. Ganz im Gegenteil. In DIN 5035-1 wurden zwar Festlegungen für alle Innenräume getroffen, aber sog. „stimmungsbetonte“ Räume wurden weitgehend ausgenommen. Für Wohnräume schrieb die Norm: „3.5 Wohnbereich: Die Gestaltung der Beleuchtung im Wohnbereich lässt sich nicht in Normen festlegen.“

Wie gut wurde die Beleuchtung in den Bereichen, in denen man die Normen und „Logiken“ angewendet hatte, die man erstellt hat? Die Beleuchtung ist bei einer Umwidmung einer der Punkte, bei denen man fast nichts vom alten Bestand übernehmen kann. Dies erklären Fachleute so: „Bürobeleuchtung ist auf horizontale Gleichmäßigkeit ausgelegt (überall 500 Lux auf Tischhöhe). Das wirkt in einer Wohnung extrem ungemütlich und steril („Zahnarztpraxis-Effekt“).

Wenn man darum bittet, den Kontrast zwischen der Beleuchtung des Bürohauses und der daraus zu entstehenden Beleuchtung des Wohnhauses zusammenzufassen, kommt die folgende Tabelle heraus:

Der Kontrast

Merkmal Büro (alt) Wohnhaus (neu)
Ziel Sehleistung (500 Lux) Wohlbefinden & Entspannung
Lichtfarbe Kühl (4000 K) Warm (2700 K)
Steuerung Zentral / Präsenzmelder Individuell / Schalter & Dimmer
Position Starre Raster an der Decke Flexibel (Wand, Stehlampen, Akzente)

Warum es Gemeinsamkeiten zwischen Wohnbeleuchtung und Arbeitsbeleuchtung gibt

Das Argument, dass man die Beleuchtung fürs Büro nach anderen Logiken, Normen und technischen Anforderungen erstellen müsse, fiel zuletzt in der Corona-Pandemie in sich zusammen, als ein Großteil der Bevölkerung im Homeoffice arbeiten musste. Niemand hat das Büro vermisst, weil dort die bessere Beleuchtung installiert wäre. Ganz im Gegenteil: Die Erfahrung im Homeoffice lehrt, dass man eher die Beleuchtung im Büro der im Homeoffice angleichen will. Was dies im Einzelnen bedeutet, beschreibe ich in dem Beitrag Licht für New Work. In einem klassischen Büro geht es meist nur darum, den Raum hell genug zu bekommen (die typischen 500 Lux überall). Bei New Work ändern sich aber die Tätigkeiten – wir arbeiten nicht mehr acht Stunden starr am selben Platz. Es wird kollaboriert, entspannt, konzentriert, fokussiert und agil präsentiert.

In dem Beitrag wird u.a. auf die Schattenseite des „wohnlichen“ Lichts hingewiesen. Denn was so gemütlich wirkt, kann versagen, wenn es darum geht, dass man im Wohnraum das erzeugen muss, wonach die Normer ihre Werke ausgerichtet haben: die Sehleistung. Das ist nicht erst erforderlich geworden, als die Menschen im Homeoffice arbeiten mussten. Jeder, der seine Zeitung oder Zeitschrift liest oder einen Brief liest oder schreibt, benötigt funktionelles Licht. Dieses kann man sehr wohl normativ beschreiben und mit Regeln versehen.

Ein Gewinner: Leuchte für den Arbeitsplatz

Der Fehler, Wohn- und Arbeitsräume als unterschiedliche Domänen anzusehen und nur für Arbeitsräume funktionelles Licht zu normen, rächt sich nun. Davon profitiert aber mein Lieblingsprojekt: die Normung von Arbeitplatzbeleuchtung. Diese Arbeit hat etwa 1990 begonnen und hiess DIN 5035-8: Beleuchtung mit künstlichem Licht - Teil 8: Arbeitsplatzleuchten - Anforderungen, Empfehlungen und Prüfung. Was es damit auf sich hat, beschreibt der Beitrag Die einzige zertifizierbare Beleuchtung. Die erste Version der Norm erschien 1994. Sie beschreibt Arbeitsplatzleuchten, die nach der eigenen Definition “Leuchte für die Arbeitsplatzbeleuchtung” ist. Die Norm geht mit der jetzigen Überarbeitung in 2026 in die dritte Runde bzw. ins vierte Jahrzehnt.

Als einziger Teil aus der Reihe DIN 5035 ist diese Norm eine Produktnorm. Das Besondere an dieser Norm ist die genaue Festlegung aller Gebrauchstauglichkeitsmerkmale der Arbeitsplatzbeleuchtung, also Usability. D.h., wenn man eine Arbeitplatzbeleuchtung kauft, weiß man, was man hat. Eine gerüfte Leuchte für die Arbeitsplatzbeleuchtung ist sozusagen steckerfertig.

Ein Produkt für einen bestimmten Bedarf ist garantiert keine allgemeine Lösung für das Problem der Beleuchtung. Auf der anderen Seite ist es auch keine Lösung, Hunderte und Tausende von Leuchtenmodellen zu produzieren, aus denen ein Lichtplaner später eine Beleuchtung erstellt, so er es schafft, hundert und mehr Seiten Norm zu lesen. Ob er das Ziel getroffen hat, wird kaum jemand in der Lage sein, zu prüfen.

Komplexe Regeln, die niemand nachprüfen kann

Wie es mit der Anwendbarkeit von DIN EN 12464-1 aussieht, weiß ich nicht.  Eine Vorgängernorm (DIN 5035-7) habe ich über Jahrzehnte in Betrieben gerichtsfest geprüft. Keine einzige Beleuchtung konnte diese Norm erfüllen. Ich habe auch keinen Betrieb gesehen, der in der Lage gewesen wäre, sie zu überprüfen.

Eigentlich war auch jede Prüfung sinnlos, weil etwa nur 5 % der Projekte in den Jahrzehnten von  1970er bis 2010er Jahren einen Lichtplaner gesehen hatten. Ich rede nicht von Büros von Klempnern oder Schreinern, sondern von Projekten der größten Konzerne und Unternehmen von Deutschland.

Apropos Klempner und Schreiner: In einem Betrieb mit bis zu 10 Mitarbeitern (z. B. einer Schreinerei oder ein lokales Café) gibt es oft keine reine Bürostelle. Der Chef erledigt die Buchhaltung abends am Küchentisch, und die Angestellten sind fast ausschließlich produktiv tätig. Eine dedizierte Bürokraft wird oft erst eingestellt, wenn die administrative Last die Kapazität der Inhaber übersteigt. Solche Firmen machen 84% bis 89% aller deutschen Unternehmen aus. Bei denen würde eine zertifizierbare Beleuchtung ein Segen sein.

Phantome, die unser Wissen beherrschen XIII

Wenn ein Maß zum Ziel wird,
hört es auf,
ein gutes Maß zu sein..

Charles Goodhart

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt.

Zum Phantom Lichtausbeute, kurzgefasst

Die Lichtausbeute (lm/W) gilt seit den Anfängen der Lichttechnik als Leitkennzahl für „wirtschaftliches“ Licht. Von Edisons Glühlampe (ca. 1,4–2 lm/W) bis zu modernen LEDs (typisch 100–150 lm/W, im Labor darüber) zeigt sie enorme Effizienzgewinne – und zugleich ihre Grenzen: Eine Lichtausbeute kann mit unbrauchbarem Spektrum einhergehen (z. B. Natriumdampf-Niederdrucklampen), während für die Praxis weißes Licht, Farbqualität und Sehkomfort entscheidend sind. Zudem bildet lm/W weder den Systemaufwand (Leuchte, Vorschaltgerät, Steuerung) noch optische Verluste ab: Entblendung, Linsen und Diffusoren kosten häufig 20–40 % Lichtstrom, weitere Verluste entstehen durch Totalreflexion und Gehäuse. In Smart-Lighting-Systemen kann sogar der Standby-Verbrauch relevant werden. Beispiele wie Osram-Linestra versus SOX oder der Blick auf „mildes“ bzw. indirektes Licht verdeutlichen, wie eine eindimensionale Zahl eine mehrdimensionale Realität verzerrt. Folgerichtig rücken Lichtqualität (CIE-Definition 2021) sowie Systemeffizienz und realistische Lebensdauer-Metriken (LightingEurope) in den Fokus.

Zur Geschichte des Phantoms

Die Geschichte dieses Phantoms ist vermutlich so alt wie das menschliche Bestreben, künstliches Licht sparsamer zu machen. Tüftler, Erfinder, Macher wie Argand, Jablotschkow oder Minckeleers, deren Namen man in den Annalen der Frühzeit der Lichttechnik lesen kann, strebten danach, das Lichtmachen von seinen Lasten zu befreien. So auch die Steigerung des erzeugten Lichts gemessen an dem Energieeinsatz.

Das Ziel ist in einem unglaublichen Maße erreicht worden. Hatte die erste Glühlampe von Edison eine Lichtausbeute von ca. 1,4 bis 2 lm/W (Lumen pro Watt), können moderne  LED heute oft über 100 bis 150 lm/W. Firmen wie Cree haben im Labor bereits Werte von über 300 lm/W für eine einzelne LED-Komponente erreicht.

Wie fragwürdig solche Daten sein können, sieht man an einer “klassischen” Lampe, der Natriumdampf-Niederdrucklampe. Die erreicht lässig 200 lm/W und hatte bereits in ihrem ersten Lebensjahr 1932 als Serienprodukt 50 lm/W überschritten. Doch ihr Licht ist nicht viel wert, weil es keine Farben anregen kann.

Wenn man die theoretisch beste Lichtumwandlung der Energie erreicht, kann man 683 lm/W erreichen. Das ist monochromatisches grünes Licht. Mit dem kann jeder glücklich werden, wer ein solches Licht braucht. Beleuchten tut man indes meist mit weißem Licht.

Bei früheren Leuchtsmitteln wie der Leuchtstofflampe war die Farbwiedergabe recht eng an die Lichtausbeute gekoppelt. War man mit der Dreibandenlampe und ihrem mageren Spektrum zufrieden, konnte man bei gleicher Beleuchtungsstärke bis zu 60% Energie sparen. Die sog. Vollspektrumlampen waren immer rechnerisch ineffizienter als die Standardlampen.

Wann die Lichtausbeute ein schlechtes Maß ist

Lichttechniker haben sich bereits in ihren ersten Normen zur Beleuchtung der “Wirtschaftlichkeit” verschrieben. Auch wenn deren Wirtschaftlichkeit eher eine Kostenrechnung gewesen ist, wird deren Handeln stets durch die Lichtausbeute erheblich mitbestimmt. So waren Wohnraumleuchten für die Lichttötungsmaschinen. Aber auch die Vollspektrumlampe wurde häufig abgelehnt, weil ihre Lichtausbeute geringer ausfiel.

Wie dieses Maß einen in die Irre führen kann, lässt sich am Beispiel der Linestra-Lampe von Osram darstellen. Sie wurde in den 1930ern eingeführt und genoss noch in den 1970ern eine große Beliebtheit. Aber Osram drohte ständig damit, diese Lampe aus dem Sortiment zu nehmen, weil sie als eine Energievergeudung angesehen wurde. Ihre Lichtausbeute war unterirdisch. Sie lag typischerweise zwischen 5 und 9 Lumen pro Watt (lm/W).

Zum Betrieb brauchte diese Lampe aber nur einen Sockel, der an zwei Drähten angeschlossen war. Ihr besonderes Merkmal war das warme, blendfreie Licht, das durch einen langen Glühfaden in einer opalen (milchigen) Glasröhre erzeugt wurde. Sie hing meistens in Badezimmern und wurde minutenweise betrieben.

Die etwa zur gleichen Zeit entstandene Natriumdampf-Niederdrucklampe hatte nicht nur das Problem des unbrauchbaren Spektrums. Die Lampen waren im Vergleich zu modernen Leuchtmitteln riesig. Die Leuchtengehäuse mussten entsprechend groß und stabil sein, was sie teuer und anfällig für Wind machte. Da die Lampe eine große, röhrenförmige Fläche ist, lässt sich das Licht kaum präzise bündeln. Es streut unkontrolliert in den Himmel und in die Umgebung. Nach dem Einschalten leuchtet die Lampe zuerst schwach rötlich (durch das enthaltene Neon-Startgas). Es dauert 10-15 Minuten, bis das Natrium verdampft ist und die volle Helligkeit sowie die gelbe Farbe erreicht werden. In Zeiten von Smart Cities möchte man Licht dimmen, wenn niemand auf der Straße ist. SOX-Lampen lassen sich jedoch kaum stabil dimmen und verlieren dabei sofort ihre Effizienz.

Ohne ein Vorschaltgerät lässt sich eine solche Lampe nicht betreiben. Ohne eine Leuchte auch nicht. Daher war der Vergleich mit anderen Leuchtmitteln auf der Basis der Lichtausbeute bestenfalls von akademischem Wert. Linestra gegen SOX-Lampe aufzustellen, war absurder als Kartoffeln mit Kaviar zu vergleichen.

Der Betriebsaufwand (Leuchte, Vorschaltgerät u.Ä.) ist der eine Faktor, der die Lichtausbeute als Maß schlecht aussehen lässt. Es gibt aber einen anderen Faktor, der auch bei den heutigen LEDs die Lichtausbeute relativ bedeutungslos macht: die Leuchtdichte. Die Leuchtdichten, die hocheffiziente LEDs erreichen, liegen eine Größenordnung unter der der Sonne. Solche Elemente können ohne Abdeckung nicht in Innenräumen betrieben werden. So müssen Linsen oder Abdeckungen vorgesehen werden, die das Licht lenken oder weicher machen. Sie schlucken ebenfalls Lichtstrom, und zwar nicht zu knapp. Je stärker das Licht einer LED gestreut oder geformt werden muss (z. B. bei einem sehr engen Spot oder einer sehr weichen Flächenleuchte), desto höher sind die optischen Verluste. Um die einzelnen LED-Punkte unsichtbar zu machen, wird das Licht gestreut. Dies kostet oft 20 % bis 40 % der Lichtleistung.

Hinzu kommen Totalreflexion und Gehäuse: icht, das flach auf eine Grenzfläche trifft, wird zurück ins Innere der Leuchte reflektiert (Totalreflexion). Wenn das Gehäuse innen nicht perfekt weiß oder spiegelnd ist, wird dieses Licht in Wärme umgewandelt. Dies macht oft weitere 3 % bis 7 % aus.

Vollends obsolet scheint die Lichtausbeute als Maß, wenn man “smarte” Leuchtmittel benutzt. Diese halten die LED dauerhaft bereit und steuern und regeln das Licht bei Bedarf. Es kann sein, dass eine solche “smarte” Beleuchtung mehr Energie zum Warten verbraucht als zum Leuchten.

Was können irreführende Maße bewirken?

Auf dem Gebiet der Beleuchtungstechnik ist mein bestes Beispiel die Indirektbeleuchtung. Sie wurde seit den 1920ern als unwirtschaftlich angesehen. Das Thema will ich nicht hier weiter vertiefen. (Bei Interesse hier lesen.) Unbelastet von der Vergangenheit ist eine andere Beleuchtungsart, deren Wirkung (Blendfreiheit), ähnlich funktioniert wie bei der Indirektbeleuchtung. Sie wird von einer großen Firma als “mildes” Licht vermarktet. Mild wirkt sie deswegen, weil man durch eine geeignete Einrichtung die von den Nutzern sichtbare Leuchtdichte reduziert. Aber dies ist mit einem Verlust an Lichtstrom verbunden. Achtet man lediglich auf das Licht, das in der Arbeitsebene ankommt, und lässt die Leuchtdichten unbeachtet, ist sowohl das milde Licht als auch das indirekte wenig “effizient” i.S. der Lichttechnik.

Wenn heute die Rede ist von gutem Bürodesign, denken viele Menschen daran, die “Deckenbeleuchtung” abzuschaffen. Was in führenden Designzeitschriften als modernes Design abgebildet wird, sind Leuchten, die eher Wohnraumleuchten sind und nicht die “effizienten” Büroleuchten. (mehr s. Licht für New Work).

Ein anschauliches Beispiel für die Irreführung durch ein falsches Mass lieferte die Autotechnik. Die einst führenden US-Hersteller maßen die Leistung ihrer Motoren ohne die Aggregate, ohne die die Motoren nicht funktionieren können. Die Europäer maßen sie an der Welle. So fiel der führenden Autonation nicht auf, dass der Lüfter des Motors zu mehr als 90% der Betriebszeit wirkungslos war, aber bei Höchstgeschwindigkeit etwa 5% des Energieverbrauchs, bzw. einen Verlust von 3-5 PS verursachte. Das bewirkte einen hohen Lärmpegel und unnötigen Spritverbrauch. Der zum Antrieb benötigte Keilriemen war zudem ein Sicherheitsrisiko.

Fazit: Eine Maßzahl führt immer dann in die Irre, wenn sie eine mehrdimensionale Realität (Gesundheit, Bildqualität, Lichtqualität) in einer eindimensionalen Zahl zusammenfassen will. Am deutlichsten lässt sich das Problem am Beispiel der Lichtqualität darstellen. Die LiTG-Studie, die einst begonnen wurde, um eine Maßzahl oder einen Faktor zu ermitteln, trägt den Titel: Lichtqualität - ein Prozess statt einer Kennzahl.

Zur Zukunft des Phantoms

Die Lichtausbeute ist vermutlich die älteste Kennzahl in der Beleuchtungstechnik. Für sie gibt es keinen Ersatz, weil sie ein Maß für die Energieeffizienz von Leuchtmitteln liefert. Dass die Energieeffizienz einer Lampe keinen Maßstab für Lichtqualität ergibt, lernt man langsam aber sicher durch leidvolle Erfahrungen. So hat die CIE 2021 nach 108 Jahren zum ersten Mal in ihrer Historie Lichtqualität definiert. (s. z.B. hier: CIE definiert Lichtqualität - Was verstehen die Leute unter Qualität?)

Eine praktischere Bedeutung hat das Vorgehen von LightingEurope. Im Kontext der aktuellen EU-Gesetzgebung (Ecodesign- und Energielabel-Verordnungen) hat LightingEurope insbesondere folgende Punkte beantragt bzw. vorgeschlagen:

  1. Fokus auf das Gesamtsystem (Smart Lighting): Anstatt nur die Effizienz der einzelnen Lichtquelle (lm/W) zu betrachten, fordert der Verband, die Effizienz des gesamten Beleuchtungssystems zu bewerten. Dazu gehört auch die Einbeziehung von Sensorik und Steuerung in die Bewertung.
  2. Praxistaugliche Lebensdauer-Metriken: Klare Regeln für die Angabe der Nutzlebensdauer (Useful Lifetime), um unrealistisch hohe Marketingversprechen einzudämmen und die Vergleichbarkeit für professionelle Planer zu erhöhen.

Die Phantome der anderen

Alles Wissen besteht
in einer sicheren und klaren Erkenntnis,
bis es Neues gibt.
Anonymus

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt. 

Die Phantome der anderen, kurzgefasst

Der Beitrag beschreibt „Phantome“ als hartnäckige Denkmodelle und Festlegungen mit historischen Hintergründen, die unser heutiges Wissen unbewusst prägen. Beispiele sind die willkürlich definierte technische Stromrichtung (Plus→Minus) trotz realem Elektronenfluss (Minus→Plus), das anschaulich problematische, aber nützliche Konzept „wandernder Löcher“ in Physik und Halbleitern, sowie der lange geglaubte Licht-Äther als notwendiges Medium für die Wellenausbreitung. Darüber hinaus kritisiert der Beitrag irreführende Bilder und Metaphern wie den linearen „Fortschritt“ der Evolution, das Gehirn als Computer, die Vier-Temperamente-Lehre und das mechanistische Weltbild (Welt als Maschine), weil sie komplexe Zusammenhänge vereinfachen und Denken in falsche Bahnen lenken. 

Phantome der anderen

Heute habe ich das Dutzend Phantome voll gemacht – Geister von gestern, die unser Wissen von heute beherrschen, ohne dass wir davon bewusst Notiz nehmen. Doch das Phänomen ist nicht auf die Lichttechnik begrenzt. Bei anderen Disziplinen kann das lästige Erbe noch älter sein und noch tiefer im Unterbewusstsein stecken. Ob es sich bei einem Betrachtungsgegenstand um ein lästiges Erbe oder um eine wichtige Lebensgrundlage handelt, kann nicht immer gesagt werden.

Das unsinnigste Phantom – Plus ist Minus, Minus ist Plus

Jeder Ingenieur muss Physik lernen, um ein solcher zu werden. Manche Ingenieure studieren auch Elektrotechnik, wobei man häufig nicht einmal wahrnimmt, was zu Elektrotechnik gehört und was zu Physik. Man kann aber ein böses Erwachen erleben, wenn man vergisst, ob man gerade bei der Physik weilt oder bei der Technik. Man verwechselt die Pole und verursacht einen Kurzschluss.

Im 18. Jahrhundert wusste man zwar, dass Strom fließt, aber man hatte keine Ahnung von Elektronen. Benjamin Franklin (ja, der mit dem Drachen) vermutete, dass Strom eine Art unsichtbare Flüssigkeit sei. Er legte fest: Strom fließt von Plus nach Minus. Dort, wo „zu viel“ von dieser Flüssigkeit ist, ist Plus. Diese Festlegung wurde zum Standard in der Elektrotechnik. Alle Schaltpläne, Symbole und Regeln (wie die Rechte-Hand-Regel) basieren bis heute darauf. Man nennt das die technische Stromrichtung.

Die physikalische Realität (die Elektronenstromrichtung) ist genau das Gegenteil. Erst viel später entdeckte man das Elektron. Dabei stellte man fest: In metallischen Leitern sind es die negativ geladenen Elektronen, die sich bewegen. Da sich negative Ladungen zum Pluspol hingezogen fühlen, fließen sie eigentlich von Minus nach Plus. Das ist die sogenannte physikalische Stromrichtung. Als man den Fehler bemerkte, war die Elektrotechnik schon eine etablierte Wissenschaft.

So müssen Ingenieure zuweilen in ihren Büchern Weisheiten wie diese lesen: Der technische Strom fließt physikalisch gesehen in umgekehrter Richtung wie die physikalische.

Für die Berechnung eines Stromkreises ist es völlig egal, in welche Richtung die Ladungsträger fließen, solange man sich innerhalb einer Rechnung für eine Richtung entscheidet. Wer so denkt, sollte besser die Batterie seines Autos nicht selber anschließen. Als Helfer zu bevorzugen sind Laien, die keine Ahnung von diesem Phantom haben.

Wandernde Löcher

Als die Transistoren groß wie Fingerkuppen waren, konnte man sich vorstellen, wie Löcher durch sie wanderten. Jedenfalls dachten die Studenten so, wenn der Professor es ihnen erklärte. Ob sich der Professor Löcher in einem Kristall wirklich vorstellen konnte, weiß niemand. Auf jeden Fall beruht das Funktionieren von Transistoren auf dem Herauslösen eines Elektrons von seiner Stelle im Kristall, dessen unbesetzte Stelle man nunmehr als Loch bezeichnete. Die Anschaulichkeit der Löcher verschwand vollends, als man bis 290 Millionen Transistoren auf einem mm² unterbringen konnte. Da gehen auf eine Fingerkuppe ein bis zwei Milliarden Transistoren.

Physiker scherzen oft, dass ein Loch eigentlich ein Teilchen ist, das eine Identitätskrise hat – es existiert nur durch das, was nicht da ist. Was nicht da ist, kann aber nicht wandern. Eigentlich ist die Quelle des Lochs Kurt Tucholski. In seinem berühmten Text „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“ (erschienen 1931 unter seinem Pseudonym Kaspar Hauser) schreibt er: „Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.“ Er stellt fest, dass das Loch ein „ewiger Begleiter“ des Nicht-Lochs (der Materie) ist. Tucholsky beobachtet messerscharf, wie sich Löcher verhalten, wenn man sie bewegt: Wenn man ein Loch verschiebt (etwa durch das Umsetzen eines Rohrs), bekommt man kein neues Loch – das alte Loch wandert einfach mit. Wenn man zwei Löcher zusammengießt, hat man am Ende nicht zwei Löcher, sondern ein großes. Die Logik der Addition versagt hier völlig. Wenn man ein Loch auffüllt, verschwindet es nicht einfach, es bewegt sich seitwärts in die Materie.

Es ist fast unheimlich: Tucholsky schrieb diesen Text 1931 – genau in dem Jahr, in dem Paul Dirac seine Theorie über die Löcher im „Elektronen-See“ (Antimaterie) konkretisierte. Dirac vermutete anfangs noch zaghaft, dass diese Löcher vielleicht Protonen sein könnten, doch die Masse passte nicht. 1931 erkannte er, dass es sich um ein völlig neues Teilchen handeln musste: das Antielektron (heute Positron genannt). Obwohl Dirac über das Vakuum sinnierte, ist die mathematische Beschreibung fast identisch mit dem, was man heute in der Halbleiterphysik nutzt.

Es ist wenig anschaulich, etwas zu beschreiben, das sich dadurch auszeichnet, dass es nicht existiert. Jedes Stück Elektronik zeigt aber, dass dies real ist. Ähnlich erging es den Zahlensystemen. Das römische System kennt kein “Nichts”, es enthält keine Null. Die Erfindung der Null bedeutete einen großen Sprung für die Wissenschaft. Sonst würden wir ein großes Ereignis der Weltgeschichte so datieren: XII. X. MCDXCII. Das ist der Tag der Entdeckung Amerikas durch Europäer.

Der unmögliche Stoff – der Äther

Schon um 1678 stellte der niederländische Astronom Christiaan Huygens die Hypothese auf, dass Licht eine Welle sei, die sich in einem Medium (dem sogenannten Äther) ausbreitet. Huygens hatte zwei Dinge beobachtet: Licht fliegt ungestört durch den Raum und die Planeten bewegen sich ebenso ungebremst durch den Raum, durch den sich das Licht ausbreitet.

Um die beobachtete Wirkung mit dem damaligen Wissen in Harmonie zu bringen, wurden dem Äther die hierfür notwendigen Eigenschaften zugesprochen:

  • Äther ist elastischer als der beste Federstahl und dämpft keine Bewegungen der Planeten, aber auch härter.
  • Äther ist transparent für die Planeten, d.h. trotz seiner „Härte“ durfte der Äther dem Lauf der Planeten keinen Widerstand entgegensetzen.
  • Der Äther ist also masselos oder extrem dünn– ein „geisterhaftes“ Medium, durch das Materie völlig ungehindert hindurchgleiten kann.
  • Der Äther füllt alles aus – den leeren Weltraum genauso wie das Innere von festen Objekten, Glas oder Wasser. Er galt als ein allgegenwärtiges Hintergrundmedium, das das gesamte Universum durchspannt.
  • Der Äther war also ein „fester“, aber gleichzeitig völlig „reibungsloser“ Stoff.

 

Den Spuk beendete Albert Einstein, der den Äther einfach für „überflüssig“ erklärte. Licht braucht kein Medium – es ist ein eigenständiges Feld, das sich im leeren Raum ausbreiten kann. Was Huygens und späteren Gläubigen, unter denen auch der größte Physiker aller Zeiten, Sir Isaac Newton, befand, nicht bekannt war, war die Natur von Wellen, die keine Materie benötigen. Die Liste der großen Namen, die an den Äther glaubten, liest sich wie Who's Who der Wissenschaft, James Clerk Maxwell (1831–1879), Lord Kelvin (1824–1907), Hendrik Lorentz (1853–1928), Nikola Tesla (1856–1943). Für diese brillanten Köpfe war der Raum ohne Äther „leer“. Und die Vorstellung, dass sich etwas (eine Welle oder eine Kraft) durch das absolute Nichts ausbreiten kann, erschien ihnen damals völlig unlogisch und fast schon magisch.

Es ist undenkbar, dass rohe unbelebte Materie ohne die Vermittlung von etwas anderem, das nicht materiell ist und ohne direkte Berührung auf andere Materie wirkt und sie beeinflusst…” – Sir Isaac Newton, an Bentley, 25.2.1692

Sogar Albert Einstein gab 1920 in einer Rede in Leiden zu, dass man den Raum ohne Äther kaum denken könne, auch wenn sein „neuer Äther“ (die Raumzeit) nichts mehr mit dem mechanischen Medium von früher zu tun hatte.

Der Begriff Äther blieb uns bis heute erhalten und gab einer genialen Erfindung den Namen: Als Robert Metcalfe und sein Team 1973 bei Xerox PARC das Ethernet entwickelten, suchten sie nach einem passenden Namen für das Medium, das Daten überträgt. So wie die Physiker des 19. Jahrhunderts dachten, dass der Äther überall vorhanden sei und Lichtwellen trage, sollte das Ethernet-Kabel das universelle Medium sein, das Datenpakete an alle angeschlossenen Stationen „ausstrahlt“. Das 1973 erfundene System sieht heute auch nicht viel komplizierter aus als bei seiner Entstehung.

Der eigentliche Geist hinter diesem Phantom bildet das Bemühen, Beobachtungen mit dem vorhandenen Wissen zu erklären. Diesem Geist entsprechen Modelle, mit deren Hilfe wir komplexe Dinge versuchen zu verstehen. Modelle sind nie richtig oder falsch, sondern immer in gewisser Hinsicht hilfreich. Über Licht gibt es sogar zwei Modelle, die jeweils bestimmte Erscheinungen erklären, für andere aber falsch sind. Die „Dualität der Lichtmodelle“ – besser bekannt als Welle-Teilchen-Dualismus – ist eine der provokantesten Erkenntnisse der modernen Physik. Sie markiert den Moment, in dem das kartesische Denken (Entweder-oder) an seine Grenzen stieß und durch die Quantenmechanik abgelöst wurde. Seit 1927 betrachten Physiker die Dualität nicht mehr als ungelöstes Problem, sondern als faktischen Zustand. Sie besteht also seit fast 100 Jahren als Standardmodell.

Der „Stammbaum“ der Evolution (Der Marsch des Fortschritts)

Gemeint ist das berühmte Bild, auf dem ein gebeugter Affe langsam aufsteht, bis er zum aufrechten Menschen wird. Es suggeriert, Evolution sei eine gerade Linie hin zur „Perfektion“ (dem Menschen). In Wahrheit ist Evolution ein wild wuchernder Busch mit unzähligen ausgestorbenen Seitenlinien. Das Bild befeuert das Missverständnis, dass wir „vom Affen abstammen“ (wir haben lediglich gemeinsame Vorfahren) und dass Evolution ein Ziel verfolgt. Die Letzterere Glaube wirkt am schlimmsten. Während man Sprüche wie “Gott würfelt nicht” (Albert Einstein) doch widerlegen konnte, glauben unendlich viele Menschen, die Evolution verfolge Ziele.

Ich bin stolz darauf, dass meine Arbeiten eine letzte Phase diesem Bild hinzugefügt haben.

Das Original von dem letzten Menschen stammt aus einem Foto von meinem Buch, das 1976 in Hamburg geschossen wurde.

Das Gehirn als „Computer“

Seit der Aufklärung vergleichen wir das Gehirn immer mit der neuesten Technologie: Früher war es eine hydraulische Maschine, dann eine Telegrafenstation, heute ist es eine Festplatte mit Prozessor. Das Gehirn speichert aber Daten nicht in Binärcode an festen Adressen. Es ist ein biologisches Netzwerk, das sich bei jeder Benutzung physisch verändert. Begriffe wie „neu verdrahten“ (rewiring) oder „Daten verarbeiten“ prägen unsere gesamte Psychologie und die Entwicklung der KI, obwohl die Biologie ganz anders funktioniert.

Der Begriff KI wie künstliche Intelligenz suggeriert, die Anwendung habe was mit der Intelligenz zu tun. Diese Annahme scheint plausibel, weil wir viel früher das Gehirn als Computer vorgestellt haben.

Die vier Temperamente (Humoralpathologie)

Das Bestreben, Menschen in Kategorien einzuordnen, hat nicht nur zu der Irrlehre des Rassismus geführt. Eine besondere Form bestand durch die Einordnung der Charaktere als Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker oder Phlegmatiker. Diese beruht auf der Säftelehre der Antike. Die Säftelehre (Humoralpathologie) prägte über 2.000 Jahre lang das medizinische Denken im Abendland und im Orient. Sie basierte auf der Annahme, dass die Gesundheit von einem Gleichgewicht der vier Körpersäfte abhängt: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle.

In der Renaissance und im Barock war das Wissen um die Säfte Allgemeingut. Shakespeare, Molière und andere Autoren gestalteten ihre Charaktere oft exakt nach den Vorgaben der Temperamentenlehre, um dem Publikum sofort verständlich zu machen, wie eine Figur reagieren würde. Über Jahrhunderte wurden psychische Leiden (wie Depressionen) als rein physisches Problem der "schwarzen Galle" gesehen, was eine psychotherapeutische Auseinandersetzung mit Traumata oder Lebensumständen oft verhinderte.

Die Säftelehre beeinflusste nicht nur die Medizin, sondern auch die Psychologie. Man glaubte, dass der dominierende Saft den Charakter eines Menschen bestimmt. Diese Begriffe verwenden wir teilweise heute noch:

  • Sanguiniker (Blut): Heiter, lebhaft, sorglos.
  • Phlegmatiker (Schleim): Ruhig, langsam, schwerfällig.
  • Choleriker (gelbe Galle): Aufbrausend, jähzornig, energisch.
  • Melancholiker (schwarze Galle): Traurig, nachdenklich, schwermütig.

Diese Denke blockierte den medizinischen Fortschritt über Jahrhunderte.

In der wissenschaftlichen Psychologie spielt die Säftelehre heute keine Rolle mehr. Dennoch sind die Begriffe "Choleriker" oder "Sanguiniker" im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert, um menschliches Verhalten intuitiv zu beschreiben.

Das mechanistische Weltbild (Die Welt als Maschine)

Dieses Modell entstand in der frühen Neuzeit (Descartes, Newton). Es stellt sich das Universum und den menschlichen Körper wie ein komplexes Uhrwerk vor. Unsere gesamte moderne Medizin und Technik basieren weitgehend darauf, ohne dass wir es merken. Wenn etwas „kaputt“ ist (ein Organ oder ein Motor), wird es repariert oder ausgetauscht. Wir neigen dazu, komplexe Systeme in Einzelteile zu zerlegen, um sie zu verstehen. Der Nachteil ist, dass ganzheitliche Zusammenhänge oft übersehen werden.

Der größte Einfluss geht dabei von Descartes aus (“kartesisches” Diagramm, kartesische Koordinaten). Dass kartesische Diagramme (das klassische x-y-Koordinatensystem) bei komplexen Aufgaben oft in die Irre führen, liegt an der fundamentalen Art und Weise, wie sie Informationen filtern. René Descartes schuf damit zwar die Basis der modernen Geometrie, doch für komplexe Systeme ist dieses Modell oft zu unterkomplex. Die Vorstellung nährt die Illusion der Mono-Kausalität: “Das kommt davon!” Wer nicht erkennt, dass es sich um eine Illusion handelt, versucht den einen Grund zu ermitteln, auch wenn es diesen nicht gibt.

In einem Koordinatensystem sind die Achsen unabhängig voneinander (orthogonal). In der Realität komplexer Aufgaben sind die Variablen jedoch oft interdependent – sie beeinflussen sich gegenseitig. Beispiel: In einem Diagramm für „Arbeitszeit vs. Produktivität“ wird oft eine Gerade erwartet. In der Realität beeinflusst die Arbeitszeit aber die Ermüdung, die wiederum die Fehlerquote erhöht, was die effektive Produktivität sinkt. Diese Dynamik lässt sich auf zwei starren Achsen nur schwer abbilden. Dennoch streitet sich die große Politik in Deutschland um die Frage, ob man hierzulande genug arbeitet. Mancher sieht die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme erreicht, wenn die Wochenarbeitszeit um 5 Stunden verlängert wird. Wäre der Mensch eine Maschine, würde der Sprung von 35 h/Woche auf 40 h/Woche zu einer mathematisch berechenbaren Mehrleistung von 14,29 %. Allerdings gilt diese Berechnung nur für Maschinen, die wartungsfrei sind. Ob Menschen bei einer längeren Arbeitszeit auch tatsächlich mehr leisten, ist nicht sicher.

Um eine komplexe Aufgabe in ein x-y-Diagramm zu pressen, müssen wir Daten massiv reduzieren. Dabei geht oft der Kontext verloren. Das kartesische Denken ist meist linear: von links nach rechts. Komplexe Systeme funktionieren aber zirkulär: Ein Ergebnis wirkt häufig auf die Ursache zurück (Feedback-Loop). Ein Standard-Diagramm stellt diese Kreisläufe meist nur als wirre Zick-Zack-Linien dar, anstatt die zugrunde liegende Struktur des Kreislaufs zu verdeutlichen.

Die Denke von Descartes beherrscht uns bis in die Geschehnisse des Alltags, ohne dass wir dies wahrzunehmen imstande sind. Dabei beweisen uns mächtige Katastrophen wie der Klimawandel die Schwachstellen unserer Denke. Aber selbst Leuten, die diese erkennen, fällt es schwer, gegen die kulturellen Einflüsse aktiv vorzugehen. Wer in einem System hängt, kann dessen Bewegungen nur selten erfassen. So merken wir z.B. nicht, dass wir uns ständig bewegen, schneller als Schall am Äquator durch die Erdrotation und mit 600 km/s durch das Weltall mit der MIlchstraße.

Phantome, die unser Wissen beherrschen XII

Manche klammern sich
so fest an alte Scherben,
dass sie die neuen Diamanten
nicht aufheben können.

Anonymus

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt.

Zum Phantom Lichtstrom, kurzgefasst

Der Beitrag erklärt, dass die V(λ)-Kurve (1924) die Grundlage dafür schuf, Licht über den Lichtstrom (Lumen) international mess- und handelbar zu machen, und ordnet diese Größe in das SI-System samt der Debatte „Candela vs. Lumen“ ein.

Ich argumentiere, dass die relative Bedeutung von Helligkeit im Alltag und in der Arbeitswelt abgenommen hat, weil bei heutigen Beleuchtungsstärken die visuelle Leistung kaum noch steigt und Bildschirme Licht oft sogar entbehrlich machen. Weil künstliches Licht im Vergleich zu 1924 extrem billig geworden ist, bewerte ich den Lichtstrom als „Phantom“ und fordere, Licht stärker an Farbqualität/Farbempfindung statt nur an Hellempfindung auszurichten.

Zur Geschichte des Phantoms

Der Geburtstag dieses Phantoms lässt sich präzise angeben: April 1924. Vor 102 Jahren wurde die V(λ)-Kurve als Basis der Definition von Licht akzeptiert. Sie hat Licht definiert und damit messbar gemacht. Damit wurde die Grundlage dafür geschaffen, dass mit Lichtprodukten gehandelt wird. Und zwar weltweit. In 1948 wurde das Lumen offiziell von der 9. Generalkonferenz für Maß und Gewicht – CGPM als Einheit für den Lichtstrom international ratifiziert und festgelegt.

Wenn man heute auf einer Lampenverpackung liest: "12W - 806 lm - 840" (Ra) und versteht, dass die gekaufte Lampe aus 12 W aufgenommener Leistung 806 lm Licht produziert und dies mit einem Farbwiedergabeindex von 80 - 89 bei einer Lichtfarbe von 4000K, dann ist es ein Verdienst dieser Kurve.

Was die Zahlen bedeuten

Dabei besagt die Zahl 12W, dass die Lampe eine Leistung von 12 W aufnimmt, um 806 lm Licht zu produzieren. Die letztere Zahl, 840, war 1924 noch nicht geboren. Sie gibt an, wie gut die besagten 806 lm die Farben der von ihr beleuchteten Objekte wiedergeben. Das war 1924 recht egal, man wollte erst einmal Helligkeit haben. Wenn man sich die Beleuchtungsstärken anguckt , die damals in den Arbeitsstätten herrschten, versteht man gleich, warum alles andere relativ unwichtig war.

Die Basis der Angabe heißt Lichtstrom, dessen Einheit Lumen ist. Welche Bedeutung diese Größe in der Branche besitzt, kann man daran ermessen, dass die CIE immer wieder versucht hat, Lumen zu einer Basiseinheit im SI-System zu machen. Das SI-System ist so etwas wie eine Weltbeherrschungsformel. Alle Staaten der Welt benutzen dieses System für alle Messungen von der Zeit bis zum Gewicht. Eine Ausnahme machen nur drei Staaten, Myanmar, die ehemalige britische Kolonie Burma; Liberia, ein künstlicher afrikanischer Staat, dessen Bevölkerung ehemalige Sklaven aus den USA bildet; und die USA selber.

Das SI-System kennt 7 Basisseinheiten: Zeit, Länge, Masse, Stromstärke, Temperatur, Stoffmenge und Lichtstärke. Diese erkennt man daran, dass ihre Symbole keine Formeln enthalten: s, m, kg, A, K, mol und cd. Alle weiteren Einheiten werden aus diesen sieben abgeleitet. So gibt es für das allseits bekannte Gewicht eine Ableitung wie diese: kg•m/s2 . Eine Kugel mit der Masse von 1 kg wiegt 9,81 kg•m/s2 bzw. 9,81 N wie Newton.

Die Lichtstärke Candela war immer das "Sorgenkind" unter den Basiseinheiten. Sie ist die einzige Einheit, die direkt auf der menschlichen Wahrnehmung (der Hellempfindlichkeitskurve des Auges) basiert, statt auf einer rein objektiven physikalischen Größe. Leider ist das mit dem Basieren auch nicht ganz korrekt. Denn Candela entspricht keine einzige Wahrnehmung.

Eine Basiseinheit sollte so einfach wie möglich definiert sein. Das Lumen enthält jedoch den Steradiant (sr), also eine Raumwinkel-Komponente. Die Metrologen des CIPM argumentierten, dass eine Basiseinheit nicht von einer anderen abgeleiteten Größe (dem Raumwinkel) abhängen sollte, wenn es sich vermeiden lässt. Den meisten Experten wird indes weder Steradiant noch der Raumwinkel ein Begriff sein. Beide sind nur Lichttechnikern gut bekannt.

Am Ende wurde Candela als eine SI-Basiseinheit gewählt, weil es präziser zu messen war. Als das SI-System 2019 revidiert wurde, beantragte die CIE, dass Lumen, also die Einheit des Lichtstroms, zu einer Basiseinheit werden möge. Man blieb bei Candela, weil die Messgenauigkeit dieser Größe trotz aller technischen Fortschritte immer noch größer war. Der Lichtstrom ist aber nicht deswegen zum Phantom geworden.

Schwindende Bedeutung der Helligkeit

Hellempfindung beschreibt nur eine der Wirkungen von Licht. Diese besitzt eine umso größere relative Bedeutung gegenüber anderen Wirkungen, je weniger Licht zur Verfügung steht, wie man nachts auf der Autobahn verstehen lernt. Auch die innerstädtische Beleuchtung in der Nacht ist, so opulent sie auch scheinen mag, eine Art Notbeleuchtung. Erst ab Beleuchtungsstärken um 100 lx oder Leuchtdichten um > 10 cd/m2 kann man von einer (relativ ) hellen Umgebung sprechen.

Die hier dargestellte Kurve zeigt den prinzipiellen Verlauf der Sehleistung in Abhängigkeit von einer Einflussgröße (Kontrast, Beleuchtungstärke etc. Bis zu einem bestimmten Wert steht einer Größe keine messbare Sehleistung gegenüber. Danach nimmt sie steil zu, um später nur noch wenig anzusteigen. Ab einem bestimmten Zustand sieht man schlechter. So kann man eine Zeitung bei 5 lx gerade noch entziffern, bei 20 lx einigermaßen lesen. Je nach Alter und Druckqualität der Zeitung fängt die Abflachung der grünen Kurve etwa bei 1000 Lux an. Ähnlich geht es mit der Größe der Schrift. Wenn sie unter 0,5 mm groß ist, können die meisten Menschen sie nicht lesen. Zwischen 1 mm und 3 mm steigt die Lesbarkeit steil an. Noch größere Zeichen sind zwar auffälliger, aber nicht besser lesbar, jedenfalls nicht in einer Zeitung oder in einem Buch.

Bei einer grundsätzlich wichtigen Leistung des Auges, der Sehschärfe, sieht man, dass sie bereits bei relativ geringen Leuchtdichten (10 cd/m² oder 100 cd/m²)  ihren Höchstwert etwa erreicht. Bei anderen Funktionen können höhere oder geringere Werte einer Einflussgröße zu einem Maximum an Leistung führen.

Wenn man sich die realen Beleuchtungen in deutschen Betrieben anguckt, stellt man fest, dass die Beleuchtungsstärken zwischen 200 lx und etwa 2000 lx liegen können. Heute geplante Beleuchtungen liegen meist über 500 lx. Das entspricht etwa einer Leuchtdichte von 125 cd/m² auf dem Büropapier. Somit liegen wir bei dem obigen Diagramm in dem Bereich, wo die Sehleistung kaum mehr mit der Beleuchtungsstärke ansteigt.

Allein zum Lesen reichen gemäß Bodmann Beleuchtungsstärken bis ca. 50 lx.[1] Er hatte bereits 1962 ein Niveau von 400 lx empfohlen, um eine angenehm helle Arbeitsumgebung zu realisieren. Über 60 Jahre später brauchen die wenigsten Arbeitnehmer das Licht zum Lesen. Ihre Sehaufgabe steht auf dem Bildschirm, auf dem die Beleuchtung bestenfalls stört. Die Empfehlung von Bodmann bezüglich der hellen Umgebung steht aber noch. Man kann sich nur darüber streiten, ob 400 lx reichen oder gerade das Minimum sind.

All das ließ die Bedeutung des Lichtstroms schwinden. Dafür stieg die relative Bedeutung einer weiteren Funktion des Lichts, die der Farbempfindung. Zum einen braucht man die Beleuchtung stärker als zu Zeiten Bodmanns, um die Arbeitsumgebung angenehmer zu gestalten. Zum anderen kann man jetzt Wert auf Qualität legen, weil unsere Wohn- und Arbeitsstätten keine notdürftig beleuchteten Umgebungen mehr sind, wo man froh wäre, überhaupt etwas Licht haben zu dürfen.

Nicht zuletzt an den Pflichtangaben für Lampenverpackungen wie "12W - 806 lm - 840" (entspricht Ra 80 - 89) erkennt man die (neue) Bedeutung der Farbqualität. Die hier erwähnte Lampe, kein besonderes Produkt, erzeugt 806 lm; ihre modernere Form würde nur noch 7 W verbrauchen. Dies entspricht 58 Edison-Lampen der ersten Serie, die Wert gefunden wurden, um auf Weltausstellungen präsentiert zu werden.

Die beispielhafte Lampe ist der Nachfahre der Allgebrauchsglühlampe für 60 W. Was deren Licht 1924 ökonomisch bedeutet hat und ein Jahrhundert später bedeutet, kann man an einer Beispielrechnung erkennen. Um dies zu berechnen, müssen wir drei Faktoren berücksichtigen: den Strompreis, die Effizienz der Leuchtmittel und die Kaufkraft (Inflation).

  • Strompreis: In Deutschland kostete eine Kilowattstunde (kWh) etwa 40 bis 50 Pfennig.
  • Einkommen: Ein durchschnittlicher Arbeiter verdiente damals etwa 150 bis 200 Mark im Monat. Eine 60-W-Lampe kostete damals etwa 1,50 bis 2,00 Reichsmark.
  • Lichtausbeute: Eine 60-Watt-Wolfram-Glühlampe erzeugte damals ca. 600 bis 700 Lumen.

Um eine 60-W-Lampe eine Stunde zu betreiben, verbrauchte man 0,06 kWh. Das kostete etwa 3 Pfennig. Was wenig klingt, war viel: Ein Arbeiter musste dafür etwa 10 bis 15 Minuten arbeiten. Eine Stunde Licht (800 Lumen) kostet heute etwa 0,28 Cent (0,007 kWh • 40 Cent). Bei einem Durchschnittslohn entspricht das einer Arbeitszeit von weniger als einem Bruchteil einer Sekunde. Der "reale" Preis für Licht ist mindestens um den Faktor 80 bis 100 gesunken. Das ist repräsentativ für die Abnahme der Wertigkeit der künstlichen Helligkeit.

Um das Licht, das eine moderne Wohnung heute an einem Abend verbraucht, im Jahr 1924 zu erzeugen, hätte eine Familie einen signifikanten Teil ihres Tageslohns ausgeben müssen. Licht war damals etwas, das man beim Verlassen des Raums sofort ausschaltete – nicht aus Umweltbewusstsein, sondern aus purer finanzieller Notwendigkeit. (Eine genauere Berechnung findet sich hier.)

Auch wenn die Fachleute der Branche das Lumen als Maß aller Dinge sehen wollen, bezeichne ich den Lichtstrom als Phantom. Die Lichttechnik muss ihre Maße nicht nur an der Hellempfindung festmachen, sondern eher an der Farbempfindung. Bis heute gehört Farbensehen nicht zur Sehleistung.

[1] Bodmann. H.W.: Beleuchtungsniveaus und Sehtätigkeit, Int. Licht Rundschau, 1962, S. 41

Bodmann, H.W.: Kriterien für optimale Beleuchtungsniveaus, Lichttechnik, 15. Jahrg. Nr. 1/ 1963, S. 24-26

Phantome, die unser Wissen beherrschen XI

Wer das Licht der Lampe will,
muss auch das Öl nachfüllen?

Anonymus

In dieser Reihe beschreibe und kommentiere ich Wissen, das man gerne als “überkommen” bezeichnet. Das negative Urteil stimmt aber nicht immer. Ähnlich häufig darf man das Wissen überliefert oder tradiert bezeichnen. Dieses Urteil fällt eher neutral aus. Manchmal handelt es sich dabei um Grundwissen, das man besser nicht in Frage stellt.

Zum Phantom Wartungsfaktor

IDer Beitrag beschreibt den „Wartungsfaktor“ in der Lichtplanung als ein langlebiges, aber inhaltlich veraltetes Konzept – ein „Phantom“, weil moderne Beleuchtungstechnik (insbesondere LED) und reale Betriebsbedingungen nicht mehr gut zu den zugrunde liegenden Annahmen passen. Historisch ist die Pflege von Licht zwar stetig einfacher geworden, sie verschwand jedoch nie, sondern wurde durch Normen und Berechnungsmethoden zunehmend komplex.

Technisch ist der Wartungsfaktor (MF) eine dimensionslose Kennzahl, die den Beleuchtungszustand zum Wartungszeitpunkt im Verhältnis zum Neuzustand abbildet und aus LLMF, LSF, LMF und RSMF berechnet wird. Er wurde maßgeblich durch den CIE-Bericht 97 (1992) definiert und ersetzte in Deutschland ältere, pauschale Zuschläge und schwer fassbare Begriffe wie die „Nennbeleuchtungsstärke“.

Rechtlich ist die Instandhaltung von Beleuchtung in Deutschland über ArbStättV und ASR A3.4 verankert; bei Bezug auf DIN EN 12464-1 muss der Planer Wartungsfaktoren angeben und einen Wartungsplan vorbereiten. In der Praxis fehlt Anwendern oft das Bewusstsein (und teils die organisatorische Möglichkeit) für Wartung, wodurch Planer unrealistisch hohe Faktoren ansetzen können, etwa durch „sehr saubere Umgebung“ trotz gegenteiliger Realität.
Gleichzeitig stützen sich die in CIE 97 hinterlegten Erfahrungswerte auf Technik und Räume der 1970er/80er Jahre; die LED-Ära bringt andere Alterungs- und Ausfallbilder sowie stark temperaturabhängige Lebensdauern. Marketingzahlen wie „50.000 Stunden“ wirken als Motivationskiller für Wartung, obwohl es u. a. bei Sicherheitszeichen und thermisch belasteten Installationen weiterhin kritische Instandhaltungsanforderungen gibt.

Als technische Gegenmaßnahme wird u. a. CLO (Constant Light Output) genannt, das den Lichtstromrückgang elektronisch kompensiert und so Planung, Betrieb und Energieeffizienz beeinflusst. Insgesamt bleibt der Wartungsfaktor als Engineering-Idee wichtig, muss aber inhaltlich modernisiert und mit realistischen, überprüfbaren Annahmen und Wartungsplänen hinterlegt werden.

Zur Geschichte des Phantoms

Dieses Phantom war wohl zu Zeiten Goethes bekannt, von dem der Spruch überliefert ist: „Ich wüsste nicht, was sie besseres erfinden könnten, als wenn die Lichter ohne putzen brennten.“ Wer Licht machen wollte, musste sich schon immer um dessen Pflege bemühen. Unterschiedlich waren nur der Umfang und die Berechenbarkeit des Aufwands, den man treiben musste. (s. dazu Kapitel Epochen der Kunst der Lichtmacher)

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Pflegebedarf für Licht stetig geringer, was einen großen Teil des Fortschritts der Technologie ausmacht. So musste man bei der Kerze recht häufig nachsehen, ob sie noch brennt. Edisons erste Lampe brannte 40 Stunden lang ohne Aufsicht. Nur wenige Jahrzehnte danach musste die Industrie einen Glühlampenweltvertrag beschließen, um die Lebensdauer der Lampe auf 1000 h zu kürzen. Und heute redet man von 50.000 Stunden, die eine LED Licht spenden soll. Abgeschafft wurde die Pflege der Beleuchtung aber immer noch nicht. Sie wurde nur unendlich komplizierter. Seit langem hat sie einen Namen: Wartungsfaktor. Es fehlt nur an der Modernisierung des Inhaltes. Daher die Qualifizierung als Phantom.

Der Wartungsfaktor als technischer Begriff

Wie jedes Ingenieurprodukt ist auch die Technik der künstlichen Beleuchtung fest mit dem Prinzip von Inspektion und Wartung verbunden. Inspektion heißt, man prüft den bestimmungsgemäßen Zustand. Wartung bedeutet, dass man eine Technik ertüchtigt und wieder in den bestimmungsgemäßen Zustand bringt.

Der Begriff bestimmungsgemäßer Zustand ist juristisch relevant. Er bedeutet, dass sich ein technisches Produkt in dem Zustand befindet, den sein Hersteller für den üblichen Betrieb vorgesehen hat. Der bestimmungsgemäße Zustand (oft synonym zu „bestimmungsgemäßer Betrieb“ oder „bestimmungsgemäße Verwendung“ verwendet) beschreibt den Zustand einer technischen Anlage, Maschine oder eines Produkts, in dem es sicher, effizient und entsprechend seiner Auslegung und Dokumentation betrieben wird. Wenn beim Arbeitsstättenrecht von Beleuchtung die Rede ist, ist dieser Zustand gemeint.

Bei der Kerze hatten die Aufgabe, den bestimmungsgemäßen Zustand zu erreichen, die Lichtschneuzer übernommen, die spezialisierte Diener der Reichen waren. Opern und Theater beschäftigten Komödien-Lichtputzer für diese Aufgabe. Die Pflege in der Zeit, als man Licht durch Verbrennen erzeugte, galt nicht nur der Beleuchtung, denn die Stoffe, die bei der Verbrennung entstanden, so z.B. Ammoniak und Schwefel, zerstörten die Dekorationen, Gemälde und sonstige Ausstattungen. Das Licht war sogar Konkurrent des Menschen um den Sauerstoff. So hatten die Lichtschneuzer und -putzer eine Schutzaufgabe für alles.

Bei der Beleuchtung hingegen war die Sache nicht so klar. So ist mir kein Berufsstand bekannt, der den Betrieben das regelmäßige Fensterputzen erledigt, um die Fenster in den bestimmungsgemäßen Zustand zu versetzen. Das Problem muss uralt sein, denn der staatlich geförderte Film Licht des Amtes für schöne Arbeit von 1935 beginnt die gute Beleuchtung mit kollektivem Fensterputzen. Hingegen schrieb mir ein Architekturkritiker im März 2026 über ein viel gelobtes öffentliches Gebäude, er hätte unter schlechten Bedingungen gearbeitet, weil der Architekt vergessen hatte, dass die Fenster auch mal geputzt werden müssen. Eigentlich ein Verstoß gegen die Arbeitsstättenverordnung.

Bei der künstlichen Beleuchtung sollte so etwas nicht vorkommen können. Die lichttechnische Industrie hatte und hat – ganz uneigennützig – ein großes Interesse daran, dass installierte 100 lx immer 100 lx blieben. Wie man das auch anstellen mag. Die Definition eines Wartungsfaktors bildete den vorletzten Schritt dazu.

Der Wartungsfaktor (Maintenance Factor, MF) ist eine dimensionslose Kennzahl in der Lichtplanung. Er definiert das Verhältnis der Beleuchtungsstärke einer Anlage zu einem spezifischen Zeitpunkt (Wartungszeitpunkt) im Vergleich zu ihrem Neuzustand. Der Begriff wurde erst spät 1992 definiert, obwohl es immer bekannt war, dass eine Lichtplanung auf der Basis des Neuzustandes nie sinnvoll gewesen sein konnte. Der eigentliche Durchbruch für die heutige Definition kam im Jahr 1992. Die Internationale Beleuchtungskommission (CIE) veröffentlichte den technischen Bericht CIE 97 "Maintenance of indoor electric lighting systems".

Der Wartungsfaktor wird aus vier spezifischen Verlustfaktoren berechnet, die die Lampen, deren Lebensdauer, die Leuchten und die Verschmutzung der Raumwände betreffen.

WF = LLMF x LSF x LMF x RSMF

LLMF (Lampenlichtstrom-Wartungsfaktor): Berücksichtigt die Abnahme des Lichtstroms der Lichtquelle über die Betriebsdauer (Degradation)

LSF (Lampenlebensdauerfaktor): Berücksichtigt die statistische Ausfallwahrscheinlichkeit der Leuchtmittel bis zum Wartungszeitpunkt.

LMF (Leuchtenwartungsfaktor): Berücksichtigt die Verschmutzung der Leuchte in Abhängigkeit von ihrer Bauart und der Umgebungssauberkeit.

RSMF (Raumwartungsfaktor): Berücksichtigt die Abnahme der Reflexionsgrade von Wänden und Decken durch Verschmutzung.

Auch in dieser Formel kann man die Natur einer Vorgabe erkennen, die sicherstellen will, dass eine Beleuchtung immer dem gewünschten Zustand entspricht. Was der gewünschte Zustand für Arbeitsstätten ist, wurde seit 1913 in diversen Regelwerken (Normen, Gesetzen, Verordnungen etc.) festgelegt (s. Beitrag Beleuchtung von Arbeitsstätten muss i.S. des Arbeitsschutzes reguliert werden.). Festgelegt wurde fast immer die in einer horizontalen Messebene in Arbeitshöhe (einst 85 cm, später etwas tiefer) vorhandene Beleuchtungsstärke. Diese stellt den Vertragsgegenstand zwischen dem Auftraggeber und dem Lichtplaner dar.

Als der Begriff noch nicht existierte …

Schon in den Anfängen der elektrischen Beleuchtung war bewusst, dass Anlagen mit der Zeit dunkler werden, lange bevor die Lampen ausfallen. In den alten deutschen Normen (wie der DIN 5035) wurde jedoch meist nicht mit einem detaillierten "Wartungsfaktor" gerechnet, sondern mit einem pauschalen Planungswert (oft 1,25).

  • Man schlug einfach 25 % auf die benötigte Beleuchtungsstärke auf, um Verluste auszugleichen.
  • Das entsprach rechnerisch einem Wartungsfaktor von 0,8 (1 / 1,25 = 0,8).

Das war gemessen an der Genauigkeit, mit der ein Planer die angestrebte Beleuchtungsstärke erzielte, sogar zu genau. Damals ging das Gerücht herum, dass die Wettervorhersage im Monat April genauer war als die Lichtplanung bei der Bestimmung der Beleuchtungsstärke. Tatsächlich haben wir bei gerichtsfesten Messungen festgestellt, dass bei einer Vorgabe von 500 lx als Nennwert (= 625 lx Neuwert), Werte zwischen 300 lx und 2000 lx installiert wurden. In einem Fall, bei dem bei einer falschen Beleuchtungsstärke ein Gang vor Gericht drohte und deswegen eine präzise Vorgabe der späteren Messung bei der Auftragsvorgabe erfolgte, variierte in 38 Anlagen (= 38 Bürohäuser für jeweils etwa 300 Mitarbeitende) mit dem gleichen Leuchtentyp des gleichen Herstellers die Beleuchtungsstärke zwischen 350 lx und 900 lx.

Interessant ist, wogegen der Verlust berechnet wurde. Der Zustand, gegen den ein Verlust berechnet wurde, nannte sich die Nennbeleuchtungsstärke. Die Größe Nennbeleuchtungsstärke war „der zeitliche und örtliche Mittelwert“ der Beleuchtungsstärken. Was soll man sich darunter vorstellen? Einen örtlichen Mittelwert kann sich jeder halbwegs gebildete Laie verstehen: Man misst die Beleuchtungsstärke an verschiedenen Orten und berechnet davon den Mittelwert. Aber der zeitliche Mittelwert? Die Erklärung der Nennbeleuchtungsstärke, die das Maß für den Verlust darstellt, umfasste in DIN 5035:1990 ca. eine DIN-A4-Seite und war selbst für erfahrene Verwaltungsrichter eine Herausforderung bei entsprechenden Klagen. Denn kaum eine technische Größe wurde je krummer definiert:

Die Nennbeleuchtungsstärke En ist für Arbeitsstätten in Innenräumen der Nennwert der mittleren Beleuchtungsstärke im Raum oder in der einer bestimmten Tätigkeit dienenden Raumzone, für den die Beleuchtungsanlage auszulegen ist.“ Soweit ist die Sache noch in Ordnung. Aber die Norm erklärt weiter: „Die Nennbeleuchtungsstärke En für Arbeitsstätten in Innenräumen bezieht sich:

  • auf den mittleren Alterungszustand der Beleuchtungsanlage:
  • auf den eingerichteten Innenraum die eingerichtete Raumzone;
  • im allgemeinen auf die horizontale Arbeitsfläche in 0,85 m Höhe über dem Fußboden; bei anderer Lage der Arbeitsfläche bezieht sich die Nennbeleuchtungsstärke En auf diese Lage (z.B. Schaltschrankmontage, Zeichenbrett, Schreibtisch);
  • bei Verkehrswegen in Innenräumen auf deren Mittellinie in max. 0,2 m Höhe über dem Fußboden.“ (fettkursiv schlecht oder gar nicht bestimmbare Faktoren)

Wie soll man verstehen, was es bedeutet, dass sich eine Planungsgröße, die man beim Bau einer Arbeitsstätte zugrunde legen muss, auf die Lage eines Schreibtisches bezieht?  Woher weiß der Planer, wann der mittlere Alterungszustand einer Beleuchtungsanlage sein wird? Kann man bereits bei der Planung eine Größe berücksichtigen, die sich auf einen eingerichteten Raum bezieht, bevor dieser Raum überhaupt entstanden ist?

Nachdem die Nennbeleuchtungsstärke etwa 30 Jahre lang kaum jemandem ein Begriff geworden war, wurde sie zusammen mit der Normenreihe DIN 5035 abgeschafft. An ihre Stelle trat die Wartungsbeleuchtungsstärke bzw. der Wartungswert der Beleuchtungsstärke. Diesen Wert kann jeder jederzeit an jedem Arbeitsplatz messen. Wie hoch er sein soll, kann man in DIN EN 12464-1 ab Jahrgang 2001 lesen.

Durch diesen Vorgang bekam der Wartungsfaktor eine neue Bedeutung. Hat man einst einen pauschalen Zuschlag zur Nennbeleuchtungsstärke eingeplant (z.B. 1,25 für die meisten Fälle), kann man seit 2001 vereinbaren, wann eine Wartung erfolgen soll (z.B. nach 1 Jahr oder nach 3 Jahren), wonach sich der Wartungswert errechnet.

Rechtliche Lage

In Deutschland ist die Wartung von Beleuchtungsanlagen kein "nice-to-have", sondern durch Gesetze und Normen geregelt. Dabei wird grundsätzlich zwischen der Beleuchtung und der Sicherheitsbeleuchtung (Notbeleuchtung) unterschieden. Die primäre Rechtsgrundlage ist die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) in Verbindung mit der ASR A3.4 ("Beleuchtung"). Der Arbeitgeber muss sicherstellen, dass die Beleuchtung jederzeit den Anforderungen der ASR A3.4 entspricht.

Zwar muss kein Betrieb diese ASR erfüllen. Das gilt aber nur, wenn er gleichwertige oder bessere Vorgaben hat. Hinsichtlich der Beleuchtung dürfte es jedem schwerfallen, eine gleichwertige Alternative zu den geforderten Eigenschaften zu realisieren. Die Instandhaltung wird in 9.2. Instandhaltung der ASR A3.4 geregelt. In diesem Paragraphen sind auch die Fenster nicht vergessen: “Um die Versorgung mit Tageslicht nicht zu beeinträchtigen, sind Fenster und Dachoberlichter regelmäßig zu reinigen. Anforderungen an den Arbeitsschutz bei der Reinigung von Fensterflächen siehe ASR A1.6 „Fenster, Oberlichter, lichtdurchlässige Wände“.

Die ASR fordert auch: “Es ist dafür zu sorgen, dass sichere Instandhaltung möglich ist, insbesondere ist für einen sicheren Zugang zu sorgen.”

Wenn sich jemand auf die Norm DIN EN 12464-1 beruft, muss dieser auch den Wartungsfaktor berücksichtigen. Die Aufgaben des Planers sind wie folgt beschrieben:
Der Konstrukteur [der Lichtplaner, Anm. d.A.] muss:

— fm angeben [fm ist der Gesamtwartungsfaktor, oben WF genannt] und alle Annahmen auflisten, die bei der Ermittlung des Werts gemacht wurden,

— die für die Anwendungsumgebung geeignete Beleuchtungsanlage angeben und

— einen Wartungsplan vorbereiten, z. B. für die Häufigkeit des Ersetzens der Lichtquelle, für Reinigungsintervalle von Leuchte und Raum.

fm hat einen großen Einfluss auf die Energieeffizienz. Die bei der Ermittlung von fm gemachten Annahmen müssen sowohl realistisch erreichbar als auch auf eine Weise optimiert werden, die zu einem hohen Wert führt.“

Wo es arg kneift

Fehlendes Bewusstsein bei den Anwendern

Anwender zeigen im Allgemeinen wenig Neigung, Beleuchtung zu warten. Bei betrieblichen Studien habe ich die Frage, ob man einen Wartungsplan hätte, gestellt, um die nicht so ehrlichen Kandidaten herauszufischen. Denn man kann i.d.R. davon ausgehen, dass es den Betrieben nicht einmal bewusst ist, dass sie so etwas brauchen. Man weiß gleich, warum, wenn man sich die Beschreibung der Nennbeleuchtungsstärke anguckt.

Wenn man sich die möglichen praktischen Bedingungen näher ansah, konnte man auch verstehen, warum man an eine Wartung erst gar nicht dachte. Manche Leuchten brauchen zwei Elektriker, um die Lampen zu entfernen. Und die einst vorherrschenden Hochglanzspiegel durfte man nur mit Schutzhandschuhen anfassen. Auf den Tischen standen zuweilen hochauflösende Bildschirme mit einem Gewicht bis 20 kg oder Drucker bis 40 kg. All das wegräumen, um Leuchten zu putzen?

Ein Fachmann, der in den 1970er Jahren die Wartung von Beleuchtung als Dienstleistung anbieten wollte, verdiente keinen Cent damit. In mehreren Jahrzehnten der Betriebsberatung ist uns kein Wartungsplan über den Weg gelaufen.

Das liebe Geld

Da es den Anwendern an Bewusstsein für die Wartung der Beleuchtung fehlt, kann ein Planer einen hohen Wartungsfaktor zugrundelegen, z.B. 0,8, und dem Kunden gegenüber verschleiern, dass er einen festen Reinigungszyklus von einem Jahr voraussetzt. Es ist überhaupt fraglich, ob ein Betrieb weiß, dass eine Reinigung der Wände zu der Wartung der Beleuchtung gehört. Man deklariert eine Industriehalle oder ein Standardbüro einfach als „sehr saubere Umgebung“. Dann setzt man den Raumwartungsfaktor (RSMF) und Leuchtenwartungsfaktor (LMF) so hoch an, als würde dort täglich Staub gewischt. So springt der Wartungsfaktor von realistischen 0,67 auf 0,85. Dabei bedeutet ein WF von 0,67, dass man 50 % mehr installieren muss, während man bei 0,85 nur 17% mehr installiert. Man spart also 20% der Installation durch optimistische Annahmen, die nicht einmal zutreffen. Kein Kläger, kein Richter.

Verwirrende neue “Begriffe”

Obwohl es vielen Leuten vom Fach sehr schwergefallen war, sich von der Nennbeleuchtungsstärke auf die Wartungsbeleuchtungsstärke umzustellen, hat die Normung in der letzten Ausgabe der EN 12464-1 redlich Mühe gegeben, die Sache noch komplizierter zu machen. So wurden noch der “minimale Warnungswert der Beleuchtungsstärke” und der “höhere Wartungswert der Beleuchtungsstärke” vorgeschrieben. Zu denen kam noch  eine Forderung nach dem Wartungswert der mittleren zylindrischen Beleuchtungsstärke, wobei man diese Größe nach einem Kontextmodifikator eine Stufe höher oder tiefer wählen kann.

Was dieser Kontextmodifikator sein soll, habe ich lange gesucht. In der Norm ist die Rede von „kontextabhängigen Modifikatoren“, womit gemeint ist, dass z.B. eine Aufgabe Fehlermöglichkeiten beinhaltet, deren Folgen schwerwiegend sein können. Dann soll die Beleuchtungsstärke eine Stufe höher gewählt werden. Warum man der folgenden Anforderung folgen soll, leuchtet mir immer noch nicht ein: „Der Wartungswert der Beleuchtungsstärke darf um mindestens eine Stufe in der Beleuchtungsstärke-Skala (siehe 4.3.2), angepasst werden wenn die Sehbedingungen von den üblichen Annahmen abweichen.“

Insgesamt waren in dem Entwurf dieser Norm so viele Sonderbarkeiten, dass die Übersetzung ins Deutsche zwei Jahre gedauert hat, obwohl die größte Gruppe unter den Autoren aus Deutschland kam.

Obsolete Grundlagen

Die Festlegung der Wartungsfaktoren in CIE 97 im Jahre 1992 erfolgte auf der Basis von Erfahrungen mit Leuchten, Lampen und Räumen aus den 1970er und 1980er Jahren. Zwei Jahrzehnte danach musste nachgebessert werden, weil sich die Lampen wie die Leuchten geändert hatten (CIE 97:2005). Man legte den Fokus auf den individuellen Wartungszyklus. Wie ich oben erklärt habe, fehlt den Auftraggebern die Motivation dazu, aus dieser Entwicklung einen Vorteil im Sinne der besseren Beleuchtung zu machen.

Die wichtigste Änderung betrifft aber die Lampentechnik. In ganz Europa wird nur noch LED-Beleuchtung installiert. Dabei hat sich eine Marketingszahl als Motivationskiller herausgeschält: die Zahl 50.000. Diese soll angeblich die Lebensdauer der LED kennzeichnen. Für Betriebe bedeutet sie eine ungeheure Zahl, durch die jegliche Fürsorge für die Beleuchtung entfällt. In welchem Büro mag wohl die künstliche Beleuchtung die 50.000 Betriebsstunden hinter sich bringen?

In der Lichtplanung und energetischen Bilanzierung (nach DIN V 18599) gibt es für ein Standardbüro in Deutschland klare Richtwerte für die jährliche Betriebsdauer. In fensternahen Bereichen brennt das Kunstlicht oft nur 50 % der Zeit (ca. 1.200 – 1.500 Stunden). Theoretisch nimmt die Norm bei Tagnutzung 2.250 Stunden an. So kann ein Optimist (1200 h Brenndauer jährlich) von 41,66 Jahren ausgehen, für den Pessimisten ergeben sich 22,22 Jahre.

In Deutschland werden gewerbliche Gebäude, die nach dem 31.3.1985 fertiggestellt wurden, linear mit 3 % pro Jahr abgeschrieben, was einer rechnerischen Lebens-Dauer von 33 Jahren entspricht. Die wirtschaftliche Lebensdauer beträgt ca. 30 – 50 Jahre. So kann man optimistischerweise damit rechnen, im Laufe der Lebensdauer eines Bürohauses mit einem Lampenwechsel davonzukommen. Vielleicht kann man den aufschieben?

Doch dem ist nicht so. Denn erstens gibt es elektrisch beleuchtete Sicherheitszeichen (z.B. Fluchtwegbeschilderung), die während der gesamten Betriebsstunden ständig leuchten müssen, häufig rund um die Uhr. Der Glaube an die 50.000 Stunden lässt sogar die wöchentlichen Inspektionen vergessen, die erforderlich sind. Zweitens ist die Lebensdauerbetrachtung einer LED wesentlich komplizierter (s. Kapitel Angaben für die Lebensdauer von Leuchtmitteln. Wie kompliziert es mit der LED ausschaut, erkennt man an der Formel L70B10C10F10. L70 bedeutet, dass die LED bei 70% des Anfangslichtstroms am Ende ist. B10 bedeutet, dass dabei höchstens 10% der Elemente diesen Wert unterschreiten dürfen. C10 bedeutet, die zu einem gegebenen Zeitpunkt zu erwartende Ausfallrate in Prozent. Ein Wert von C10 bedeutet, dass in einem Modul 10% aller Elemente total ausgefallen sind. F10 bedeutet, dass höchstens 10% der LED den L-Wert unterschreiten dürfen (inklusive Totalausfall).

Die Angaben für die Lebensdauer von LEDs gelten nur für optimale Temperaturbedingungen. Bereits kleine Abweichungen können zu drastischen Verlusten an Lebensdauer führen. Diese können durch ungeeignete Leuchten bedingt sein, aber auch durch zu hohe Temperaturen in Industriehallen. Für den letzten Fall müsste ein zusätzlicher Korrekturfaktor für die Temperatur berücksichtigt werden.

In der Realität ist der Vorgang der Degradation eines LED-Moduls noch schwieriger zu beschreiben, weil die Module nicht nur an Leuchtdichte verlieren, sondern auch in Farbe. Oder ein Element ist noch in Betrieb, flimmert aber nur noch.

Fazit

Der Wartungsfaktor ist ein Erbe alter Zeiten, das die Bezeichnung Phantom redlich verdient. Er hat noch lange nicht ausgedient, weil das Konzept Teil eines jeden Engineering-Konzepts ist. Der Wartungsfaktor beruht aber auf recht alten Daten und noch älteren Vorstellungen mit Lampen, die es nicht mehr gibt. Die modernen Lampen weisen andere Alterungserscheinungen auf. Dabei geht die Alterung der Lampe gleich zweimal in die Berechnung des Wartungsfaktors ein, als Lampenlichtstrom-Wartungsfaktor und als Lampenlebensdauerfaktor. Der letztere Faktor beruht zum einen auf einer drastisch höheren fiktiven Lebensdauer[1] gegenüber älteren Lampen (50.000 h gegenüber 1.000 h bei Allgebrauchsglühlampen und 10.000 h bei Leuchtstofflampen).

Anstatt die Leuchten von Anfang an mit 100 % Leistung zu betreiben (und damit am Anfang "zu viel" Licht zu haben), kann man heute technische Gegenmaßnahmen wie CLO-Treiber ( constant light output) nutzen. Die Elektronik gleicht den LLMF automatisch aus. Die Leuchte startet bei etwa 80 % Leistung und steigt über die Lebensjahre hinweg schrittweise auf 100 % Leistung. Beispiele für diese Funktionalität gibt es z.B. hier und da und dort. Ein CLO-Treiber spart über lange Jahre Strom und verlängert die Betriebsdauer einer LED.

Ob und wann man sich allgemein eine solche Technik aneignet, ist trotz der Vorteile leider nicht gesagt. Ein Grund könnte die höhere Investition zu Beginn sein. Man muss mehr in die Technik investieren, um später daraus Vorteile zu erzielen. In einem professionell genutzten Gebäude fallen die Investitionen beim Investor an, die Vorteile beim Mieter. Diese sind i.A. zwei unterschiedliche Firmen. Selbst wenn sie Töchter derselben Firma sind, erscheinen die Kosten und die Ersparungen in zwei getrennten Bilanzen auf. Dieser Umstand hat die Durchsetzung des elektronischen Vorschaltgerätes mehrere Jahre verzögert.

Im Privatbereich spielen solche Überlegungen kaum eine Rolle. Die Energieersparnis (durch das gedimmte Start-Niveau) ist bei einer einzelnen Lampe so gering, dass sich der Aufpreis für den teuren Treiber im privaten Umfeld oft erst nach Jahrzehnten rechnen würde. Zudem muss man daran denken, dass viele Privatleute gebrannte Kinder sind, was die Lebensdauer von Lampen angeht. Bereits bei der Glühlampe konnte man den Verdacht nicht loswerden, dass da etwas nicht stimmte. Bei der Leuchtstofflampe, die sich im Wohnbereich nie richtig durchsetzen konnte, war es umgekehrt. Fiel eine Glühlampe gefühlt zu früh aus, waren Leuchtstofflampen im Haushalt (z.B. bei Aquarien) noch bei der doppelten oder dreifachen Lebensdauer im Einsatz, auch wenn sie nur noch die Hälfte des Lichts abgaben, die sie am Anfang produziert hatten.

LEDs sind da ein Fall sondergleichen. Viele erleben, dass die angeblich ewig lebende Lampe nach wenigen Tagen den Geist aufgibt,  wofür der Hersteller des Leuchtmittels häufig nichts kann. Das Problem liegt beim Kühler oder bei den sonstigen Faktoren für die Kühltechnik. Auch dieser Umstand ist privat schwer zu vermitteln, weil LEDs nachgesagt wird, dass sie sehr wenig Strom brauchen und noch weniger Wärmestrahlung in ihrem Licht haben. Beides stimmt sogar. Aber auch das vorzeitige Ableben vieler LEDs aus thermischen Gründen.

Es gibt also sowohl berechenbare als auch schwer verständliche Faktoren, die dem Phantom Wartungsfaktor zu einem langen Leben verhelfen werden.

[1] Hier spreche ich absichtlich von einer fiktiven Lebensdauer, weil die angegebenen Zahlen eher vom Marketing stammen als von der Realität. Auch wenn die Zahlenwerte Jahre bedeuten, kommen sie sehr unterschiedlich zustande. S. hierzu Angaben für die Lebensdauer von Leuchtmitteln

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Fundamente der Circadianen Medizin

Alles hat seine Zeit,
und jedes Vorhaben
unter dem Himmel hat seine Stunde.

Kohelet

Kurzfassung

Der Beitrag stellt die Grundlagen der circadianen Medizin (Chronomedizin) vor: Statt nur was behandelt wird, rückt wann Diagnostik, Therapie und Lebensstilmaßnahmen stattfinden, in den Mittelpunkt. Im Fokus dieses Beitrags steht das DFG-Programm TRR 418 „Fundamente der Circadianen Medizin“ (u.a. Charité, FU/HU Berlin), das personalisierte, an der inneren Uhr ausgerichtete Medizin erforschen und klinisch nutzbar machen will.

• Früher von mir beschriebene Lichttherapien (PDT/Photobiomodulation) wirken direkt; die circadiane Wirkung von Licht zielt dagegen auf indirekte Steuerung über den Tagesrhythmus.
• Circadiane Medizin nutzt Chronobiologie für präzisere Diagnostik und wirksamere, nebenwirkungsärmere Therapien durch zeitlich passgenaue Maßnahmen (z.B. Chronopharmakologie).
• Sie berücksichtigt Unterschiede zwischen sozialer Uhrzeit und biologischer Uhr sowie individuelle Chronotypen (relevant auch innerhalb Europas).
• Auch Ernährung ist zeitabhängig: Spätes Essen kann den Stoffwechsel stören; „Intervallfasten“ wird als Anwendung circadianer Prinzipien eingeordnet.
• Das Projekt zielt auf drei Richtungen: die innere Uhr messen („detecting the clock“), Rhythmen gezielt beeinflussen („targeting the clock“) und Behandlungen tageszeitlich optimieren („exploiting the clock“).
• Im Dokument werden die Teilprojekte aufgelistet; die offizielle Projektbeschreibung ist am Ende unverändert wiedergegeben.

Zu den Fundamenten einer neuen Medizin

In dem Beitrag Wunden, die Licht heilt hatte ich einige Heilmethoden wie die Krebsheilung mit Licht (PDT = Photodynamic Therapy) beschrieben. Zu solchen Methoden gehört auch die Photobiomodulation. Alle diese Methoden kann man jedoch als “klassisch” nennen, weil sie direkte Wirkungen des Lichts sind, die man durch Bestrahlung erzeugt.

Forschende aus der Berliner Charité haben sich eine mittelbare Wirkung des Lichts eingeschossen, die circadiane Wirkung. Während sich die Lichttechnik auf nicht-medizinische Wirkungen der circadianen Beeinflussung des Menschen konzentrieren muss, können Mediziner aus dem Wissen mehr machen. Sie entwickeln die Circadiane Medizin von Grund auf, deswegen heißt das Projekt Fundamente der Circadianen Medizin (DFG-Projekt Nr. TRR 418. Fundamental neu an dem Ansatz ist die Personalisierung der Medizin.

Beteiligte Institutionen sind FU Berlin und HU Berlin durch Charité - Universitätsmedizin Berlin. Mittragende sind Freie Universität BerlinHumboldt-Universität zu BerlinUniversität zu Lübeck. Weitere Beteiligte sind Ludwig-Maximilians-Universität MünchenTechnische Universität München; Université de Genève und Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE).

Die Projektbeschreibung seitens der Antragsteller findet sich am Ende dieses Beitrags. Diese will ich, wie bei allen komplexeren Sachverhalten, weder kürzen noch kommentieren, damit sich keine Fehler einschleichen. Zurzeit sind 16 Teilprojekte in Bearbeitung, die unten aufgelistet sind. Die Links führen zu den Beschreibungen der einzelnen Teilprojekte.

Was macht die Circadiane Medizin

Die circadiane Medizin (oder Chronomedizin) ist ein faszinierendes Feld, das die Erkenntnisse der Chronobiologie direkt auf die Gesundheitsvorsorge und Behandlung von Krankheiten anwendet. Vereinfacht gesagt: Es geht nicht nur darum, was wir für unsere Gesundheit tun, sondern wann wir es tun.

Praktische Anwendungen in der Medizin sind z.B. die Chronopharmakologie, die die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten nach der Körperzeit des Individuums betrachtet. Wie man schon lange weiß, wirken Medikamente unterschiedlich stark, je nachdem, zu welcher Uhrzeit sie eingenommen werden. Die Medizin geht von der sozialen Uhrzeit aus, die überall in der EU (mit Ausnahme Portugals) gleich ist. Der biologische Rhythmus wird aber von dem Verlauf des Tages bestimmt, sodass an den beiden Enden der EU eine Differenz von mehr als zwei Stunden herrscht. Hinzukommt, dass jedes Individuum einen dazu verschobenen Rhythmus haben kann. Die Chronopharmakologie ist bestrebt, den exakten Rhythmus des Patienten zu treffen.

Selbst die zeitrichtige Ernährung fällt in diese Kategorie: Die circadiane Medizin zeigt, dass spätes Essen den Stoffwechsel stört, da die Insulinresistenz abends natürlich ansteigt. "Intervallfasten" ist im Grunde eine Anwendung circadianer Prinzipien.

Kurz zusammengefasst, liegen die Vorteile auf verschiedenen Gebieten:

Bereich Vorteil der circadianen Anpassung
Diagnose Präzisere Werte (z.B. Hormone), wenn die Uhrzeit berücksichtigt wird.
Therapie Höhere Wirksamkeit bei geringerer Dosierung von Medikamenten.
Prävention Besseres Gewichtsmanagement und erholsamerer Schlaf.

 

Circadiane Medizin = Behandlung im richtigen Timing

Sie versucht, Medizin an den natürlichen Tagesrhythmus des individuellen Körpers anzupassen, um:

  • Therapien effektiver zu machen
  • Nebenwirkungen zu verringern
  • Gesundheit langfristig zu verbessern.

Aus der nachfolgenden Aufzählung der Teilprojekte kann auf die zu erzielenden Wirkungen geschlossen werden. Die Wurzeln der circadianen Medizin liegen in den 1950ern, die molekulare Bestätigung kam in den 80ern, aber als praktische medizinische Fachrichtung etabliert sie sich erst massiv seit dem Nobelpreis für Medizin, der 2017 an Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young für die Entdeckung der molekularen Mechanismen der circadianen Rhythmik verliehen wurde. Dies war der endgültige Ritterschlag für die circadiane Medizin als ernstzunehmendes klinisches Feld.

Teilprojekte Fundamente der Circadianen Medizin

Projektbeschreibung Fundamente der Circadianen Medizin (nicht editiert)

Die circadiane Uhr ist ein körpereigenes Zeitprogramm, das überall in der Natur zu finden ist. Sie strukturiert Physiologie und Verhalten in Abhängigkeit von der Tageszeit. In den letzten Jahrzehnten wurden die molekularen Mechanismen der circadianen Uhr aufgeklärt und die beteiligten Gene identifiziert (Nobelpreis für Medizin 2017). Es wird immer deutlicher, dass die Synchronisation zwischen endogenen circadianen Rhythmen und exogenen Umweltzyklen für die Gesundheit von entscheidender Bedeutung ist. Das moderne Leben stellt die innere Uhr jedoch vor Herausforderungen, die zu einer Störung der circadianen Koordination führen können, was mit vielen Volkskrankheiten in Verbindung gebracht wird, darunter Schlafstörungen, psychiatrische und neurodegenerative Erkrankungen, Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf- und immunologische Erkrankungen sowie Krebs. Die Beschreibung der zugrundeliegenden Mechanismen hat jedoch gerade erst begonnen. Das übergeordnete Ziel des Konsortiums ist es, übergreifende Prinzipien und zugrundeliegende Mechanismen zu identifizieren, die circadiane Uhr und Pathologie in verschiedenen Organen und Krankheitssystemen verbinden, um evidenzbasierte Strategien der circadianen Medizin für die klinische Anwendung zu entwickeln und zu testen. Wir verfolgen drei Hauptansätze: (i) Entwicklung neuer diagnostischer Werkzeuge, die personalisierte, auf die Uhr abgestimmte Interventionen ermöglichen, um die circadiane Medizin als Teil der Präzisionsmedizin zu etablieren (detecting the clock), (ii) Stärkung und Resynchronisierung gestörter Rhythmen durch gezielte Interventionen in die Uhr (targeting the clock) und (iii) Nutzung des Wissens über physiologische Rhythmen für eine tageszeitlich angepasste Behandlung (exploiting the clock). Wir haben das Konsortium in drei Bereiche gegliedert - circadiane Immunologie, circadianer Energiestoffwechsel und circadiane Neuropsychiatrie. Dies spiegelt nicht nur die spezifische Expertise der beteiligten Standorte wider, sondern baut auch auf dem vorhandenen Wissen über die Rolle circadianer Rhythmen in diesen Organ- und Krankheitssystemen auf. Die drei Bereiche sind nicht nur auf der Ebene der standardisierten Methoden, die wir entwickeln und anwenden, miteinander verbunden, sondern auch auf der Ebene der zugrundeliegenden Mechanismen, z.B. bei der Erforschung chronoimmunologischer Prozesse bei Erkrankungen des Nervensystems. Nur durch eine disziplinübergreifende Zusammenarbeit können wir gemeinsame Prinzipien und Mechanismen aufdecken, die der circadianen Gesundheit zugrunde liegen. Langfristig gehen wir davon aus, dass das Verständnis dieser Prinzipien und der Folgen von Störungen des circadianen Rhythmus zu einer neuen Ära der personalisierten Medizin führen wird, in der die innere Uhr als wichtiger Faktor nicht nur für Behandlungsentscheidungen und -erfolge, sondern auch für die Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention angesehen wird. Mit diesem Konsortium wollen wir die Grundlagen dafür schaffen.

 

Sehen mit den Ohren – Hören mit den Augen?

Spezialisierung ist der Prozess,
bei dem man die Welt
durch ein Schlüsselloch betrachtet und
behauptet, man sähe den ganzen Raum..

Anonymus

Kurzfassung

Der Beitrag diskutiert neuere Hinweise darauf, dass auditive Wahrnehmung durch visuelle Faktoren mitgeprägt wird, und verknüpft diese Beobachtung mit klassischer Forschung zur Wechselwirkung von Lärm und Blendung. Ausgehend von Berichten zur klanglichen „Färbung“ von Konzertsälen in Abhängigkeit von deren Farbgestaltung werden historische Befunde (u. a. Östberg sowie Untersuchungen an der TU Berlin) herangezogen, die eine wechselseitige Verstärkung sensorischer Stressoren zeigen. Im Rahmen der Handlungsregulationstheorie werden Lärm und Blendung als Regulationshindernisse beschrieben, deren kombinierte Wirkung Leistungsfähigkeit und Fehlerraten überproportional beeinflussen kann. Abschließend wird die begrenzte Erklärungsleistung rein technischer Parameter (z. B. in der Büroakustik) als Argument für eine zurückhaltendere, interdisziplinäre Gestaltungspraxis herausgestellt.

Eine Meldung aus der Welt der akustischen Kommunikation

Meine verstörenden Kenntnisse über die Funktion des Auges sind seit heute um eine Facette reicher geworden. Floris Kiezebrink beschreibt im heutigen Tagesspiegel, wie die Farben eines Konzertsaals das Hörerlebnis mitbestimmen. Um falsche Deutungen zu vermeiden, verlinke ich den Beitrag. „Raumakustik wird nicht eindimensional wahrgenommen. Wir hören, ob ein Saal eher laut oder leise, hallig oder trocken ist, aber auch, welche klangliche Färbung er hat“, sagt Stefan Weinzierl, Studienautor und Akustikforscher an der Technischen Universität Berlin. Ein Raum könne beispielsweise warm, brillant oder metallisch klingen. Und das hänge mitunter von der Farbgestaltung ab.“ (download Artikel) Der Berliner Tagesspiegel, dessen Büro zu Fuß nur 4,2 km von der TU Berlin entfernt liegt, meldete die kleine Sensation etwa zwei Monate später als die amerikanische Quelle AIP Publishing (hier)

Irgendwie erinnert mich der Artikel an die Eröffnung von Elphi, von der ich u.a. dieses Foto gemacht hatte. Als ich mein erstes Konzert dort besuchte, klang alles dröge. Hingegen höre ich in der Berliner Philharmonie anders. Vielleicht liegt es an Stefan Weinzierl, dem Autor, der, wie Prof. Cremer, der die erste Akustik der Philharmonie gestaltete, nicht nur Professor an der TU Berlin ist, sondern auch Musiker. Cremer war Violinist, Weinzierl ist Pianist. Was er sonst ist und war, kann man hier lesen. Er war als Musiker in vielen Konzerthallen unterwegs, auch als Begleitung von Größen wie Hildegard Knef.

Frühere Erkenntnisse, die nicht ganz passten

Kann man mit den Augen hören? Vor Jahren hatte ein blinder Mann in einer Fernsehsendung vorgeführt, wie man mit den Ohren sehen kann. Zwar nicht so hochauflösend wie das Auge, aber er konnte die Größe und die Form von Objekten beschreiben, die ein Geräusch produzierten. Dass man mit den Augen hört, ist hingegen recht neu.

Etwa 1975 hatte der schwedische Psychologe Olov Östberg empirisch nachgewiesen, dass Lärm die Blendung steigert, die eine Beleuchtung erzeugt. Umgekehrt lässt eine stärkere Blendung den Lärm lauter wahrnehmen, als das Lärmmessgerät es anzeigt. Östberg demonstrierte auch, dass eine Erhöhung der Blendung bei konstant gehaltener Qualität der Sehaufgabe sich in einer subjektiv höher eingeschätzten Schwierigkeit der Sehaufgabe niederschlägt.

Etwa zur gleichen Zeit fand an der TU Berlin ein Versuch statt, bei dem ein Zusammenhang zwischen Blendung und Lärmstörungen ermittelt wurde. Einer der Forschenden war Walter Volpert, der sich intensiv mit der Handlungsregulationstheorie und den Auswirkungen von Umgebungsfaktoren auf die menschliche Arbeit beschäftigt hat. Nach Volpert sind Lärm und Blendung nicht nur physische Störfaktoren, sondern Regulationshindernisse. Lärm erhöht die kognitive Last, da das Gehirn Kapazitäten aufwenden muss, um relevante Informationen (z. B. Sprache) von Störgeräuschen zu trennen. Blendung erschwert die visuelle Informationsaufnahme und führt zu einer schnelleren Ermüdung der Augenmuskulatur sowie der zentralnervösen Verarbeitung. Ein wesentlicher Aspekt dieser Forschung ist, dass Lärm und Blendung selten isoliert wirken. Volpert und Kollegen stellten fest: Wenn beide Stressoren gleichzeitig auftreten, addieren sich die negativen Effekte nicht nur, sie können sich potenzieren. Die Fehlerrate steigt bei kombinierter Belastung überproportional an, da die „psychische Energie“ zur Kompensation der Hindernisse schneller erschöpft ist. Volpert untersuchte, wie diese Faktoren den Arbeitsfluss stören:

  • Erhöhter Aufwand: Um das gleiche Leistungsniveau zu halten, muss die Testperson mehr Willensanstrengung aufbringen.
  • Verkürzung der Planung: Unter Lärm und Blendung neigen Menschen dazu, Handlungspläne zu verkürzen. Man arbeitet „gehetzter“ und weniger vorausschauend, was die Unfallgefahr erhöht.
  • Somatische Folgen: Langfristig führen diese Regulationshindernisse zu psychosomatischen Beschwerden (Kopfschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen).

 

Die hier skizzierten Erkenntnisse sind in diverse Vorstellungen zum Arbeitsschutz eingeflossen, die man kurz so zusammenfassen kann: Die Ressourcen eines Menschen für die Bewältigung von Belastungen sind begrenzt. Werden diese von einem Umgebungsfaktor in Anspruch genommen, wirken weitere Faktoren viel stärker aus.

Was das mit der Blendungsforschung zu tun hat …

Hier sei an das Versagen der Blendungsforschung erinnert, bei der ein Proband völlig frei von Belastungen jedweder Art in einem ruhigen Raum beurteilt, ob eine Leuchte ihn stört. (s. z.B. Blendung – Was ich schon immer wusste und nie nachfragen wollte oder Beim ersten Ziel schon die Zähne ausgebissen

Untersuchungen dieser Art, die in den 1940ern und 1950ern durchgeführt wurden, bilden die Grundlage unserer heutigen Blendungsbewertung, nach der Leuchten mit dreistelligen Zahlen gekennzeichnet werden. Dann kommt noch ein Akustiker dazu, der nachweist, dass das Hörerlebnis in einem Raum von den Farben des Raums abhängt.

Je tiefer man sich in die Wahrnehmung der Umwelt einarbeitet, desto weniger scheint man  zu wissen. Das beschränkt sich nicht auf die Lichttechnik. Für mich viel aufschlussreicher war eine VDI-Richtlinie Schallschutz und akustische Gestaltung in Büros, VDI 2569:2019. Früher hatten solche Richtlinien apodiktisch bestimmte Vorgaben gemacht, und gut war es. Die besagte Ausgabe sagt hingegen: “5 Lärmwirkung im Büro – Anspruch und Realität: … Abschließend muss erwähnt werden, dass nur zirka 30 % bis 40 % der Belästigungswirkung aus Lärm durch technisch-akustische Faktoren erklärbar sind.” So ist man seit Jahrzehnten in 60% bis 70% der Fälle einem Phantom nachgejagt, als man den Bürolärm mit Mitteln der technischen Akustik bekämpfen wollte.

Die neue Bescheidenheit spricht gegen das Expertenwesen, wonach man für eine Gestaltungsaufgabe wie ein Großraumbüro lauter Fachexperten, Akustiker, Lichttechniker und Klimatechniker heranzieht, die dann die Fach-Normen anwenden, die ihresgleichen geschrieben hatten.